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Theo Sommer (Hrsg.): Leben in Deutschland. Anatomie einer Nation. Ein ZEIT-Buch

Rezensiert von Gerd Schneider, 22.02.2005

Cover Theo Sommer (Hrsg.): Leben in Deutschland. Anatomie einer Nation. Ein ZEIT-Buch ISBN 978-3-462-03414-1

Theo Sommer (Hrsg.): Leben in Deutschland. Anatomie einer Nation. Ein ZEIT-Buch. Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2004. 383 Seiten. ISBN 978-3-462-03414-1. 22,90 EUR.CH: 40,10 sFr.

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Herausgeber

Theo Sommer, geboren 1930 in Konstanz, studierte Geschichte und Politische Wissenschaften in Tübingen, Indiana und Chikago. Er promovierte in Tübingen mit einer Arbeit über "Deutschland und Japan zwischen den Mächten, 1935-1940". Von 1967 bis 1970 hatte er einen Lehrauftrag für Politische Wissenschaften an der Universität Hamburg. Theo Sommer arbeitete seit 1949 als Journalist, 1958 wurde er Redakteur der ZEIT, deren Chefredakteur er von 1973 bis 1992 war, im Anschluss neben Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt Herausgeber der Wochenzeitung bis 2000. Seit 2000 fungiert Sommer als Editor-at-large. Zahlreiche Bücher als Verfasser und Herausgeber sowie Aufsätze in internationalen Publikationen machten Sommer neben seiner Tätigkeit für die ZEIT auch außerhalb Deutschlands Grenzen bekannt.

Entstehungsgeschichte

Über ein halbes Jahr lang - von Oktober 2003 bis April 2004 - hat sich die ZEIT, initiiert von Theo Sommer, abwechselnd in den Ressorts Leben und Wissen dem Thema "Leben in Deutschland" gewidmet. Es entstanden 29 Folgen dieser Serie, jede von einem anderen Autor bzw. einer anderen Autorin. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch fand dann, wie Sommer in einem Interview mit dem Bonner GENERAL-ANZEIGER augenzwinkernd anmerkte, dass das Ergebnis dieser Recherchen sich zwischen Buchdeckeln besser archivieren lasse. So wurde er Herausgeber des Buches, und etwas Vergleichbares habe es, wie Sommer in dem Gespräch hervorhob, in dieser Art in Deutschland noch nicht gegeben.

Inhalt

Die Serie mit ausführlichen Essays, Reportagen, Interviews, Analysen und Statistiken, die hier in einem attraktiv aufgemachten Buch versammelt ist, beschreibt den Alltag der Menschen in unserem Land, gewissermaßen von der Geburt bis zum Tode. Sie widmet sich dem Umgang mit Armut und Reichtum, untersucht, wie die Deutschen Urlaub machen, wie sie wohnen, wie sie Sport treiben oder wie sie ihre Kinder erziehen. Die einzelnen Stationen des Buches (mit den Titeln und Untertiteln, worin kurz und prägnant die gesamte thematische Bandbreite der Kapitel verzeichnet ist) sind:

  1. Wie man in Deutschland geboren wird (nie war die Zahl der Geburten so niedrig - und der Aufwand vor dem Ereignis so hoch. Nichts bleibt bei der "Operation Nachwuchs" dem Zufall überlassen. Trotzdem sind die Eltern unsicherer denn je) von Martin Spiewak;
  2. ... die Kindheit erlebt (Kinder wachsen heute in einem nie gekannten Wohlstand auf. Erwachsene respektieren und fördern sie. Doch die Gesellschaft beschneidet ihre Freiräume) von Susanne Mayer;
  3. ... Natur erlebt (wir lieben sie als Freizeitpark, beklagen ihre Gefährdung und opfern sie unseren Interessen. Unser Verhältnis zur Natur ist voller Widersprüche) von Christian Grefe;
  4. ... mit Sexualität umgeht (vom Swingerclub bis hin zum Altersheim: Sex, einst verdrängt, wird heute von vielen einfach genossen. Neue Probleme schaffen Werbung und Medien mit ihrer zwanghaften Dauerlust) von Ulrich Stock;
  5. ... sich informiert (wir sehen immer mehr fern und lesen immer weniger Zeitung, die Buchlektüre stagniert auf niedrigem Niveau, das Internet holt auf. Und wer etwas auf sich hält, nutzt mehrere Medien am liebsten gleichzeitig) von Susanne Gaschke;
  6. ... erwachsen wird (sie werden früher geschlechtsreif und später flügge. Dazwischen suchen Jugendliche ihr Ich) von Liane von Billerbeck;
  7. ... reich wird (die meisten Vermögen sind über mehrere Generationen entstanden. Durch harte Arbeit kann man es auch heute zu Geld bringen - aber richtig reich werden hierzulande vor allem die Erben) von Mark Spörrle;
  8. ... studiert (Studenten wollen eine Ausbildung mit guten Karrierechancen. Die Universitäten wollen ein konkurrenzfähiges Profil. Sie sind alle auf der Suche) von Elisabeth von Thadden;
  9. ... wohnt und sich einrichtet (die Nasszelle wird Wellnesszone, das Einfamilienhaus wird Kleinfamilienhaus: Immer weniger Menschen wohnen auf immer mehr Quadratmetern - jede Menge Platz für Inszenierung und Isolation) von Henning Sußebach;
  10. ... arbeitet (das Ende der Arbeitsgesellschaft? Von wegen. Wer heute Arbeit hat, schuftet mehr denn je. Wer Arbeit sucht, muss sich auf ständig wechselnde Jobs einstellen) von Wolfgang Uchatius;
  11. ... Kinder erzieht (heute haben Kinder alle Rechte, Eltern alle Pflichten. Bei der Erziehung reden alle mit: Großeltern, Tanten, Nachbarn - und der Nachwuchs selbst) von Michael Schwelien;
  12. ... Sport treibt (der Fitness-Club als Kathedrale der Gegenwart, die Turnhalle als Menetekel im Zeichen von Pisa, der Sportverein als Übungsplatz für den mündigen Bürger: aus dem Stundenplan einer fitten Nation) von Christof Siemes;
  13. ... glaubt (was Pastoren zu sagen haben, berührt viele Christen nicht mehr. Gotteshäuser machen zu. Doch geglaubt wird nach wie vor - an was auch immer) von Ulrich Schnabel;
  14. ... feiert (ob diamantene Hochzeit oder Love Parade, Eishockeyspiel oder Tangoabend - alle wollen sich vergnügen. Aber wo kommt man hin, wenn jeder feiert, wie und was er will?) von Ulrich Stock;
  15. ... krank ist (niemand in Europa geht so oft und so gern zum Arzt wie die Deutschen. Krank macht sie die Angst vor der Krankheit. Auf subjektives Leiden ist ihr teures Gesundheitssystem nicht eingestellt) von Christian Schüle;
  16. ... kocht und isst (nur noch wenige Familien essen regelmäßig gemeinsam. Gegessen und gekocht wird, was Spaß macht - egal ob Hausmannskost, Fast Food oder Haute Cuisine) von Wolfgang Lechner;
  17. ... kriminell wird (in den Statistiken steigt vor allem die Jugendkriminalität an. Das erregt den Volkszorn und lässt sich politisch gut ausschlachten. Wirtschaftskriminelle dürfen dagegen auf Verständnis hoffen) von Sabine Rückert;
  18. ... sich kleidet (Kleidung soll vor allem "praktisch" sein. Dass Mode eine Sprache ist und als solche sehr viel über ihre Träger verrät, wird gern übersehen. Daraus folgen jede Menge rührende und entsetzliche Missverständnisse) von Jens Jenssen;
  19. ... arbeitslos ist (es kann jeden treffen, jederzeit. Claudia Pflug ist jung und gut ausgebildet. Als sie ihren Job verliert, bleibt sie zunächst optimistisch. 70 Absagen später ist ihr Leben aus dem Takt geraten) von Stefan Willeke;
  20. ... als Paar lebt (ein Leben zu zweit, mit oder ohne Kinder, ist immer noch die große Glückshoffnung. Doch auf Dauer zusammenzubleiben gelingt immer seltener) von Peter Kümmel;
  21. ... sich im Verein gesellt (das Land steht still, nur bei Vereinen gibt es noch Wachstum. Jedes Jahr werden mindestens 15 000 neue e.V. gegründet. Was treibt ihre Mitglieder?) von Urs Willmann;
  22. ... befreundet ist (nach der Liebe gilt die Freundschaft als ewige Zweite. Doch je öfter Ehen und Familien auseinander brechen, desto wichtiger werden die Wahlverwandten) von Christian Grefe;
  23. ... schläft und träumt (die Mehrheit liegt sieben Stunden auf mittelweichen Federkernen unter Decken aus Federn oder Polyester. Die meisten schlafen besser als sie glauben - typisch deutsch. Ihre Träume sind es nicht) von Dieter E. Zimmer;
  24. ... spielt (Brett- und Ratespiele, Glücks- und Computerspiele - beschäftigt die Deutschen eigentlich auch mal was anderes? Im Land der Regeln ist der Spieltrieb auffällig stark) von Gero von Randow;
  25. ... alt wird (Vorurteilen zum Trotz sind die meisten Alten weder unglücklich noch verarmt. Viele genießen nach langen Arbeitsjahren ihr Dasein. Erst jenseits der 80 wird das Leben oft zur Last) von Haug von Kuenheim;
  26. ... fremd ist (ist die Bundesrepublik ein Einwanderungsland? Jahrzehntelang haben Bürger und Politiker diese Frage mit nein beantwortet. Doch die einstigen Gastarbeiter sind längst Einheimische geworden) von Theo Sommer;
  27. ... verreist ("Urlauben" ist ein sehr deutsches Tätigkeitswort. Wir mühen uns um Horizonterweiterung, ziehen wegen Kakerlaken vor Gericht. Und glauben: Touristen, das sind immer die anderen) von Tomas Niederberghaus;
  28. ... stirbt (wie lange habe ich noch? Die meisten Deutschen erfahren vom Arzt, dass ihr Leben zu Ende geht. Das Sterben geschieht bewusster und schmerzfreier als je zuvor) von Heike Faller;
  29. ... begraben wird (bisher scheiterten Sonderwünsche an der Bürokratie. Jetzt ist das Bestattungswesen im Umbruch. Die letzte Reise führt ins All, in die Natur oder in die gute Stube) von Urs Willmann.

Ein Gespräch mit Altbundeskanzler und ZEIT-Herausgeber Helmut Schmidt steht am Ende unter dem Motto: "Im Augenblick sind die Deutschen in derselben Stimmung wie ich: leicht angekränkelt und infolgedessen schlecht gelaunt".

Diskussion

Liest man die oben angeführte Inhaltsübersicht, wird klar: Bei diesem Buch handelt es sich um eine Entdeckungsreise durch das eigene Land. Vielfältige Aspekte des heutigen Lebens werden beleuchtet, immer auch festgemacht an konkreten Begebenheiten und Lebensläufen. Die Autoren haben die Menschen aufgesucht, sie ein Stück begleitet, die Veränderungen in ihren Lebensläufen aufgezeigt.

Greifen wir das Kapitel über die Folgen der Arbeitslosigkeit heraus. Stefan Willeke stellt in seinem Beitrag den Fall der 27-jährigen Claudia Pflug vor. Die gut ausgebildete Projektleiterin eines Nürnberger Ingenieurbüros wird im August 2002 arbeitslos. Zunächst ist sie voller Zuversicht, bald wieder einen Job zu finden. Das ändert sich, die Hoffnung wird immer mehr von wachsender Angst verdrängt, nicht gebraucht zu werden, vom Arbeitsleben ausgesperrt zu bleiben. Dutzende von Bewerbungen, die tägliche Angst vor dem Briefträger, der die Absagen bringt, die schwindenden Ersparnisse, die herunter geschraubten Ansprüche, die Einschränkungen, die Probleme mit dem Freund, der ebenfalls arbeitslos wird: Ein exemplarischer Fall, geschildert wird, wie der Zustand der Arbeitslosigkeit das persönliche Leben beeinflusst, zum Negativen hin verändert. Das steht stellvertretend für Viele, so wie jeder der Beiträge dieses Buches nicht nur Einzelschicksale beleuchtet, sondern darüber hinaus auf die Situation von Menschen in ähnlicher Lage verweist, sie beschreibt, analysiert und, da wo angebracht, auch durch Grafiken und Statistiken untermauert.

Was hervorgehoben werden muss: Nicht nur die allgemeine Situation von heute wird in diesem Buch aufgezeichnet, sondern auf Entwicklungstendenzen aufmerksam gemacht. Wer heute 50, 60 Jahre alt ist, erkennt (fast) alles wieder, denn seine Lebenszeit wird hier beschrieben. Kinder haben (heute) alle Rechte, Eltern alle Pflichten, heißt es im Kapitel "Wie man in Deutschland Kinder erzieht". Autor Michael Schwelien erzählt die Geschichte der vierjährigen Tine und ihrer Eltern. Eingebettet in die Gegenwartsbeschreibung ist die Geschichte der Kindererziehung, denn: Früher sei das genau umgekehrt gewesen. "Da gaben die Eltern die Befehle ... damals wussten Kinder noch, was sich gehört - Eltern auch. Zu Hause herrschte ein autoritärer Ton, und die Familie galt als geheiligte Institution. Scheidungen waren selten, Frauen bekamen meist mehr als zwei Kinder, keiner sprach vom Generationenkrieg. Dann kam die Pille, die 68er, das Konzept der antiautoritären Erziehung ... Heute sind mehr als dreißig Prozent Frauen kinderlos. Glaubt man den Prognosen, könnten im Jahre 2020 vier von zehn Frauen ihnen Kinder bleiben. Dann dürften sich Eltern bald als Randgruppe fühlen..." Diese Methode der Zustandsbeschreibung und des Zurückblickens findet sich in allen Beiträgen, dem Leser zeigen sich die grundlegenden Veränderungen in unserem Land. Die Welt, in die er möglicherweise Mitte der fünfziger geboren wurde, ist eine völlig andere geworden.

Fazit

Wir haben das Buch ausführlich vorgestellt. Das hat es verdient, denn dieser Versuch ist einzigartig: Eine anschauliche, eindrucksvolle Tour durch die letzten fünf Jahrzehnte des Lebens in der Bundesrepublik Deutschland und dabei die Befindlichkeit unseres Landes sichtbar machen. Natürlich gibt es für den heutigen Zustand keine Formel, er lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Auswahl war notwendig, 29 Autoren stellten 29 unterschiedliche Lebensproblematiken vor und jeder Verfasser hat natürlich seine subjektive Sicht mit eingebracht. Manchmal könnte sich beim Leser eine gewisse Resignation einstellen, wenn er zum Ende mancher Beiträge gekommen ist und sich ausmalt, wie das in hier geschilderten Lebensbereichen, nennen wir nur die über die Arbeit bzw. Arbeitslosigkeit weitergehen mag. Aber das Buch ist nicht wegen des Prinzips Hoffnung geschrieben worden, sondern, wenn man so will, aus "anatomischen" Gründen. In Momentaufnahmen wird seziert, zurück geblickt, dargestellt, Schlüsse muss der Leser selber ziehen. Auf jeden Fall wollen wir diese Lektüre all jenen wärmstens ans Herz legen, die wissen wollen, wie es in unserem Lande aussieht.

Zum Schluss soll der Herausgeber noch einmal zu Wort kommen, der auf die Frage, warum in seinem Buch so wenig von Politik die Rede ist, keine Kritik an den Parteien geübt wird, die für unser Wohlergehen doch angeblich verantwortlich sein sollen und denen sonst alles in die Schuhe geschoben wird, was schief geht, antwortete: Das habe, so Sommer sinngemäß, einen einfachen Grund: Die Parteien habe man im alltäglichen Leben, von dem das Buch handelt, einfach nicht gefunden.

Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor

Es gibt 21 Rezensionen von Gerd Schneider.

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ISSN 2190-9245