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Ulrike Klipsch: Mitwirken im Konflikt

Cover Ulrike Klipsch: Mitwirken im Konflikt. Das Jugendamt im familiengerichtlichen Verfahren bei Trennung und Scheidung. Eine qualitativ-empirische Studie. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 286 Seiten. ISBN 978-3-86388-753-7. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Autorin

Frau Dr. Ulrike Klipsch ist Sozialarbeiterin im Jugendamt der Stadt Düsseldorf mit den Schwerpunkten Trennungs- und Scheidungsberatung und Mitwirkung in familiengerichtlichen Verfahren, Hilfen zur Erziehung und Kinderschutz.

Entstehungshintergrund und Thema

Die hier zu rezensierende Veröffentlichung wurde als Dissertation zum Erwerb des Doktorgrades bei der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg- Essen vorgelegt. Die Autorin untersucht mit qualitativen und empirischen Methoden einen Teilbereich der Arbeit des Jugendamtes, nämlich dessen Mitwirkung in familiengerichtlichen Verfahren zur Konfliktlösung von Eltern bei dem Streit um das gemeinsame Kind. Dabei wird hier nicht nur auf die Datenlage, Entstehung und Probleme der zunehmenden Konflikte vor den Familiengerichten eingegangen, sondern es werden auch ausführlich die Methoden der Datenerhebung und ihre Probleme dargestellt.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung wird die häufig existenzielle Krise einer Familie und die Situation der von Trennung und Scheidung ihrer Eltern betroffenen Kinder dargestellt und auf die Mitwirkungsaufgabe des Jugendamtes nach § 50 SGB VIII verwiesen, die im Fokus dieser Untersuchung steht. Dabei geht es für das Jugendamt im Interesse des Kindes erstens um Konfliktminimierung und um die Wiederherstellung der gemeinsamen Elternverantwortung. Zweitens muss der Kindeswille und das Kindesinteresse festgestellt werden. Und drittens muss das Jugendamt in Kooperation mit den Richtern und allen unterschiedlichen Akteuren eine am Wohl des Kindes orientierte, bestmögliche Lösung finden. Wie sich diese Aufgabe des Jugendamtes als gesetzlicher Auftrag historisch entwickelt hat und wie sie von den Mitarbeitern der Jugendämter wahrgenommen wird ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchung.

Die Arbeit umfasst sechs vielfältig untergliederte Kapitel.

Im ersten Kapitel werden allgemeine thematische Bezüge dargestellt. Zu Beginn wird beschrieben, wie – ausgehend von den 50ziger und 60ziger Jahren in denen die Blütezeit der Kernfamilie gesehen wird – diese Form der Familie heute faktisch eine Familienform neben zahlreichen anderen ist, auch wenn die statistischen Daten belegen, dass der größte Teil der Bevölkerung nach wie vor in ehelicher Normal- oder Kernfamilie lebt. Dazu kommt, dass auch die Ehe zwar an Sinnzuschreibung und Verbindlichkeit verloren habe, aber immer noch eine sehr attraktive Verbindung sei. Wobei das Kind nicht mehr selbstverständlicher Bestandteil, sondern immer häufiger zum eigentlichen Sinn einer Partnerschaft wird. Verstärkt wird dieser Trend dadurch, dass inzwischen die Rolle des Vaters bedeutsamer und auch bindungstheoretisch anerkannt ist.

Auf diesem Hintergrund wird dann das veränderte Trennungs- und Scheidungsgeschehen dargestellt, bei dem es immer weniger auf Versagen und Schuld der einzelnen Partner ankommt, sondern der Fokus eher auf die Überwindung dieser Krisensituation für alle – und eben besonders auf das Wohl der Kinder und ihre weiteren Beziehungen zu den Eltern in unterschiedlichen Konstellationen in den Mittelpunkt der Hilfen abgestellt wird. Dazu werden die Ergebnisse der Scheidungsforschung in den verschiedenen Scheidungsphasen vorgetragen.

Während für etwa zwei Drittel der betroffenen Familien ein mehr oder weniger störungsfreier Umgang aller Beteiligten gefunden wird, gelingt die Einigung im Konflikt um das gemeinsame Kind bei immerhin ein Drittel der betroffenen Familien nicht. Hier spricht man von Hochkonfliktfamilien oder von hochstrittigen Eltern, deren Verhalten und ihre Auswirkungen auf die betroffenen Kinder sowie mögliche Vorgehensweisen in Hinblick auf beratende Interventionen im weiteren dargestellt werden.

Da es in dieser Untersuchung um das Handeln des Jugendamtes geht, ist das Kindeswohl die zentrale Vorgabe für das staatliche Handeln. So werden im folgenden die Kriterien zur Feststellung des Kindeswohls, der Kindeswille und die Frage, wann denn überhaupt von einem eigenen Willen eines Kindes gesprochen werden kann behandelt.

Im zweiten Kapitel werden die Grundlagen der Mitwirkung des Jugendamtes im familiengerichtlichen Verfahren dargestellt und der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) als erste Anlaufstelle für den Bürger bei schwierigen Lebenssituationen und in seiner Funktion als staatliches Wächteramt zur Abwendung von Gefahren für das Wohl von Kindern und Jugendlichen beschrieben. Genauer herausgearbeitet werden einerseits die freiwilligen Leistungen der Jugendhilfe bei Trennung und Scheidung nach den §§ 17 und 18 SBG VIII und andererseits die verpflichtende gesetzliche Mitwirkungsaufgabe im familienrechtlichen Verfahren nach § 50 SGB VIII. Letztere ist der eigentliche Forschungsschwerpunkt und werden die Grundlagen wie die Rolle des Jugendamtes, die elterliche Sorge verheirateter Paare und gerade auch die von unverheirateten Paaren, der Umgang, der Umgang des Kindes, die Regelungen des FamFG, das Hinwirken auf das Einvernehmen des § 156 FamFG dementsprechend ausführlich dargestellt.

Als Ergebnis wird festgehalten, dass sich die Arbeit der Familiengerichte hin zu einer mehr vermittelnden Tätigkeit zwischen den verschiedenen Akteuren entwickelt hat und das dabei dem Jugendamt ebenfalls neue und anspruchsvolle Aufgaben zufallen, die nach Ansicht verschiedener Kritiker noch keineswegs überall überzeugend wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden können.

Im dritten Kapitel wird dem Leser der methodische Zugang erläutert und die Erhebungsinstrumente vorgestellt, mit denen die Autorin herausbekommen wollte, was und wie die Fachkräfte des Jugendamtes im Arbeitsbereich der Trennungs- und Scheidungsberatung und der Mitwirkung im familienrechtlichen Verfahren ihre Handlungspraxis gestalten. Unter der Überschrift „Metatheoretische Grundlagen dokumentarischer Interpretation“ wird genau dargestellt – hier sehr verkürzt wiedergegeben –, warum das episodische Interview gewählt wurde, wie der Leitfaden zusammengestellt wurde, die Interviewpartner gefunden wurden und schließlich die Interviews ausgewertet wurden. Ein Kapitel, was für diejenigen, die vielleicht selbst ein derartiges Forschungsprojekt vorbereiten von besonderem Interesse sein könnte.

Das vierte Kapitel legt umfangreich die gewonnenen Ergebnisse dar, wobei besonders auf die Beratungsrelation eingegangen wird – nämlich den Konflikt der Eltern um das Sorgerecht und den Umgang mit den Kindern, auf die Kinder selbst und im Rahmen der gesetzlichen Mitwirkung auf die Richter bei ihrer Entscheidungsfindung. Sie wird als Basistypik dargestellt: sich gemeinsam in einem Boot zu befinden, die wiederum in drei handlungsleitenden Orientierungen mit den Begriffen Autonomie, Fachkompetenz und Sachbearbeitung darstellt wird. Die wichtigen und interessanten Ergebnisse werden mit zahlreichen Ausschnitten aus den Interviews belegt.

Im fünften Kapitel werden die organisatorischen Rahmenbedingungen durch die Analyse der Interviews rekonstruiert und die Bedeutung des Untersuchungsgegenstandes in der allgemeinen Arbeit des ASD herausgearbeitet. Dies wird wieder mit vielen aufschlussreichen Textstellen aus den Interviews unterlegt, wobei neben anderen Problemen besonders die Schwierigkeiten der Akteure mit den schriftlichen Stellungnahmen für das Familiengericht, das zu knappe Zeitbudget und die hohe Fluktuation der Mitarbeiter als negative Faktoren zu bemerken sind.

Im sechsten Kapitel zieht die Autorin das Fazit ihrer Arbeit und fasst die zentralen Ergebnisse ihrer Untersuchung zusammen. Darüber hinaus formuliert sie weiterführende Überlegungen und schließt mit vier handlungspraktischen Aspekten und Überlegungen für eine Weiterentwicklung der Mitwirkungspraxis ab.

Der erste Aspekt zielt auf die betroffenen Kinder und die Frage, wie denn eine kindgerechte Beteiligung aller beteiligten Akteure aussehen könnte. Der zweite Aspekt betrifft die Auswirkungen des Elternstreits auf die Kinder. Der dritte Aspekt beschäftigt sich mit der Zusammenarbeit des Jugendamtes mit Richter und anderen Verfahrensbeteiligten. Der vierte Aspekt fragt nach der Weiterentwicklung der Organisation – also z.B. nach einer Spezialisierung der Fachkräfte im Jugendamt und der Weiterentwicklung einer strukturellen Verankerung der Zusammenarbeit von ASD und Familiengericht.

Das Buch schließt mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis und dem Interviewleitfaden.

Fazit

Frau Dr. Ulrike Klipsch hat mit ihrer Dissertation über die Mitwirkung und die Zusammenarbeit von Jugendamt und Familiengericht im Konflikt um die elterliche Sorge von Eltern im Scheidungsprozess ein wichtiges, aber kaum beachtetes Thema systematisch erforscht und gut lesbar dargestellt. Es kann nur empfohlen werden, dass die Ergebnisse und Anregungen in die Ausbildung zur sozialen Arbeit einfließen und bei den Familiengerichten und Jugendämtern die notwendige Beachtung findet.


Rezensent
Prof. Nils Volkersen
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Zitiervorschlag
Nils Volkersen. Rezension vom 17.01.2018 zu: Ulrike Klipsch: Mitwirken im Konflikt. Das Jugendamt im familiengerichtlichen Verfahren bei Trennung und Scheidung. Eine qualitativ-empirische Studie. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-753-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22553.php, Datum des Zugriffs 17.02.2018.


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