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Lena Teschlade: Empowering Roma women in Bosnia and Herzegovina

Cover Lena Teschlade: Empowering Roma women in Bosnia and Herzegovina. Integration der Genderperspektive in die europäische Strategie zur Inklusion der Roma. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2017. 103 Seiten. ISBN 978-3-86573-983-4. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Umsetzung der europäischen Romapolitik am Beispiel Bosnien-Herzegowina und fokussiert dabei insbesondere die Genderperspektive im Hinblick auf die Entwicklung und Umsetzung politischer Maßnahmen zur Integration der Roma. Die Darstellung wird angereichert durch die Analyse spezifischer Förderprojekte zur gezielten Förderung von Romafrauen in Bosnien-Herzegowina. Diese Analyse umfasst sowohl einen theoretischen als auch einen empirischen Teil. In der empirischen Forschung werden Empowering-Projekte hinsichtlich ihres Beitrags zur Inklusion und politischen Partizipation von Romafrauen in Bosnien-Herzegowina untersucht.

Entstehungshintergrund

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine veröffentlichte Masterarbeit.

Aufbau und Inhalt

In einer kurzen Einleitung führt die Autorin ins Thema ein und erläutert den Aufbau der Arbeit. Dabei wird auf die besondere Marginalisierung und Diskriminierung von Romafrauen hingewiesen. Zugleich wird herausgestellt, dass im Rahmen der Strategie „Europa 2020“ die Inklusion der Minderheit der Roma in Europa und der Strategien einzelner europäischer Mitgliedsstaaten und potenzieller Beitrittsländer die Gleichstellung der Geschlechter zwar als Ziel benannt wird, in der Umsetzung der Strategien jedoch häufig vernachlässigt werden. Die Arbeit versteht sich als eine kritische Auseinandersetzung mit der Forderung ungarischen Politikerin und Romnja Lívia Járóka, „dass die nationalen Strategien zur Inklusion der Roma eine Genderperspektive benötigen“ (Teschlade 2017, S. 10).

Im zweiten Kapitel stellt die Autorin die europäische Romapolitik am Beispiel von Bosnien-Herzegowina vor. Dabei geht sie zunächst auf unterschiedliche Maßnahmen auf europäischer Ebene ein, die die Inklusion von Roma ins öffentliche Bewusstsein gerückt haben. Dazu zählen die „Dekade zur Inklusion der Roma für den Zeitraum 2005-2015“ und aktuell der „EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma bis 2020“. Das Engagement auf der Ebene nationaler Regierungen kann als politische Selbstverpflichtung verstanden werden, nationale Aktionspläne mit politischen Maßnahmen auszuarbeiten, um die Armut und Diskriminierung von Roma entgegenzutreten und zu beseitigen. Ferner schildert die Autorin ausführlich die Lage der Roma in Bosnien-Herzegowina als einem potenziellen Beitrittsland der Europäischen Union. Nach der Schilderung der gesellschaftlichen und politischen Ausgangslage werden die Lage der Roma in Bosnien-Herzegowina und die Umsetzung der nationalen Strategie zur Inklusion der Roma in Bosnien-Herzegowina anhand der vier Schwerpunktbereiche Bildung, Beschäftigung, Gesundheit und Wohnen erläutert.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Genderperspektive in der europäischen Entwicklungszusammenarbeit. Erneut wird hier insbesondere auf die Situation in Bosnien-Herzegowina eingegangen, zudem wird insbesondere die multiple Diskriminierung von Romafrauen näher betrachtet.

Während sich die ersten drei Kapitel eher mit dem theoretischen Rahmen befassen, werden im vierten Kapitel zwei Projektbeispiele der Nichtregierungsorganisation Care International vorgestellt, die sich mit der besonders vulnerablen Situation von Romafrauen im westlichen Balkan befassen. Auch hier wird ein weiteres Mal der Fokus auf Bosnien-Herzegowina gelegt, indem die beiden präsentierten Projekte „Empowerment for Roma Women“ und „Active Inclusion & Rights of Roma Women in the Western Balkans“ hinsichtlich ihrer Umsetzung in Bosnien-Herzegowina beleuchtet werden.

Nach einem Zwischenfazit in einem knappen fünften Kapitel erläutert die Autorin in Kapitel sechs eine eigens durchgeführte empirisch-qualitative Untersuchung. Nach der Vorstellung der Fragestellung und der methodischen Umsetzung folgt die Vorstellung der zentralen Ergebnisse der eigenen Forschung. Im Rahmen der Forschung wurden fünf leitfadengestützte Interviews mit Frauen, die zum größtenteils selbst der Minderheit der Roma angehören, geführt. Mit einer Ausnahme handelt es sich um Romnja, die an beiden in Kapitel vier skizzierten Projekten teilgenommen haben. Die Interviews wurden mit der zusammenfassenden qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet. Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen die Relevanz der Integration einer Genderperspektive in die nationale Strategie zur Inklusion der Roma aus der Perspektive der Romafrauen und eine hohe Zufriedenheit der Teilnehmerinnen mit den Projekten, die Empowerment ins Zentrum stellen. Hervorgehoben werden dabei die Auswirkungen auf die gesellschaftliche Teilhabe und die Entwicklung eines positiven Selbstbildes.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung, einem Ausblick und Empfehlungen für die weitere Praxis hinsichtlich der Förderung von Romafrauen.

Diskussion und Fazit

Die vorgestellte Publikation bietet einen sehr guten Überblick zur Lage der Romafrauen in Bosnien-Herzegowina, deren Situation sich insbesondere durch multiple Benachteiligung auszeichnet. Die Autorin schafft es umfassend die Bedeutung einer geschlechtergerechten Perspektive politischer Strategien in Bezug auf Romafrauen herauszustellen, weil diese notwendig zur Planung und Umsetzung zielgruppenspezifischer Maßnahmen ist. Auch die vorgestellten geschlechtergerechten Projektbeispiele und empirischen Forschungsergebnisse unterstreichen dies.

Die präsentierte eigene empirische Forschung umfasst darüber hinaus weitere spannende Aspekte. Dazu zählt insbesondere der Hinweis auf die enorme gesellschaftliche Marginalisierung der Minderheit, der durch Bildungsförderung entgegengewirkt werden muss. Dies impliziert sowohl die Aufforderung, verstärkt bildungsfördernde Maßnahmen für mnderheitsangehörige Romafrauen zu initiieren, als auch gesellschaftlich bildungserfolgreiche Romafrauen sichtbar werden zu lassen. Die Arbeit bietet so für die Politik Hinweise hinsichtlich der Bedeutung von Projekten, die den Ansatz des Empowerment konsequent verfolgen, auch wird die Wichtigkeit formaler und non-formaler Bildung hier erneut unterstrichen. Zeitgleich wirft die Autorin auch weiterführende Fragen auf, wenngleich keine expliziten weiterführenden Forschungsdesiderate formuliert werden. Dazu zählt vor allem die Frage nach der Bedeutung von Selbstorganisationen als non-formaler Lern- und Bildungsgelegenheit und die Rolle von politischem Aktivismus hinsichtlich des Empowerments von Romafrauen.

Insgesamt sind die präsentierten Ergebnisse für eine Masterarbeit beeindruckend und zeigen vielfältige interessante Aspekte auf. Dennoch wirken einige wenige Ergebnisse vornehmlich wie eine deskriptive Evaluation der vorgestellten geschlechtergerechten Projektbeispiele.

Die Arbeit ist sicher interessant für sozialwissenschaftliche Forscherinnen und Forscher, die sich mit der Situation von Roma und insbesondere Romafrauen befassen. Sie verdeutlicht anschaulich, dass es wichtig und erstrebenswert ist, die Kategorie Gender in Bezug auf Roma konsequenter als bisher in den Blick zu nehmen. Die Arbeit könnte darüber hinaus für Pädagoginnen und Pädagogen, die mit Roma arbeiten, als auch für Mitarbeitende in Roma-Selbstorganisationen von Bedeutung sein. Hier gilt es jedoch die als spezifisch im bosnisch-herzegowinischen Kontext präsentierten Forschungsergebnisse hinsichtlich ihrer Anschlussfähigkeit kritisch zu reflektieren und zu diskutieren.


Rezensentin
Diplom Sozialpädagogin Julia Reimer
M.A. Mitarbeiterin des Gleichstellungsbüros der Hochschule Koblenz, Promovendin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg
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Zitiervorschlag
Julia Reimer. Rezension vom 11.09.2017 zu: Lena Teschlade: Empowering Roma women in Bosnia and Herzegovina. Integration der Genderperspektive in die europäische Strategie zur Inklusion der Roma. wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin (Berlin) 2017. ISBN 978-3-86573-983-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22523.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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