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Björn Redmann, Ullrich Gintzel (Hrsg.): Von Löweneltern und Heimkindern (Erziehungshilfe)

Cover Björn Redmann, Ullrich Gintzel (Hrsg.): Von Löweneltern und Heimkindern. Lebensgeschichten von Jugendlichen und Eltern mit Erfahrungen in der Erziehungshilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-3446-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der Begriff Erziehungshilfe bezeichnet Leistungen der Jugendhilfe nach §§ 27 ff. SGB VIII, auf die ein Personensorgeberechtigter (dem die elterliche Sorge zusteht) Anspruch hat, wenn eine dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist. Die Erziehungshilfe umfasst insbesondere die Gewährung pädagogischer und damit verbundener therapeutischer Leistungen. Hierzu gehören u.a.: Erziehungsberatung, soziale Gruppenarbeit, Einsatz eines Erziehungsbeistands, sozialpädagogische Familienhilfe durch Betreuung und Begleitung und Hilfen zur Erziehung in einem Heim oder in einer sonstigen betreuten Wohnform.

Allein die Tatsache, dass es externer Interventionen bedarf, um Jugendliche auf ihrem Lebensweg zu begleiten, damit ihre weitere Entwicklung keinen Schaden nimmt bzw. vorhandene Ressourcen gefördert werden, bringt Konflikte mit sich. Niemand akzeptiert gerne, dass er der Hilfe bedarf. So kann es schnell zu einem (nicht beabsichtigten) Gegeneinander statt zu einem Miteinander führen.

Herausgeber

Björn Redmann ist seit 2002 in der Jugendhilfe tätig, u.a. in den Hilfen zur Erziehung. Seit 2014 arbeitet er als Projektkoordinator im Kinder- und Jugendhilferechstverein e.V. Dresden.

Ulrich Gintzel, emeretierter Professor für Sozialarbeitwissenschaft an der Evangelischen Hochschule Dresden, hat langjährige Erfahrungen in der Jugendhilfe; er ist Vorsitzender Deutscher Kinderschutzbund – LV Sachsen.

Somit wenden sich zwei Praktiker und ein ebenso erfahrenes Autorinnen- und Autorenteam in einer bislang noch nicht bekannten Form an Interessierte.

Entstehungshintergrund

Die Jugendhilfe trägt nach Auffassung der Herausgeber nicht nur eine problematische Geschichte mit sich herum, sondern sie geht zu Teilen noch immer in einer Art und Weise mit ihren Adressaten um, die davon zeugt, „dass wir eines noch immer nicht gelernt haben: Den Menschen zuzuhören, die unsere Hilfe wollen, brauchen oder jedenfalls bekommen“ (S. 8).

Das bislang weitestgehend ausbleibende Zuhören ist die zentrale Motivation: „In diesem Buch sind zwölf Lebensgeschichten versammelt – von sechs Jugendlichen und sechs Eltern. Keine Geschichte hat etwas mit den anderen Geschichten zu tun – die Protagonist_innen kennen sich nicht. (…) Die Klammer um all diese Geschichten ist, dass sie alle Erfahrungen mit der Jugendhilfe haben“ (S. 10). Zwölf Menschen, unterstützt von Autorinnen und Autoren (Sozialwissenschaftler), geben „intensive, ungeschönte Einblicke in ihre Leben“ (S. 10). Alle Erzählungen in dem Buch sind Geschichten, die sich zwischen den Hilfesuchenden und der Jugendhilfe zugtragen haben.

Der Blick in zwei Richtungen gehört zum Bauprinzip des Buches: Wer sind die Hilfesuchenden, was ist Jugendhilfe?

Aufbau

Den eigentlichen Geschichten sind Kapitel zum „Zustand der Jugendhilfe“, zu Motivationsfragen und detailreiche Informationen zu den Hilfesuchenden vorangestellt (S. 11-16), wobei die Analyse offen und selbstkritisch, also Schwachstellen nicht verbergend, ausfällt.

„Zehn Ermutigungen“ – bei der übergeordneten Fragestellung „Was sagen und raten die Geschichten“ – folgen (S. 19-21).

Es schließen sich Lebensgeschichten von Menschen, die als Kinder oder Jugendliche in der Heimerziehung gelebt haben, an. Deren Lektüre eröffnet einen klaren, vielfach nicht vermuteten und mitunter ernüchternden Blick.

Lebensgeschichten von Müttern mit Erziehungshilfeerfahrung bilden den zweiten Teil.

Das Buch schließt mit einem Text über gelingende Jugendhilfe durch biografische Rekonstruktionen.

Inhalt

Die Publikation gibt Einblick in das Leben von zwölf jungen Menschen und Eltern, die mit und in der öffentlichen Erziehungshilfe leben. Sie erzählen ihre Geschichten in ihren Worten:

  • Was ist ihnen in ihrem Leben wichtig?
  • Was macht sie besonders?
  • Wie sind ihre Erfahrungen mit öffentlichen Institutionen?
  • Welche Rolle spielt die Jugendhilfe in ihrem Leben?

Diskussion und Fazit

Ein fehlendes Zuhören in vielerlei Hinsicht war der Beweggrund, diese Publikation zu realisieren. Auf beeindruckende Weise wird jenen eine Stimme gegeben, die sich sonst so oft nur als Betroffene fühlen, die nur wenig Einfluss nehmen können, sich hilflos oder gar wütend mit Geschehnissen konfrontiert sehen. Mit voller Berechtigung kann man also feststellen, dass ein solcher Beitrag bislang fehlte – ein Buch, das nicht abstrakt Konzepte vorstellt oder gar (blind) verteidigt, vielmehr eine Textsammlung, die im wahrsten Sinn des Wortes mit Leben gefüllt ist und damit Zustände, Nöte, Sorgen an- bzw. ausspricht.

Somit wird dem Vorhaben im vollen Umfang entsprochen, einen Beitrag zu liefern, der Wege für ein größeres, besseres Miteinander eröffnet und vielfältige Impulse setzt, was anders laufen könnte oder müsste. Dies ist die unzweifelhafte Stärke des Buches: Es ‚zwingt‘ gewissermaßen zum Zuhören und klingt sicherlich nach.

Es sei allen empfohlen, die in diesem Kontext arbeiten, Erklärungen für Widerstände suchen und den Drang nach Veränderung verspüren. Die Geschichten sprechen für sich …


Rezensent
Thomas Hax-Schoppenhorst
pädagogischer Mitarbeiter der LVR-Klinik Düren, Sachbuchautor, Herausgeber, Erwachsenenbildner
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Zitiervorschlag
Thomas Hax-Schoppenhorst. Rezension vom 15.01.2018 zu: Björn Redmann, Ullrich Gintzel (Hrsg.): Von Löweneltern und Heimkindern. Lebensgeschichten von Jugendlichen und Eltern mit Erfahrungen in der Erziehungshilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3446-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22536.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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