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Jürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster u.a.: Sozialpolitik in Deutschland

Cover Jürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster, Benjamin Benz, Johannes D. Schütte: Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 4., grundlegend überarbeitete und erweiterte Auflage. 457 Seiten. ISBN 978-3-658-13694-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Das Lehrbuch „Sozialpolitik in Deutschland“ ist 2017 in 4. Auflage erschienen und bietet auf insgesamt 457 Seiten eine umfassende, in fünf Hauptkapitel strukturierte Einführung in die deutsche Sozialpolitik.

Autoren

Drei der vier Autoren (Benz, Boeckh und Huster) sind Professoren für Politikwissenschaft/Sozialpolitik an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, der vierte Autor (Schütte) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für soziale Arbeit e.V. in Münster. Insofern lässt die Verortung der Autoren erwarten, dass sie die Perspektive der Sozialen Arbeit im Rahmen einer Einführung in die Sozialpolitik als integrativen Bestandteil behandeln. Eine Erwartung, die von den Autoren auch erfüllt wird. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man andere Einführungen in die Sozialpolitik zur Hand nimmt. Vielmehr hat die Sozialpolitikforschung selbst den Bereich der Sozialen Arbeit lange Zeit recht stiefmütterlich behandelt.

Aufbau

Das Lehrbuch gliedert sich in fünf Kapitel:

  1. Historische Phasen der Sozialpolitik in Deutschland (117 S.);
  2. Sozialpolitische Strukturen und Prozesse (49 S.);
  3. Soziale Probleme, Lebenslagen und Sicherungssysteme (180 S.);
  4. Zentrale sozialpolitische Herausforderungen (40 S.);
  5. Sozialpolitik im Sozialstaat (36 S.).

Inhalt

Die Einführung beginnt mit einem Kapitel zur Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland. Dabei werden zum einen „deren sich wandelnde ökonomische, politische und soziale Kontexte, deren materielle Grundlagen und ideengeschichtlichen Wurzeln“ und zum anderen die „Prinzipien, Strukturmerkmale, Institutionen und Funktionen“ (S. 7) der sich entwickelnden Sozialpolitik behandelt. Die Darstellung setzt im 16.Jahrhundert im Übergang von Feudalstruktur zu frühbürgerlicher Gesellschaft mit Frühformen der sozialen Sicherung an, zeichnet die Prozesse der Industrialisierung und der Bismarck´schen Sozialpolitik nach, erläutert die sozialpolitische Konsolidierung und den Ausbau in der Weimarer Republik sowie die völkische Sozialpolitik des NS-Regimes und beschreibt die Entwicklung der Sozialpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg bis herauf zu den jüngsten Reformen (Hartz IV, Riesterrente, Gesundheitsfonds, Kinderbetreuung und Mindestlohn).

Im Kapitel zu den sozialpolitischen Strukturen und Prozessen wird Sozialpolitik zunächst sehr klar als Verteilungspolitik definiert, und es werden unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen und Leitbilder hierzu diskutiert. Danach werden Ausgaben und Finanzierung der Sozialpolitik erläutert sowie Instrumente, Prinzipien und Funktionen von Sozialpolitik vorgestellt. Es folgt eine Übersicht über die unterschiedlichen Akteure der Sozialpolitik, wobei die unterschiedlichen politischen Ebenen (Kommune, Land, Bund, EU) sowie staatliche und nicht-staatliche Akteure differenziert werden. Abschließend wird der sozialpolitische Gesetzgebungsprozess bzw. Politikzyklus beschrieben.

Das Kapitel zu sozialen Problemen, Lebenslagen und Sicherungssystemen nimmt konsequent die zuvor prominent eingeführte Verteilungsfunktion von Sozialpolitik auf und beginnt mit dem Thema Einkommen und Einkommensverteilung. Dabei wird klar, wie wichtig Erwerbseinkommen für den gesellschaftlichen Wohlstand sind, so dass sich nahtlos das zweite Thema anschließt: Arbeit und Arbeitsmarktpolitik. Es folgen als weitere Themenbereiche „Jugend, Familie, Haushalt“, „Gesundheit und Pflege“ sowie „Alter und Alterssicherung“. Zu allen Themen gibt es systematische institutionelle Verortungen, aktuelle Daten zu einzelnen Lebenslagedimensionen und Analysen aktueller Reformdebatten. Das Kapitel schließt mit dem Thema „Soziale Sicherung für nicht standardisierbare Lebensrisiken“. Hier wird insbesondere der von der Sozialen Arbeit geprägte Blick auf Sozialpolitik deutlich, der Mindestsicherung und soziale Dienste gleichberechtigt neben die „großen“ Themen wie Rente, Pflege und Arbeitsmarktpolitik stellt.

Als zentrale sozialpolitische Herausforderungen werden im nächsten Kapitel folgende diskutiert: demografischer Wandel, Ökonomisierung und Wettbewerbsfähigkeit, Grund- und Menschenrechte, Europäisierung und Globalisierung. Aktuelle politische Debatten werden aus einer kritischen Perspektive nachgezeichnet, zum Teil entdramatisiert, zum Teil verteilungspolitisch zugespitzt.

Das letzte Kapitel stellt theoretische Ansätze zur sozialpolitischen Intervention vor. Dabei finden neoliberale und klassenkämpferische Positionen ebenso Berücksichtigung wie unterschiedliche Ansätze sozialer Integration.

Diskussion

Das Buch bietet eine gute Informationsgrundlage für Studierende, die sich grundlegendes Wissen zur Sozialpolitik in Deutschland aneignen wollen. Zudem wird am Ende jedes Kapitels weiterführende Literatur benannt.

Der historische Teil ist sehr kompakt geschrieben und erfordert aufmerksames Lesen. Sehr anregend und auflockernd sind die als Kästen eingebauten Auszüge aus Originaldokumenten (z.B. von Martin Luther, Alfred Krupp oder Alice Salomon). Positiv hervorzuheben ist auch die Thematisierung der sozialpolitischen Entwicklungen auf EU Ebene.

Sehr erfrischend sind die klare verteilungspolitische Ausrichtung der folgenden Kapitel sowie die eindeutige umverteilungspolitische Positionierung der Autoren. Diese ermöglicht ihnen eine kritische Diskussion der sozialen Probleme und ihrer politischen Lösungsansätze. So werden Lohn- und Steuerpolitik, Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenpolitik jeweils auf die Kernfrage nach den Umverteilungseffekten hin bewertet. Beim Thema Familienpolitik hätte eine stärkere Reflexion von familien- und geschlechterpolitischen Leitbildern unter Umverteilungsgesichtspunkten zu einer Schärfung der Position und besseren Bündelung des Themas beitragen können.

Mein favorisiertes Kapitel ist das zu den zentralen sozialpolitischen Herausforderungen. Hier wird überzeugend mit immer wieder gebetsmühlenartig wiederholten Argumentationen aufgeräumt: Der demografische Wandel fordert die Sozialpolitik zwar heraus, kann aber nicht so einfach als Erklärungsmuster für aktuelle Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme herangezogen werden. Und Globalisierung ist kein Sachzwang, sondern politisch gestaltbar. Die relativ kurz gehaltenen und zugespitzten Abhandlungen zu den einzelnen Herausforderungen lassen sich zudem sehr gut als Inputtexte für die Lehre verwenden.

Das letzte Kapitel fällt im Vergleich zum restlichen Lehrbuch etwas ab. Es ist weniger gut nachvollziehbar in seiner Gliederungsstruktur, die Auswahl der theoretischen Ansätze zur sozialpolitischen Intervention erscheint willkürlich, jedenfalls nicht nachvollziehbar begründet. Allenfalls werden hier theoretische Denkanstöße geliefert, die von den Leser*innen (zumal Studienanfänger*innen) nur schwer in eine Gesamtsystematik einzuordnen sind.

Insgesamt handelt es sich um eine empfehlenswerte Einführungslektüre, insbesondere auch für Studierende der Sozialen Arbeit, da diese im Gesamtkontext mit in den Blick genommen wird. Verbesserungsfähig für eine eventuelle nächste Auflage ist jedenfalls die Druckqualität der graphischen Abbildungen (insbes. S. 140, 350 und 351).

Fazit

Das Lehrbuch führt umfassend in die deutsche Sozialpolitik ein. Dazu wird zunächst die Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland vom 16.Jahrhundert bis heute nachgezeichnet. Danach werden grundlegende sozialpolitische Strukturen und Prozesse erläutert. Die Autoren nehmen eine umverteilungspolitischen Position ein und analysieren zentrale soziale Probleme im Rahmen von: Lohn- und Steuerpolitik, Arbeitsmarkt-, Gesundheits- und Rentenpolitik sowie Mindestsicherung und soziale Dienste. Sie diskutieren zentrale Herausforderungen der Sozialpolitik wie den demografischen Wandel oder die Globalisierung der Wirtschaft und stellen theoretische Ansätze zur sozialpolitischen Intervention dar. Es handelt sich um eine lesenswerte Lektüre für Studierende und ein empfehlenswertes Nachschlagewerk für sozialpolitische Fragestellungen.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Sigrid Leitner
lehrt Sozialpolitik an der Fachhochschule Köln, Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften.
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Zitiervorschlag
Sigrid Leitner. Rezension vom 08.09.2017 zu: Jürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster, Benjamin Benz, Johannes D. Schütte: Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 4., grundlegend überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-658-13694-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22527.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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