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Heiner Krabbe, Cornelia Sabine Thomsen: Familienmediation mit Kindern und Jugendlichen

Cover Heiner Krabbe, Cornelia Sabine Thomsen: Familienmediation mit Kindern und Jugendlichen. Grundlagen - Methodik -Techniken. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2017. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. 240 Seiten. ISBN 978-3-8462-0315-6. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR, CH: 58,90 sFr.
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Thema

Mediation wird im Mediationsgesetz § 1 definiert als ein „vertrauliches und strukturiertes Verfahren, bei dem Parteien mithilfe eines oder mehrerer Mediatoren freiwillig und eigenverantwortlich eine einvernehmliche Beilegung ihres Konflikts anstreben. Ein Mediator ist eine unabhängige und neutrale Person ohne Entscheidungsbefugnis, die die Parteien durch die Mediation führt.“

Eine zum 1. September 2017 in Kraft getretene Rechtsverordnung formuliert die Qualitätskriterien für die Aus- und Fortbildung von zertifizierten Mediatoren.

Das von Heiner Krabbe und Cornelia Sabine Thomsen als „Praxis-Buch“ konzipierte Werk, fokussiert Familienmediation „in der Praxis eines niedergelassenen Familienmediators…, der in der Regel aus einem psychotherapeutischen, sozialpädagogischen oder anwaltlichen Kontext kommt“ (S. 181). Es richtet sich an Praktiker und Praktikerinnen „In und nach der Weiterbildung zum Familienmediator, zum Auffrischen und Erweitern der Kenntnisse, aber vor allem zur Inspiration und als Ermutigung, Neues auszuprobieren und neue Felder für die Mediation zu erschließen“ (S. 5).

AutorInnen

Heiner Krabbe (Diplompsychologe) und Cornelia Sabine Thomson (Rechtsanwältin) verfügen über langjährige Erfahrungen in der Familienmediation sowie in der Supervision und Ausbildung von MediatorInnen gemäß den Richtlinien der Bundesarbeitsgemeinschaft für Familienmediation (BAFM).

Aufbau und Inhalt

In Teil 1 Grundlagen (S. 17-35) werden zentrale Aspekte der Familienmediation, wie die zu bearbeitenden Bereiche familiärer Konflikte, die Phasen des Mediationsprozesses, die „Grundhaltung des Mediators“ und „Prinzipien der Mediation“ (z.B. „Neutralität – Allparteilichkeit“, „ Ressourcen- und Zukunftsorientierung“ ) sowie die Relevanz der „Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen“ komprimiert vorgestellt.

In Teil 2 Prozess der Familienmediation – unter Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen (S. 37-126) folgt eine differenzierte Darstellung der Gestaltung des Mediationsprozesses. Der Theorie-Praxis-Transfer wird für die LeserInnen erleichtert durch ein detailliert beschriebenes Fallbeispiel einer Familienmediation (Familie Grün: Mutter Erzieherin, Vater Betriebswirt, Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren), bei der die Eltern – im Kontext von Trennung / Scheidung – Konflikte bzgl. des Kontaktes zu den Kindern sowie finanzieller Fragen bearbeiten.

Die einzelnen Schritte / Phasen des Mediationsprozesses werden differenziert dargestellt: Im Anschluss an eine „theoretische Vorbemerkung“ (z.B. zu Fairnesskriterien, zur Rolle des Rechts) werden phasenspezifische Ziele und Methoden beschrieben. Die Einbeziehung der Kinder und Jugendlichen in den Prozess wird ebenfalls phasenspezifisch dargestellt und reflektiert.

Eine Veranschaulichung des Vorgehens erfolgt durch

  • die Beschreibung des Fallbeispiels der Familie Grün
  • phasenspezifische „Praxistipps“
  • formulierte „Beispielsätze“ der MediatorIn im Interaktionsprozess
  • „Checklisten“ für spezifische Fragestellungen (z.B. zur Mediationsvereinbarung).

In Teil 3 Praxisfall einer Eltern-Jugendlichen-Mediation (S. 127-138) werden die in Teil 2 detailliert beschriebenen Phasen des Mediationsprozesses anhand eines Fallbeispiels bzgl. der Konflikte zwischen einer psychisch belasteten Mutter und ihren 14- und 18- jährigen Töchtern anschaulich dargestellt.

In Teil 4 Methodische Bausteine (S. 139-166) und Teil 5 Techniken in der Mediation (S. 167-180) stellen die AutorInnen methodische Elemente vor, die in verschiedenen Phasen des Mediationsprozesses eingesetzt werden können z.B.:

  • Förderung der „Selbstbehauptung“ der Konfliktbeteiligten
  • Unterstützung des wechselseitigen Verstehens
  • „differenziertes Fragen“
  • das Gespräch mit den Eltern zur Vorbereitung der Einbeziehung der Kinder in das Mediationsgespräch
  • die Einbeziehung von BeratungsanwältInnen, psychologischen oder sozialwissenschaftlichen Fachkräften sowie von anderen Familienmitgliedern
  • „Zukunftsorientieren“
  • „Visualisieren“
  • „Arbeit mit Haushalts- und Betreuungsplänen“

Ergänzend zu dem fokussierten Setting einer Praxis einer niedergelassenen FamilienmediatorIn weisen die AutorInnen in Teil 6 Settings (S. 181-183) u.a. auch auf Mediationsangebote von Jugendämtern und Beratungsstellen hin.

In Teil 7 Weitere Fortentwicklungen der Familienmediation (S. 185-196) werden z.B.:

  • „Kurzzeit-Mediation“
  • „Interkulturelle Mediation“
  • „Mediation mit hochstrittigen Paaren“

vorgestellt. Im Kontext von „überwiesenen Fällen“ wird u.a. auf die Mediation von Paaren eingegangen, die aufgrund eines Vorschlages des Familiengerichtes eine Mediation in Anspruch nehmen oder aufgrund einer gerichtlichen Anordnung an einem kostenfreien Informationsgespräch über Mediation teilnehmen.

In dem als Teil 8 Hintergrundwissen (S. 197-213) bezeichneten Kapitel des Buches wird u.a. die Vielfalt familiärer Lebensformen sowie das Erleben der betroffenen Eltern, Kinder und Jugendlichen in Phasen des Trennungs- und Scheidungsprozesses hinsichtlich ihrer Relevanz für die Gestaltung des Mediationsprozesses thematisiert.

In Teil 9 Praktisches (S. 215-223) geben die AutorInnen „Anregungen für die tägliche Praxis der Mediation“. So empfehlen sie spezifische Qualitätsstandards für die Ausbildung zum Familienmediator sowie eine praxisbegleitende Supervision und Intervision. Sie geben Anregungen bzgl. der Auswahl, Gestaltung und Ausstattung der Räume sowie der „Sitzordnung“ in Mediationsgesprächen. Empfehlungen zum Aufbau von Netzwerken zu ExpertInnen anderer Fachgebiete und Institutionen, zur Öffentlichkeitsarbeit und „Akquise von Fällen“ werden erläutert. Angesichts der Kosten der Inanspruchnahme einer Familienmediation in freier Praxis plädieren die AutorInnen für die Etablierung staatlicher, finanzieller Unterstützung insbes. für einkommensschwache Familien.

Diskussion

Das Anliegen von Heiner Krabbe und Cornelia Sabine Thomsen, mit ihrem „Praxis-Buch“ FamilienmediatorInnen in und nach der Weiterbildung zu informieren und zu inspirieren, wird insbes. mithilfe einer prägnanten Strukturierung des Buches und durchgehenden Praxisbezügen m.E. erfolgreich umgesetzt.

Der Hinweis der AutorInnen, „überall in diesem Buch“ handelt es sich „wirklich nur um Anregungen, es geht also nicht darum, dass man etwas so machen ‚muss‘ “ (S. 215) regt auch zu einer kritischen Reflexion an. So dürften einige der formulierten „Beispielsätze“ und Positionen der AutorInnen kritische, kontroverse Diskussionen anstoßen, die im Kontext von Weiterbildung und Intervision produktiv genutzt werden könnten. Beispielsweise wäre m.E. die Position, „Ergebnisoffenheit“ der Konfliktparteien sei eine Voraussetzung für den Beginn einer Mediation (s.S. 27) hinsichtlich der Frage zu diskutieren, ob Ergebnisoffenheit auch als Prozessziel einer Mediation verfolgt werden sollte.

Als Lesehilfe wäre m.E. ein Glossar, in dem die im Text verwendeten Fachbegriffe explizit erläutert werden, sowie ein differenzierteres Stichwortverzeichnis sinnvoll.

Zur Anregung einer differenzierten thematischen Auseinandersetzung und einer kritischen Reflexion wären m.E. auch in einem „Praxis-Buch“ mehr präzise Quellenangaben und spezifische Hinweise auf die aktuelle Fachliteratur zur Mediation in den Text aufzunehmen.

Fazit

Heiner Krabbe und Cornelia Sabine Thomsen bieten in ihrem Praxisbuch zur Familienmediation mit Kindern und Jugendlichen eine gut strukturierte und mithilfe von Fallbeispielen veranschaulichte Darstellung vielfältiger Möglichkeiten der Gestaltung des Mediationsprozesses. Als Setting steht die Praxis niedergelassener MediatorInnen im Fokus. Zielgruppe des Buches sind insbes. Personen während oder nach einer Weiterbildung zur FamilienmediatorIn.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanna Hartung
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Psychologie
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Zitiervorschlag
Johanna Hartung. Rezension vom 04.10.2017 zu: Heiner Krabbe, Cornelia Sabine Thomsen: Familienmediation mit Kindern und Jugendlichen. Grundlagen - Methodik -Techniken. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2017. 4., überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8462-0315-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22516.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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