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Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann

Cover Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann. Ein alternativer Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 254 Seiten. ISBN 978-3-8379-2620-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Herausgeber

Josef Christian Aigner, Dr. phil., Psychoanalytiker, war bis Oktober 2017 Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik am Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung der Universität Innsbruck. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Sexualität als psychosoziales Phänomen, Genderfragen, Vaterforschung sowie Männer in erzieherischen und sozialen Berufen unter besonderer Berücksichtigung frühpädagogischer Einrichtungen.

Thema

Den Einband des Buchs beherrscht eine Fotomontage mit dem Titel „Wasserspiegel“: Ein Mann beugt sich über eine befestigte Uferkante und taucht sein Gesicht ins Wasser. Gespiegelt wird offenbar nicht er selbst, sondern ein anderer. Ihre Gesichter verschmelzen. Beide können sich nicht gegenseitig anschauen. So jedenfalls sähe das Original aus. Wer das Buch in die Hand nimmt, blickt auf eine um 90 Grad gedrehte Version. Der Horizont wird zur vertikalen Hauskante, und die Wasseroberfläche verwandelt sich in eine Glasfassade. In ihr steckt das Gesicht des einen, der gespiegelte Andere ist mit ihm über den Kopf verwachsen. Kaum vorstellbar, dass die beiden voneinander loskommen oder dass sie ohne Risiko getrennt werden können. Der eine ist für den anderen – so lese ich das Bild – „der andere Mann“. Allerdings fehlt ihnen der Abstand, um sich wahrnehmen und erkennen zu können. Der Leser als Bildbetrachter hat die Distanz, aber er müsste den Mann, dessen Gesicht in der gläsernen Wand steckt, erst einmal dazu bringen, zurückzutreten und sich anschauen zu lassen.

Vielleicht ist das alles überinterpretiert, und die „Buchmacher“ wollten nur einen Blickfang im Sinne von „Was soll das denn sein!“ schaffen. Aber wie auch immer: Ich stelle mir vor: Der Mann, der mich jetzt ansieht, ist das egoistische, rücksichtslose, ausbeuterische, unempathische, gewalttätige, sexistische … Subjekt, das durch eigenes Verschulden, durch „die Geschichte“ oder durch „die Umstände“ so geworden ist und das durch die negativen Generalisierungen von Gender-Theoretikerinnen und Medien gebrandmarkt wird. In ihm soll, so lesen wir auf der Rückseite des Covers, noch ein anderer Mann verborgen sein: sensibel, voller Verständnis für seine Mitmenschen, fürsorglich, partnerschaftlich, frauen- und kinderfreundlich und dennoch emanzipiert.

Aigner und seinen zwölf Mitautoren geht es im vorliegenden Buch um eine Abkehr vom herrschenden Klischee. Mit den Worten des Herausgebers „ […] ‚Der andere Mann‘ soll neugierig machen auf einen anderen, positiv gefärbten, unterstützenden und vertrauensvollen Blick auf Männer, wie er uns in Feuilleton, Alltagsdiskussionen und auch in der Sozialwissenschaft schon weitgehend abhandengekommen zu sein scheint. Es sollen alternative Sichtweisen auf Männer und Männlichkeit, auf ihr Werden, auf ihre Widersprüche und Schwierigkeiten, auf ihr Anderssein, auf ihre Möglichkeiten und Grenzen – und somit auch auf eine andere Geschlechterpolitik (Markus Theunert) angeregt werden“ (S. 8).

Aufbau und Inhalt

„Vom schwierigen Umgang mit Unterschieden“ handelt der einleitende Beitrag des Herausgebers (S. 11-35). Dass die öffentliche Meinung zu Typisierungen neigt, ist nichts Neues. Aber dass sich die Sozialwissenschaften schwer tun, ein differenziertes Bild vom Mann zu zeichnen und ihn eher von seinen Defiziten her erfassen (wobei der „Negativdiskurs“ vor allem auf die Sexualität abzielt), ist wenig hilfreich. Der überwiegend soziologischen, auf Geschlechterverteilung in gesellschaftlich relevanten Bereichen fokussierten Forschung hält Aigner das Konzept einer bio-psycho-sozialen Sichtweise entgegen. Die Männer, die in den Augen Vieler „so“ sind, haben eine Geschichte hinter sich und leben in einer Gegenwart, die durch diese drei (kulturell überformten) Determinanten bestimmt wird: Sie sind vom Körper her anders, haben eine von anderen für sie konstruierte Kindheit und Jugend durchlaufen und sind in eine Gesellschaft hineingewachsen, die sie nicht gemacht haben. In ihr dominieren bestimmte Verständnisse vom Mann-sein – und das eher zum Nachteil der Heranwachsenden, was Leistungsanforderungen, Erwerbsbiografien und Gesundheitsrisiken angeht. Bei Männern entwickelt sich daraus eine spezielle „Bedürftigkeit“, verstanden als „innere Befindlichkeit […], in der man sich nach etwas sehnt, das aber gleichzeitig verwehrt ist […]“ (Böhnisch, 2015, S. 28). Das bei Männern Ersehnte und Verwehrte kann nicht gegen die weibliche "Bedürftigkeit" ausgespielt werden.

Den Entwicklungsaspekt greift Reinhard Winter in „Der werdende Mann. Jungen und ihre Problemlagen heute“ (S. 23-58) auf. Auch er kritisiert die Blindheit großer Teile der Sozialwissenschaften im Hinblick auf die Wechselwirkungen soziokultureller Determinanten, psychologischer Einflüsse und biologischer Tatsachen. Hinzu kommen Defizite in der elterlichen und der institutionalisierten Erziehung. Sie ist daran beteiligt, dass männliche Heranwachsende ihren Körper (insbesondere den Urogenitalbereich) kaum kennen, dass sie – im Gegensatz zu den Mädchen – wenig Gelegenheit haben, über Körpererfahrungen und sexuelle Erwartungen zu sprechen und dass sie Sexualität weniger mit Lust als mit Vorsorge verbinden. Die mediale Welt bietet ihnen eine Fülle von widersprüchlichen Männerbildern, mit denen sie sich selbst zurechtfinden müssen. Der Mangel an Männern in der Erziehung führt, wiederum anders als bei den Mädchen, zu unkorrigierten Idealisierungen. Kein Wunder also, so der Autor, dass sich die Unsicherheiten hinsichtlich des Mannseins bis ins Erwachsenenalter fortsetzen.

Ivo Knill weist in seinem Essay „Der erzählte Mann“ (S. 59-75) auf das Konglomerat von Erzählungen über den Mann hin, die unsere Kultur bereit hält und gelegentlich aufdringlich präsentiert. Sie reichen von biographischen Erinnerungen, Belletristik und Schlagzeilen bis hin zu Stereotypen, die in der Gesellschaft herumschwirren. Er selbst wählt ein autobiographisches Narrativ, in dem es um seinen Vater, die Entfernung von ihm, um die Erfahrung eines bestimmten Männlichkeitsbildes beim Militär und um Gegenentwürfe einer mit Frauen ausbalancierten und dennoch emanzipierten Männlichkeit geht. Zwei wichtige Erkenntnisse leitet er aus seiner Revue ab. Die eine: Wer von Mann und Männlichkeit erzählt, übt Macht aus über die Bilder, die in anderen entstehen. Die andere: Was Männlichkeit ist, kann immer nur für den historischen Augenblick bestimmt werden. Jede Verabsolutierung wäre Ideologie.

An die Thematik „Narrativ“ knüpft Helmut de Waal mit einer Betrachtung über den „Vater-Mann“ (S. 77-94) an. Im Rückblick auf die eigene defizitäre Vater-Geschichte kommt er zu dem Schluss: „Wenn wir ‚neue Väter‘ haben wollen, bekommen wir sie nicht durch Bildung, durch Aufklärung über politisch Zusammenhänge […] oder gar durch professionelle Schulung, sondern zuerst müssen wir uns unserer Trauer um die nicht vorhandenen Väter unserer Vergangenheit stellen“ (S. 80). Aus der Geschichte mit seinem Vater entwickelt er eine „Landkarte“ für seine eigene Vaterrolle. Er unterstellt sie den Forderungen nach aufmerksamer Präsenz (Bindung), nach „Versorgung“ und „Fürsorge“ (S. 81 ff.), wobei „Sorge“ für ihn über das Vatersein hinaus ein angemessener „Weltzugang“ (S. 85) ist, besonders dann, wenn sie sich (im Sinne des Verständnisses von „Handwerk“ bei Sennet) als „Kennerschaft, Könnerschaft und Reflexion“ S. (88) äußert.

In „Der strukturierte Mann. Die Bedeutung von Aggression und Autorität in der Vaterschaft“ (S. 95-108) plädiert Hans-Geert Metzger dafür, bei allen als Fortschritt angepriesenen „Grenzüberschreitungen“ im gesellschaftlichen Kontext genau darauf zu achten, wer davon profitiert und wer nicht. Das gilt zum Beispiel für die Familie allgemein wie insbesondere für die Vaterschaft. An der desolaten Vatergeschichte des Bluesgitarristen Eric Clapton arbeitet er als wichtigste väterliche Funktionen Begrenzung und Bindung heraus. Ihr Gelingen ist bedroht durch die „männliche Unsicherheit gegenüber der Akzeptanz der eigenen Aggression“ (S. 100). Daran hat auch deren negative Konnotation durch die Gesellschaft ihren Anteil. Anhand von Fallbeispielen erläutert der Autor die für die Strukturbildung der männlichen Heranwachsenden destruktiven Folgen defensiver Rückzüge von Vätern, ihrer mangelnden Widerstandsfähigkeit, ihrer Bindungslosigkeit oder ihrer Gewalttätigkeit, die dann auch noch als Ausweis von Autorität ausgegeben wird. „Der andere Mann hingegen, dem die Möglichkeiten des Erlebens einer väterlich zugewandten Autorität und der Integration dieser Auseinandersetzung in Form von inneren Strukturen gegeben war, geht mit sich selbst bewusst um. Er kann seine Verletzlichkeit tolerieren und seine Stärke einsetzen […]“ (S. 107 f.).

Mannsein in der heutigen Welt zu analysieren ist das eine, die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Veränderung von tradierten Rollenbildern zu schaffen, das andere. Josef Christian Aigner und Gerald Poscheschnik haben schon vor Jahren damit begonnen, Möglichkeiten zu erkunden, wie sich der frühpädagogische Raum für Männer öffnen ließe. In „Der andere Job. Männer in Kindergärten“ (S. 109-126) stellen sie die wichtigsten Ergebnisse ihrer biografisch-tiefenhermeneutischen Studie zur Berufsmotivation und zum beruflichen Selbstverständnis von Männern im Kindergarten dar. Dabei entdecken sie eine altruistische Komponente (als Kompensation für erfahrene Defizite) und ein Schwanken zwischen als ausgesprochen männlich geltenden und semifemininen Einstellungen und Verhaltensweisen, praktiziert in einem Raum, den viele als einen Ort ansehen, in dem noch „Menschlichkeit“ gefragt ist. Die Untersuchung widerlegt die Annahme, positive Vatererfahrungen hätten die Berufswahl begünstigt, wie überhaupt von einer eindeutigen Motivlage nicht die Rede sein kann. Aber den Männern, die sich für diesen Beruf entschieden haben, bringt er „ein großes Maß an befriedigender Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen und damit etwas, das vielen Menschen in unserer Gesellschaft schmerzlich fehlt, mit sich: Anerkennung“ (S. 125).

Über „Erfahrungen in der Männerberatung“ (S. 127-137) berichten Gotthard Bertsch und Martin Christandl. Dabei sprechen sie offen über die Schwierigkeit, den Ratsuchenden ohne Typisierungen, rasche theoretische und diagnostische Zuordnungen und ideologisch bestimmte Vorurteile gegenüberzutreten. Was ihnen in den Gesprächen begegnet, wirkt sich ihrer Beobachtung nach auch auf ihre eigenen Selbstverständnisse und Lebensentwürfe aus. Für ihre Arbeit bekennen sie sich zu sechs Grundhaltungen (S. 133 ff.): „Jeder Mensch ist wertvoll“. – „Das Verhalten des Mannes ist nicht gleich der Mann selbst“. – „Kinder sind immer ‚mit‘dabei“. – „Männer können fühlen und Gefühle auch ausdrücken“. – „Männersolidarität macht es leichter“. – „Es geht um die ganzen Männer“. Gerade das letzte Prinzip soll ständig daran erinnern, dass die an die Berater herangetragenen Probleme aus komplexen Lebenslagen und Persönlichkeitsstrukturen stammen.

Eduard Waidhofer eröffnet seinen Beitrag „Männer leiden anders. Erfahrungen mit Männern in Therapie und Beratung“ (S. 139-164) mit dem gendertheoretisch begründeten Hinweis auf die verbreiteten Schwierigkeiten von Männern, „Gefühle bei sich selbst wahrzunehmen, zu unterscheiden und zu benennen“ (S. 140) und Unterstützung durch andere in Anspruch zu nehmen. Auch er betont die Notwendigkeit, dass Berater und Therapeuten ihre eigenen Männer- und Frauenbilder reflektieren. Die von ihm ausgemachten, speziell Männer belastenden Stressoren rühren häufig aus der Arbeitswelt (Konkurrenzdruck, Autonomieverlust, geringe Wertschätzung …) und äußern sich in besonderen Problemstellungen wie defizitären Vaterrollen, Blindheit gegenüber gesundheitlichen Risiken, Depressionen, Gewaltbereitschaft und von ihnen herbeigeführte Beziehungskrisen. Den erlernten Selbstentlastungsformen der Männer (z.B. Schuldzuweisungen) begegnet die Therapie mit Versuchen, die Selbstvertretung der Betroffenen zu stärken und den Zugang zu ihren Gefühlen freizulegen. Waidhofer stützt sich dabei auf die von der „Schematherapie“ herausgearbeiteten „Modi“, in denen frühe Kindergefühle, Erfahrungen mit den Eltern, untaugliche Bewältigungsstrategien etc. vereint sind.

Ausgehend vom männlichen „Überdruss gegenüber gleichstellungspolitischen Forderungen“ (S. 165) unterscheidet Markus Theunert in seinem Beitrag „Die andere Geschlechterpolitik“ (S. 155-187) zwischen den Extremen Pro- und Antifeminismus verschiedene Abstufungen. Als ernstzunehmende Mitspieler im Diskurs gelten für ihn, wie er mit Blick auf zahlreiche Vorarbeiten ausführlich begründet, nur „profeministische“ Männer, die von der Gleichstellung überzeugt sind und die entsprechende feministische Agenden unterstützen, und „emanzipatorische“ Männer, die sich gleichfalls für die Gleichstellung einsetzen, aber den gleichstellungsfeministischen Ansatz nicht für allein seligmachend halten. In seinen Augen muss eine „relationale Gleichstellungspolitik“ (S. 179) „Solidarität und Eigenständigkeit“ miteinander vereinbaren. „Sie fragt dabei nicht nur, was Männer zur Gleichstellung beitragen sollen, sondern auch, was sie brauchen“ (S. 183) – zum Beispiel Bedingungen in der Arbeitswelt, die es ihnen erlauben, Beruf, Familie und darüber hinausgehende Interessen miteinander zu verbinden.

„Vom Glück, ein Anderer zu sein“, spricht Hans Prömper in seinem Beitrag (S. 189-211). Sein theoretisches Interesse gilt Fragen des Lebenslaufs von Männern, in Sonderheit ihrer lebenslangen Entwicklung und der Art und Weise, wie sie das Leben im Rahmen von sozialen Beziehungen als gestaltbaren Prozess begreifen und handhaben. Sein praktisches Interesse richtet sich – illustriert an Fallbeispielen – auf Arrangements, in denen Männer das suchen und empfangen dürfen, was ihnen das Leben sonst kaum bietet: Anerkennung, Authentizität, Trost, Nähe, Sicherheit etc. (S. 191). Seine Erfahrungen beleuchtet Prömper anschließend unter neurobiologisch-bindungstheoretischen, religionswissenschaftlich-spirituellen und pädagogisch-erwachsenenbildnerischen Aspekten. Angesichts der eingangs dargestellten empirischen Befunde zur Modularisierung und Fragmentierung von Männlichkeit scheint „das Glück, ein anderer zu sein“ nur im „Anders-Raum“ (S. 208) erfahrbar zu sein. Was davon auf welche Weise in die Konformitätsräume zurückwirkt, bleibt ungesagt.

Prömpers Annäherung ans Spirituelle weitet Peter Stöger in „Geist und Geistin. Gender-Mainstreaming aus anthropologisch-theologisch-historischer Sicht“ (S. 213-235) noch aus, nur dass er sich damit nicht nur auf den Mann, sondern auf das Geschlechterverhältnis insgesamt bezieht. Erkundungen in der jüdisch-christlichen Theologie führen ihn zu Zeugnissen gleichsam göttlich versiegelter Aufeinanderbezogenheit und Gleichwertigkeit des Männlichen und des Weiblichen. Sie lassen heutige, biologische Vorgaben ignorierende Geschlechterkonstruktionen defizitär erscheinen. Der Autor spricht den Genderdiskursen nicht die Berechtigung ab, vor allem die soziale und politische Situation von Frauen verbessern zu wollen, vermutet aber, dass es ihnen auch „um die prinzipiellen Negierung des biologischen Geschlechts und um die Abschaffung von ‚Natur‘“ geht (S. 232). Für ihn sind „Mann und Frau […] auch epochal-geschichtlich als Gravuren von Prinzipien feststellbar, unabhängig vom medizinisch-biologischen Geschlecht, das zwar auch Erfindung, aber nicht nur Erfindung, das zwar auch Konstruktion, aber nicht nur Konstruktion ist […]“ (S. 234).

Beruft sich Stöger zur Begründung des „Gemeinsam anders“ (S. 232) auf jüdisch-christliche Denktraditionen, so wählt Johannes Berchtold für „Das Andere in uns“ (S. 237-250) die aus dem Taoismus stammenden Begriffe Yin und Yang, um das Zusammengehörende und Trennende der Geschlechter zu markieren. Sie verweisen für ihn auch abseits des Geschlechterverhältnisses auf eine Dialektik, die allen Erkenntnisprozessen innewohnt und sich – Berchtold zitiert Georg Simmel – in den „großen Relationspaaren des Geistes: Ich und Welt, Subjekt und Objekt […]“ (S. 242; Simmel, 1996, S. 219) wiederfindet. Vor diesem Hintergrund kritisiert er die Reduzierung von Männlich und Weiblich auf die biologischen und sozialen Aspekte, weil sie es ungemein erschwert, synthetisch zu denken. Einen Bundesgenossen findet er in der Kritik von Papst Franziskus an der Gender-Theorie. Sie sei unfähig oder unwillens, komplementär zu denken: Die „Verdrängung der Unterschiede ist das Problem“, so der Papst, „nicht die Lösung“ (S. 250).

Diskussion

Wenn ich die Beiträge Revue passieren lasse, stelle ich fest: „Der andere Mann“ ist nicht der empfindsame, engagiert-vitale, fürsorgliche, „dem ein anderes Geschlechterverhältnis wichtig ist“, sondern der unsichere, bedürftige, gefährdete, defizitäre, seine physischen und psychischen Leiden verleugnende Mann, der darum kämpft, mit den von außen an ihn herangetragenen Forderungen, seine Rolle zu überdenken, irgendwie zurecht zu kommen. Deutlich werden die Folgen unbefriedigender Beziehungen zu den eigenen Vätern und vor allem die Überforderungen durch die Arbeitswelt. Die Berichte aus Beratung und Therapie machen eine erschreckende soziale Hilflosigkeit, Vereinsamung, Entfremdung, Sprachlosigkeit und untaugliche Kompensationen (Flucht, Gewalt) sichtbar. Das immer wieder aufflackernde Aufbegehren gegen einen ideologienahen, unhistorischen, anthropologisch verkürzten und philosophiefernen Gender-Diskurs scheint mir, bei aller inhaltlichen Berechtigung, nur in wenigen Fällen ein Problem des konkreten Mannes zu sein, der das Bedürfnis hat, „anders“ zu sein. Er hat in der Arbeitswelt in der Regel ganz andere Kontrahenten in Form von Arbeits- und Zeitnormen und Gefährdung des Arbeitsplatzes. Und dass er die Anforderungen an Flexibilität und sein Bedürfnis nach Innehalten so schwer vereinbaren kann und darunter leidet, daran tragen Biografie und Sozialisation eher Schuld als gendertheoretische Konstruktionen. Es gibt ermutigende Versuche, Männern Räume zu verschaffen, in denen sie das Gefühl haben, vergleichbaren Erfahrungen und Gefühlen zu begegnen, dazu Initiativen, die ihnen neue Berufsmöglichkeiten in bisher weiblich definierten Bereichen erschließen. Das sind konkrete Möglichkeiten des „Andersseins“ und vielleicht Annäherungen an eine als „Glück“ empfundene Erweiterung des Selbstverständnisses von Männern.

Fazit

Aigners Buch „Der andere Mann“ umfasst eine Reihe von an- und aufregenden Texten zur Lebenslage und zu Problemen von Männern heute. Gegenüber den Analysen treten die Entwicklungsprojekte etwas zurück. Dass der als Ausdruck eines sozialen Problems zu verstehende und als solcher legitime Genderdiskurs neben seinen wissenschaftlichen Engführungen eher zulasten von männlichen Heranwachsenden und Männern geht, wird erklärt, aber nicht polemisch beantwortet. Ich sehe in der Sammlung einen informativen, sachlichen und daher empfehlenswerten Beitrag zur Debatte.

Literatur

  • Böhnisch, L. (2015). Pädagogik und Männlichkeit. Weinheim, Basel: Juventa.
  • Simmel, G. (1996). Zur Philosophie der Geschlechter. In G. Simmel: Hauptprobleme der Philosophie – Philosophische Kultur. Gesamtausgabe Bd. 14. Frankfurt: Suhrkamp.

Rezensent
Helmwart Hierdeis
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Zitiervorschlag
Helmwart Hierdeis. Rezension vom 24.11.2017 zu: Josef Christian Aigner (Hrsg.): Der andere Mann. Ein alternativer Blick auf Entwicklung, Lebenslagen und Probleme von Männern heute. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2620-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22531.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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