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Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer

Cover Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer. Psychoanalytische, sozialpädagogische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 227 Seiten. ISBN 978-3-8379-2494-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Der Bedarf an Männern in der frühen Erziehung und Bildung ist ein aktuelles Thema in der Sozialwissenschaft und erfährt auch eine hohe sozial- und familienpolitische Aufmerksamkeit.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungszusammenhang dieser Sammlung von Beiträgen ist ein umfassendes Forschungsprogramm zum Thema Männer in der Elementarpädagogik, das seit 2008 an der Universität Innsbruck durchgeführt wurde.

Aufbau

Nach zwei einleitenden Beiträgen von J.C. Aigner („Public Fathers“) und T. Rohrmann („Männer in der Elementarpädagogik“) beziehen sich im zweiten Abschnitt („Berichte aus der Forschung“) die Beiträge auf die Ergebnisse aus dem genannten Forschungsprojekt zur Situation männlicher Kindergartenpädagogen. Im dritten Teil („Praktische Fragen“) sind verschiedene Beiträge versammelt, die die Wirkung von Männern und Vätern in Familien und Bildungsinstitutionen beleuchten.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Mit „Public Fathers“ bezeichnet J. C. Aigner in seinem einleitenden Aufsatz die symbolische Rolle von Männern in der öffentlichen Erziehung. Diese zu diskutieren erscheint angesichts der Tatsache des geringen Anteils von Männern in der Elementar- und Grundschulpädagogik dringlich. Aber auch die Erörterung der systematischen Bedeutung männlich-väterlicher Präsenz in der Sozialisation von Kindern verstärkt die Aufmerksamkeit für diese Diskussion: Welche erzieherischen Auswirkungen haben Männer auf Kinder? Wie tritt positive Väterlichkeit in der öffentlichen Erziehung auf? Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang die Triangulierung?

Im zweiten Beitrag gibt T. Rohrmann einen internationalen Überblick zu „Männern in der Elementarpädagogik“. Ein systematischer Vergleich wird durch die unterschiedlichen Ausbildungssysteme und auch durch die Verschiedenheiten in den bildungspolitischen Initiativen erschwert. Auch wenn nationale und regionale Unterschiede bemerkenswert sind, ist der Anteil von Männern in der Elementarpädagogik trotz aller Initiativen noch relativ gering. Die Notwendigkeit weiterer Forschung zu Männern in der Elementarpädagogik und die Bedeutung bildungspolitischer Initiativen werden betont.

Im zweiten Teil des Buches werden zunächst in zwei Beiträgen (T. Rohrmann u.a. bzw. G. Poscheschnik u. J.C. Aigner) die Ergebnisse des bisher umfassendsten österreichischen Forschungsprojekts zur Situation männlicher Kindergartenpädagogen präsentiert. Die Daten belegen einerseits ein erstaunlich großes Interesse an diesem Beruf und eine breite Zustimmung dazu, anderseits decken sie auch die Hindernisse auf, die einem Anstieg männlicher Beteiligung an der professionellen Elementarpädagogik noch im Weg stehen. Die geringe Bezahlung, entwertende Bemerkungen, die sich bis zu einem Generalverdacht steigern können, nicht im Lot oder vielleicht pädophil zu sein, spielen dabei eine Rolle. Auch spielt der Umstand eine Rolle, dass die Ausbildung in Österreich für viele Männer zu früh beginnt. Anderseits bietet der Beruf eine hohe berufliche Zufriedenheit. Aus den Ergebnissen der Untersuchung können Strategien zur Erhöhung des Männeranteils abgleitet werden, wie beispielsweise Erhöhung des Ansehens des Berufsfeldes in der Öffentlichkeit, Anhebung der Ausbildung auf Hochschulebene, bessere Berufsinformationen, Reflexion von Ausbildung und Praxis aus Genderperspektive etc.

Der zweite Beitrag hat die tiefenhermeneutische Auswertung von zwölf Interviews mit männlichen Kindergartenpädagogen zur Grundlage. Aufgewachsen in schwierigen, ambivalenten Verhältnissen, mit einer engen Bindung an die Mutter, die sich teilweise aber auch enttäuschend erweist, ein ferner Vater, der seinem Sohn keine alternative Beziehung zur Bindung an die Mutter bieten kann, dieses Muster erweist sich als wiederkehrendes. Anzutreffen sind aber auch kompensatorische Beziehungen jenseits der Eltern. Im Beruf bemühen sich die Männer, die eigenen negativen Erfahrungen wiedergutzumachen. Im symbolischen Raum des Kindergartens lassen sich Mutterdominanz und Vatermangel re-inszenieren und bearbeiten. Der ungewöhnliche Beruf des Kindergartenpädagogen bietet eine besondere narzisstische Befriedigung und gewährt eine befriedigende Gegenseitigkeit. Zwei Abwehrformen prekärer Männlichkeit konnten ausfindig gemacht werden: eine forcierte Männlichkeit („Protomaskulinität“) und eine betonte Weiblichkeit („Semifeminität“).

Anschließend berichtet Brandes zum Forschungsstand über Männer als Väter und pädagogische Fachkräfte. Wir seien gut beraten, wenn wir einer eindeutigen geschlechtlichen Zuschreibung von erzieherischen Fähigkeiten und Funktionen mit Zurückhaltung begegnen. Erfassbar seien die geschlechtsspezifische Neigung zu Materialien und Themen sowie spezifische Effekte in der Interaktion mit Buben und Mädchen.

In einem gewissen Spannungsverhältnis zu Brandes' Studie steht die „Innsbrucker Wirkungsstudie“, in der mittels multimethodaler Forschungsmethodik, basierend auf einer Videostudie, versucht wurde, Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Fachkräften im Kindergartenalltag festzustellen. Zu beobachten war, dass es die Kinder selbst sind, die einen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Fachkräften machen, dass Buben ein deutlicheres Bedürfnis nach Austausch mit einem männlichen Kindergartenpädagogen zeigen als Mädchen. Gemischtgeschlechtliche Fachkräfteteams scheinen besonders für Buben eine anregende und aktivierende Wirkung zu haben. Die Annahme, dass männliche Fachkräfte das von „weiblichen Interaktionsmustern“ dominierte Kindergartenfeld bereichern könnten, wird durch die Untersuchung gestützt.

B. Koch berichtet in seinem Beitrag „Mehr Männer in den Kindergarten – ein steiniger Weg“ von den Schwierigkeiten, von den Hindernissen, die einer Erhöhung des Anteils von Männern in der professionellen Erziehung, im Wege stehen. Er beschreibt die Erscheinungsformen der institutionellen Abwehr gegen eine Veränderung der tradierten Verhältnisse.

Im letzten Teil des Buches zu „Praktischen Fragen“ befasst sich zunächst F. Dammasch in seinem Beitrag mit der Frage: „Warum brauchen auch Mädchen einen männlichen Dritten?“ Anhand zweier Fallbeispiele erläutert er die Bedeutung des Vaters für Lösung von der Mutter und die Autonomieentwicklung des Mädchens. Die Anerkennung des Mädchens durch den Vater spielt dabei eine wichtige Rolle – wie auch die des Dritten durch die Mutter. „Öffentliche Väter“ in pädagogischen Institutionen können in der ödipalen Entwicklung förderlich wirken.

In seinem Beitrag „Bedürftige Väter?“ zeigt L. Böhnisch, wie sehr sich für Väter das Spannungsverhältnis zwischen beruflicher Belastung und Familienorientiertheit verschärft hat. Insbesondere auf der Grundlage einer eigenen neueren qualitativen Männerstudie in Südtirol kann Böhnisch zeigen, wie der Wunsch nach sorgendem Vater-sein und zugleich dessen Verwehrung durch die Arbeitsbeanspruchung als verdecktes Thema in der männlichen Lebensbewältigung wirken.

H.G. Metzger konstatiert Veränderungen der Vaterschaft als Wirkung gesellschaftlicher Prozesse und kritisiert besonders die Wirkung der Gendertheorie auf die Auffassung von Vaterschaft. Die neuen Herausforderungen in der Gestaltung der Vaterschaft können durch der defensive Rückzug oder die phallisch-narzisstische Einstellung abgewehrt werden. Die Erfahrung einer engagierten Vaterschaft ist jedoch für die Entwicklung des Kindes von großer Bedeutung. Anerkennung der Verantwortung, Vertrautheit in der Beziehung, libidinöse Verführung und zugleich ihre Begrenzung, Zulassen eigener Affekte in der Begegnung, männliche Aktivität gepaart mit Passivität und Rezeptivität – diese und weitere Merkmale könnten in ein Leitbild integriert werden.

Im abschließenden Kapitel interpretiert Th. Naumann kindliche Entwicklung und Pädagogik vor dem Hintergrund der heterosexuellen Matrix. Diese Handlungs- und Interpretationsfolie gilt es kritisch zu hinterfragen, um sie nicht unreflektiert auf pädagogische Beziehungen zu übertragen und die bestehende Ordnung zu festigen. Die zunehmende Vielfalt an Familienformen erfordert eine differenzierte Betrachtungsweise.

Diskussion

Das gleichnamige Themenheft der Zeitschrift psychosozial wurde so außerordentlich gut vom Fachpublikum aufgenommen, dass dem Verlag eine erweiterte und neue Fassung der Texte ratsam erschien. Diese Fassung liegt nun in diesem Buch vor. LeserInnen, die an Berichten und Erörterungen zu der im Titel des Buches genannten Aussage interessiert sind, kann die Lektüre nur empfohlen werden.

Fazit

Eines der umfassendsten Forschungsprogramme zum Thema Männer in der Elementarpädagogik, das seit 2008 an der Universität Innsbruck durchgeführt wurde, ist die Grundlage der zentralen Beiträge dieses Buches. Aus ihnen sowie aus den sie begleitenden Beiträgen ergibt sich ein differenziertes Bild zur Bedeutung von Vätern und Männern in der Familie und in der Elementarpädagogik.


Rezensent
Mag. Dr. Hans Jörg Walter
Univ.Prof.i.R. Psychoanalytiker
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Zitiervorschlag
Hans Jörg Walter. Rezension vom 14.06.2018 zu: Josef Christian Aigner, Gerald Poscheschnik (Hrsg.): Kinder brauchen Männer. Psychoanalytische, sozialpädagogische und erziehungswissenschaftliche Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2494-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22533.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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