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15. Kinder- und Jugendbericht

Cover 15. Kinder- und Jugendbericht. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2017.

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Thema

Standen in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten vorwiegend Themen zur Kindheit im thematischen Fokus der Kinder- und Jugendhilfe, so nimmt der aktuelle 15. Kinder- und Jugendbericht themenspezifisch das Lebensalter Jugend in den Blick, nachdem der 14. Kinder- und Jugendbericht ein Gesamtbericht zur Kinder- und Jugendhilfe gewesen ist. Der facettenreiche Titel des Berichts „Zwischen Freiräumen, Familie, Ganztagsschule und virtuellen Welten – Persönlichkeitsentwicklung und Bildungsanspruch im Jugendalter“ gründet sich auf den Berichtsauftrag durch die Bundesregierung, eine Lebensphase zu betrachten, „deren Rahmenbedingungen des Aufwachsens und generationale Lage sich in den letzten 20 Jahren erheblich verändert haben“ (S. 47).

Neu, im Vergleich zu den vorangegangenen vierzehn Berichten, ist eine vom BMFSFJ herausgegebene Jugendbroschüre zum 15. Kinder- und Jugendbericht mit dem Titel „Jugend ermöglichen“. Die Jugendbroschüre bereitet die Kerninhalte des 575 S. (im DIN A4 Format) umfassenden Berichts so auf, dass sie für junge Menschen verständlich sind und gleichzeitig eine Basis und Anregung für diese bildet, sich jugendpolitisch zu engagieren. (Bezugsquelle für die Jugendbroschüre ist: Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09).

Herausgeber

Herausgeber des Kinder- und Jugendberichts ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Auftraggeberin ist die Bundesregierung, die dem Bundestag und Bundesrat in jeder Legislaturperiode einen Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe vorlegt (SGB VIII, § 84). Mit der Erstellung beauftragt wird eine Kommission, der mindestens sieben Sachverständige aus der Wissenschaft und Persönlichkeiten aus der Praxis angehören. Der Kommission des 15. Kinder- und Jugendberichts gehörten zwölf Sachverständige an. Vorsitzender der Kommission war Thomas Rauschenbach, Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI). Das DJI ist Federführer in der Erstellung des jeweiligen Berichts.

Entstehungshintergrund

Hatten bis Mitte der 90ger Jahre (inklusive des neunten Berichts) die Berichte die Jugend thematisch im Fokus, so weitete sich mit dem zehnten Bericht die Berichterstattung auf das Kindesalter aus, ja Kindheit, insbesondere frühe Kindheit, wurde im Vergleich zum Lebensalter Jugend immer zentraler. Umso stärker hervorzuheben ist, dass sich der 15. Bericht explizit mit dem Lebensalter Jugend befasst, zumal Jugend immer weniger im Blickfeld öffentlichen Interesses, auch im Sinne einer eigenständigen Jugendpolitik, gewesen ist. Das BMFSFJ z.B. als Herausgeber der Kinder- und Jugendberichte war im Blick der Öffentlichkeit zunehmend stärker, z. B. im Spiegel der Medien, auf Familienministerium eingeschrumpft.

Die Bundesregierung hat am 01.02.2017 die Stellungnahme zum Bericht beschlossen, der Bundesrat den Bericht insgesamt am. 31.03.2017.

Aufbau

In acht Kapiteln entwickelt die Sachverständigenkommission ihre thematischen Überlegungen. Thematische Leitlinie ist „Jugend ermöglichen“ als zentrale gesellschaftliche Aufgabe in Gegenwart und Zukunft.

Als Kernherausforderungen des Jugendalters formuliert die Kommission Qualifizierung, Selbstpositionierung und Verselbständigung.

  1. Das erste Kapitel beginnt mit der Kernfrage „Wie wird Jugend ermöglicht?“ Hervorzuheben ist ein Exkurs am Ende des Kapitels (S. 117 ff.) zur Beteiligung Jugendlicher an der Berichterstattung.
  2. Es folgt im zweiten Kapitel eine empirische Bestandsaufnahme zu Lebenslagen Jugendlicher und junger Erwachsener.
  3. Im dritten Kapitel geht es um Alltagsleben, Ausdrucksformen und Handlungsräume Jugendlicher,
  4. im vierten Kapitel um das digital vernetzte Leben Jugendlicher,
  5. im fünften Kapitel um die Ganztagsschule als Regelangebot aus einer jugendorientierten Sicht,
  6. im sechsten Kapitel um Kinder- und Jugendarbeit im gesellschaftlichen Wandel,
  7. im siebten Kapitel um Soziale Dienste für Jugendliche und junge Erwachsene im institutionellen Gefüge des Aufwachsens und
  8. im achten Kapitel schließlich um „Jugend ermöglichen“ als Plädoyer für eine neue Jugendorientierung.

Dem Bericht vorangestellt sind die Stellungnahme der Bundesregierung, das Vorwort des Vorsitzenden der Kommission und eine Zusammenfassung.

Zu Kapitel 1

Welche Bilder von Jugend herrschen vor? Kann überhaupt noch von einer gemeinsamen Generationenlage Jugend gesprochen werden, die sich von anderen Lebensphasen abgrenzen lässt? So lassen sich die Fragen eingangs des ersten Kapitels umschreiben.

Im Gefüge öffentlicher Institutionen wird Jugend nach ihren Qualifikationen und nach ihren politischen Haltungen bewertet, in ihrer sozialen Zugehörigkeit analysiert und an ihrer sozialen Integration gemessen (S. 47). Entsprechend werden diskutiert:

  • die Jugend der Politik,
  • die Jugend der Schulen,
  • die Jugend der Sozialen Dienste,
  • die Jugend der Medien,
  • die Jugend der Ökonomie,
  • die Jugend der Kinder- und Jugendarbeit etc.

Die Jugendlichen sind dabei in aller Regel dem Zwang zur Selbstoptimierung ausgesetzt.

Kritisch sieht die Kommission Generationenzuschreibungen wie Generation Praktikum, X, Y oder Z, zumal bei ihnen das institutionelle Gefüge kaum kritisch analysiert wird. Im Zentrum der Sachverständigenkommission stehen die jeweiligen Ausdrucksformen Jugendlicher und junger Erwachsener als Modus gesellschaftlicher Integration und der generationalen Ordnung des Sozialen. Entsprechend wird nach den Kernherausforderungen gefragt im Lichte der generationalen Ordnung. Die Kommission arbeitet diesbezüglich heraus: Qualifizierung, Verselbständigung, (Selbst-)Positionierung als „Identitätsbalance zwischen subjektiver Freiheit und sozialer Zugehörigkeit“ (S. 96). Grundlegend ist für den 15. Jugendbericht die Frage, „wie die Kernherausforderungen politisch reguliert sind und unter welchen Bedingungen die Jugendlichen diese bewältigen und gestalten“ (S. 99).

In diesem Zusammenhang spielt das Ringen um Freiräume und um Partizipation eine wichtige Rolle. Partizipation ist auch bei der Berichterstellung selbst von großer Bedeutung. (Wie)Lassen sich Jugendliche und junge Erwachsene an der Berichterstellung beteiligen? so wird im Bericht gefragt (S. 116).

Die Kommission sieht sich in einem Beteiligungsdilemma. Nur schwerlich ließ sich das Grundkriterium partizipativer Forschung, nämlich Jugendliche und junge Erwachsene bei der Wissenserzeugung an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt zu beteiligen, realisieren. Immerhin: Es fanden Gespräche mit Jugendlichen in verschiedenen Regionen Deutschlands statt, die an entsprechenden Stellen des Berichts einfließen: u. a. im Bereich des Alltags Jugendlicher und ihrer Familien, in Bezug auf Jugendliche in den Schulen, in der Freizeit, im Medienalltag, in der politischen Bildung, in Bezug auf Übergänge Schule/Beruf und schließlich auch in Bezug auf Inklusion.

Zu Kapitel 2

Vertieft sichtbar wird durch empirische Bestandsaufnahmen im zweiten Kapitel, dass Jugend zeitlich gesehen keinen klaren Anfang und kein entsprechend klares Ende hat. Sie beginnt im zweiten Lebensjahrzehnt und endet in der zweiten Hälfte des dritten Lebensjahrzehnts.

Herausgearbeitet wird in den Bestandsaufnahmen, dass die Lebenslage junger Menschen durch eine wachsende migrationsbedingte Diversität gekennzeichnet ist, dass Jugendliche und junge Erwachsene selten arbeitslos, aber oftmals prekär beschäftigt sind, dass Freizeit auch Bildungs- und Qualifikationszeit ist, dass Verselbständigung nicht für alle jungen Menschen gleich verläuft, dass soziale Disparitäten die Lebenslage Jugendlicher prägen und dass sich Verselbständigung als Kernherausforderung des Jugendalters (S. 178) ausdifferenziert hat. Jene ist viel mehr als eine Loslösung vom Elternhaus. Herausgearbeitet wird im zweiten Kapitel außerdem, dass Verselbstständigung durch gesellschaftliche Strukturen sozialerer Ungleichheit sehr unterschiedlich verläuft.

Zu Kapitel 3

Was tun junge Menschen außerhalb von Bildungsinstitutionen? Wo und wie findet Jugend eigentlich statt? (S. 199). Wie ereignet sich das, was unter Jugend verstanden wird? Welche öffentlichen Räume nutzen Jugendliche? Danach wird im dritten Kapitel gefragt.

Bedeutsam für Jugendliche sind das familiale Leben, aber auch die Beziehung zu Gleichaltrigen, Dabei sieht der Bericht immer auch, dass das Familienleben, aber auch der Zugang zu Peergroups schwierig sein können. Über Musik, Kleidung, Symbole und Sprache schaffen Jugendliche eigene, kreative Formen zu ihrem Lebensgefühl. Jugendliche sind engagiert in Jugendverbänden, vor allem jedoch auch in sozialen Netzwerken und Jugendliche leben Religiosität und üben sich in Partnerschaft ein.

Herausgestellt wird im dritten Kapitel des Berichtes, dem zweiten Kapitel entsprechend, auch die problematische Seite jugendbezogener Ausdrucksformen, wie das Betreiben rassistischer und gewaltförmiger Selbstpositionierungen, der Konsum illegaler Drogen, die soziale Isolation, belastete Peer- und auch Paarbeziehungen und das Leben in peripherisierten Land- und segregierten Stadträumen.

Hervorzuheben ist der Blick auf Jugendräume als transnationale Räume und mit ihnen das Sammeln grenzüberschreitender Erfahrungen, sei dies im Kontext von Migration oder seien dies Mobilitätspraktiken in sozialen Netzwerken.

Auch im dritten Kapitel werden Sichtweisen Jugendlicher selber sichtbar in Gestalt von Wochenplänen, die die Jugendlichen erstellt haben. Breiten Raum nimmt die Darstellung politischer Beteiligung ein (S. 235 ff.)und darin politische Ausdrucksformen zwischen Teilhabe und Jugendprotest.

Zu Kapitel 4

Das vierte Kapitel zeigt, wie sich das Alltagsleben Jugendlicher durch die Integration digital-vernetzter Medien nicht zuletzt durch ihre Möglichkeiten zur Kommunikation verändert hat.

Online-Kommunikation verschafft Jugendlichen zusätzliche Autonomiegewinne (S. 59). Auch das mediale Handeln stellt sich sozial ungleich dar und trägt zu einer Reproduktion sozialer Ungleichheiten bei. So verfügen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen über einen Zugang zu Medien mit einer größeren Optionsvielfalt als z. B. Hauptschüler und Hauptschülerinnen. Sichtbar wird, dass digitale Medien und Technologien selber Beteiligte im Handlungsverlauf sind: Sie ermöglichen, ermächtigen, bieten an, ermutigen, erlauben verhindern, schließen aus etc. (S. 273). Sie erzeugen auch sozialen Druck durch den nahegelegten Zwang permanenter Erreichbarkeit.

Soziale Netzwerke haben für Jugendliche nicht nur eine ausgeprägte Kommunikationsfunktion, sondern eröffnen auch die Möglichkeit vielschichtiger Selbstdarstellung. Dabei zeigen sich auch problematische Angebote der Datenpreisgabe mit der möglichen Konsequenz von Cybermobbing oder Cyberbullying.

Einen breiten Darstellungsraum im Jugendbericht nehmen digitale Jugend- und Fankulturen ein. So tauschen sich Fans weltweit über Aspekte ihres Fantums aus. Eine weite Verbreitung haben Blogs gefunden. Genutzt werden diese hauptsächlich zur Selbstdarstellung, aber auch an Informationen zu gelangen und mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten. Bei Vloggs wird über Bewegtbilder gebloggt. Auch bei ihnen steht die Selbstdarstellung im Vordergrund.

Feststellbar ist, dass das Alltagsleben, die Ausdrucksformen und Handlungsräume Jugendlicher von digitalen Medien und Technologien in vielfältiger Form durchdrungen sind. Sie ermöglichen, ort- und zeitunabhängig eigenen Interessen nachzugehen. Der digitale Ermöglichungsraum (S. 297) schafft vor diesem Hintergrund Autonomieräume und „damit auch Optionen, die Kernherausforderungen der Selbstpositionierung, der Verselbstständigung und in Ansätzen auch der Qualifizierung zu bearbeiten“ (S. 297). Der digitale Ermöglichungsraum schafft jedoch auch Zumutungen und Herausforderungen, etwa aufgrund unterschiedlich vorhandener Ressourcen, Medienkompetenzen und unterschiedlicher infrastruktureller Voraussetzungen. Unzureichend ist bislang auch das Datenschutzrecht minderjähriger Internetnutzer und -nutzerinnen. Ein erhebliches Problem bilden auch Informationen zu entwicklungsbeeinträchtigenden, diskriminierenden Inhalten, menschenverachtenden Ideologien und schließlich auch die kommerzielle Verbreitung von Pornografie und extremistische Propaganda. Umso nötiger ist die Medienarbeit in der Familie, in der Schule und in der Jugendhilfe, um die zahlreichen Herausforderungen und Zumutungen zu begrenzen.

Zu Kapitel 5

Im fünften Kapitel wird in einer Zwischenbilanz aus einer jugendorientierten Sicht die Ganztagsschule auf den Prüfstand gestellt.

Aufgrund der Heterogenität der Ganztagsschulen in den sechzehn Bundesländern ist es nicht leicht, eine Gesamteinschätzung vorzunehmen. Gleichwohl deutet sich an, dass es bislang nicht gelungen ist, herkunftsbedingte soziale Ungleichheiten abzubauen. Ebenso wenig haben die erwünschten Effekte durch Kooperationen mit außerschulischen Partnern erzielt werden können. Der 15. Kinder- und Jugendbericht plädiert deshalb für jugendpädagogische Konzepte der Ganztagsschulen, für Konzepte, die die Perspektiven der Jugendlichen, etwa ihre lebensweltlichen Interessen und Bedarfe, stärker einbindet. Gegenwärtig sieht die Kommission die Gefahr, dass die Kernherausforderungen des Jugendalters auf eine zertifikationsorientierte Qualifizierung reduziert werden (S. 64).

Eine jugendorientierte Sicht von Ganztagsschule ließe sich durch eine multiprofessionelle Gestaltung verbessern, z. B. dadurch, dass die Kinder- und Jugendhilfe ihre spezifische sozialpädagogische Kompetenz sowie ihre Arbeitsweisen und -formen einbringen und damit die Schule als Lern- und Lebensort von Kindern und Jugendlichen bereichern kann (S. 362).

Zu Kapitel 6

Das sechste Kapitel wendet sich einem Herzstück der Kinder- und Jugendhilfe zu: der Kinder- und Jugendarbeit.

Trotz zwischenzeitig eingetretener quantitativer Einschränkungen ist sie für junge Menschen weiterhin bedeutsam, etwa in Gestalt der Jugendverbandsarbeit, aber auch der Offenen Jugendarbeit. Die Kinder- und Jugendarbeit hat sich in der Gegenwart verschiedenen Herausforderungen zu stellen: u. a. der Inklusion, der Kooperation mit Ganztagsschulen, der politischen Bildung als einem zentralen Auftrag, ihrem eigenen Lern- und Bildungsverständnis und schließlich dem Bemühen und Ringen um Freiräume. Grundsätzlich gilt, dass die Kinder- und Jugendarbeit durch das Spannungsfeld geprägt ist, „dass sich aus den Interessen Jugendlicher einerseits und den gesellschaftlichen Ansprüchen und Aufträgen, die an die Kinder- und Jugendarbeit herangetragen werden, wie z. B. Integration benachteiligter Jugendlicher, Betreuungsaufgaben, andererseits ergibt“ (S. 401).

Zu Kapitel 7

Mit den zentralen Aufgaben der Sozialen Dienste für junge Menschen setzt sich das siebte Kapitelauseinander.

Zu den zentralen Aufgaben gehört die Gestaltung sozialer Unterstützung der Jugendlichen, die Kernherausforderungen im Jugendalter bewältigen zu können. Der Bericht geht vor diesem Hintergrund auf vier relevante Handlungsfelder ein:

  1. auf die Vermeidung institutionellen Ausschlusses im berufsbezogenen Übergangssystem,
  2. auf die Verwirklichung persönlicher Rechte und sozialer Chancen in den Hilfen zur Erziehung,
  3. auf die Stärkung der Perspektiven der Jugendlichen in Inklusion und Jugendpolitik sowie
  4. auf die Ermöglichung von Jugend für geflüchtete junge Menschen.

Zu Kapitel 8

Mit der Leitlinie „Jugend ermöglichen“ als zentrale gesellschaftliche Aufgabe der Zukunft resümiert das achte Kapitel die Ausführungen der vorangegangenen sieben Kapitel.

Jugend ist eine eigenständige Lebensphase. Die Politik habe sich der gesellschaftlichen Verantwortung für die Jugend in diesem Sinne neu zu vergewissern und institutionelle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Kernherausforderungen – Qualifizierung, Selbstpositionierung und Verselbständigung – im institutionellen Gefüge des Aufwachsens ermöglicht werden.

Politikstrategien haben zu bedenken, dass Jugend mit dem Übergang in die Volljährigkeit nicht beendet seien. Vielmehr reicht die Verselbstständigung weit ins dritte Lebensjahrzehnt. Zu bedenken sind in diesem Zusammenhang anhaltende soziale Ungleichheiten im Jugendalter wie auch seine Pluralisierung durch migrationsbedingte Vielfalt. Weitere Herausforderungen des Jugendalters resultieren aus der sich weiter globalisierenden und mit ihr einhergehend der digitalen Gesellschaft. Das Jugendalter, vor allem die Qualifizierung, wird seitens der Jugendlichen häufig im Kontext von Beschleunigung und Scholarisierung erlebt.

Zu „Jugend ermöglichen“ gehört das Bereitstellen von Freiräumen wie auch die Partizipation in den für sie zentralen Gestaltungs- und Entscheidungsprozessen. Dazu zählt, dass sich Jugendliche ihrer Rechte bewusst werden.

Jugend ermöglichen sollte auch die Schule, vor allem die Ganztagsschule. Dazu ist sie zurzeit nur sehr begrenzt in der Lage, insbesondere auch sozialer Bildungsbenachteiligung entgegenzuwirken.

Zu verbessern ist vor allem die Beteiligungskultur der Jugendlichen und die Verbesserung der Kooperation mit außerschulischen Trägern wie der Kinder- und Jugendhilfe.

Eine wichtige Aufgabe, Jugend zu ermöglichen, fällt der Kinder- und Jugendarbeit zu: durch ihre Aufgabe der politischen Bildung, aber auch ihrer sozialpolitischen Verantwortung. Es sollte außerdem grundsätzlich darum gehen, der Kinder- und Jugendarbeit die nötigen Mittel dafür an die Hand zu geben, an der Weiterentwicklung der Ganztagsschule als jugendorientierte Schule mitzuwirken.

Der Bericht hebt abschließend hervor, dass es in der öffentlichen Verantwortung des Rechtsstaats liegt, alles zu tun, damit Jugendlichen in prekären Lebensverhältnissen Jugend ermöglicht wird. Dies trifft aktuell auch auf geflüchtete junge Menschen zu. Den Sozialen Diensten fällt in diesem Zusammenhang die Aufgabe zu, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihrer jeweiligen Lebenslage zu erreichen und dabei deren persönliche Rechte zu wahren (S. 73).

Zur Stellungnahme der Bundesregierung

Dem Bericht vorangestellt ist die Stellungnahme der Bundesregierung (S. 5-29). Weitgehend folgt sie den zentralen Aspekten des Berichts.

So wird hervorgehoben, dass die Bundesregierung den Ansatz der „Eigenständigen Jugendpolitik“ verfolgt. Mit ihm würden die Interessen und Bedürfnisse der 12- bis 27-Jährigen in den Fokus politischen Handelns gerückt (S. 5). Die Kernherausforderungen „Qualifizierung – Verselbständigung – Selbstpositionierung“ seien geeignet, „um die Maßnahmen des Bundes und die der Kinder- und Jugendhilfe systematisch in Beziehung zu setzen zu den Bedürfnissen der Jugend selbst“ (S. 6).

Wie in vorangehenden Berichten auch werden die Leistungen und Vorhaben des BMFSFJ sichtbar gemacht. Wie in vorangegangenen Stellungnahmen auch wird ebenso die Notwendigkeit einer ressortübergreifenden Politik herausgestellt, im aktuellen Bericht, um die Kernherausforderungen bewältigen zu können.

Es wird hervorgehoben, dass die Familie zentraler Ort des Aufwachsens bleibt und alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Anspruch auf gleiche Startchancen haben und bei der Überwindung von Nachteilen zu unterstützen sind. Dazu werden in der Stellungnahme ebenfalls eine Vielzahl vom BMFSFJ geförderte Projekte vorgestellt. Betont wird auch, dass „eine umfassende Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit bedeutet …, allen jungen Menschen die Zugänge zu grenzüberschreitenden Lernerfahrungen zu ermöglichen“ (S. 11). Auch in Bezug auf grenzüberschreitende Lernerfahrungen werden verschiedene aktuelle vom BMFSFJ geförderte Projekte genannt.

Im Aufgabenfeld Beteiligung, Demokratiebildung und Engagement Jugendlicher und junger Erwachsener sieht die Stellungnahme der Bundesregierung „gemeinsamen Handlungsbedarf für die Politik und alle demokratischen Institutionen“. Sehr eingehend setzt sich die Stellungnahme mit den Aufgabenfeldern zu Beteiligung, Demokratiebildung und Engagement junger Menschen auseinander. Bemerkenswert ist, dass der Kommission zugestimmt wird, Jugendliche und junge Erwachsene als Experten und Expertinnen in eigener Sache einzubeziehen. Es wird eine künftige Einbindung junger Menschen bei der Berichtserstellung „im Sinne einer wirksamen Jugendbeteiligung“ (S. 13) explizit für nötig befunden.

Ausführlich referiert die Stellungnahme das Anliegen einer jugendgerechten Ganztagsschule (S. 15-18) und stimmt der Sachverständigenkommission zu, dass die Potenziale der Ganztagsschule mit Blick auf die Bildung der Jugendlichen noch besser ausgeschöpft werden können und gleichzeitig die Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten wie auch die Kooperation zwischen Schule und Kinder- und Jugendliche weiter zu verbessern sind.

Weitgehend folgt die Stellungnahme der Bundesregierung auch den Ausführungen des Berichts zu Kinder- und Jugendarbeit, zu Jugend und ihren Rechten, zu digitaler Teilhabe und zu Jugend in Europa und in der Welt. Es werden in diesem Zusammenhang jeweils eigene aktuelle Anstrengungen sichtbar gemacht. Ausführlich greift die Stellungnahme die „Unterstützung für geflüchtete Jugendliche und junge Erwachsene“ auf (S. 22-25), wobei auch in diesem Abschnitt gezeigt wird, was bereits alles unternommen wird, um geflüchteten jungen Menschen das Ankommen und Einleben in Deutschland zu verbessern bzw. zu erleichtern.

Der abschließende dritte Absatz der Stellungnahme resümiert und formuliert Grundsätzliches zur Jugendpolitik der Bundesregierung. Dabei wird dem Grundgedanken des Berichts zugestimmt, dass eine neue Kultur der politischen Bildung und Demokratiebildung mehr Zeit brauche, und mehr Engagement und neue Konzepten vonnöten seien (S. 27). Dass Rahmenbedingungen zu verbessern sind, wird zugestanden. Was geschehen soll, bleibt jedoch im Ungewissen. Hier heißt es zum Schluss der Stellungnahme lapidar (S. 28): Die Bundesregierung werde die Rahmenbedingungen im Bereich ihrer Zuständigkeiten verbessern und weiterentwickeln.

Diskussion

Der Vorsitzende der Sachverständigenkommission hebt am Ende seines Vorwortes zum Bericht den Erstellungsaufwand für die Sachverständigenkommission, aber auch für die Geschäftsstelle im DJI, angesiedelt in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe, hervor. Kritisch wird betont, dass „unter den heutigen Bedingungen und Restriktionen für viele Kommissionsmitglieder“ (S. 45) ein solcher Aufwand kaum mehr zu leisten sei. Dies erfordere „aus Sicht der Kommission auch ein neues Nachdenken über die Möglichkeiten und Grenzen der Erstellung eines so ausführlichen und umfangreichen Berichtes“ (S. 45). Umso mehr ist diesem Bericht zu wünschen, dass er auf den verschiedenen Ebenen der Politik eine nachhaltige Wirkung erzeugt und nicht nur als Pflichtübung, die alle vier Jahre umzusetzen ist seitens der Bundesregierung, verstanden wird.

Dieser 15. Kinder- und Jugendbericht liefert in vielerlei Hinsicht Ideenhilfen für eine kreative politische Arbeit sowohl in grundsätzlicher wie auch bereichsspezifischer Hinsicht. „Jugend ermöglichen“ wird in verschiedenen Handlungs- und Aufgabenfeldern auf der Grundlage der überzeugend entwickelten Kernherausforderungen – Qualifizierung, Verselbständigung, Selbstpositionierung – so ausbuchstabiert, dass die kommunale, länder- und bundesbezogene (Sozial-)Politik vielfältige Umsetzungsangebote und -ideen erhält. Diese beginnen damit, Jugend in ihrer „Vielschichtigkeit zu erfassen und ihre Ausdrucksformen und ihr Alltagsleben angemessen differenziert darzustellen“ (S. 48), kurzum Jugend als eigenständige Lebensphase wahrzunehmen und zu verstehen. Dies entfaltet zu haben, ist das herausragende Merkmal des Berichts. Hinzu kommt, die Notwendigkeiten für Neugestaltungsbedarf und Blickveränderungen, z. B. in der Weiterentwicklung der Ganztagsschulen, ausgearbeitet zu haben.

Der 15. Kinder- und Jugendbericht schreibt nicht nur über Partizipation, sondern innerhalb des Erstellungsrahmens werden erstmals auch junge Menschen an der Erarbeitung des Berichts beteiligt. Man darf gespannt sein, ob sich eine „wirksame Jugendbeteiligung an der Erstellung von Kinder- und Jugendberichten“, wie in der Stellungnahme der Bundesregierung ausgeführt, u. a. in den Berichten der nachfolgenden Legislaturperioden weiter konkretisieren wird. Die Broschüre des BMFSFJ zu „Jugend ermöglichen“ (erstellt durch ein zehnköpfiges Redaktionsteam der „Jugendpresse Deutschland“) ist zumindest ein hoffnungsfroh stimmendes Auftaktsignal.

Die „Rahmenbedingungen für Bildung verbessern“ (S. 28) lautet die abschließende Überschrift in der Stellungnahme der Bundesregierung. Hier hätte sich der Rezensent gewünscht, dass auf die pointierten, vielerlei Anregungen bietenden Ausführungen der Sachverständigenkommission, es nicht nur heißt, die Rahmenbedingungen für die Bildung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Rahmen ihrer Zuständigkeiten weiter zu entwickeln, sondern wenigstens dazu einige Leitlinien abschließend zu benennen.

Wie in vorangegangenen Stellungnahmen der Bundesregierung werden auch in dieser aktuellen Stellungnahme ressortübergreifende Notwendigkeiten herausgestellt. Ist es im Verlauf der Jahre gelungen, Versäulungen abzubauen, damit z. B. Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheits- und Behindertenhilfe oder aber Bildungswesen und Sozialwesen günstigere Rahmenbedingungen für interprofessionelle Kooperationen vorfinden? Es hätte sich angeboten, neben der Darstellung der vielen vom BMFSFJ unterstützten Projekte hierzu Angaben zu machen.

Fazit

Der „15. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland“ liefert grundlegende, aber auch vielfältige handlungsfeldspezifische Anregungen für eine Überprüfung und ggf. Revision zu Blickrichtungen auf Jugend: von der obersten Ebene der Politik bis hin zu Alltagsaktivitäten in Initiativen auf der kommunalen Ebene. Hoffentlich findet der Bericht in diesem Sinne eine nachhaltige Aufnahme und behält seine Relevanz über die zu Ende gehende Legislaturperiode.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 02.05.2017 zu: 15. Kinder- und Jugendbericht. Bundesanzeiger Verlagsgesellschaft (Köln) 2017. Bestellung über vertrieb@bundesanzeiger.de. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22547.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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