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Dirk Geldof: Superdiversity in the Heart of Europe

Cover Dirk Geldof: Superdiversity in the Heart of Europe. Acco (Leuven) 2016. 266 Seiten. ISBN 978-94-6292-428-4. 54,10 EUR.

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Thema

Das in Englisch erschienene Buch basiert auf der These, dass das 21. Jahrhundert die Zeit der Superdiversität ist. Aufgrund demographischer Entwicklungen stellt der Autor dar, dass die ethnisch-kulturelle Vielfalt in Europa weiter anwächst, selbst wenn eine künftige Migration eingeschränkt wird. In Brüssel haben bereits heute zwei von drei Bewohnern einen Migrationshintergrund. Auch Antwerpen und weitere europäische Städte werden innerhalb der nächsten Jahre zu Gesellschaften, in denen die Bevölkerung mit Migrationshintergrund die Mehrheit darstellt.

Dirk Geldof beruht sich dabei auf das Konzept der Superdiversität von Steven Vertovec (2005/2007) und verbindet dieses mit weiteren theoretischen Ansätzen zu Themen wie transnationale Familien (Beck & Beck-Gernsheim 2011), Multikulturalismus, Anerkennung und Umverteilung (Fraser 2000, Taylor 1994), um den Kontext der Superdiversität in grösseren Städten in Belgien und den Niederlanden zu analysieren.

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage, wie das Potenzial dieser Superdiversität, die in vielen Städten bereits der Realität entspricht, am besten genutzt werden kann und wie insbesondere auch die Soziale Arbeit dieser begegnen kann.

Autor

Dirk Geldof ist Dozent für Soziologie an der Fakultät für Designwissenschaften an der Universität Antwerpen. Er ist auch Dozent für Soziologie & Gesellschaft und Forscher am Hochschulinstitut für Familienwissenschaften an dem Odisee University College in Brüssel und Dozent zum Thema 'Diversity, Armut und Stadt' und 'Migration' im Studiengang Soziale Arbeit an der Karel de Grote University College in Antwerpen.

Entstehungshintergrund

Wie in der „Coda“, dem letzten Kapitel des Buches (Geldof 2016: 225 ff) beschrieben ist, beruht die Publikation auf den vielfältigen Auseinandersetzungen des Autors mit Theorien aber auch praktischen Erfahrungen im Umgang mit Diversität. Dazu gehören bspw. die Auseinandersetzung mit den Publikationen des deutschen Soziologen Ulrich Beck und dessen Analyse der globalen Risikogesellschaft (Beck 2007), aber auch praktische Erfahrungen im Stadtrat von Antwerpen und der kollektiven Regulierungskampagne im Jahr 2000. Zudem war der Autor von 2007 – 2012 Mitglied des öffentlichen Zentrums für Soziale Wohlfahrt.

Aufbau

Das Buch ist aufgeteilt in zehn Kapitel, mit einem Vorwort von Jenny Phillimore (Direktorin des Institute for Research into Superdiversity, IRIS, Universität Birmingham, und Professorin für Migration und Superdiversität), einer Einleitung zum Thema Superdiversität und dessen aktuellen Bedeutung sowie einem Schlusswort (Coda) mit Informationen zu der Entstehung der Publikation und den Erfahrungen des Autors.

  1. Im ersten Kapitel zeigt der Autor am Beispiel von Belgien auf, wie sich die Bevölkerung in Europa verändert hat durch die Migrationsprozesse in der Vergangenheit.
  2. Im Kapitel zwei begründet der Autor das Konzept der Superdiversität.
  3. Im dritten Kapitel bringt der Autor das Thema der Migration in Zusammenhang mit Armut und sozialen Ungleichheiten am Beispiel der „colour of poverty“, der steigenden Armut von Personen mit ausländischer Herkunft.
  4. Im Kapitel vier erläutert der Autor eine neue „kosmopolitische“ Vision der Gesellschaft von morgen, basierend auf den Gedanken von Ulrich Beck.
  5. Im Kapitel fünf beschreibt der Autor die zunehmenden transnationalen Verflechtungen und Herausbildung von transnationalen Migrationszusammenhängen und den damit verbundenen Implikationen für Familienpolitik.
  6. Das Kapitel sechs fokussiert auf die „unsichtbare“ Migrationsbevölkerung in Grossstädten. Am Beispiel Antwerpen wird auf die spezifische Realität von undokumentierten MigrantInneneingegangen.
  7. Im Kapitel sieben wird der aktuelle Integrationsdiskurs untersucht und die Nähe zu Assimilationsforderungen aufgezeigt.
  8. Anschliessend folgt eine Auseinandersetzung mit dem Konzept und der Kritik am Mulitkulturalismus.
  9. Die Herausforderungen des Umgangs mit Superdiversität werden im Kapitel neun in der Unterscheidung zwischen Anerkennung und Umverteilung weiter ausdifferenziert.
  10. Im letzten Kapitel zeigt der Autor zwei Szenarien des Umgangs mit Superdiversität auf.

Inhalt

In den ersten drei Kapiteln beschreibt der Autor, wie sich die Bevölkerung insbesondere in den grossen Städten in Europa verändert hat durch die Migrationsprozesse seit den 1960er Jahre und wie sich diese Migrationsprozesse zunehmend ausdifferenziert haben. Darauf aufbauend führt er das Konzept der Superdiversität ein, das sich durch das Vorhandensein einer Mehrheit mit Migrationshintergrund auszeichnet. Diese Mehrheit-Minderheit Gesellschaften stellen heute bereits in Grossstädten, und aufgrund demographischer Veränderung in der nahen Zukunft auch in mittleren Städten eine Realität dar. Zugleich zeigt der Autor auf, dass die Diversität in der Diversität, d.h. die Heterogenität innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zugenommen hat. Dies begründet er mit der Diversifizierung der Herkunftsländer der MigrantInnen, die zu einer Zunahme an verschiedenen Nationalitäten, Sprachen und Religionen führt. Zudem beschreibt der Autor auch die Vielfalt der Muster, Formen und Motive der MigrantInnen, was sich beispielsweise in unterschiedlichen Aufenthaltsdauern, Aufenthaltsstatus und sozio-ökonomischen Situationen zeigt.

Basierend auf dieser Beschreibung wird im Kapitel vier erläutert, dass eine neue Vision der Gesellschaft von morgen notwendig wird, um die Unterscheidung zwischen „wir“, den Eingesessenen resp. Etablierten und „den Anderen“, den Zugezogenen, zu überwinden. Basierend auf den Gedanken von Ulrick Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim plädiert der Autor für eine Überwindung des methodologischen Nationalismus, gemäss diesem soziale Ungleichheiten nur innerhalb eines Nationalstaates betrachtet werden. Stattdessen zeigt der Autor auf, dass es in städtischen Gesellschaften mit einem hohen Anteil an Diversität nicht nur darum geht, die nationalstaatliche Zugehörigkeit zu betrachten, sondern Wissen erfordert über den ethnischen Hintergrund sowie die sozio-ökonomische Position. Die „kosmopolitische Vision“, beruhend auf Beck, stellt eine neue Möglichkeit dar, diese Polarisierungen zu überwinden und Mehrfachzugehörigkeiten und Ambivalenzen in den Blick zu nehmen.

Diese Möglichkeit der Mehrfachzugehörigkeiten und Ambivalenzen werden im folgenden Kapitel fünf weiter ausgeführt. Im Zentrum dieses Kapitel steht das Thema der transnationalen Familien. Der Autor hebt dabei hervor, dass die Aufrechterhaltung von grenzüberschreitenden Beziehungen zum Herkunftskontext oder zu Familienmitgliedern in anderen Ländern verschiedene Formen annehmen kann. Zudem müssen sich lokale Integration und Aufrechterhaltung von Beziehungen zum Herkunftskontext nicht gegenseitig ausschliessen. Anstelle eines „entweder oder“ von lokalen versus transnationalen Beziehungen können grenzüberschreitende Netzwerke eine Erweiterung von lokalen Beziehungen und Netzwerken bedeuten. Die Pflege transnationaler Beziehungen ist deshalb durchaus kompatibel mit der Integration in den lokalen Kontext. Der Umgang mit Nähe und Distanz in Familien, die auch von Beck & Beck Gernsheim (2011) thematisiert wird, zeigt gemäss dem Autor auf, dass es zu einer Pluralität von Familienformen kommt, die sich grenzüberschreitend organisieren und sich deshalb die Frage stellt, wie eine künftige Familienpolitik diesen neuen Formen von Familienleben Rechnung tragen kann.

Eine weitere Art der Diversität innerhalb der Migrationsbevölkerung in Grossstädten wird im folgenden Kapitel 6 erläutert. Hier geht es um die „versteckte Stadt“ in der Stadt, das heisst um die Personen, die ohne legale Aufenthaltsbewilligung in der Stadt leben und damit in offiziellen Statistiken fehlen. Zu diesen Personen gibt es gemäss dem Autor nur wenig Wissen, obwohl sie eine signifikante Gruppe darstellen. Regularisierungskampagnen wären eine Möglichkeit, durch Forschungsarbeiten mehr über die spezifische Situation dieser MigrantInnen zu erfahren. So ergeben sich aus den Regularisierungskampagnen in Antwerpen Hinweise darauf, dass sich diese Personen oft in gewissen Quartieren, sogenannten „arrival districts“ aufhalten und sich durch ethnische Netzwerke organisieren.

Die folgenden Kapitel sieben bis neun widmen sich den Fragen des Umgangs mit (Super-) Diversität. Dazu wird im Kapitel sieben der aktuelle Integrationsdiskurs untersucht und die Nähe zu Assimiliationsforderungen aufgezeigt. Anschliessend folgt eine Auseinandersetzung mit dem Konzept des Mulitkulturalismus. Der Autor zeigt auf, dass die Kritik an diesem Konzept in Zusammenhang steht mit Assimilationsforderungen und differenziert das Konzept weiter aus, um darauf aufbauend ein eigenes Konzept „Multikulturalismus 2.0“ vorzustellen als Szenario verbunden mit Empowerment und Staatsbürgerschaft (citizenship). Die Herausforderungen des Umgangs mit Superdiversität werden im Kapitel neun weiter ausdifferenziert in der Unterscheidung zwischen Anerkennung und Umverteilung. Der Autor zeigt auf, dass beide Aspekte wichtig sind, um sowohl eine Kulturalisierung struktureller Probleme zu vermeiden und zugleich aber auch die Diversität der Bevölkerung mit Migrationshintergrund anzuerkennen.

Im letzten Kapitel zeigt der Autor zwei Szenarien des Umgangs mit Superdiversität auf. Er stellt dar, dass die Negierung von Superdiversität zu einer zunehmenden Polarisierung führen kann, welche durch eine Steigerung sozialer Ungleichheiten zu einer Gesellschaft der Angst und Erniedrigung und somit zu einem Nachteil für alle führt. Das zweite Szenario der „Hoffnung“ und des Empowerments stellt deshalb für ihn die einzige Möglichkeit dar, der gesellschaftlichen Realität der Superdiversität zu begegnen und eine Gesellschaft aufzubauen, die allen eine Teilhabe ermöglicht.

Diskussion

Die Stärke des Buches liegt im Aufzeigen der Diversität als Normalität in Grossstädten und der kommenden Realität auch in übrigen Städten Europas. Begründet wird die Superdiversität einerseits quantitativ anhand der demographischen Daten, welche auf eine Zunahme der Bevölkerung mit Migrationshintergrund hinweisen. Anderseits wird das Konzept der Superdiversität eingesetzt, um die Diversität in der Diversität aufzuzeigen und ein essentialistisches Verständnis von Kultur, Ethnizität und Nationalität zu überwinden. Daraus leitet der Autor die Forderung nach neuen Handlungsstrategien ab, die stärker auf die Teilhabe und Ermächtigung aller Mitglieder einer Gesellschaft oder Gemeinschaft setzt. Diese Ausführungen sind gerade auch für die Soziale Arbeit hilfreich, um aktuellen Integrationsforderungen resp. Assimilationsforderungen (die in verschiedenen Ländern Europas aktuell sind) kritisch zu begegnen und Kulturalisierungen von strukturellen Ungleichheiten entgegenzuwirken. Partizipation und Empowerment sind zudem Ansätze, welche in der Sozialen Arbeit eine zentrale Bedeutung haben und hilfreich sind, um in der aktuellen Debatte eine professionelle Positionierung einzunehmen.

Allerdings wird in der vorliegenden Publikation die aktuelle und kommende Superdiversität vom Autor an erster Stelle mit demographischen Daten begründet, welche auf das Kriterium des Migrationshintergrundes (bis zu der dritten Generation) fokussieren. Auch wenn die Zunahme von Individualität und Pluralität der Gesellschaft vom Autor ebenfalls thematisiert wird, liegt damit die Begründung der Superdiversität in der Zuordnung der Menschen zu ihrem „Migrationshintergrund“ resp. deren „Herkunftskultur“. Zugleich fordert der Autor jedoch gerade diese Zuordnung der Unterscheidung zwischen „den Anderen“, den ethnischen oder religiösen Gemeinschaften, und dem „wir“, der bisherigen „autochtonen“ und „säkulären“ Gemeinschaft zu überwinden. Diesem Spannungsfeld begegnet der Autor gegen Ende des Buches mit der Thematisierung von Anerkennung und Umverteilung. Aus Sicht der Autorin der vorliegenden Rezension wäre für eine konsequente Überwindung von essentialistischen Zuordnungen wichtig, von Beginn an stärker auf die Ausdifferenzierung der heutigen Gesellschaft insgesamt einzugehen, die nicht nur in Zusammenhang mit dem Kriterium des Migrationshintergrundes stattfindet.

Fazit

Das Buch von Dirk Geldof zum Thema Superdiversität ist eine interessante Auseinandersetzung mit der aktuellen und kommenden Entwicklung der Bevölkerungszusammensetzung in Europa. Anhand der Beispiele von Antwerpen und Belgien zeigt der Autor die demographischen Entwicklungen auf, welche zu einer zunehmenden Diversität in der Diversität führen – selbst wenn eine künftige Immigration beschränkt wird. Ausführlich werden verschiedene Herausforderungen diskutiert in Zusammenhang mit bisherigen Integrations- und Assimilationsforderungen. Der Autor zeigt auf, wie polarisierende Diskurse überwunden werden können, indem der Fokus auf Teilhabe und Mitbestimmung aller Mitglieder der Gesellschaft gerichtet wird, um damit die gesellschaftliche Solidarität zu stärken und wachsenden sozialen Ungleichheiten entgegenzutreten.

Summary

Dirk Geldof´s book on the subject of superdiversity is an interesting study of the current and future development of the population composition in Europe. Based on the examples of Antwerp and Belgium, the author shows the demographic developments which lead to an increasing diversity in the diversity – even if a future immigration is limited. In detail, various challenges are discussed in connection with previous integration and assimilation requirements. The author shows how polarizing discourses can be overcome by focusing on the participation and empowerment of all members of a society in order to strengthen social solidarity and to counter growing social inequalities.


Rezensentin
Eveline Ammann Dula
Homepage www.soziale-arbeit.bfh.ch
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Zitiervorschlag
Eveline Ammann Dula. Rezension vom 29.06.2017 zu: Dirk Geldof: Superdiversity in the Heart of Europe. Acco (Leuven) 2016. ISBN 978-94-6292-428-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22511.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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