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Rita Breuer: Liebe, Schuld und Scham. Sexualität im Islam

Cover Rita Breuer: Liebe, Schuld und Scham. Sexualität im Islam. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. 287 Seiten. ISBN 978-3-451-35148-8. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Autorin

Rita Breuer, Dr. phil., Islamwissenschaftlerin, Volkswirtin, Entwicklungshilfetätigkeiten im islamischen Kulturraum

Thema

Rita Breuer berichtet in ihrem Buch über die Grundlagen der islamischen Sexualmoral. Diese leitet sich direkt ab vom Koran, wird in diversen Schulen unterschiedlich interpretiert und ist im jeweiligen islamisch geprägtem Land und nach gesellschaftlichem Kontext anders verankert. Im Koran wird der gelebten Sexualität von Mann und Frau ein hoher Stellenwert gegeben. Gleichzeitig ist ein komplexer Kanon von Vorschriften in diesem Zusammenhang aufgelistet. Daraus werden viele Regeln für Alltag, Familienleben, gesellschaftliche und individuelle Moralgebote abgeleitet. Beschrieben werden auch Wandlungen in unterschiedlichen Ländern und Zeiten mit den jeweiligen extremen Lesarten bzw. Interpretationen des Korans. Sexualität im Islam – heute gelebt – ist vielfältig auch in ihren unterschiedlichen Wirkungen auf männliches und weibliches Leben bzw. die Stellung der Frau in der Gesellschaft des jeweiligen Landes oder der jeweiligen Community. Ehre, Scham und Schuld sind dabei gewichtige Elemente innerhalb des kollektiven Systems.

Autorin

Die Autorin war nach eigenen Angaben langjährig in diversen islamischen Ländern im Rahmen der Entwicklungshilfe tätig. In Wikipedia wird ihre Arbeit für den Verfassungsschutz erwähnt. Sie hat mehrere Bücher zum Themenkomplex Islam verfasst. Seit ihrer Dissertation 1991 zum Thema der wirtschaftlichen und sozialen Aspekte der Pilgerfahrt hat sie ab 2006 bis heute zu den Themen der Christenverfolgung im Islam bzw. des Familienlebens in der Einwanderungsgesellschaft veröffentlicht. Rita Breuer ist mit mehreren Artikeln Autorin der EMMA.

Aufbau und Inhalte

In Zwölf Kapiteln befasst sich die Autorin mit verschiedenen Aspekten von Sexualität und Körperlichkeit unter islamischen Vorschriften diverser Zeitepochen, Koranauslegungen und in unterschiedlichen Ländern. Jedes der Kapitel hat noch mehrere Unterkapitel für jeweilige Themenkomplexe. Die Themen werden in unterschiedlicher Intensität und Ausführlichkeit dargestellt. Viele Koranzitate mit oft jeweiliger Auslegung entsprechend dem Zeitraum bzw. dem Land oder der islamischen Gruppierung erläutern den Hintergrund.

Ergänzt wird dies für den praktizierten Alltag durch persönliche Erfahrungen und Zeitungsmeldungen sowie Statistiken und sonstige Quellen häufig aus dem Internet.

  1. Sex im Islam – Einführung und ein erster Überblick
  2. Grundlegende Aspekte islamischer Sexualmoral – Was ist Unzucht und wie sehen Vorschriften zu deren Vermeidung aus. Der Begriff der Scham der überwiegend im Zusammenhang mit Mädchen und Frauen Anwendung findet. Die Bedeckung des Körpers, Schleier und Burkini. Ärztliche Behandlung unter diversen Vorgaben.
  3. Jugend und Pubertät – Ab wann gelten religiöse Vorschriften zur rituellen Reinheit bzw. Unreinheit. Unerwünschte Aufklärung. Überlegungen zur Integration auf diesem Hintergrund.
  4. Eingriffe in den Körper – Islamischer Blick auf männliche und weibliche Beschneidung aber auch auf sonstige Eingriffe in den Körper wie Körperschmuck, Tattoos oder kosmetische Operationen.
  5. Jungfräulichkeit – Die Jungfräulichkeit der Frau ist der Beweis der Ehrhaftigkeit der gesamten Familie. Hintergründe für Ehrenmorde. Umgang mit dem Verlust der Jungfräulichkeit.
  6. Die Ehe – Die Ehe gilt als Allheilmittel gegen Unzucht und Ehrverlust. Eheliche Pflichten des Mannes und der Frau. Heiratsalter, vermittelte Ehe und Zwangsheirat. Zeitehe und Polygamie.
  7. sexuelle Praktiken – Erlaubte und tabuisierte Praktiken, Ablehnung der Homosexualität, Zeiten der sexuellen Enthaltsamkeit. Sprechen über Sexualität.
  8. Fortpflanzung – Vorschriften zur (Nicht_)Verhütung und Haltung zur Abtreibung.
  9. Sexuelle Gewalt – Sexueller Missbrauch an Kindern und sexuelle Gewalt gegen Frauen.
  10. Was nicht sein darf. – Homo-, Trans- und Intersexualität – Homophobie in der islamischen Welt. Prostitution.
  11. Islamischer Extremismus – Konkubinat. Sklavinnen für den Dschihad.
  12. Innerislamische Diskussion zur Sexualmoral – Unterschiedliches Verständnis zur Interpretation des Koran.

Diskussion

Neben den durchaus informativen zusammengetragenen Fakten, die einen sehr breiten Überblick über Auslegungen und Umsetzungen des Korans in unterschiedlichen Zeiträumen und Gesellschaften bieten, durchzieht das Buch eine, meines Erachtens, eher abwertende Haltung gegenüber islamischen Gesellschaften. Als Quellen dienen neben dem Koran überwiegend Presseartikel und Internetseiten. Zahlenangaben sind kaum mit offiziellen bzw. wissenschaftlichen statistischen Quellen hinterlegt. Dazu ein kleiner Überblick aus der Liste der Anmerkungen: 24 mal wurde aus dem Koran zitiert. 48 mal ist das www. als Quelle angegeben (unter anderem mehrfach islamnet und kathnet) dabei gibt es Überschneidungen mit Tagespressezitaten, die ich 37 mal als Quelle identifiziert habe (häufig Welt, Spiegel, Focus und auch Brigitte). 16 mal wurde aus Büchern zitiert, davon 6 mal Ahmet Toprak.

Dazu möchte ich Gerhard Schweizer in Zeit Geschichte Panorama Der Orient 1/2017 zitieren: „Heute berichten die Medien in ganz Europa regelmäßig über Probleme bei der Integration über Muslime, die eine säkulare, pluralistische Demokratie ablehnen über ‚Ehrenmorde‘ an Frauen. Das sind unbestreitbare Fakten. Ein verzerrtes Bild entsteht indes, wenn sie zur dominierenden Eigenschaft des Islams erklärt werden, obwohl diese Religion auch ganz andere Verhaltensweisen ermöglicht. So unterstellt man Muslimen, sie seien durchweg von dem Gedanken besessen, ihre Religion und Kultur missionarisch dem ‚Abendland‘ aufzuzwingen. Es wäre jedoch fatal, im Terror der Dschihadisten und in der rigiden Glaubenslehre der Islamisten den eigentlichen Islam zu sehen. Solange der Blick auf den Orient darauf reduziert und der Islam weiterhin schroff vom Westen abgegrenzt wird, blendet man die Vielfalt islamischer – wie auch abendländischer – Kultur vollkommen aus.“

Fazit

Rita Breuer verschafft der Leserin, dem Leser in einer gut lesbaren und flüssig geschriebenen Form einen umfassenden Überblick zu Sexualität und Körperlichkeit in diversen islamischen Interpretationen und Praktiken. Die Auswirkungen besonders auf das weibliche Alltagsleben werden ausführlich dargestellt.

Für die (sozial)pädagogische Arbeit kann es Hintergrundinformationen bieten, nicht jedoch konkretere Handlungsoptionen. Allerdings ist immer das ganz persönliche Leben einer islamischen Familie oder Person entscheidend. Koranauszüge und viele Zitate aus dem Internet stellen einen hohen Alltagsbezug her. Als Quellen dienen überwiegend deutsche Medien. Der weitgehende Verzicht auf wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse macht es schwer Aussagen auf ihre Allgemeingültigkeit zu überprüfen bzw. einzuordnen.

Das Buch bietet einen breiten Überblick und einige Erklärungsansätze für Problematiken, die aktuell debattiert werden, und verfolgt dabei eine gewisse Tendenz, den Islam grundsätzlich als rückständig und frauenfeindlich zu sehen.


Rezensentin
Hannelore Güntner
Dipl. Sozialpädagogin (FH), Erzieherin, Supervisorin (DGSv), Bildungsreferentin. Fortbildungen und Trainings in den Bereichen der Mädchenarbeit, Genderpädagogik, Gender Mainstreaming und geschlechtersensiblen Cross Work
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Zitiervorschlag
Hannelore Güntner. Rezension vom 05.02.2018 zu: Rita Breuer: Liebe, Schuld und Scham. Sexualität im Islam. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2016. ISBN 978-3-451-35148-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22521.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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