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Karl-Heinz Dammer: Philosophen als pädagogische Denker

Cover Karl-Heinz Dammer: Philosophen als pädagogische Denker. Band II: 19. und 20. Jahrhundert. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 250 Seiten. ISBN 978-3-8474-2052-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Bildung des Menschen

Frei nach Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Philosoph. Denn Philosophie beansprucht, das, was den anthrôpos kennzeichnet, nämlich seine Vernunftfähigkeit zur Geltung zu bringen. Diese „Lebenslehre“, die auch als „Liebe zur Weisheit und zur Wahrheit“ zum Ausdruck kommt, fordert den Menschen zum eigenen Denken heraus. In der Pädagogik und in den Erziehungswissenschaften steht die Förderung dieser Fähigkeit an oberster Stelle, und zwar in der frühen, schulischen und Erwachsenbildung in gleichem Maße. Es wäre verwunderlich und dem Denken des Menschen nicht angemessen, würde es nur e i n e Philosophie geben. Philosophen, die den Beruf gelernt haben und ausüben, können Wegweiser und Begleiter auf den Pfaden des Lebens von Individuen und Gesellschaften sein (Herbert Schnadelbach, Was Philosophen wissen und was man von ihnen lernen kann, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13290.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Es ist (zum Glück) strittig, welche Philosophien in Theorie und Praxis des Menschseins positive, negative oder nicht beachtenswerte Einflüsse in der Vergangenheit und Gegenwart der menschlichen Entwicklung ausgeübt haben; es ist aber unstrittig, sich mit dem philosophischen Denken von Menschen auseinanderzusetzen. In der Entwicklung des Fachs „Philosophie“ hat es deshalb immer wieder Kategorisierungen, Ranglisten, aber auch Versuche gegeben (und gibt es bis heute!), bestimmtes philosophisches Denken zu verbieten und sogar die Literatur zu verbrennen. Damit aber setzt sich der Erziehungswissenschaftler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Karl-Heinz Dammer, nicht auseinander. Vielmehr geht es ihm darum zu fragen: „Welche Relevanz hat die Philosophie für die Erziehungswissenschaft?“ Das ist durchaus eine berechtigte Frage, steht doch in der pädagogischen Disziplin weiterhin die Auseinandersetzung an, welche Bedeutung Theorie und Praxis in der Bildung und Erziehung der Menschen haben. Und in Klammer erwählt, haben diejenigen in der Zunft, die Philosophieren als wenig nützlich oder gar störend beim Fitmachen der Menschen für die Anforderungen des „tätigen“ Lebens halten, in den Zeiten des „Immer-schneller-immer-höher-immer-Mehr“(beinahe) Oberwasser.

Ein weiterer Grund könnte sein, dass in den Erziehungswissenschaften die empirische Forschung einen größeren Raum beansprucht. So kann man es nur begrüßen, dass der Autor sich daran macht, in (bisher) zwei Bänden Philosophinnen und Philosophen vorzustellen, deren Denken Einfluss auf Bildung und Erziehung von Menschen hat.

Der erste Band „Philosophen als pädagogische Denker“ stellt 13 Philosophen und Philosophengruppen vor, die von der Antike bis zur Aufklärung gelebt und gewirkt haben (2015, ISBN 978-3-8474-0650-1). Im zweiten, hier zu besprechenden Band, hat der Autor für das 19. und 20. Jahrhundert sieben Philosophen ausgewählt, deren Schaffen er aber einen größeren Informations- und Reflexionsraum gibt. Damit will er nicht zum Ausdruck bringen, „dass pädagogische Themen in der Philosophie der letzten beiden Jahrhunderte eine geringere Rolle gespielt hätten“; vielmehr sieht er in der veränderten Rolle und im Selbstverständnis der Philosophie einen Perspektivenwechsel und in der Entwicklung von (konkurrierenden und ergänzenden) wissenschaftlichen Disziplinen einen Grund dafür, dass „kanonisierte“, pädagogische Denkrichtungen und Schulen im Vordergrund stehen.

Aufbau und Inhalt

Der Autor betont, dass die Kriterien bei der Auswahl der thematisierten Philosophen (gibt es keine Philosophinnen?), ihren Theorien und Schulen auf seinen „theoretischen Präferenzen“ beruhen, und dass nicht berücksichtigte Ansätze keine Abwertung darstellte. In einem einleitenden Exkurs setzt er sich mit einem der berühmtesten „Klassiker der Pädagogik“, Wilhelm von Humboldt, auseinander, der zwar kein originärer Philosoph war, jedoch mit seinem Bildungsbegriff, seiner Bildungstheorie und seiner Bildungsreform Schneisen in das traditionelle, auch philosophische Denken geschlagen hat; und zwar sowohl zustimmend als auch kritisierend.

  • Einleitender Exkurs: Wilhelm von Humboldt - Bildung des Menschen als Bildung der Menschheit.
  • Johann Gottlieb Fichte – Erziehung zur Nation.
  • Georg Wilhelm Friedrich Hegel – Bildung als Teilhabe am Weltgeist.
  • Karl Marx – Bildung jenseits der Innerlichkeit.
  • Wilhelm Dilthey – Erziehungswissenschaft als Geisteswissenschaft.
  • Friedrich Nietzsche - An den Grenzen von Erziehung und Bildung.
  • Theodor W. Adorno – Pädagogik als kritische Theorie?
  • Michel Foucault – Befremdete Blicke auf den Menschen und die Pädagogik.

Fichtes Philosophie knüpft an die Kantische an, sieht aber in dessen Interpretation von den „Grenzen der Vernunft“ keine Lösung, sondern plädiert für eine existentielle Zusammenschau von philosophischem Denken und politischem Engagement. Es ist die „politische Utopie“, die im aristotelischen zôon politikon aufscheint und Fichtes Einfluss auf die reformpädagogischen Bewegungen erklärt. Dammers Rat: „Jeder Erzieher, der meint, er übe eine gänzlich autonome Tätigkeit aus, kann von Fichte lernen, dass Politik im weitesten Sinne nicht nur pädagogisches Handeln mit motiviert, sondern umgekehrt dieses auch politische Wirkungen hat, unabhängig davon, ob ein Erzieher dies beabsichtigt oder nicht“.

Hegel geht mit seiner Philosophie aufs „Ganze“. Mit seiner „Phänomenologie des Geistes“ stellt er die Freiheit des Menschen ganz obenan und fordert für ein gebildetes Individuum den beschwerlichen Weg zum objektiven Geist zu gehen. Mit seiner Bildungstheorie öffnet er den (heute nicht besonders favorisierten) Blick beim aktuellen Bildungs- und Erziehungshandeln, „dass Schüler weder durch die Didaktik selbst, noch durch Methodenlernen gebildet werden, sondern nur durch die Gegenstände des ‚objektiven Geistes‘, also durch das, worüber sie noch nicht verfügen, nicht durch das, was bereits das Ihre ist“.

Marx´ revolutionärer Aufruf: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert (kursiv), es kömmt darauf an, sie zu verändern (kursiv)“, ist bis heute gültig, und angesichts der floutierenden Kapital-, kapitalistischen und neoliberalen Weltmacht dringend zu beachten. „Bildung durch Arbeit“ als humaner Wert und der Forderung nach Wertschätzung eines selbstbestimmten Tätigseins. Auch wenn die Konservativen es nicht hören wollen, gilt es doch darauf hinzuweisen, dass es (auch) einer Bildungs-(Schul-)System-Reform bedarf.

Mit Diltheys philosophischem Ansatz, die Erziehungswissenschaft zu einer Geisteswissenschaft zu entwickeln, bei der „Leben und Erleben“ als Grundgerüst seines Denkens zu betrachten sind, wird die Aufmerksamkeit auf das Paradigma gerichtet: „Was der Mensch sei, sagt ihm nur seine Geschichte“. Diese Erkenntnis und Hinwendung zum historischen Denken sieht er in der Hermeneutik, nämlich das Leben verstehen zu lernen. Sein Versuch, „Individuum und Gesellschaft erzieherisch in Einklang zu bringen“, wird zwar im aktuellen, erziehungswissenschaftlichen Diskurs wenig beachtet und auch abgelehnt, doch die in seiner Theorie bedeutsame Aufforderung, „die verstehende Entfaltung des kindlichen Seelenlebens mit dem Ziel der Selbständigkeit des Zöglings als Hauptaufgabe des Erziehers zu verstehen“, bleibt auf der Agenda auch Hier und Heute – und Morgen.

Nietzsche als Provokateur, als Zerstörer und als Humanist stellt die Weichen für „Freidenken“, Bildungs- und Kulturkritik. Seine radikale Haltung, seine durchaus auch miss zu verstehenden Äußerungen haben im erziehungswissenschaftlichen Diskurs ohne Zweifel dazu beigetragen, „die Pädagogenzunft zu spalten“. Er fordert heraus, immer wieder kritisch über die klassischen Konzepte der Pädagogik zu reflektieren.

Ich bin nicht // Ich selbst allein. // Ich muss auch ein // Anderer sein.

Es wundert nicht, wenn Bildungseinrichtungen sich den Namen „Theodor W. Adorno - Schule“ geben. Der Frankfurter Soziologe und Philosoph hat mit seiner „Kritischen Theorie“ in die geisteswissenschaftlichen Fächer eine Forderung eingebracht, die bis dahin nicht oder nur rudimentär und eher zufällig praktiziert wurde, nämlich die Notwendigkeit, beim gesellschaftspolitischen Nachdenken über Entwicklungen und Konzepte von vornherein auf interdisziplinäre Zusammenarbeit zu setzen. Mit der Reformulierung des marxistischen Gesellschaftsbegriffs weist er der Pädagogik eine völlig neue, aufklärerische Rolle zu. Die Erziehungswissenschaften freilich haben diese Herausforderung nur zögerlich aufgenommen; und es ist an der Zeit, sich auf Adornos Kritik zu besinnen: „Bildung gilt mehr denn je als Schlüssel zum gesellschaftlichen Erfolg, aber nicht mehr wegen des fahlen Glamours, den sie ihren Trägern zu Adornos Zeiten noch verliehen haben mochte, sondern weil sie einseitig utilitaristisch ausgelegt wird“.

Mit Michel Foucaults Werk haben sich Legionen von WissenschaftlerInnen die Zähne ausgebissen; sie haben seine pädagogischen Gedanken in den Himmel gehoben und in die Hölle verdammt. Die Sozialwissenschaftlerin von der Hochschule Neubrandenburg, Anne Kirschner, setzt sich mit seiner Philosophie auseinander. Er, der sich nie auf eine interpretierbare Identität festlegen lassen und immer „ein anderer“ sein wollte, wird deshalb in der Rezeption als „tausend Foucaults“ bezeichnet. Seine Philosophie begreift er als „philosophisches Spiegelkabinett“ und als Werkzeugkasten mit vielfältigen Instrumenten, die je nach Situation und Vorkommnis ihre Dienste tun können: „Es gibt für die Humanwissenschaften keine feste Basis, von der aus sie das eine wahre Bild vom Menschen… erschaffen könnten“. Es ist die „Gouvernementalität“, die eine Wahrhaftigkeit des Subjekts zu erschließen vermag, und heute, in den Zeiten der Unbestimmtheiten und Fremdbestimmtheiten, der Abhängigkeiten, ausbeuterischen Systeme und Befremdungen aufzunehmen und den Erziehungswissenschaften eine kritische Position zu verordnen.

Fazit

Es lohnt, auf die philosophischen Ursprünge der empirischen Bildungsforschung aufmerksam zu machen. Es sind die im 17. Jahrhundert eingeleiteten wissenschaftlichen Bemühungen, das Pädagogische in dem Dreischritt der „Mathematisierung der Natur“, der „Mathematisierung der Geschichte“ und der „Entwicklung der empirischen Pädagogik“ zusammen zu bringen, und zwar als theoretisches Konstrukt, das Wissenschaft begründet und handhabbar macht, wie dies sich z. B. in der empirischen, internationalen Studie „Programme for International Student Assessment“ (PISA) ausdrückt. „Es wird … deutlich, dass sich empirische Wissenschaft und politisch-ökonomische Steuerung aufgrund ihrer gemeinsamen Logik gegenseitig bedingen“. Der Hinweis, dass unter dieser Prämissensetzung „(…) die Wissenschaft selbst zu einem mathematischen Idolum im Dienste ideologischer Interessen zu degenerieren (droht)“, ist nur allzu berechtigt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.04.2017 zu: Karl-Heinz Dammer: Philosophen als pädagogische Denker. Band II: 19. und 20. Jahrhundert. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2052-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22552.php, Datum des Zugriffs 22.08.2019.


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