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Kristin Sonnenberg: Soziale Inklusion - Teilhabe durch Bildung

Cover Kristin Sonnenberg: Soziale Inklusion - Teilhabe durch Bildung. Medienkompetenz als Beitrag zu sozialer und kultureller Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 174 Seiten. ISBN 978-3-7799-3482-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Mit der Monografie „Soziale Inklusion – Teilhabe durch Bildung. Medienkompetenz als Beitrag zu sozialer und kultureller Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigungen“ stellt Kristin Sonnenberg ein Forschungsprojekt vor, das sich durch seine Schwerpunktsetzungen im Bereich der inklusiven Erwachsenenbildung und der Medienpädagogik auszeichnet. Sie arbeitet den wechselseitigen Zusammenhang von Bildungs- und Teilhabeprozessen insbesondere auch mit Bezug auf die Nutzung von „neuen“ Medien, Internet und Computer heraus.

Während das Thema Inklusion in Deutschland seit der Ratifikation der UN-Behindertenkonvention in Bezug auf schulische Bildung breit diskutiert wird, finden eine inklusive Erwachsenenbildung und die Förderung der Medienkompetenz von Menschen mit Behinderungen noch vergleichsweise wenig Berücksichtigung. Hier setzt das vorgestellte Forschungsprojekt „Soziale Inklusion von Menschen mit Mehrfachbehinderung: Computergestützte Schreibwerkstatt als Teil Lebenslangen Lernens“ an: Im Rahmen einer Begleitforschung wurden Bildungsangebote für Beschäftigte der Werkstatt für behinderte Menschen der Evangelischen Stiftung Volmarstein untersucht. Das Forschungsprojekt zielte unter anderem darauf ab, aus subjektorientierter Perspektive förderliche oder hinderliche Faktoren für inklusives Lernen Erwachsener zu identifizieren.

Autorin

Die Autorin, Prof. Dr. päd. Kristin Sonnenberg ist diplomierte Sozialpädagogin und seit 2011 Professorin für Soziale Arbeit im Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Die hier rezensierte Veröffentlichung entstammt ihren Forschungsschwerpunkten Bildung, Selbstbestimmung und Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

Aufbau

Die sechs Kapitel sind im Wesentlichen in folgende drei Bereiche gegliedert:

  • In Kapitel eins bis vier (Einleitung; Bildung – Teilhabe und Inklusion; Bildung mit und über Medien – Medienkompetenz und Medienbildung; Theoretische Diskurse und empirisches Wissen aus unterschiedlichen Disziplinen) stellt die Autorin Hintergründe, theoretische Grundlagen und bisherige Forschungserkenntnisse dar.
  • Forschungsdesign, methodisches Vorgehen und Ergebnisse des Forschungsprojekts „Soziale Inklusion und Lebenslange Bildung“ werden in Kapitel fünf präsentiert.
  • Das Kapitel sechs „Erkenntnisse und Konsequenzen“ schließt das Buch mit einer kritischen Reflexion, Rückmeldungen der Teilnehmer_innen mit Behinderungen an den Bildungsangeboten, der Bedeutung für die Soziale Arbeit und offenen Fragen ab.

Bei der Deutschen Nationalbilbiothek ist das vollständige Inhaltsverzeichnis einsehbar.

Inhalt

In der Analyse der Fachliteratur bezieht sich die Autorin auf Beiträge und Diskurse aus der Sozialen Arbeit, der Erwachsenenbildung und der Heilpädagogik bzw. der inklusiven Pädagogik. Die Autorin stellt Konzepte und unterschiedliche Verständnisse (z.B. sozialpädagogisch, subjektorientiert, philosophisch, soziologisch, politikwissenschaftlich) von Bildung, lebenslangem Lernen wie auch von Teilhabe und (sozialer) Inklusion in ihrer historischen Veränderung dar und diskutiert die Rolle der Sozialen Arbeit in diesen gesellschaftspolitischen Handlungs- und Forschungsfeldern. Vor dem Hintergrund der Entwicklung des Begriffs werden verschiedene Modelle von Behinderung kritisch durchleuchtet und rückbezogen auf die der UN-Behindertenrechtskonvention zugrundeliegenden Begriffe von Beeinträchtigung und Behinderung. Hier wird „… Teilhabe verstanden als Menschenrecht. Inklusion in der Konsequenz daraus als gesellschaftliche Aufgabe verstanden“ (Sonnenberg, 2014,S. 41). Als ein Teilhabefeld wird in der UN-Behindertenrechtskonvention die Erwachsenenbildung identifiziert.

Im Kapitel „Bildung mit und über Medien – Medienkompetenz und Medienbildung“ wird erörtert, inwieweit Medienkompetenz eine Voraussetzung von Teilhabe und Selbstbestimmung sein kann und auf inklusive Erwachsenenbildung bezogen. Auf Basis von Daten und ausgewählten Studien (z.B. Bundesteilhabebericht, Initiative D21: Lebenslanges Lernen, subjekttheoretische Studien) begründet die Autorin die These, dass Mediennutzung und -kompetenz eine Voraussetzung für die Teilhabe an Kultur und am Arbeitsmarkt für alle Menschen sei. Hier werden auch einige Beispiele für inklusive Mediendidaktik aufgeführt.

Immer wieder bezieht sich die Autorin auf Diskurse und Perspektiven verschiedener fachlicher Disziplinen, um dann den Beitrag oder die Herausforderungen der Sozialen Arbeit fokussiert herauszuarbeiten. So zieht sie in der Darstellung des Forschungsstands zur Frage inwieweit Menschen mit Behinderungen Nutzer und Nutzerinnen von Erwachsenenbildung sind Daten, Studien und Konzepte aus der Erwachsenenbildung wie auch aus der Sozialen Arbeit und der Heilpädagogik heran.

Mit der gesamten Analyse der Fachliteratur und des Forschungsstands beleuchtet die Autorin dabei grundlegende Defizite in dem Feld: a) für Menschen mit Behinderungen gibt es kaum Angebote der Erwachsenenbildung, b) im Kontext einer „mediatisierten Gesellschaft“ (Kammerl, 2014, S. 7 zit. nach Sonnenberg, 2017) kann eine wenig oder nicht ausgebildete Medienkompetenz insbesondere für diese Gruppe eingeschränkte Teilhabemöglichkeiten oder Exklusion verstärken und schließlich c) finden sich auch nur begrenzt Forschungsbeiträge zu Bildungsangeboten für Menschen mit Behinderungen.

An diesen Punkten setzt das Forschungsprojekt „Soziale Inklusion von Menschen mit Mehrfachbehinderung: Computergestützte Schreibwerkstatt als Teil Lebenslangen Lernens“ an: Im Rahmen einer Begleitforschung wurden unterschiedliche Bildungsangebote für Beschäftigte der Werkstatt für behinderte Menschen der Evangelischen Stiftung Volmarstein untersucht: Angebote im Bereich Alphabetisierung, Computer- und Internetnutzung (die sog. Computerkurse) und Angebote im Bereich Rehasport und Entspannung. Die wissenschaftliche Begleitung erstreckte sich über von drei Jahre. Von den 190 Beschäftigten nahmen 46 an den Computerkursen und 27 an den Rehasport- und Entspannungsgruppen teil. Die beiden Forschungsfragen lauteten:

  1. Führt die Teilnahme an Bildungsprozessen zu einer Erweiterung der subjektiv wahrgenommenen Teilhabemöglichkeiten und damit einhergehend zu einer Erweiterung der sozialen Inklusion?
  2. Was sind förderliche und hinderliche Bedingungen für die Gestaltung inklusiver Angebote der Erwachsenenbildung? (vgl. ebd, S. 98).

In Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden und einer Methodentriangulation erfolgte die Operationalisierung der Fragestellungen. Folgende Erhebungsmethoden wurden eingesetzt: Interviews mit den Kursteilnehmer_innen, qualitative Beobachtungen der Bildungsangebote, Analyse der Kursdokumentation, Gruppendiskussion mit den Kursleitungen und Befragungen der Mitarbeiter_innen der WfbM. Diverse Überlegungen mündeten in Erhebungsmethoden, die den TeilnehmerInnen ermöglichen sollten, ihre Einschätzungen zu äußern (z.B. leichte Sprachen, dreistufige Skalierung, Bild- und Symbolkarten zum besseren Verständnis und zur Differenzierung der Kommunikationsmöglichkeiten). Die Darstellung der Ergebnisse zeigt, dass die TeilnehmerInnen der Computerkurse aus ihrer subjektiven Sicht nicht in allen Bereichen einen Lerngewinn erzielen (z.B. Lesekompetenz) konnten, jedoch bestätigen auch einige Ergebnisse die grundlegenden Annahmen des Forschungsprojekts.

Diskussion und Fazit

Mit der Veröffentlichung wird ein noch wenig beachteter Themenbereich in Forschung und Praxis der Inklusion und der Sozialen Arbeit aufgegriffen. Auf sehr interessante Weise zeigt die Autorin, dass in Bezug auf die Themen Inklusion, Teilhabe und die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention noch viele wichtige Handlungs- und Forschungsfelder anzugehen wären. Die Analyse der Fachliteratur gibt einen sehr guten Überblick über Positionen und Konzepte, Begriffsverständnisse und den Forschungsstand. An einigen Stellen hätte ich mir (z.B. die Darstellung der Bildungsbegriffe) etwas stärker vertiefende Ausführungen gewünscht, jedoch liegt der Vorteil der manchmal knappen Darstellung in der Prägnanz und guten Lesbarkeit des Buches. Besonders beindruckend war aus meiner Sicht die sehr gut durchdachte und differenzierte methodische Herangehensweise im Forschungsprojekt, mit der eine subjektzentrierten Forschungshaltung realisiert wurde. Das Forschungsdesign steckt voller methodisch origineller und innovativer Überlegungen zur Frage wie Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen ihren Kenntnisstand und ihre Einschätzungen zu den Weiterbildungskursen mitteilen können. Die Ergebnisse, die unter anderem auch mit interessanten Zitaten aus den Interviews belegt werden, eröffnen ermutigende Perspektiven.


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Daiminger
Dipl. Psych., Approb. Psychologische Psychotherapeutin, seit 2009 Professorin an der Hochschule für angewandte Wissenschaften, München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften;
Lehrgebiet: Gesundheit und Soziales, Beratung und Teilhabe
Homepage www.sw.hm.edu/die_fakultaet/personen/professoren/da ...
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Zitiervorschlag
Christine Daiminger. Rezension vom 07.05.2018 zu: Kristin Sonnenberg: Soziale Inklusion - Teilhabe durch Bildung. Medienkompetenz als Beitrag zu sozialer und kultureller Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3482-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22537.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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