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Stefan Kerber-Clasen: Umkämpfte Reformen im Kita-Bereich

Cover Stefan Kerber-Clasen: Umkämpfte Reformen im Kita-Bereich. Veränderte Arbeitsprozesse, alltägliche Aushandlungen und Streiks von Kita-Fachkräften. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 279 Seiten. ISBN 978-3-8487-3750-5. D: 54,00 EUR, A: 55,60 EUR.
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Thema

Mit dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für alle Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr wurden zahlreiche Reformen im Bereich der Kindertagesbetreuung eingeläutet. Die rechtliche Grundlage dafür bietet das Tagesbetreuungsausbausgesetz (TAG, 2005) und das Kinderförderungsgesetz (KiföG, 2008). Seitdem werden die Betreuungsplätze in Kitas quantitativ ausgebaut, so dass mit dem 1. August 2013 der Rechtsanspruch geltend gemacht werden kann.

Zusätzlich wurden in den einzelnen Bundesländern Bildungspläne veröffentlicht (ab 2004), die neben der Quantität auch die Qualität pädagogischer Arbeit anheben und gewährleisten sollen. Der frühkindlichen Bildung wird dadurch neue Bedeutung beigemessen und die Kindertageseinrichtung als Bildungsinstitution hervorgehoben. Forderungen der Bildungspläne sind u.a. die Abdeckung sämtlicher Bildungsbereiche, Implementierung von Beobachtungs- und Dokumentationsinstrumenten, sowie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Eltern und Grundschulen.

Diese sozial- und bildungspolitisch relevanten Prozesse (Kita-Ausbau und Einführung von Bildungsplänen) stellen die einzelnen AkteurInnen vor große Herausforderungen, führten neben dem räumlichen Ausbau zu einem erhöhten Fachkräftebedarf, inhaltlicher Weiterbildung, sowie der Verankerung Kindheitspädagogischer Bachelor- und Masterstudiengänge.

Die Auswirkungen dieser Reformen und der Umgang der pädagogischen Fachkräfte in ihrem pädagogischen Alltag, sowie im Gewerkschaftshandeln sind Inhalt dieser Studie, der ein kritisch-arbeitssoziologischer Forschungsansatz zugrunde liegt.

Autor

Dr. Stefan Kerber-Clasen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Leibniz Universität Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte beinhalten die kritische Arbeitssoziologie, Dienstleistungsarbeit, Arbeit und Geschlecht sowie industrielle Beziehungen.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist im Rahmen einer Dissertation am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entstanden.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel (Einleitung) wird der Bedarf nach der vorliegenden Studie geklärt, sowie das Erkenntnisinteresse erstmalig formuliert.

In der deutschsprachigen, männlich-industriell geprägten Arbeitssoziologie war erziehende und betreuende Arbeit mit Kindern, die von Frauen als Lohnarbeit geleistet wird, lange Zeit kein anerkannter Gegenstand empirischer Forschung.

Die Studie von Kerber-Clasen soll dieses Desiderat schließen, indem folgenden Fragestellungen nachgegangen werden soll:

  • Wie erleben die pädagogischen Fachkräfte die gegenwärtigen Reformen und die Reorganisation in Kitas?
  • Wie verändern sich Arbeitsorganisation, Arbeitsprozesse und Arbeitshandeln der pädagogischen Fachkräfte in Kitas im Zuge der gegenwärtigen Reformen?
  • Wie beteiligen sich die pädagogischen Fachkräfte als AkteurInnen an diesen Reorganisations- und Reformprozessen (S. 16).

Im zweiten Kapitel werden die gegenwärtigen Reformen des Kita-Bereichs und ihre gesellschaftlich-politische Einbettung umfassend geschildert und detailliert erläutert.

Durch die PISA-Studie und die nicht zufriedenstellenden Ergebnisse in Deutschland, gelang der frühkindliche Bereich zunehmend ins Blickfeld, wodurch eine Modernisierung des Bildungssystems angestrebt wurde. Außerdem wurde im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Ausweitung der Betreuungsplätze und Betreuungszeiten angestrebt.

Die damit verbundenen Veränderungen dürfen nicht nur auf der strukturellen Ebene betrachtet werden, sondern genauso das Handeln der Subjekte im Kita-Bereich (Eltern, Kinder, pädagogischen Fachkräfte und Kita-Leitungen) (S. 26).

In diesem Kapitel geht Kerber-Clasen zunächst auf die quantitativen Veränderungen ein:

  • Anzahl der Kitas
  • Anzahl der in Kitas betreuten Kinder
  • Anzahl der Beschäftigten in Kitas
  • Anzahl der Träger von Kitas.

Danach betrachtet er die Qualifikationen der Beschäftigten und die Ausbildung sowie Akademisierung. Durch die Akademisierung des frühkindlichen Bereichs, sowie durch die qualitativen Veränderungen im Kita Bereich durch die Bildungspläne wird eine Aufwertung des Berufsprofils verfolgt. Die pflegerischen Tätigkeiten rücken in den Hintergrund, traditionelle Handlungskonzepte und die Beliebigkeit pädagogischer Arbeit soll zugunsten von wissenschaftlichen Bildungsprogrammen durchbrochen werden.

Außerdem nimmt das Leitbild der Partnerschaftlichkeit und fachlichen Begleitung der Eltern an Bedeutung zu und wird handlungsleitend (S. 41). Weiterhin diskutiert Kerber-Clasen die Schwierigkeiten, die mit dem Ausbau frühkindlicher Betreuung verbunden sind.

Auf alle diese Prozesse werden an die AkteurInnen im Kita Bereich Erwartungen wirksam, auf die sie unterschiedlich reagieren können. Diese Handlungsoptionen der pädagogischen Fachkräfte werden regelmäßig durch die Diskussionen über strukturelle Veränderungen weggedrängt und rücken so in den Hintergrund. Die damit verbundenen Dynamiken und Herrschafts- und Aushandlungsprozesse werden ebenfalls in dem zweiten Kapitel diskutiert.

Im dritten Kapitel wird die Ausgestaltung und Aushandlung der Reformen in Kitas aus arbeitssoziologischer Perspektive theoretisch beleuchtet.

Mit dieser theoretischen Rahmung soll die empirische Fallstudienanalyse eingeleitet werden. Herangeführt wird hier die arbeitssoziologische Rezeption von Klaus Türks organisationssoziologischem Ansatz, der durch die Perspektive von Harald Wolf und kritischer deutschsprachiger Ansätze der Arbeitssoziologie ergänzt wird. Dadurch wird es dem Autor möglich, Handlungsmöglichkeiten und -praxen der AkteurInnen innerhalb der Kita und innerbetrieblicher Machtverhältnisse zu erforschen (S. 77).

Kerber-Clasen geht dabei theoretisch auf Herrschaft und Selbsttätigkeit in Organisationen und auch im Arbeitsprozess ein und reflektiert dabei ganz genau den Begriff der „Selbsttätigkeit“ bzw. des „Selbsttätigem Handeln“ und dem „Arbeitshandeln“ (S. 81).

Als Beispiel kann hier genannt werden, dass die Tätigkeiten der pädagogischen Arbeitskräfte innerhalb der Kita nicht immer für Außenstehende sichtbar sind. Der Versuch diese sichtbar zu machen, bspw. durch die Dokumentation der Interaktionen, Projekte oder Entwicklungen der Kinder, kann zu mehr Anerkennung für das eigene Handeln führen. Allerdings werden die Arbeitstätigkeiten dadurch messbar und vergleichbar, so dass diese Sichtbarmachung eine Kontrollierbarkeit von Seiten der Eltern und der Kita-Leitung bietet. Dadurch finden sich die einzelnen AkteurInnen in Machtverhältnissen wieder (S. 88).

In diesem dritten Kapitel findet ebenso die Überleitung zum empirischen Teil statt, indem das Forschungsdesign vorgestellt und erläutert wird.

Um die Forschungsfrage zu beantworten, hat Kerber-Clasen eine vierwöchige teilnehmende Beobachtung in der Kita Steinweg durchgeführt und zahlreiche Interviews (insgesamt 35) mit der Kita-Leitung, den pädagogischen Fachkräften, AkteurInnen des politisch-administrativen Umfelds geführt. Ebenso sind Interviews und Gruppendiskussionen mit GewerkschaftlerInnen und den Eltern der betreuten Kita-Kindern Teil der vorliegenden Fallstudie.

Im vierten Kapitel und fünften Kapitel erfolgt der empirische Teil, in dem die Reorganisation der Kita Steinweg als Prozess und Ergebnis alltäglicher eigensinniger Aushandlungen im Arbeitsprozess, sowie die gewerkschaftlichen Aushandlungen ausführlich vorgestellt und im Hinblick auf die theoretische Rahmung analysiert und diskutiert werden.

Die hier untersuchte Kindertageseinrichtung ist nicht nur durch die Einführung der Bildungsprogramme von den neuen Regulierungen betroffen, sondern auch durch den Ausbau der Betreuungsplätze, was hier enorme bauliche Maßnahmen zur Folge hatte. Die Entwicklung wird von Kerber-Clasen ausführlich dargestellt. Durch die Reformen werden bei vielen pädagogischen Fachkräften Handlungsmuster sichtbar, die darauf abzielen „Anforderungen nicht zu erfüllen, diese zurückzuweisen, explizit eigene Forderungen zu stellen oder konfliktiv eigene Interessen und Bedürfnisse zu verfolgen“ (S. 125).

Die Interessen, Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten werden von Kerber-Clasen als eigensinniges Handeln in den Mittelpunkt gerückt und so die Reorganisationsprozesse sichtbar gemacht.

Diskussion

Der Autor befasst sich in dieser Fallstudie mit einem bisher kaum beleuchteten Thema, den Arbeitsprozessen und alltäglichen Aushandlungen pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen. Dies tut Kerber-Clasen mit der theoretischen Rahmung aus dem Bereich der Arbeitssoziologie.

Die Perspektive der Kinder wird in dieser Studie leider völlig außen vor gelassen, was die Erkenntnisse mit Sicherheit bereichern würde.

Das Lesen der Studie, und hier vor allem des theoretischen Kapitels zur arbeitssoziologischen Perspektive ist nicht immer einfach und der Bezug zum Forschungsthema wird teilweise nicht auf Anhieb deutlich. Eine immer wieder angesprochene feministische Perspektive wird nur kurz angerissen, so dass auch hier der Zusammenhang teilweise unpräzise erscheint.

Im weiteren Verlauf jedoch, insbesondere durch die Darstellung und Diskussion der Forschungsergebnisse, können Zusammenhänge erkannt und verstanden werden.

Das Ergebnis, dass es den pädagogischen Fachkräften in der hier untersuchten Kita nicht gelingt die Anforderungen mit den vorhandenen Ressourcen zu bewältigen und die Bildungsprogramme umzusetzen (S. 242) ist nicht überraschend. Doch die detaillierte Darstellung der Ergebnisse und die Zusammenführung mit der theoretischen Rahmung, gepaart mit einer differenzierten Formulierung von konzeptionellen Beiträgen für die arbeitssoziologische Forschung bringen durchaus neue Erkenntnisse mit sich.

Positiv hervorgehoben werden sollte hier die methodisch sehr gründliche und bis zuletzt stringente Arbeitsweise, die am Ende mit dem Ausblick abgerundet wird.

Durch die Studie bietet sich ein umfassendes Bild von der Kita Steinweg und den Problematiken, denen sich die pädagogischen Fachkräfte konfrontiert sehen. Es ist davon auszugehen, dass die herausgearbeiteten Aushandlungsprozesse auch in anderen Einrichtungen der frühen Kindheit eine explizite oder implizite Rolle spielen.

Zugespitzt wird die Relevanz des Themas mit dem Gesetzesentwurf des Qualitätsentwicklungsgesetzes von der Jugend- und Familienministerkonferenz (18./19.05.2017), das zum Ziel hat die Qualität in Einrichtungen der frühen Bildung weiterzuentwickeln und durch Finanzierung sicherzustellen. Es ist davon auszugehen, dass durch dieses Gesetz und die damit verbundenen Verpflichtungen innerhalb der Reorganisationsprozesse der pädagogischen Fachkräfte neue Dynamiken freigesetzt werden.

Fazit

Kerber-Clasen bearbeitet in seiner Fallstudie das hochaktuelle jedoch bisher kaum wissenschaftlich diskutierte Thema des eigensinnigen Handelns pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen, was sich als Reaktion auf die Reformen im frühkindlich-institutionellen Bereich manifestiert bzw. manifestieren kann.

Es ist keine einfache, jedoch gut strukturierte und sehr lesenswerte Lektüre, die einen eingehenden Einblick in die Reorganisationsprozesse der AkteurInnen in Kitas liefert.


Rezensentin
Agata Skalska
Kindheitspädagogin M.A. Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Agata Skalska. Rezension vom 21.07.2017 zu: Stefan Kerber-Clasen: Umkämpfte Reformen im Kita-Bereich. Veränderte Arbeitsprozesse, alltägliche Aushandlungen und Streiks von Kita-Fachkräften. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-3750-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22514.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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