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Lisa Malich: Die Gefühle der Schwangeren

Cover Lisa Malich: Die Gefühle der Schwangeren. Eine Geschichte somatisch begründeter Emotionalität (1780-2010). transcript (Bielefeld) 2017. 446 Seiten. ISBN 978-3-8376-3596-6. D: 36,99 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 45,10 sFr.
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Thema

Lisa Malich stellt in einer Diskursanalyse dar, welche Gefühle schwangeren Frauen zugeschrieben werden. Sie untersucht dazu Quellen vom späten 18. bis zum frühen 21. Jahrhundert und stellt fest, dass die Gefühle der Schwangeren durch unterschiedliche Konzepte vom weiblichen Körper bestimmt werden. Der weibliche Körper wiederum wird, nachdem in früheren Jahrhunderten die „Nerven“ oder „mütterliche Instinkte“ von besonderer Bedeutung waren, im aktuellen Diskurs von Hormonen gesteuert.

Autorin

Lisa Malich ist Historikerin und Psychologin. Sie ist Juniorprofessorin für Wissensgeschichte der Psychologie am Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck.

Entstehungshintergrund

Schwangerschaft ist in Deutschland im beginnenden 21. Jahrhundert für viele Frauen zu einem seltenen oder sogar einmaligen Lebensereignis geworden. Für diese Ausnahmesituation halten Mediziner_innen, Hebammen und andere (z.T. selbst ernannte) Expert_innen eine Flut von Ratschlägen, Hilfen und Interventionen bereit. In der Medizin herrscht der Risikodiskurs vor, während Hebammen eher „Natürlichkeit“ in den Vordergrund stellen. Gemeinsam ist beiden Ansätzen die Bezugnahme auf den weiblichen Körper. Und so beginnt Lisa Malich ihre Genealogie der Gefühle von Schwangeren mit der Feststellung: „Schwangere werden von Hormonen beherrscht“ (S. 7). Schwangerschaft wiederum ist im Mainstream unauflöslich mit Weiblichkeit verbunden und zugleich ein zentrales Beispiel dafür, wie sehr Weiblichkeit durch den Körper und seine Biologie (bzw. was dafür erklärt wird) bestimmt wird.

Aufbau und Inhalt

Nach einem knappen Referat des Forschungstandes macht Malich einige Anmerkungen zur Methode. U. a. grenzt sie ihre Quellen ein: medizinische Fachliteratur, Ratgeberliteratur und schließlich etwas, das sie „Hebammenliteratur“ nennt. In erfrischend kurzer Form stellt sie ihre methodisch relevanten Prämissen dar und kommt dann ohne Umschweife zur Sache.

In drei umfangreichen Kapiteln wird die Diskursgeschichte der Gefühle in der Schwangerschaft dargestellt. Längere Ausführungen werden jeweils durch ein Fazit abgeschlossen, am Ende jedes Kapitels steht eine Zusammenfassung.

Das Kapitel I behandelt Diskurse des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen die Nerven das zentrale körperbezogene Erklärungsmodell für die Gefühlswelt der Schwangeren sind. Die Nerven der Schwangeren sind gespannt, ihre Sinne geschärft. Sie ist reizbar und verstimmt. Äußere Reize dringen kaum gefiltert zum Ungeborenen durch, weshalb sie sich vor schädlichen Einflüssen in Acht nehmen muss.

Im Kapitel II taucht die Mütterlichkeit auf. Ab dem beginnenden 20. Jahrhundert werden Schwangeren Glücks- und Muttergefühle zugeschrieben. Schwangere, die missgestimmt sind, erscheinen nun als degeneriert, während die gesunde Frau sich wohlzufühlen hat. Die Genetik und Eugenik spielen eine erhebliche Rolle. Nur langsam sickern die Hormone als in den Diskurs ein. Die Entwicklung hormongestützter Schwangerschaftstests und Verhütungsmittel sind dabei zentrale Faktoren.

Das Kapitel III beschäftigt sich schließlich mit der hormonell bestimmten Gefühlswelt der Schwangeren. Ab den 60er Jahren entwickeln sich vor allem Progesteron, Östrogene und HCG als die zentralen Akteure, die schwangere Emotionen bestimmen. Zwar sind die wissenschaftlichen Fakten hierzu widersprüchlich, im Diskurs jedoch setzen sich Vorstellungen von Hormonüberflutung und geradezu chaotischem Gefühlsdurcheinander bei Schwangeren durch.

Durch alle drei Kapitel zieht sich die Feststellung, dass Weiblichkeit in den unterschiedlichen Erklärungsmodellen als defizitär und tendenziell pathologisch erscheint. Die Modelle sind immer auch geeignet, Frauen Vorschriften zu machen, was sie zu tun oder zu lassen haben, oder aber bestehende Geschlechterverhältnisse zu legitimieren. Ein besonders plastisches Beispiel ist der angebliche, durch Hormone hervorgerufene „Nestbautrieb“, der sich u.a. in Putzanfällen ausdrücken soll. Wie praktisch für den zugehörigen Kindsvater, wenn die Schwangere von Natur aus zum Saubermachen gestimmt ist…

Im Kapitel IV fasst Malich ihre Diskursgeschichte in zwei Thesen zusammen:

  1. Die erste These beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen körperlichem Erklärungsmodellen und der Emotionalität. Malich zeigt, dass die postulierten Emotionen dem jeweils aktuellen Körpermodell folgen. Zudem stellt sie dar, wie die Vorstellungen von Emotionen der Schwangeren an andere Kategorien von Weiblichkeit, z.B. das prämenstruelle Syndrom oder die Wechseljahre angelehnt sind und wie sich die Kategorien gegenseitig stützen, auch wenn wissenschaftliche Beweise fehlen.
  2. Die zweite These postuliert, dass die jeweils körperzentrierten Begründungen für die Emotionen von Schwangeren geeignet sind, den äußeren, gesellschaftlichen Rahmen auszublenden. Gefühlschaos, Ängste und Verstimmung durch Hormone zu begründen, lenkt von Bedingungen ab, die sehr wohl verwirrend, beängstigend oder frustrierend sein können. Dies sind z.B. die Doppelbelastung vieler Frauen durch Beruf und Mutterschaft, die Retraditionalisierung, die in vielen Partnerschaften mit der Geburt eines Kindes einsetzt, oder aber die unüberschaubare Flut an unterstellten Risiken und darauf gerichteten Untersuchungen und Interventionen, die das Gesundheitssystem bereithält.

Diskussion

Malich breitet über 230 Jahre hinweg eine kaum überschaubare Menge an Quellen aus. Nach welchen Kriterien sie ihre Quellen auswählt, bleibt offen. Trotz des umfangreichen Materialkorpus vermisst die Leserin in allen drei Kategorien einige gegenwärtig recht prominente Werke. Es braucht Geduld, um sich durch 230 Jahre Diskurs hindurch zu arbeiten. Malich arbeitet detailreich, setzt gelegentlich, entsprechend einer „Zeitfaltung“, wieder an einem früheren Zeitpunkt an, verfolgt parallel laufende Strömungen, z.B. in der alten Bundesrepublik und der DDR und fasst dann wieder zusammen. Die oben stehende Inhaltsübersicht zeigt nur einen Bruchteil der zahlreichen tatsächlich bearbeiteten Vorstellungen und Begrifflichkeiten, die in den Quellen erscheinen. Dennoch sind Malichs Ausführungen gut nachvollziehbar, u.a. weil sei immer wieder von kurzen Übersichten über die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und Entwicklungen im Gesundheitswesen bzw. hinsichtlich der Bedeutung von Schwangerschaft begleitet werden.

Fazit

Die Leserin bleibt mit mehreren Wünschen zurück:

  • Das Buch würde sehr von einem Begriffs- und Namensregister profitieren.
  • Wie bei einem Cochrane Review könnte eine Zusammenfassung „in plain language“ eine breite Rezeption der Ergebnisse unterstützen.
  • Vor allem die Kapitel III und IV sollten als Pflichtlektüre in Hebammenstudiengänge und die Facharztausbildung für Gynäkologie und Geburtshilfe gehören.
  • Und schließlich: Frau Malich möge sich nach den Gefühlen, dem Progesteron und HCG auch einmal intensiver des „Bondings“ und des Oxytocins annehmen.

Rezensentin
Prof. Dr. phil. Dorothea Tegethoff
Master of Health Administration, Diplom-Pädagogin, Hebamme, Ev. Hochschule Berlin, Dualer Bachelorstudiengang Hebammenkunde
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Zitiervorschlag
Dorothea Tegethoff. Rezension vom 15.09.2017 zu: Lisa Malich: Die Gefühle der Schwangeren. Eine Geschichte somatisch begründeter Emotionalität (1780-2010). transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3596-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22546.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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