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Sarah Schmelzeisen-Hagemann: Feinfühlige Responsivität in der frühpädagogischen Praxis

Cover Sarah Schmelzeisen-Hagemann: Feinfühlige Responsivität in der frühpädagogischen Praxis. Anleitung zum Erkennen und Erweitern individueller Interaktionskompetenz. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 285 Seiten. ISBN 978-3-658-17335-7. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Sarah Schmelzeisen-Hagemann legt in ihrem insgesamt 289 Seiten umfassenden Werk den Fokus auf sensitiv-responsive Interaktionskompetenzen frühpädagogischer Fachkräfte, die in Einrichtungen für Kleinstkinder tätig sind. Sie entwickelt ein „Analyse- und Beurteilungsraster zur Identifikation sensitiv-responsiver Verhaltensmerkmale frühpädagogischer Fachkräfte“ (S.2 f.) und erprobt dieses auch im Rahmen einer kleinen Pilotstudie. Damit reagiert sie auf die aktuellen Debatten im frühpädagogischen Sektor im Bereich der Prozessqualität von Kindertageseinrichtungen, welche wesentlich durch die frühpädagogischen Fachkräfte beeinflusst wird.

Das Grobziel hinter dieser Arbeit ist die positive Beeinflussung der Qualität der außerfamiliären Betreuung von Kleinstkindern. Dieses Ziel möchte Sarah Schmelzeisen-Hagemann durch den Einsatz des konzipierten Rasters in videofeedbackbasierten Qualifizierungsprozessen frühpädagogischer Fachkräfte erreichen.

Autorin und Enstehungshintergrund

Dr. Sarah Schmelzeisen-Hagemann arbeitet als Referentin, Lehrbeauftragte und Coach mit dem Schwerpunkt „Pädagogik der frühen Kindheit“ und „Qualifizierung frühpädagogischer Fachkräfte“.

Das rezensierte Werk wurde 2016 von der Ludwig-Maximilians Universität München als Dissertation angenommen.

Aufbau

Das Werk gliedert sich nach der Einleitung in fünf Hauptkapitel:

  1. Im ersten Kapitel wird eine „Historische und aktuelle Einordnung der kindzentrierten frühpädagogischen Entwicklungsbegleitung“ (S. 5-28) vorgenommen.
  2. Die „Beschreibung und Begründung des Konstruktionsbedarfs eines Rasters zur Bestimmung frühpädagogisch relevanter Merkmale des Interaktionsverhaltens Erwachsener“ (S. 29-44) erfolgt im zweiten Kapitel.
  3. Im dritten Kapitel wird die „Entwicklung eines Rasters zur mikroanalytischen Erfassung von Merkmalen eines sensitiv-responsiven Interaktionsverhaltens Erwachsener in videografisch gespeicherten Beobachtungseinheiten“ (S. 45-160) beschrieben.
  4. Das vierte Kapitel bietet einen „Entwurf eines Qualifizierungssegmentes zur Ausbildung sensitiv-responsiver Interaktionskompetenzen frühpädagogischer Fachkräfte“ (S. 161-182).
  5. Die „Praxiserprobung des Qualifizierungsverfahrens zum sensitiv-responsiven Verhalten frühpädagogischer Fachkräfte“ (S. 183-256) wird in Kapitel 5 ausgeführt.

Mit einer Ergebnisübersicht und Diskussion sowie einem darauf aufbauenden Ausblick schließt das Werk ab.

Inhalt

Bereits in der Einleitung werden die Ausgangsbasis und der Begründungszusammenhang des Werkes deutlich herausgestellt. Sarah Schmelzeisen-Hagemann stuft den sozialen Wandel innerhalb der Gesellschaft auf Basis der Zunahme der außerfamiliären Betreuung unterdreijähriger Kinder und den dadurch vorangetriebenen Ausbau frühpädagogischer Einrichtungen als große Herausforderung für die frühpädagogischen Fachkräfte ein. Im Fokus ihrer Betrachtung stehen aber die Kinder, die sie als „Hauptbetroffene dieses Wandels“ (S. 2) einordnet. Das Ziel der Arbeit besteht darin, mit Hilfe der Entwicklung eines Beurteilungsrasters einzelne Verhaltensmerkmale frühpädagogischer Fachkräfte in der Interaktion mit unterdreijährigen Kindern zu identifizieren. Darüber hinaus soll das entwickelte Raster auch in Qualifizierungsprozessen auf Basis von Videofeedbacks zur Vermittlung sensitiv-responsiver Kompetenzen Einsatz finden. Hierdurch erfolgt direkt eine Umsetzung der Grundlagenforschung in die Praxis. Die Entwicklung dieser Arbeit basiert zum einen auf Erkenntnissen in Bezug auf die Eigenaktivität der Kinder, der Entwicklungsbegleitung von Erwachsenen sowie der Bindungstheorie im Kontext der Sensivität vs. Responsivität. Diese theoretische Einordung des Themas wird im ersten Kapitel vertiefend vorgenommen.

Nach einer Einführung durch den herausgearbeiteten Wandel der pädagogischen Interaktions- und Beziehungsmuster seit dem 18. Jahrhundert bis heute, wird der heutige Blick auf das Kind als soziales, kooperierendes Wesen herausgearbeitet. Darauf aufbauend werden drei pädagogische Ansätze, im Einzelnen sind dies die Montessori-Pädagogik, die Reggio-Pädagogik sowie die Pikler-Pädagogik, kurz umrissen. Hierbei liegt der Fokus auf der Erörterung der kindzentrierten Entwicklungsbegleitung, die in diesen Ansätzen besonders betont wird. Der Begriff der „Entwicklungsbegleitung“ sowie die Diskrepanz zwischen der alltäglichen gelebten Praxis und der Notwendigkeit sensitiv-responsiver Interaktionen werden ausführlich herausgearbeitet und der Bedarf der Ausbildung dieser Kompetenzen im Qualifizierungsprozess hervorgehoben.

Im zweiten Kapitel wird eine Begründung eines Analyse- und Beurteilungsrasters zur Bestimmung sensitiv-responsiver Merkmale im Verhalten der Fachkräfte geliefert. Bezogen auf die herrschenden Qualitätsmängel im Interaktionsverhalten frühpädagogischer Fachkräfte und den Ansprüchen von Seiten der Kinder, Eltern, des Teams und der Gesellschaft wird die „Nachqualifizierung“ der Fachkräfte im Kontext des feinfühligen Verhaltens in Interaktionen mit unterdreijährigen Kindern differenziert begründet. Verschiedene Instrumente zur Messung der Prozessqualität werden aufgezeigt, können der Überprüfung im Hinblick auf die Klärung der Forschungsfrage aber nicht Stand halten, sodass der Bedarf für die Entwicklung eines auf videofeedbackbasierten Rasters zur differenzierten Beurteilung der Verhaltensweisen im Hinblick auf ihre Sensitivität-Responsivität als gegeben eingestuft werden kann.

Das einhundertvierzehn Seiten umfassende dritte Kapitel ist als Hauptteil des Werkes zu bezeichnen und behandelt unter Bezugnahme bindungstheoretischer Aspekte die tatsächliche Entwicklung des Rasters. Dieses erfüllt in Qualifizierungsprozessen vier Funktionen (vgl. S. 45 f.):

  1. Erstellung eines Ausgangsprofils im Hinblick auf die Basisqualifikationen
  2. Einschätzung der Ausprägungsgrade
  3. Analyse einzelner Verhaltensaspekte und Wirkung auf die Kinder
  4. Nachweis der Wirkungen der Interventionen

Sarah Schmelzeisen-Hagemann konzipierte das Raster auf der Annahme, dass jede pädagogische Handlung, ebenso wie jede nicht durchgeführte Handlung, eine Auswirkung auf die Entwicklung der Kinder hat. Durch die Benennung möglichst vieler nachweisbar relevanter Verhaltensmerkmale setzt sie dies bei der Konzipierung des Rasters um. Sie berücksichtigt dort Indikatoren im Hinblick auf das „aktuelle Wohlbefinden der Kinder, ihre emotionale Bindungssicherheit, Potentialentfaltung, Persönlichkeitsbildung und Sozialisation“ (S. 46 [Hervorhebung im Original]).
Zur Erfassung der sensitiv-responsiven Verhaltensmerkmale hat sich die Autorin auf die alltäglich durchgeführten Wickel- und Pflegesituationen in Kindertageseinrichtungen beschränkt. Auf Basis der Fachliteratur und des Videomaterials des Pikler-Ansatzes wurden fünf Merkmalskomplexe herausgearbeitet, in Merkmalskategorien unterteilt und in vier Beurteilungsbögen integriert:

  1. „Gestaltung der situativen Reizkulisse“
  2. „Kontakt zum Kind (Berührung, Kommunikation und Interaktion)“
  3. „Umgang mit kindlichen Bedürfnisäußerungen“
  4. „individueller Vollzug sensitiv-responsiven Verhaltens in typischen frühpädagogischen Alltagssituationen“ (S. 80).

In jedem der vier Bögen werden Verhaltensmerkmale aufgezeigt und Hinweise zur Kategorisierung bzw. Begründungen für die Auswahl dieser Merkmale herausgestellt. Zu jedem Themenkomplex – manche Bögen inkludieren auch mehr als einen Themenkomplex – werden wissenschaftliche Nachweise zur pädagogischen Relevanz herausgearbeitet. Auch die Handhabung und Einsatzmöglichkeiten des Rasters werden in diesem Kapitel beschrieben.

Das vierte Kapitel beinhaltet den Entwurf eines Qualifizierungssegments zur Ausbildung sensitiv-responsiver Interaktionskompetenzen frühpädagogischer Fachkräfte. Mithilfe der Beschreibung performativer Kompetenzen soll das eigene Handeln reflektiert werden.

Im fünften Kapitel stellt Sarah Schmelzeisen-Hagemann die Erprobung des Qualifizierungsverfahrens in der Praxis in Form einer durchgeführten Pilotstudie heraus. In der Pilotstudie wurden drei frühpädagogische Fachkräfte in verschiedenen Einrichtungen zu drei Zeitpunkten videografisch beobachtet und auch zu der Intervention interviewt. Mithilfe der Pilotstudie sollte die Anwendbarkeit des Beurteilungs- und Qualifizierungsrasters und deren Wirkung unter Praxisbedingungen überprüft werden.

Resümierend konnte durch die durchgeführte Pilotstudie festgehalten werden, dass das feinfühlig-responsive Verhalten der pädagogischen Fachkräfte mithilfe des Rasters detailliert herausgearbeitet und dadurch das Ziel, ein solches Verfahren zu entwickeln, erreicht wurde. Als besonders positiv stellt Sarah Schmelzeisen-Hagemann heraus, dass sowohl in Form der Videografien objektives Verhalten, durch die Durchführung der Leitfadeninterviews aber auch subjektive und emotionale Hintergründe erfasst werden konnten.

Jedes Kapitel schließt stets mit einer zusammenfassenden Darstellung ab, die einen guten und umfassenden Überblick über die prägnanten Erkenntnisse des jeweiligen Kapitels wiedergibt.

Diskussion

Zwar ist seit langem bekannt, dass die Qualifikation und Professionalität pädagogischer Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen einen wesentlichen Einfluss auf die Qualität der pädagogischen Arbeit haben, dem Aspekt der feinfühligen-responsiven Interaktionskompetenz wurde bisher aber vor allem auch in Qualifizierungskontexten, eine zu geringe Beachtung geschenkt.

Sarah Schmelzeisen-Hagemann ist es gelungen dieses Qualifikationsmerkmal frühpädagogischer Fachkräfte in den Fokus zu rücken. Den Bedarf für die Entwicklung eines Beurteilungsverfahrens genau für diese individuelle Feinfühligkeit pädagogischer Fachkräfte hat sie erkannt, ein solches Verfahren entwickelt und auch erprobt. Die einzelnen Verhaltensmerkmale wurden im Raster prägnant beschrieben und sortiert, sodass die Bewertung auch ohne lange Vorarbeiten und Erklärungen vorgenommen werden kann.

Deutlich hervorzuheben ist, wie auch Sarah Schmelzeisen-Hagemann selber in ihrer Abhandlung betont, dass dieses Raster keine Bewertungsgrundlage zur Bestimmung der Prozessqualität und auch „noch kein fertiges Instrument“ (S. 258) darstellt. Perspektivisch wären eine weitere Präzisierung sowie die Ausweitung des Rasters auch auf andere alltägliche Situationen, neben den Wickel- und Pflegesituationen, wünschenswert. Auch die tatsächliche Wirksamkeit im Kontext der Reflexion des eigenen feinfühligen-responsiven Verhaltens der frühpädagogischen Fachkräfte sollte durch eine weitere Untersuchung mit einer größeren Stichprobe noch näher überprüft werden.

Fazit

Die Ziele des hier rezensierten Werkes, ein Beurteilungsraster zur Identifizierung feinfühlig-responsiven Verhaltens sowie zur Qualifizierung frühpädagogischer Fachkräfte zu entwickeln, sind als erreicht zu bewerten. Für Lehrende in den verschiedenen Ausbildungs- und Qualifizierungssegmenten frühpädagogischer Fachkräfte stellt das Raster ein wertvolles Qualifizierungsinstrument dar. Darüber hinaus bietet das hier entwickelte Raster auch für Fachkräfte und Leitungskräfte in der Praxis eine sehr gute Reflexionsbasis, wie die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen.
Im Hinblick darauf, dass die pädagogischen Fachkräfte die bedeutsamste Einflussgröße auf die Förderung der frühkindlichen Entwicklung in außerfamiliären Betreuungssettings darstellen, ist es längst an der Zeit, auch das feinfühlig-responsive Verhalten der Fachkräfte näher in den Blick zu nehmen und hierauf im Qualifizierungsprozess einzuwirken. Hierfür liefert Sarah Schmelzeisen-Hagemann wertvolle Einsichten und Reflexionsanstöße, die hoffentlich auch in der Praxis bald verstärkt Einzug finden.


Rezensentin
Amelie Bernal Copano
M.A. Soziale Arbeit, B.A. Kindheitspädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Köln
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Zitiervorschlag
Amelie Bernal Copano. Rezension vom 15.05.2017 zu: Sarah Schmelzeisen-Hagemann: Feinfühlige Responsivität in der frühpädagogischen Praxis. Anleitung zum Erkennen und Erweitern individueller Interaktionskompetenz. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17335-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22551.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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