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Claudia Muche: Organisationale Identitäten als Behinderung?

Cover Claudia Muche: Organisationale Identitäten als Behinderung? Entwicklungsdynamiken im Feld der Behindertenhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-3494-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das Buch wurde im Rahmen des Promotionsprogramms „Soziale Dienste im Wandel“ der Universität Hildesheim erstellt.

Thema

Zentral wird der Frage nachgegangen, warum neuere konzeptionelle Vorstellungen der Behindertenhilfe meist in den einschlägigen, insbesondere stationären, Institutionen, nicht oder nur sehr zögernd umgesetzt werden.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung geht die Verfasserin im Rahmen des zweiten Kapitels davon aus, dass derzeit sowohl die theoretischen Konzepte der Behindertenhilfe als auch die gesetzlichen Anforderungen der gelebten Praxis in den Einrichtungen der Behindertenhilfe weit vorauseilen.

Um diese Beharrungstendenzen der einschlägigen Institutionen näher zu analysieren und zu typologisieren, zeichnet die Verfasserin im Rahmen des dritten Kapitels zunächst Entwicklungsverläufe dieser Einrichtungen auf. Ausgehend von Entwicklungen aus den 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verweist sie auf Brüche in den konzeptionellen Veränderungen und parallel dazu, wie im Zuge dessen die jeweiligen Institutionen darauf reagiert haben. Dabei versucht sie konkrete organisatorische Entwicklungslinien herauszuschälen. In einem weiteren Schritt verfährt sie analog mit dem Behindertenbegriff, insbesondere dem aus der Pädagogik. Hier verweist sie sehr stark auf die Forschungsansätze von Schädler und Rohrmann, die als erste eine Verknüpfung zwischen den zeitlichen Verläufen der Interpretationen des Behindertenbegriffes und denen der organisatorischen Entwicklungspfade in den einschlägigen Institutionen hergestellt haben. Fundamentale These bis hierhin ist, dass mit dem Anstaltswesen in den Gründerjahren vieler Einrichtungen, organisationale Bedingungen geschaffen wurden, die in einer „long-term-Betrachtung“ bis heute noch virulent sind.

Im Rahmen des Kapitels 3.2 werden dann die zentralen Forschungsfragen formuliert. Diese setzen sich zunächst mit der Typologisierung von Entwicklungsverläufen und -dynamiken der Organisationen der Behindertenhilfe auseinander. Zudem werden die Handlungsmuster von Akteuren in den jeweiligen Organisationen unter die Lupe genommen. Dies wird im Kontext mit typischen Karrieren und des Umgangs mit Veränderungen in den Organisationen betrachtet. Nicht zuletzt wird der Fokus flankierend auf die Aspekte der Umwelt der spezifischen Organisationen und der Wahrnehmung von individuell ggf. vorhandenen Handlungsspielräumen innerhalb der Organisationen gerichtet. Schließlich wird der Frage nachgegangen, ob generelle Aussagen zu den oben genannten Erkenntnissen abgeleitet werden können, oder ob eventuell die regionalen Besonderheiten auf die Organisationen einen ausschlaggebenden Einfluss genommen haben.

Dies soll anhand dreier Freier Träger aufgezeigt und deren Entwicklungsverläufe über mehrere Dekaden empirisch rekonstruiert werden. Damit handelt es sich also um eine qualitative Studie.

Im vierten Kapitel wird nun eine handlungsleitende Theorie vorgestellt: „Die Entwicklungspfade“. Diese Theorie geht zurück auf Paul David und Brian Arthur. Sie wird anhand der scheinbaren „Unverrückbarkeit“ der Tastaturanordnungen von automatischen Schreibgeräten von der frühen Entstehungsgeschichte bis heute erklärt. Obwohl diese Anordnung jedweder objektiver Begründung entbehrt, hat sie – dank vieler sich gegenseitig verstärkender Effekte – bis heute keinerlei Veränderung erfahren. Das gilt trotz der vielen Versuche von Anbietern, immer wieder mit neuen und optimierten Tastaturanordnungen, sich auf den Märken zu behaupten. Daher ein Beispiel, so die Theorie, für eine sogenannte „Verriegelungssituation“ oder einem „Lock-in“. Eine Abweichung von dieser Norm wurde in der Folge – aufgrund dieser „Verriegelungssituation“ – über Generationen hinweg unmöglich. Schreyögg hat als erster diese Theorie im Jahre 2008 für die Beschreibung von organisationalen Phänomenen transformiert. Nach eingehender Diskussion unterschiedlicher Modelle, die der Pfadtheorie zuzuordnen sind, ergänzt die Verfasserin diese eher statische Perspektive durch einen pfadgestützten Ansatz einer Prozesstheorie in Anlehnung an Schreyögg, Sydow und Koch. So formt sie ein theoretisches Fundament zur Analyse der zugrundeliegenden Forschungsfragen. Ein zweites Element bildet in diesem Zusammenhang der Neoinstitutionalismus. Fokussiert die Pfadtheorie stärker die Innenperspektive einer Organisation, so steht im Neoinstitutionalismus die Umwelt einer Institution im Vordergrund.

Im Rahmen des fünften Kapitels beschreibt die Verfasserin nun ihr Untersuchungsdesign. Dabei wählt sie drei beispielhafte Institutionen der Behindertenhilfe aus. Methodisch konzentriert sie sich auf eine Tiefenanalyse mithilfe eines qualitativen Ansatzes. Konkret handelt es sich dabei um eine historische Organisationsanalyse, deren wesentliche Elemente der historischen Forschung entliehen sind. Es geht um eine Rekonstruktion von Entwicklungslinien in der Organisationsgeschichte sowie um die Analyse von Handlungsmustern der Akteure. Zudem sollen Entwicklungskonstellationen und „Entwicklungsbrüche“ nachgezeichnet werden. Die Ergebnisse sollen letztlich kategorisiert werden, oder, wie die Verfasserin schreibt, sie sollen eine „Zusammenfügung“ zu einem „Einrichtungstypus“ erfahren. Methodisch orientiert sich die Verfasserin an einem narrativen Zugang. Nach einer Dokumentenanalyse erfolgte die Auswahl der Interviewpartnerinnen und -partner. Dabei wurde zwischen solchen unterschieden, die in der jeweiligen Institution selbst verwurzelt sind und solchen, die diese aus der Außenperspektive betrachten. Bei den drei ausgewählten Trägern handelt es sich um zwei große Anbieter und einem kleineren. Der kleinere Anbieter weist ein Alter von mehr als 40 Jahren, einer der großen Anbieter von mehr als 50 Jahren und der zweite der großen Anbieter von mehr als 120 Jahren auf.

Den Anfang macht – im Rahmen des sechsten Kapitels – die große Einrichtung, die auf eine Geschichte von mehr als 50 Jahren zurückblickt. Hier werden die typischen Merkmale der Lebenshilfe als „Elternverein“ sehr deutlich. Neben vielen sehr lesenswerten Narrativen über die „Institutionsgeschichte“ hat die Verfasserin den Entwicklungsverlauf in typische Phasen einteilen können. Diese Einrichtung weist eine starke Verwobenheit mit der sozialen Umwelt auf (verankert im „Festland“), ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich fachlich kompetent und füllen hohe individuelle Handlungsspielräume aus. Es herrscht eine starke Partizipationskultur vor, insbesondere, was die Eltern der Menschen mit Behinderung betrifft, aber auch die Menschen mit Behinderung selbst. Die Organisation legt ferner großen Wert auf Außendarstellung und Lobbyarbeit.

Im Rahmen des siebten Kapitels wurde dann eine diakonische Stiftung mit einer 120-jährigen Tradition näher untersucht. Hier zeigen sich deutliche Unterschiede zum zuvor analysierten Träger. Nach einer für den Träger sehr tragischen NS-Zeit – viele der Bewohner wurden damals ermordet – ging es nach dem Kriege weiter wie zuvor. Der Anstaltscharakter dominierte. Dies führte nach erneuten Wachstumsschüben in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts zu nahezu untragbaren Zuständen im Bereich Wohnen. Stichworte zur Charakterisierung: enorme räumlich Enge, strikte Geschlechtertrennung, ausgeprägtes Obrigkeitsdenken, rigide Erziehungsmaßnahmen, einschließlich Strafmaßnahmen gegenüber den anvertrauten Menschen mit Behinderung. Später versuchte man, die Abgeschiedenheit und Segregation in pädagogisch – konzeptionelle Sinnstrukturen zu fassen. Handlungsleitendes Motiv war ab diesem Zeitpunkt dann die bewusste Abgrenzung zum „Mainstream“ der Behindertenhilfe bzw. der großen jeweils aktuellen Leitlinien. Man ist stolz auf die Tradition der Unabhängigkeit. Kennzeichnend für die Einrichtung ist insgesamt eine enorm stark ausgeprägte Angst vor Veränderungen. Dennoch kann seit Beginn der 2000-er Jahre eine leichte Tendenz der „Öffnung“ hin zur sozialen Umwelt konstatiert werden.

Die Vorstellung, Menschen mit Behinderung einen geschützten Lebensraum zu gewähren, innerhalb dessen sie Heimatgefühle entwickeln könne, ist aber nach wie vor dominierend. Die Menschen mit Behinderung oder deren Angehörige werden bei allen Wertsetzungen, die institutionell getroffen werden, so gut wie nicht einbezogen.

In der dritten detailliert analysierten Organisation, im Rahmen des achten Kapitels, handelt es sich wiederum um eine Lebenshilfe-Einrichtung, die in den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet wurde. Kennzeichnend für diese Einrichtung ist die Beschränkung auf nur ein spezifisches Handlungsfeld in der Behindertenhilfe: „Der Arbeit mit Kindern“. Dies galt bis hinein in die 80-er Jahre des letzten Jahrhunderts. Die Chronik dieses Trägers ist in erster Linie eine „Baugeschichte“. Die Entwicklung ab diesen 80-er Jahren vollzog sich im Wesentlichen entlang der „Elternbedarfe“. So entstand ein Wohnheim für Menschen mit Behinderung und auch flankierende therapeutische Angebote. Die Professionalisierung wird weniger als Folge des Größenwachstums und der Ausdifferenzierung des Angebotes erklärt, als vielmehr durch die restriktiver sich entwickelnden gesetzlichen Vorgaben. Nach den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute konnten keine wesentlichen Veränderungen mehr konstatiert werden. Man versteht sich als „familienfreundliche Expertenorganisation“. Bestehendes und Bewährtes soll beibehalten werden. Veränderungen sind nicht erwünscht. Solle Neues unvermeidbar sein, so wird es, wie z.B. der ambulante Wohnbereich, stiefmütterlich behandelt. Dennoch gibt es seit einigen Jahren immer wieder Stimmen, die eine stärkere Öffnung der Lebenshilfe in Richtung neuer konzeptioneller und baulicher Entwicklungen gehen. Diese konnten sich bisher aber nicht durchsetzen.

Das neunte Kapitel widmet sich dann der Auswertung der Ergebnisse der qualitativen Analysen dieser drei Einrichtungen. Dabei erstaunt, dass bei aller Unterschiedlichkeit, die Verfasserin den Fokus der Auswertung zunächst auf die Gemeinsamkeiten, geschuldet der „In the long run“-Entwicklungsdynamiken der Behindertenhilfe, deutet. Hier wird vor allem der Charakter der für die Menschen mit Behinderung omnipotenten Institution (Komplexeinrichtung) hervorgehoben. Es ist nicht – wie etwa in der Medizin – die ambulante Versorgung der Normalzustand, sondern die stationäre. Ambulante Strukturen sind eher die Ausnahmen. Insgesamt hebt die Verfasserin den Charakter der Konformität und Dauerhaftigkeit der Einrichtungen hervor. In einem weiteren Schritt, angelehnt an die Metapher „Festland“, „Insel“ und „Halbinsel“ ordnet sie dann die drei Einrichtungen, um sie zu charakterisieren, diesen Termini zu. Letztlich bezieht sie sich wiederum auf die eingangs beschriebene Pfadtheorie, um die funktionale Starrheit der organisationalen Systeme erklären zu können.

Neben der Zusammenfassung wagt die Verfasserin noch einen Ausblick (zehntes Kapitel). Hier wird deutlich, dass, nimmt man die gesellschaftliche Aufgabe der Inklusion ernst, es zu völlig neuen organisatorischen Identitäten kommen muss. Die Menschen mit Behinderung müssten selbst die Akteure Ihrer jeweils spezifischen Lebensentwürfe werden.

Diskussion

Hierbei handelt es sich um eine Untersuchung, wäre sie noch nicht durchgeführt worden, sie wäre längst überfällig gewesen!

Das theoretische Fundament der Pfadtheorie und des Neo-Institutionalismus überzeugt ebenso, wie die Methode der historischen Erzählungen, die der Geschichtswissenschaft entliehen wurde. Liest man die Narrative der Interviews, so kann einem der „Mittelteil“ der Arbeit etwas prosaisch erscheinen. Man fragt sich auch immer wieder, ob diese Vorgehensweise nicht den Bezug zum theoretischen Fundament verloren habe.

Doch bei der Auswertung und Diskussion der Ergebnisse wird dann zunehmend die Rückbindung ans theoretische Fundament deutlich. Es geht nicht einfach nur darum, dass Organisationen ohne beträchtlichen äußeren Druck sich nicht gerne verändern. Das wäre auch mit traditionellen Theorien schnell erklärt worden. Die Pfade vermögen die Stabilität von Strukturen in ganz spezifischen Organisationen mit jeweils unterschiedlichen Zwecken in ihren tiefer liegenden, auch historisch geformten, inneren „Logiken“ (Philosophien und Kulturen) sowie der äußeren Akteure (wie Kostenträger, Angehörige und Eltern) zu erklären. All das kann leider in einer groß angelegten repräsentativen Studie über alle freien Träger hinweg, nicht ergründet werden. Kennt man die Protagonisten der Behindertenhilfe, dann wird vermeintlich genau in diese „Wunde“ der Finger gelegt. Man wird behaupten, keiner der hier vorgestellten Träger sei repräsentativ und die Ergebnisse daher ein Produkt des Zufalls. Man wird jedwede generelle Erkenntnis, die sich hinter diesen „Einzelfällen“ verbergen könnte, verneinen. Sieht man dieses jedoch anders, dann wird deutlich, welch enorme Aufgabe vor denen liegt, die in der Behindertenhilfe weiterhin von Inklusion „träumen“.

Fazit

Das Buch kann allen, die in Wissenschaft und Praxis mit der Sozialen Arbeit mit Menschen mit Behinderung zu tun haben, in hohem Maße empfohlen werden. Geht es aktuell zum Beispiel um Fragen der hemmenden Faktoren zur Umsetzung des Leitgedankens der Inklusion, so werden sich daran anknüpfend noch eine ganze Reihe weitergehender Forschungsprojekte, insbesondere bezogen auf die Freien Träger, ableiten lassen.


Rezensent
Prof. Dr. Arnold Pracht
Hochschule Esslingen
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Zitiervorschlag
Arnold Pracht. Rezension vom 17.08.2017 zu: Claudia Muche: Organisationale Identitäten als Behinderung? Entwicklungsdynamiken im Feld der Behindertenhilfe. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3494-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22540.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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