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Jürgen Turek: Globalisierung im Zwiespalt

Cover Jürgen Turek: Globalisierung im Zwiespalt. Die postglobale Misere und Wege, sie zu bewältigen. transcript (Bielefeld) 2017. 557 Seiten. ISBN 978-3-8376-3785-4. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Das über 500 Seiten starke Buch liefert eine Art Panorama der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Weltlage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Erklärtes Ziel des Verfassers ist es, „Chancen und Risiken der weiteren Entwicklung abzuschätzen“ (31). Was sozialwissenschaftlich mit dem Begriff Globalisierung zu erfassen versucht wird, lässt er offen.

Autor

Jürgen Turek arbeitet am Centrum für Angewandte Politikforschung (C.A.P.) der Ludwig-Maximilian-Universität München und war dort zwölf Jahre lang Leiter der Forschungsgruppe Zukunftsfragen. In diesem Rahmen ist er über Jahre mit Fragen der Globalisierung befasst gewesen, wie man erfährt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert, deren Inhalt exemplarisch (teilweise in Stichworten) verdeutlicht werden soll. Bei dem Umfang des Werks ist es unmöglich, auf alles einzugehen.

In einem Prolog skizziert der Verf. die nach dem Ende der Bipolarität entstandene Situation und die damit verbundenen brennenden Fragen, unter anderem Markt versus Staat, „McWorld versus Dschihad“, Chancen und Risiken der Globalisierung. Die auszumachen ist sein Erkenntnisinteresse (30f.).

In Kapitel I schließt sich der Verf. denen an, die im historischen Kontext von einer neuen Qualität der Globalisierung im heutigen Stadium ausgehen, u.a. mit dem Aufweis der exponentiellen Zunahme des Welthandels. Es werden Anforderungen an die Politik, speziell an internationale „Lösungsstrukturen“ aufgezeigt.

Themen des Kapitels II sind das Welthandelsregime seit Installation der WTO und die Regionalismen (EU, NAFTA, TPP). Außerdem wird die Energiepolitik angesichts von Klimawandel und Oil Peak verhandelt.

Kapitel III konzentriert sich auf die Finanzmärkte und Finanzkrisen, speziell die Eurokrise und die Rolle und Legitimation der EZB. Für den Verf. ist die Wirtschaftsunion die logische Folge der Währungsunion.

Kapitel IV hat die neuen Technologien zum Gegenstand, wieder unter dem Aspekt von Chancen und Risiken, zunächst die Informations- und Kommunikationstechnologe und ihre Anwendungsmöglichkeiten im Handel (B2C) und in der Produktion (Industrie 4.0, smart factory und smart service). Der Verf. erwartet „revolutionäre Lösungen für die Verbesserung (sic!) von Zivilisationsproblemen“ (166). Er verdeutlicht aber auch die Gefahren von Big Data (189) oder eines schon beginnenden Cyberwar. Diskutiert werden auch die Chancen und Gefahren der Nanotechnologie. Von der Biotechnologie verspricht sich der Verf. eine ertragreichere Agrarwirtschaft zur Sicherung der Welternährung.

In Kapitel V wird „eine neue Landkarte der Konflikte“ gezeichnet. Es geht um die neuen Herausforderungen der Sicherheitspolitik, aber auch um wirtschaftliches Wachstum, welches für den Verf. allein Beschäftigung und Wohlstand sichern kann (233). In der „wachsenden Ungleichheit“ (234) sieht er eine Gefahr, erstens eine Ursache für den Rechtspopulismus, zweitens einen Grund für die Armutsmigration und drittens für den Terrorismus. Weitere Themen sind: Versäumnisse der EU in der Migrationspolitik, genveränderte Organismen auf dem Saatgutmarkt und der Kampf um die knappen Wasserressourcen.

Für Kapitel VI könnte „zwischen Normalarbeitsverhältnis und Prekariat“ (293) als Überschrift dienen. „Globalisierungsimpulse“ haben zur Flexibilisierung des Arbeitsmarktes geführt, die der Verf. für unvermeidlich hält. Neben der Arbeitsmarktpolitik sieht er die Bildungspolitik herausgefordert. Außerdem gelte es eine Antwort auf die demographischen Herausforderungen zu finden. Von den Subjekten wird Resilienz verlangt.

In Kapitel VII werden die Möglichkeiten von Global Governance und nationalstaatlicher Politik diskutiert, die Digitalisierung der Politik veranschaulicht (wachsende Bedeutung des Sozial Web) und die Macht der Transnationalen Unternehmen gegenüber Staaten problematisiert, um abschließend die Rolle von NGOs zu verdeutlichen.

In Kapitel VIII wägt der Verf. Resilienz (zum Beispiel mit dem Klimawandel umgehen lernen) gegenüber einer Politik der Nachhaltigkeit ab. Innovationen seien von der Forschung in Kooperation mit der Wirtschaft verlangt.

In Kapitel IX geht es um den Standort Deutschland, seine Wettbewerbsvorteile und seine demographischen Probleme. Turek hält Einwanderung für geboten.

Inhalt von Kapitel X sind die Integrationsprobleme der EU, die europäische Sicherheitsarchitektur und die heutige Position der EU im globalen Wettbewerb (spez. gegenüber China). Die am Münchner C.A.P. verfasste Initiative Europa 2020 beschließt die Handlungsempfehlungen für die EU. Ein europäischer Bundesstaat gilt Turek als Zukunftsvision.

Kapitel XI ist der „globalen Ordnungspolitik“ und der Rolle der EU darin gewidmet. Es werden Krisenregionen und ökonomische, auch geostrategische Interessen (Schwarzmeerregion) identifiziert.

In Kapitel XII zieht der Verf. „Bilanz“ und skizziert Perspektiven.

Diskussion

Die fachliche Zuordnung zu angewandter Politikwissenschaft wird in dem Band überall deutlich. Analysen dienen primär dem Zweck, Politik zu beraten, Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. An Theorielastigkeit krankt das Buch nicht. Positiv merkt man ihm die langjährige Beschäftigung mit dem ganzen Spektrum von Themen an, die man mit Globalisierung verbinden kann. Der Band ist eine Fundgrube an Informationen und bietet illustrative Beispiele für manche Problemlagen.

Die Dominanz des Anwendungsbezugs bringt es aber mit sich, dass der Verf. immer bemüht ist, konstruktiv zu sein. Ausgewogenheit ist das oberste Gebot (Chancen und Risiken, Segen und Fluch). Nicht dass der Verf. sich kritischen Einsichten verschließt (Armut, Klimawandel, Peak Oil), aber Machtverhältnisse bleiben weitgehend ausgeklammert, werden nur gelegentlich angesprochen. Da vor allem die Grundmechanismen unseres Wirtschaftssystems ausgeblendet bleiben, kann nur dieses Für und Wider herauskommen, wobei die positive Sichtweise, das Vertrauen in „intelligente Anpassungsstrategien“, überwiegt (218).

Von Nano- und Biotechnologie zeigt sich Turek fasziniert. Auch das Vertrauen in die „Welt-Ordnungsmacht USA“ (19) ist da. Sonst könnte er nicht den Terrorismus mit einer „Radikalisierung von frustrierten Globalisierungsgegnern… oder schlicht von wirtschaftlich hoffnungslosen Menschen“ erklären (365, 370).

Fazit

Das angezeigte Bemühen um Ausgewogenheit ist für die Urteilsbildung nicht unbedingt hilfreich. Wer sich einen Einblick in die wissenschaftliche Diskussion über Triebkräfte der Globalisierung, über Zusammenhänge zwischen technologischer Entwicklung, ökonomischen Strategien und Geopolitik verschaffen möchte, der sollte zu anderen Publikationen greifen. Vieles, was der Autor behandelt, hat mit Globalisierung nur mittelbar zu tun. Die thematische Vielfalt ist allerdings faszinierend, wobei die kleinteilige Textstruktur mit vielen Überschriften den Leser*innen das Auffinden von Themen und Informationen erleichtert, an denen das Buch reich ist.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 23.05.2017 zu: Jürgen Turek: Globalisierung im Zwiespalt. Die postglobale Misere und Wege, sie zu bewältigen. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3785-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22563.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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