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Jens Schreyer: Outdoortraining für Gesundheitsförderung und Persönlichkeit­sentwicklung

Cover Jens Schreyer: Outdoortraining für Gesundheitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 137 Seiten. ISBN 978-3-497-02676-0. 24,90 EUR.

Praxisbuch mit 51 Übungen. Mit einem Geleitwort von Daniela Blickhan. Erleben & lernen, Band 18.
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Autor

Der Diplom-Sozialpädagoge Jens Schreyer (www.jens-schreyer.de) arbeitet sehr mehr als 15 Jahre als Berater, Coach, Lehrer und Trainer, wobei er Handlungsformen einsetzt, die er in seinen Ausbildungen kennen gelernt hat; solche aus der Positiven Psychologie (https://de.wikipedia.org/wiki/Positive_Psychologie), der Systemischen Beratung, des Neurolinguistischen Programmierens und des Outdoortrainings bei der Gesellschaft zur Förderung der Erlebnispädagogik (www.erlebnistage.de/). Seine derzeitigen Tätigkeitsschwerpunkte sind Beratung, Coaching und Training in und für pädagogische Organisationen, Ausbilder am nördlich von Rosenheim gelegenen Inntal Institut für Positive Psychologie, NLP und Systemisches Coaching und Leitung des zweisemestrigen berufsbegleitenden Weiterbildungsstudiengangs Erlebnispädagogik / Outdoortraining an der Ostfalia, Hochschule für angewandte Wissenschaften Wolfenbüttel (www.erlebnispaedagogik-outdoortraining.de).

Thema

Mit dem hier zu rezensierenden Buch legt Jens Schreyer gleichsam seine Visitenkarte (oder zumindest einer seiner möglichen) vor – natürlich verbunden mit der Vorstellung, das Buch möge sich als Eintrittsbillet erweisen. Man kennt diese besondere Literaturgattung seit Längerem und von Freiberuflern unterschiedlicher Dienstleistungen; auch solchen der Erwachsenenbildung (einschließlich Beratung/Mentoring, Coaching und Training), für die es weitaus mehr Angebote als Nachfragen gibt (Kessl, Polutta, Ackeren, Dobischat & Thole, 2013; vgl. Heekerens, 2014). Das besondere Profil, mit dem sich Jens Schreyer hier präsentiert und positioniert, ist ein Buch, das Outdoortraining und Positive Psychologie praktisch und theoretisch zu verknüpfen sucht.

Einführung in die Positiven Psychologie

Zu „Outdoortraining“ muss man Erlebnispädagog(inn)en (hoffentlich) nichts sagen, wohl aber – zumindest vielen – zu Positive Psychologie, die in Kreisen der deutschen akademischen Psychologie auch „Wohlbefindensforschung“ genannt wird (vgl. etwa www.dgps.de/index.php). Der Begriff und das damit gekennzeichnete das Konzept hatte bereits Anfang der 1950er der Psychologe Abraham Maslow (https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Maslow) in den wissenschaftlichen Diskurs der Psychologie eingebracht (Stichworte „Selbstverwirklichung“ und „peak experience“). In Fahrt kam die Positive Psychologie durch den Psychologen Martin Seligman (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Seligman), der Ende der 1990er, als er Präsident der American Psychological Association war, deklarierte, die Psychologie habe ein Defizit darin, zu einem wahrlich erfüllten Leben beizutragen. Die von ihm geforderte und geförderte Positive Psychologie möge sich theoretisch wie praktisch vorwiegend mit positiven Erfahrungen und individuellen Eigenschaften beschäftigen, Stärken fördern und Menschen befähigen, das Beste aus ihrem Leben zu machen. Mit Blick auf ihre geschichtliche Entwicklung ist die Positive Psychologie eine anfänglich rein humanistische, später kognitiv-behavioral eingefärbte Spielart der Psychologie; nur ihre Wortführer(innen) werden sie – wozu Geschichtsvergessenheit nützlich ist – als etwas völlig Neues hinstellen.

Martin Seligman hat die Verbreitung der Positiven Psychologie vorangetrieben. Ihre Ausbreitung hat aber nicht nur mit seinem Ansehen und Charisma zu tun. Man muss, was bisher noch nicht in hinreichender Breite und Tiefe geschehen ist, die relevanten Kontextfaktoren des bislang unaufhaltsamen Aufstiegs der Positiven Psychologie beleuchten. Kritiker weisen darauf hin, sie passe bestens zum Zeitgeist, wo die humanistische „Selbstverwirklichung“ zur neoliberalen „Selbstoptimierung“ mutiert/verkommen sei. Martin Seligman hat auch hierzulande seine Spuren hinterlassen – mit Publikationen wie zuletzt „Flourish – Wie Menschen aufblühen. Die Positive Psychologie des gelingenden Lebens“ (München: Kösel, 2012; die socialnet-Rezension sei ausdrücklich zur Lektüre empfohlen: http://www.socialnet.de/rezensionen/13461.php). Mit Blick auf die internationale Szene kann man nur sagen: Die Positive Psychologie hat sich in erstaunlich kurzer Zeit gut etabliert. Seit 2006 gibt es das Journal of Positive Psychology (https://en.wikipedia.org/wiki/The_Journal_of_Positive_Psychology. Zwischen 2001 und 2014 erschienen als Erstauflage in der Oxford Library of Psychology die Bücher „Oxford Handbook of Positive Psychology“ (2001; 2016 in dritter Auflage), „Oxford Handbook of Positive Psychology and Work“ (2009) und „Oxford Handbook of Happiness“ (2014). Seit 2007 gibt es die International Positive Psychology Association (www.ippanetwork.org/), die 2017 bereits den 5. Weltkongress ausrichtet; bereits 2016 fand die 8. European Conference on Positive Psychology statt. In der etablierten akademischen Psychologie kann Positive Psychologie nicht punkten; beispielsweise bildet sie bislang keine Fachgruppe in der deutschen Gesellschaft für Psychologie, und dass sie dies jemals bilden wird, bezweifeln Kenner(innen) der Szene.

Zur Anwendung von Methoden der Positiven Psychologie auf das Gebiet der Pädagogik sind in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum zahlreiche Bücher erschienen; ich nenne hier nur die aus den letzten fünf Jahren und nur solche, die auch bei socialnet rezensiert wurden: „Praxis der positiven Psychologie“ (Bannink, 2012; vgl. Lengerke, 2013a), „Positive Psychologie in der Praxis. Anwendung in Psychotherapie, Beratung und Coaching“ (Steinebach, Jungo & Zihlmann, 2012; vgl. Lengerke, 2013b), „Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis“ (Blickhan, 2015; vgl. Lengerke, 2015) und „Positive Psychologie in Bildungseinrichtungen. Konzepte und Strategien für Fach- und Führungskräfte“ (Brohm, 2016; vgl. Vanderheiden, 2017). Die In-Beziehung-Setzung von Positiver Psychologie und Pädagogik ist hierzulande schon seit geraumer Zeit etabliert.

Aber auch die Verknüpfung von Erlebnispädagogik und Positiver Psychologie ist, ohne dass der Begriff in diesem Zusammenhang genannt würde, im deutschsprachigen Raum nicht neu. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi (https://de.wikipedia.org/wiki) ist vielleicht nicht als Gründungsfigur, wohl aber als Vor-Denker der Positiven Psychologie anzusehen. Bereits 1975 beschrieb er das Flow-Erleben (https://de.wikipedia.org/wiki/Flow_(Psychologie)), das heute nach Ansicht von Anhängern der Positiven Psychologie zu dieser gehört. Flow-Erleben und Erlebnispädagogik gehören zusammen; nach Ansicht mancher Beobachter(innen) gar von Anfang – und das meint: seit Kurt Hahns Konzept der „schöpferischen Leidenschaft“ – an (vgl. etwa Plöhn, 1998a, 1998b, 2000). Heute werben mit dem Versprechen, Flow-Erlebnisse zu erzeugen oder zu bewirken, viele deutsche Anbieter von und/oder Ausbilder in Erlebnispädagogik. Ein Ausbildungsinstitut nennt sich gar flowventure (http://www.flowventure.de/). Das wirbt mit dem Martin Schwierschen Slogan: „Wer den Flow hat, braucht den Kick nicht mehr“. Besser kann man die Positive Psychologie in der psychosozialen und sozialpädagogischen Szene nicht bewerben.

Aufbau und Inhalt

Am Anfang des Buches findet sich das Geleitwort Daniela Blickhans (http://positivepsychologie.eu/daniela-blickhan), einer der Führungsfiguren der deutsch(sprachig)en Positiven Psychologie (Blickhan, 2015; vgl. von Lengerke, 2015) – einer Wissenschaftlerin, die im Februar 2017 mit der Dissertation „Anleitung zum Glücklichsein. Studie über die Wirkung von Ausbildungen in Angewandter Positiver Psychologie auf Wohlbefinden und Flourishing der Teilnehmenden“ (online verfügbar unter www.diss.fu-berlin.de=) an der FU Berlin promoviert wurde. Sie ist die führende Persönlichkeit am o.g. Inntal Institut für Positive Psychologie, an dem Jens Schreyer als Ausbilder tätig ist.

Am Ende des Buches findet sich ein Literaturverzeichnis, das die schon jeweils am Ende der Einzelkapitel zu findenden Literaturnachweise zusammenfasst; und ein – mit nur einer Seite allerdings extrem knapp ausfallendes (und bezüglich seiner Auswahlkriterien undurchsichtig bleibendes)- Sachregister.

Dazwischen liegen nach der Einleitung zwölf Kapitel, deren Inhalt man nacheinander zusammenfassend referieren könnte; so wie das von Text-Büchern her gewohnt ist. Ich habe das probeweise versucht und am Ende festgestellt, dass so Gehalt und Struktur des Buches gerade eben nicht zur Darstellung gelangen. Ein anderer Weg ist darzulegen, aus welchen Grundelementen sich das Buch zusammensetzt, was diesem „Praxishandbuch mit 51 Übungen“ durchaus entspricht. Man kann drei Grundelemente ausfindig machen:

  1. 58 Abbildungen, 10 Tabellen und zahlreiche Strichzeichnungen, Kap. 1-11
  2. Übungen: 41 für Teilnehmer(innen), Kap. 3-11 und 10 für Trainer(innen), Kap. 12
  3. Textstücke, verknüpft mit Darstellung der Übungen und graphischen Elementen

Die Kapitel 1 – 11 bieten insgesamt 58 Abbildungen, 10 Tabellen und zahlreiche Strich(männchen)zeichnungen. Die Letzteren sind wohl eingefügt in der Annahme, es gäbe zahlreiche Leser(innen), die beim Lesen bloßer Texte allzu schnell ermüden, mit rein digitaler Informationsvermittlung irgendwie fremdeln und/oder einfach ein wenig Entertainment zwischendurch brauchen. Illustrationen in des Begriffes gutem Sinne als dem Text erläuternd beigegebene Bilder, sind das nicht! Hier wird nichts „erläutert“. Was Illustrationen, die die Bezeichnung verdienen, anbelangt, haben belesene Erlebnispädagog(inn)en durchaus ihren Maßstab. Man denke nur an die Illustrationen von Wolfgang Schmieder in Annette Reiners´ „Praktische Erlebnispädagogik“ (München: Sandmann, 3. Aufl. 1993) oder die von Katharina Becker in „Kooperative Abenteuerspiele II“ von Rüdiger Gilsdorf und Günter Kistner (Seelze-Velber: Kallmeyer, 2. Aufl. 2002).

Anders ist es bei den Abbildungen und Tabellen, für die – leider – Verzeichnisse fehlen. Die Abbildungen und Tabellen haben in den meisten Fällen einen „informellen Mehrwert“, weil sie, womit nichts über die Qualität der gebotenen Informationen gesagt ist, verdichteten und veranschaulichen (etwa Abbildung 9 oder Tabelle 10), oder aber standardisierte Arbeitsblätter bieten (wie etwa im Falle von Tabelle 5).

Wer angesichts des ersten Titelwortes „Outdoortraining“ die Vorstellung hegt, alle Übungen würden outdoor durchgeführt werden (müssen), muss sich eines Besseren belehren lassen. Von den zehn Trainer(innen)-Übungen setzen nur zwei – „Ort der Erholung“ und „Micro Adventure“ – voraus, dass man einen Fuß vor die Tür setzt – und das lediglich in eine „Natur“, die Quantität und Qualität eines Stadtparks nicht überschreiten muss. „Miniurlaub“ kann auch im ungestörten (Handy aus!) Genuss einer Tasse Kaffee auf der Couch realisiert und Übungen wie „360-Grad-Feedback“, „Flow-Erleben“, „VIA-Charakterstärkentest“ können selbst auf dem Bürostuhl. Prüft absolviert werden man die zehn Trainer(innen)-Übungen darauf hin, inwiefern sie originell sind, so werden die meisten erlebnispädagogisch ausgebildeten Berater(innen)/Mentor(inn)en, Coaches und Trainer(innen) an neun der zehn Übungen wenig Neues entdecken. Eine Ausnahme stellt der „VIA-Charakterstärkentest“ dar, auf den im Diskussionsteil noch näher eingegangen wird.

Die 41 Übungen für Teilnehmer(innen) finden sich in den Kapiteln 3 bis 11, die handlungsorientierte Darstellungen beinhalten – nach den vorbereitenden und hinführenden Kapiteln 1 und 2. Bei der Auflistung der Übungen ist übrigens ein Fehler unterlaufen: Die Trainer(innen)-Übung „Positiver Trainingsrückblick“ (S. 129) ist unter den Teilnehmer(innen)-Übungen (S. 8) aufgelistet, die Teilnehmer(innen)-Übung „Positiver Tagesausblick“ (S. 96) hingegen unter Trainer(innen)-Übungen (S. 10).

Die zentralen Ergebnisse bei Betrachtung der Teilnehmer(innen)-Übungen sind: 1. Die weit überwiegende Mehrzahl der Übungen muss nicht zwingend outdoor durchgeführt werden, sondern kann – mit kleinen Modifikationen, zu denen findige Trainer(innen) stets in der Lage sind – auch indoor durchgeführt werden. Mit „indoor“ habe ich keineswegs nur das Büro, das Wohnzimmer oder den Hörsaal im Blick, sondern die Turnhalle einer Hochschule (ich hatte in meiner aktiven Zeit eine solche zur Verfügung), die eines Vereins (mein Turn- und Sport-Ortsverein stellte sie mir immer wieder gerne zur Verfügung) oder die eines Seminarhotels (deren Fitnessräume haben mitunter beeindruckende Ausmaße).

Das zweite zentrale Ergebnis: Wenn outdoor zwingend notwendig oder überaus vorteilhaft erscheint, so meint outdoor mit einer Ausnahme nichts mehr als: Ein paar Schritte rausgehen. Nicht gerade auf die Straße, aber irgendwo hin, wo es so etwa wie eine „Grünfläche“ gibt. Ich hatte als Hochschullehrer das Privileg, dass unser Pasinger (westlicher Stadtteil von München) Fachbereich unmittelbar neben einem sehr großen Stadtpark liegt, durch den auch noch ein schöner Bach, die Würm, fließt. Wer ein solches Privileg nicht hat, möge sich nach „Grünflächen“ umsehen. Da gibt es Kindergärten mit großen Grünflächen, die am Wochenende nicht benutzt werden, Sportvereine, die ihre Rasenplätze nur hie und da in Anspruch nehmen, und sogar öffentliche Grünflächen (den Englischen Garten in München zähle ich dazu), die man nutzen kann, sofern man den verantwortlichen Stellen eine pädagogische Zielsetzung glaubhaft zu machen vermag.

Eine Ausnahme bildet die Übung „Klettern mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden“ (S. 112), wo als Ort „Fels mit Schwierigkeitsgrad 3-6, Überhang“ verlangt wird. Das überrascht dann doch, weil sich die anderen Übungen, so sie denn körperlicher Natur sind, in einem Anspruchsbereich bewegen, den man mit von „rüstig“ (etwa Nordic Walking – einfach oder in Variationen; S. 70 u. 102) bis zu „nicht allzu unsportlich“ (z. B. „Elektrischer Draht“, S. 105, „Die Gratwanderung“, S. 105 oder „Zieh mich, stoß mich“ (S. 111) markieren kann. Und nun: einen 6er im Fels klettern (https://de.wikipedia.org/wiki/Schwierigkeitsskala_(Klettern))! Da ist im Anforderungsbereich doch sowohl für Teilnehmer(innen) wie für Trainer(innen) eine erstaunliche Diskrepanz – zu Nordic Walking etwa.

In seiner Einleitung hat der Autor erklärt, sein Buch verfolge im Wesentlichen drei Intentionen. Sehen wir mal von der dritten „Das Buch will ermuntern.“ (S. 15) ab. Die erste Intention wird beschrieben mit: „Das Buch will Theorie in die Praxis bringen. Es werden zahlreiche Übungen, Anwendungsbeispiele, Tipps und praktische Anregungen zu den Themen Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit vorgestellt.“ (S. 14) Zu dieser Intention wurde oben schon das Wesentliche gesagt. Was die Textstücke – das dritte Element des Buches – anbelangt, muss man die zweite Intention des Buches in den Blick nehmen: „Das Buch will Praxis aus der Theorie entwickeln. In jedem Kapitel gibt es Hintergrundinformationen zu den vorgestellten Themen. Fast alle Konzepte und Modelle stammen aus einem neuen Feld der angewandten Psychologie, der Positiven Psychologie.“ (S. 15)

Und so kann man denn von „Wohlbefinden und Resilienz“ (3. Kap.) lesen, von „Stärken stärken“ (Kap. 4), „Achtsamkeit und Flow-Erleben“ (6. Kap.) oder „Flourishing“ (9. Kap.). Nur ist es so: Je pompöser besagte „Konzepte und Modelle“ präsentiert werden, umso mickriger (Ausnahme: Felsklettern) erscheinen die vorgeschlagenen Übungen. Und umso weniger glaubt man, wenn man sich in der Evaluationsforschung auch nur einigermaßen auskennt, des Autors Credo, dass jene kleinformatigen Übungen solch großformatige Wirkungen hätten.

Diskussion

Ich will es damit genug sein lassen, an kritischen Bemerkungen zu den Übungen in einem Buch, das von „Outdoortraining“ handeln will. Aber das ist der Haupteinwand gegen das vorliegende Buch: Was hier an Übungen unter der Fahne „Outdoortraining“ daher kommt, löst den damit verbundenen Anspruch nicht ein; hier ist zu selten „outdoor“ und zu wenig „Training“.

Es gibt weitere Kritikpunkte, von denen nachstehend einige aufgeführt sind. Bei Betrachtung der Trainer(innen)übungen fällt (s.o.) als wirklich Neues der VIA-Charakterstärkentest, der auch (möglichen) Teilnehmer(innen) anempfohlen wird (S. 47-48), auf. Genauer muss es VIA-IS heißen Values in Action – Inventory of Strength (vgl. http://www.charakterstaerken.org). Der Test erhebt schon gar nicht einmal – und das ist angesichts mangelnder Beweise für die üblichen Testgütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität nur klug – den Anspruch, irgendetwas „Objektives“ zu erfassen. Wer den online verfügbaren Fragebogen ausgefüllt hat, erfährt bei der Ergebnispräsentation: „Untenstehend sehen Sie Ihre Ergebnisse zum Values in Action – Fragebogen. Bitte beachten Sie, dass es sich dabei um Selbsteinschätzungen handelt, d. h die folgende Rückmeldung spiegelt wieder [!], wie Sie sich selbst sehen.“ Na ja, werden manche sagen, endlich mal ein objektives Bild des alltäglichen Selbstbetrugs! Hurra!! Ansonsten heißt es nach Duden-Deutsch nicht „wiederspiegeln“, sondern „widerspiegeln“. Aber wer will denn kleinlich sein, wenn doch die großen Dinge verhandelt werden?

Für wen ist der VIA-IS überhaupt gedacht? Im Buch wird der Eindruck vermittelt: für Menschen wie Dich und mich. Wenn man die o.g. online-Version – bei der zu jeder Frage eine Antwort gegeben werden muss – ausfüllt, beschleicht einem zunehmend mehr der Verdacht, er sei nur für „bestimmte Kreise“ gedacht. Bei Beantwortung des Statements 214 etwa muss man wissen, worum es sich bei einer Tragödie bzw. Komödie handelt; culture fair ist das nicht. Aber viele werden gar nicht bis zu dieser Frage gelangen, denn schon vorher liegt der größte Stolperstein. Unter Nummer 206 findet sich das Statement „Als Führungsperson bin ich der Überzeugung, dass es jedem Mitglied möglich sein muss, sich in Gruppenprozessen einzubringen“. Nur: Wann kann / soll / darf sich jemand beim Ausfüllen des VIA-IS als „Führungsperson“ fühlen? Für Führungskräfte im Sinne arbeitsrechtlicher Definition gibt es da kein Problem, doch was ist mit all den anderen?

Bei vielem, was der Autor zur Erlebnispädagogik oder über sie sagt, regt sich bei mir Widerspruch; und das von der ersten Seite an. Der erste Satz der Einleitung lautet: „Als in den 1930er Jahren Kurt Hahn die Erlebnistherapie entwickelte, ging es um die Entwicklung von Persönlichkeiten.“ (S. 13) Weshalb „in den 1930er Jahren“, die bekanntlich von 1930 bis 1939 dauern? Kurt Hahn musste, weil von den Nazis angefeindet, im Juli 1933 emigrieren, fand Asyl in Schottland und gründete 1934 in Gordonstoun die British Salem School, deren Bedeutung für die Entwicklung der erlebnispädagogisch geprägten „Kurzschulen“ und die weltweite Verbreitung von Outward Bound nicht zu leugnen ist. Natürlich hat sich die Erlebnispädagogik seit 1930 fortentwickelt und tut das bis heute. Aber ihre grundlegende Entwicklung war schon vor der Nazizeit abgeschlossen. Jedenfalls ist das die Mehrheitsmeinung der Historiker(innen) der Erlebnispädagogik, für die stellvertretend Karl Schwarz (1968) zitiert sei: „Auf der Basis dieser Neuentwicklung entwickelte Hahn eine eigenständige, auf stete Wechselbeziehung zur praktischen Erprobung aufbauende pädagogische Theorie, die im Grundriß bereits um das Jahr 1930 festgelegt ist…“ (S. 37) Wer sich zu dieser Frage in Kurt Hahns Schriften vertiefen will, der / dem sei zu diesem Punkt v. a. die Lektüre des ersten Abschnitts „Die Wirklichkeit hat heute nicht die Menschen, die sie braucht“ aus des 1928! gehaltenen Vortrags „Die Aufgabe der Landerziehungsheime“ (Hahn, 1958) ans Herz gelegt.

Zum zweiten Widerspruch reizt noch auf derselben Seite der Satz: „Bisher kaum vertreten oder gar nicht vorhanden sind Angebote, die sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen, in denen es um persönliches Wachstum, Wohlbefinden, psychische Gesundheit und das gelingende Leben geht.“ (S. 13) Persönlichkeitsentwicklung ist Hahnschen Zeiten ein zentrales, wenn nicht das zentrale Ziel vieler, wenn nicht der meisten Spielarten von Erlebnispädagogik. Vor rund einem viertel Jahrhundert wurden alle bis dahin vorliegenden Wirksamkeitsstudien, deren Entstehungszeitraum bis zu zwei Jahrzehnten zurück lag, gesammelt, ausgewertet und die Ergebnisse dann in der ersten Metaanalyse zur Wirksamkeit von Erlebnispädagogik veröffentlicht (Cason & Gillis, 1994). Als eine der sieben Erfolgskriterien wurde Locus of Control / Kontrollüberzeugung (https://de.wikipedia.org/wiki/Kontrollüberzeugung) betrachtet; und Erlebnispädagogik erwies sich (auch) hier als wirksam.

Dies war auch in späteren Metaanalysen zur Wirksamkeit von Erlebnispädagogik der Fall, sofern nicht ganz bestimmte Zielgruppen (Jugendliche mit Störungen des Sozialverhaltens bzw. delinquente Jugendliche) unter eingeschränkter Fragestellung (symptomatische Besserung bzw. Rückfallquote) betrachtet wurden (Heekerens, 2006). Freilich wurde eine positive Wirkung von Erlebnispädagogik auf Kontrollüberzeugung nicht bei jeder beliebigen Art von Aktivität außerhalb der Haustür festgestellt. Die erlebnispädagogischen Outdooraktivitäten, für die eine positive Wirkung auf Kontrollüberzeugung festgestellt wurde, sind zeitlich weitaus länger (im Mittel drei Wochen) als die in vorliegendem Buch präsentierten und haben einen weitaus höheren Herausforderungscharakter: Sie gehören zu den erlebnispädagogischen Handlungsformen, die nach internationalem Sprachgebrauch als „(Outdoor) Adventure“- oder „Outward Bound“-Programme bezeichnet werden.

Bei der in der Evaluationsforschung zur Erlebnispädagogik bedeutsamen Frage, durch welche internen Mechanismen bei den Teilnehmer(inne)n Erlebnispädagogik eigentlich wirkt, steht heute – theoretisch und empirisch begründet – Kontrollüberzeugung im Mittelpunkt der Betrachtung: Sie wird durch Erlebnispädagogik vergrößert, was sich (Mediatoreneffekt) positiv auswirkt auf einerseits andere „psychische Stellschrauben“ wie Selbstwirksamkeitserwartung (https://de.wikipedia.org/wiki/Selbstwirksamkeitserwartung) sowie unterschiedliche objektivierbare Ergebnisgrößen: vom Selbstbild über emotionale und soziale Intelligenz bis zur schulischen oder beruflichen Leistungsfähigkeit (Heekerens, 2013). Wer übrigens wissen will, was Kontrollüberzeugung zu tun hat mit Positiver Psychologie vertiefe sich in Russ Hills (2011) „Teach internal locus of control: a Positive Psychology app“ (Beach Haven, NJ: Will to Power Press).

Kommen wir zu einem letzten Widerspruch. Auf der zweiten Seite seiner Einleitung deklariert der Autor: „Das vorliegende Buch ist ein erster Schritt, die Themen Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit in die Praxis der Erlebnispädagogik und des Outdoortrainings zu bringen.“ (S. 14) das ist der Stoff, aus dem Propagandaschriften sind. Welch grandiose Fehl- und Selbstüberschätzung hinsichtlich Persönlichkeitsentwicklung sich in dem Satz offenbart, wurde bereits deutlich. Aber wie ist das hinsichtlich „Gesundheit“. Wahr ist: Die deutsch(sprachig)e Erlebnispädagogik hat sich dem Thema Gesundheit in ihren Schriften hauptsächlich und vornehmlich unter dem Titel „Abwehr von Gefahr für Leib und Leben“, sprich: unter dem Aspekt von „Sicherheit“ genähert (vgl. Heekerens, 2015). Aber das alles heißt doch nicht, dass sich die Erlebnispädagogik hierzulande und anderwärts nicht für die Frage interessiert hätte, ob sie auch positive Wirkung auf die körperliche Gesundheit habe. Sie hielt dies aber offensichtlich für so selbstverständlich, dass es ihr banal erschien, dies auch noch eigens zu thematisieren.

Fazit

Daniela Blickhan lässt ihr Geleitwort enden mit dem Satz: „Die Verbindung von Outdoortraining und Persönlichkeitsentwicklung scheint also eine ideale Kombination, und ich wünsche Jens Schreyer, dass sein Buch bald im Bücherregal jedes Outdoor-Profis steht!“ (S. 12) Auch in glaube, dass das Outdoortraining und die Erlebnispädagogik insgesamt Einiges von Theorie und Praxis der Positiven Psychologie lernen kann. Das vorliegende Buch, das ist unbestritten sein großes Verdienst, hat darauf hingewiesen. Nur vermag es nicht zu überzeugen. Diese Bewertung hängt natürlich von Bewertungskriterien ab, wie sie oben sichtbar wurden. Wer andere hat, liest das Buch vielleicht mit mehr Gewinn.

Literatur

  • Bannink, F. P. (2012). Praxis der positiven Psychologie. Göttingen: Hogrefe.
  • Blickhan, D. (2015). Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. Paderborn: Junfermann.
  • Brohm, M. (2016). Positive Psychologie in Bildungseinrichtungen. Konzepte und Strategien für Fach- und Führungskräfte. Berlin u.a.: Springer.
  • Cason, D.R. & Gillis, H.L. (1994). A meta-analysis of adventure programming with adolescents. Journal ol Experiential Education, 17(1), 40-47.
  • Hahn, K. (1958). Erziehung zur Verantwortung. Reden und Aufsätze. Stuttgart: Klett
  • Heekerens, H.-P. (2006). Wirksamkeitsforschung zur Erlebnispädagogik: Ergebnisse, Fragen, Anregungen. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 26(10), 3-57.
  • Heekerens, H.-P. (2013). Ergebnis- und Prozessforschung in der Erlebnispädagogik: Was man weiß, was man wissen sollte. erleben & lernen, 21(3/4), 41-45.
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 13.02.2014 zu Kessl, F., Polutta, A., Ackeren, I. v., Dobischat, R. & Thole, W. (Hrsg.) (2013). Prekarisierung der Pädagogik – Pädagogische Prekarisierung? Weinheim: Beltz Juventa. socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/16187.php).
  • Heekerens, H.-P. (2015). Risiko und Gefahr – Once again. Von hilfreichen Verstörungen. Erleben & Lernen, 23(3/4), 56 – 60.
  • Kessl, F., Polutta, A., Ackeren, I. v., Dobischat, R. & Thole, W. (Hrsg.) (2013). Prekarisierung der Pädagogik – Pädagogische Prekarisierung? Weinheim: Beltz Juventa
  • Lengerke, Th. v. (2013a). Rezension vom 25.09.2013 zu: Fredrike P. Bannink, F. P. (2012). Praxis der positiven Psychologie. Göttingen: Hogrefe. socialnet Rezensionen, online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/14143.php (letzter Zugriff am 3.4.2017).
  • Lengerke, Th. v. (2013b). Rezension vom 25.09.2013 zu Steinebach, C., Jungo, D. & Zihlmann, R. (Hrsg.) (2012). Positive Psychologie in der Praxis. Anwendung in Psychotherapie, Beratung und Coaching. Weinheim – Basel: Beltz. socialnet Rezensionen, online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/14142.php (letzter Zugriff am 3.4.2017).
  • Lengerke, Th. v. (2015) Rezension vom 17.11.2015 zu Blickhan, D. (2015). Positive Psychologie. Ein Handbuch für die Praxis. Paderborn: Junfermann. socialnet Rezensionen, online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/19141.php (letzter Zugriff am 3.4.2017).
  • Plöhn, I. (1998a). Flow-Erlebnisse in der Erlebnispädagogik: Ursprung und Konsequenz. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 18(3/4), 3-22.
  • Plöhn, I. (1998b). Flow-Erleben. Eine erlebnispädagogische Anleitung zum Motivationstraining
  • für Jugendliche. Neuwied – Kriftel: Luchterhand.
  • Plöhn, I. (2000). Zur erziehungswissenschaftlichen Relevanz des „Flow“-Begriffes
  • Eine Analyse reformpädagogischer Konzepte. Unveröff. Diss. Univ. Hamburg, online verfügbar unter http://ediss.sub.uni-hamburg.de (letzter Zugriff am 2.4.2017).
  • Schwarz, K. (1968). Die Kurzschulen Kurt Hahns. Ratingen: Henn.
  • Steinebach, C., Jungo, D. & Zihlmann, R. (Hrsg.) (2012). Positive Psychologie in der Praxis. Anwendung in Psychotherapie, Beratung und Coaching. Weinheim – Basel: Beltz.
  • Vanderheiden, E. (2017). Rezension vom 30.03.2017 zu: Michaela Brohm, M. (2016), Positive Psychologie in Bildungseinrichtungen. Konzepte und Strategien für Fach- und Führungskräfte. Berlin u.a.; Springer. socialnet Rezensionen, online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/21595.php (letzter Zugriff am 3.4.2017).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 18.04.2017 zu: Jens Schreyer: Outdoortraining für Gesundheitsförderung und Persönlichkeitsentwicklung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-497-02676-0. Praxisbuch mit 51 Übungen. Mit einem Geleitwort von Daniela Blickhan. Erleben & lernen, Band 18. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22556.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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