socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention. Das Berliner Modell

Cover Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention. Das Berliner Modell. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. 283 Seiten. ISBN 978-3-8340-1649-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch dokumentiert und reflektiert einerseits Berliner Schulgeschichte mit dem Fokus auf die Entwicklung der Suchtprophylaxe, andererseits gibt es konkrete Hinweise zu Möglichkeiten, Umsetzung bzw. Optimierung der Suchtprävention im schulischen Kontext. Dabei haben die berichteten Berliner Erfahrungen Präzedenzcharakter für Deutschland.

Herausgeber und Autoren

Der Herausgeber Professor emeritus Ewald Johannes Brunner war Inhaber des Lehrstuhls Pädagogische Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er gründete den Orbit e.V. Jena für Organisationsberatung und ist heute dessen Ehrenmitglied. Seine Arbeitsgebiete sind unter anderem Organisationsberatung in pädagogischen Handlungsfeldern, Systemische Theorie und Methodologie, Interaktion in der Familie sowie Lehrer-Schüler-Interaktion.

Die Mitautoren des Bandes sind oder waren alle direkt am Berliner Modell schulischer Suchtprävention beteiligt und können daher praxisnah berichten. Zum Teil haben Sie zum Thema Suchtprävention eigene Publikationen veröffentlicht.

Zielgruppe

Das Buch ist insbesondere für Lehrer und andere pädagogisch Engagierte in Schulen aber auch Vereinen sowie für Mitarbeiter auf der Verwaltungs- und administrativen Ebene, die sich der Suchtprophylaxe verschrieben haben, von besonderem Interesse. In gewisser Weise handelt es sich um einen Ratgeber zum Aufbau und der Qualitätssicherung einer breit angelegten Suchtprävention.

Aufbau und Inhalt

Das rund 280 Seiten umfassende Buch gliedert sich in eine Einführung, fünf Hauptabschnitte mit je zwei bis vier Beiträgen und eine Bilanz.

In der Einführung gibt E.J.Brunner einen Überblick über die einzelnen Beiträge.

Abschnitt eins „Auf dem Weg zu einer neuen Qualität schulischer Suchtprävention“ beginnt mit einer historischen Übersicht über die Entwicklung der Suchtprävention in Berlin und deren Weg in die Schule von Elvira Surrmann. Das Thema beginnt nicht erst mit den Kindern vom Bahnhof Zoo, sondern bereits im Mittelalter. Hürden, Wege und Sackgassen der Entwicklung, Suchtprophylaxe an der Schule zu betreiben, werden nachgezeichnet bis hin zur Implementierung von Qualitätsstandards und eines Qualitätsmanagements der Suchtprophylaxe. An dessen Ende auch ein entsprechendes Handbuch stand, welches 2007 erschien. Trotz dieser Erfolge gerät die Suchtprophylaxe wieder in Vergessenheit und die Senatsverwaltung kürzt die Mittel, was Surrmann zu der Frage führt, welche Interessen hier im Spiel sind und sie verweist darauf, dass es nicht nur um aktuelle Suchtmittelproblematiken geht, sondern um „eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Suchtmittelkonsums und ihren Akteuren“ (49).

Anschließend fragt E.J. Brunner vor dem Hintergrund systemtheoretischer Expertise, ob Schulverwaltungen lernen können. Ein demokratischer Führungsstil – so konstatiert Brunner - kann die Lernbereitschaft erhöhen, so dass Synergieeffekte wahrscheinlicher werden. An der Entwicklung des Berliner Modells wird dies inklusive der ‚bremsenden Faktoren‘ illustriert. Auch dieser Beitrag endet vor dem Hintergrund, dass „ein erfolgreiches und vorzeigbares Projekt wie die Berliner Suchtprophylaxe (…) radikal (…) reduzier[t] und bis zur Unkenntlichkeit (…) verunstalte[t]“ wurde (59) mit dem Appell bzw. der Frage, ob auch auf höherer Ebene, der Schulverwaltung, Lernfähigkeit der Organisation attestiert werden kann.

Im zweiten Abschnitt „Zur Grundlegung des Berliner Modells schulischer Suchtprävention“ folgen drei Beiträge von Heinz Kaufmann. Im ersten wird historisch die Entwicklung der Suchtprävention in der Grundschule nachgezeichnet. 1977 wurden erstmals auf Beschluss des Berliner Abgeordnetenhauses sogenannte „Drogenkontaktlehrer“ ‚eingeführt‘, aber erst 1986 – so Kaufmann – beginnt eine Blütezeit der Grundschul-Suchtpräventionslandschaft, deren positive Entwicklung bis 2007 beschrieben wird. Hier findet sich auch ein Interview mit einer in der Suchtprophylaxe engagierten Klassenlehrerin, die persönliche Erfahrungen berichtet und auf unterstützende und begrenzende Faktoren hinweist. Zudem unterstreichen zwei Koordinatorinnen die Notwendigkeit früher Suchtprophylaxe, die primär in der Stärkung der Persönlichkeit der Kinder besteht. Daran schließt der zweite Beitrag „Leitlinien und Standards in der Berliner Suchtprävention“ an. Hier wird der Gedanke der Erziehung betont. In Differenz zur berühmten Trias „Abschreckung – Verbot – Bestrafung“ geht es um„Selbstwertgefühl, Selbstwirksamkeit, Selbstverantwortung, Resilienz oder Persönlichkeitsstärkung.“ (77) Wie jeder professionelle Pädagoge weiß, gibt es dafür keine Rezepte. Heinz belegt aber anhand zweier Dokumente aus dem Handbuch zum Qualitätsmanagement, welches in Zusammenarbeit mit dem Orbit e.V. entwickelt wurde, wie durch Reflexion der eigenen Arbeit Qualitätsstandards und Selbstverständnis entwickelt werden können, die eine grundlegende Haltung sichern, um erfolgreich agieren zu können. Der stark praxisorientierte dritte Beitrag „Das ‚Dorf‘ als suchtpräventives Lernmodell“ beschreibt Schutz- und Risikofaktoren in Verbindung mit zwei Reflexionsübungen für den Leser.

In Abschnitt drei „Qualität durch Qualifizierung“ nimmt E.J. Brunner die Thematik „Qualitätssicherung in pädagogischen Institutionen“ wieder auf. Am Beispiel des Führungszirkels der Koordinatoren, also denjenigen, die die Kontaktlehrer qualifizieren, zeigt Brunner das „ABC der Qualitätssicherung pädagogischer Arbeit“ (101) sowie Probleme, die die Engagierten erfahren mussten, aber auch deren Lösungen z.B. über die Hilfe professioneller Organisationsberatung von außen. Unter anderem wird gezeigt, wie der „virtuelle Koordinator“ als internetbasiertes Kommunikationssystem Synergieeffekte erzeugen kann. Zudem wurde ein Qualitäts-Management-System entwickelt, dessen Ergebnis ein Handbuch ist, welches Arbeitsprozess und -struktur regelt. Ein Dokument zu Funktion und Inhalt des Handbuchs fasst die Leitlinien noch einmal zusammen. Der Weg dorthin war zwar nicht konfliktfrei aber erfolgreich, wie die Evaluation des QM-Systems durch den Herausgeber ergab. Die Ergebnisse finden sich im Anhang des Aufsatzes.

Der folgende Beitrag von Heinz Kaufmann befasst sich dann mit der Umsetzung und den Herausforderungen im Kontext der Qualitätssicherung, die im Wesentlichen Fortbildung der Lehrkräfte, Kooperation und Vernetzung betreffen. Klaus Schupp vertieft die Thematik der Fortbildung in seinem Beitrag auf über 30 Seiten, in dem er die historische und inhaltliche Entwicklung bis hin zur Einführung eines Jahreslehrgangs für Fachseminarleiter in der Suchtprophylaxe, eines ähnlichen für Multiplikatoren sowie weitere Angebote inklusive der Inhalte und Ansprüche beschreibt. Auch die ersten Kontakte zum Osten der Stadt werden aufgegriffen. Schupp ist seit langem mit Fortbildungen in der Drogenprophylaxe beauftragt bzw. hat deren Entwicklung mit seiner Kollegin aktiv in Berlin begleitet und gestaltet.

Der anschließende Abschnitt umfasst vier Beiträge aus der Praxis schulischer Suchtprävention. Im ersten Beitrag beschreibt Heinz Kaufmann am Beispiel des Rauchverbots nach dem Motto „Gute Wege + klare Regeln“ (165) sehr konkret die Umsetzung im Rahmen der bereits in der Schule etablierten Suchtprophylaxe – und zwar vor dem offiziellen Verbot per Rundschreiben durch die Verwaltung. Es werden auch Dokumente abgedruckt für die konkrete Arbeit z.B. mit den Eltern (Elternbriefe usw.). Zudem wird die Öffentlichkeitsarbeit dargestellt. Der zweite Beitrag von Evelyn Theurich-Luckfiel widmet sich Kindern aus „Suchtfamilien“ als Herausforderung für die Schule. Der nachfolgende Beitrag der Autorin beschreibt die Suchtprophylaxe im Kontext des „Ankommens in der Oberschule“, da der Übergang eine Belastungssituation für die Schüler darstellt, die entsprechend zu beachten ist. Auch hier finden sich konkrete Beispiele zur Gestaltung dieses Übergangs im Sinne eines möglichst angstfreien Einstiegs bzw. wird evident, dass Suchtprophylaxe wesentlich auf die Herstellung eines Gefühls des Wohlbefindens zielt. Der Beitrag von Christa Schäfer beschreibt die Implementation von BuddY-Praxisprojekten, in deren Rahmen die Schüler selbst Schule gestalten und ihre Stärken erfahren können. Der Lehrer fungiert dabei eher begleitend. Die Grundidee von BuddY wird skizziert sowie Praxisbeispiele aufgezeigt.

Im vorletzten Abschnitt werden in zwei Beiträgen von Heinz Kaufmann der „interaktive Briefkasten“ – ein niederschwelliges Angebot anonymer Beratung sowie die im Rahmen des QM-Managements entstandenen (Kartei-)Karten als „Werkzeuge“ der Berliner Suchtprophylaxe vorgestellt. Diese Karten beinhalten – analog oder digital – kurze, knappe und klare Informationen für die in der Suchtprophylaxe Engagierten. Es werden verschiedene Beispiele solcher Karten vorgestellt.

Im letzten Abschnitt wird „Bilanz“ gezogen. Dieser ist von Ambivalenz geprägt. Einerseits ist da der berechtigte Stolz auf das Geleistete und im Buch umfassend Dokumentierte, zugleich – auch das klang in vielen Beiträgen an – werden die Folgen der vielen Kürzungen sichtbar bspw. sind der interaktive Briefkasten und das internetbasierte Kommunikationssystem „durch die Senats-Bildungsverwaltung ohne vorherige Information oder Diskussion ‚vom Netz genommen‘“ worden (250).

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch hinterlässt ein ambivalentes Gefühl. Es ist einerseits eine kleine Werbeschrift für die eigene Arbeit. Es ist die Dokumentation einer Erfolgsgeschichte aus Perspektive der Mitwirkenden bzw. der professionellen Begleitung seitens des Herausgebers bzw. des Orbit e.V. Im Hinblick auf die Zielgruppe ist es weniger ein Buch für Wissenschaftler, sondern vielmehr für Praktiker mit vielen konkreten Beispielen und Materialen sowie nützlichen Erfahrungen aus dem Berliner Modell. Das Buch eröffnet die Möglichkeit, von diesen zu profitieren, so dass Engagierte (oder auch ganze Bundesländer – sofern sie es wollen) auf sehr konkrete Expertise für die eigene Arbeit in der Suchtprophylaxe zurückgreifen können.

Andererseits bleibt der fade Nachgeschmack, dass – obwohl es vermutlich keinen Streit über die Bedeutsamkeit von Suchtprävention gibt –, diese radikale Einschnitte erlebt, die einen Großteil der über Jahre hinweg entwickelten pädagogischen Arbeit zu Nichte macht oder mit Heinz Kaufmann gesprochen „blühende Pflanzen vertrocknen [lässt]“ (267).

Das Buch ist insofern auch eine klare Kritik der Missachtung der pädagogischen Arbeit und unredlicher deutscher bzw. Berliner (Bildungs-)Politik. Ohne dieses Buch würde – und insofern ist Werbung berechtigt – kaum jemand außer die Betroffenen Notiz von den Bemühungen und Erfolgen der Suchtprävention nehmen sowie die Streichung von Geldern bemerken.

An der Oberfläche tönen politisch Verantwortliche zwar von Bildung, Qualität und keiner solle zurückgelassen werden, schreiben sich Inklusion und jüngst auch wieder Integration auf die Fahne, wer jedoch genauer hinsieht oder auch in die konkreten Zusammenhänge involviert ist, wird eher ernüchtert. Am Ende scheint vielfach das Engagement der Basis und das Ehrenamt der rettende Strohhalm.


Rezensent
Dr. Steffen Großkopf
Friedrich-Schiller-Universität Jena Institut für Bildung und Kultur Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.22022


Alle 10 Rezensionen von Steffen Großkopf anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Steffen Großkopf. Rezension vom 23.03.2017 zu: Ewald Johannes Brunner (Hrsg.): Schulische Suchtprävention. Das Berliner Modell. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2016. ISBN 978-3-8340-1649-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22542.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!