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Roland J. Campiche, Afi Sika Kuzeawu: Die jungen Alten

Cover Roland J. Campiche, Afi Sika Kuzeawu: Die jungen Alten. Vom Bildungssystem vergessen. Seismo-Verlag (Zürich) 2017. 163 Seiten. ISBN 978-3-03777-159-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 28,00 sFr.
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Thema und Autoren

Bildungsbedürfnisse Älterer, die in ihrer langjährigen Berufstätigkeit vielfältige Erfahrungen gesammelt und sich Kompetenzen angeeignet haben, sollten nicht ungenutzt bleiben. Deshalb versuchen neun Seniorenuniversitäten in der Schweiz, sich dieser Herausforderung anzunehmen, indem sie mit Unterstützung der lokalen Universitäten entsprechende Programme anbieten. Dieses Buch analysiert die aktuelle Situation, gibt Anstöße für eine Pädagogik, die es noch zu erfinden gelte. Menschen zu Bildung zu verführen, aber nicht aufzuzwingen – das sei die neue Devise.

Über die beiden Autoren gibt es im Buch leider keine Angaben.

Aufbau und Inhalt

Neben einem Vorwort und einer Einleitung ist das Buch in acht Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

Im Vorwort „Lebenslanges Lernen oder: der ewig unfertige Mensch“ wird die Bildung zu einem Dauerprovisorium erklärt, es sei ein Gebäude, das nie fertig werde, an dem sein Besitzer ein Leben lang baue.

In der „Einleitung“ wird das Anliegen des Buches, warum Menschen nach Erreichen des Rentenalters nicht mehr in das schweizerische Bildungssystem eingebunden seien, verdeutlicht.

Im zweiten Kapitel mit dem Titel „Herausforderungen“ wird heraus gearbeitet, dass Seniorenuniversitäten zentral und wichtig seien, weil eine fokussierte Pädagogik für die jungen Alten unabdingbar wäre. Mit dem Begriff „junge Alte“ sind 60- bis 85- Jährige gemeint, die vollgültige soziale Akteure seien, die im Organigramm des Bildungssystems nicht mehr auftreten. Fazit ist – erst der soziale Tod und dann der kognitive. Lebenslanges Lernen heiße ständige Entfaltung für die eigene Entwicklung und sie ist nicht nur auf die Berufstätigkeit bezogen.

Mit „Alterung der Bevölkerung und neues Lebensalter“ ist das dritte Kapitel überschrieben. Der Übergang vom dritten bis zum vierten Lebensalter vollziehe sich gegenwärtig in den Industrieländern um das 80. bis 85. Lebensjahr, wobei dies nur ihren Ort in der Alterspyramide beschreibe.

Das vierte Kapitel widmet sich der „Lebensgestaltung und Bildungsbedürfnisse der jungen Alten“. Die so genannten „Babyboomer“ seien Träger neuer Werte wie der Unabhängigkeit und Freiheit, die nicht monochrom seien, sondern bunt in ihren Lebensstilen sowie im Konsum und es sei die erste Generation emanzipierter Frauen. Sie wollten einen fließenden Übergang von der Berufstätigkeit in den Ruhestand, der von der Weiterbeschäftigung bis hin zu einer neuen Karriere etwa im Bereich der Künste reiche.

Mit dem „Lebenslangen Lernen -warum und wie“ setzt sich das folgende Kapitel auseinander. Es geht hier um die Klärung von Begrifflichkeiten wie der „Bildung“ und des „lebenslangen Lernens“, wobei die Universitäten als die Ebene des Lernens „par excellence“ gewürdigt werden (S. 56). Am Ende dieses Kapitels werden Institutionen des lebenslangen Lernens in einigen Ländern vorgestellt.

Die nächsten Ausführungen im Kapitel sechs beziehen sich auf „Die Senioren – Universitäten in der westlichen Welt“. Die Ergebnisse einer Umfrage unter den neun Senioren – Universitäten in der Schweiz, deren Organisationsform, die Finanzierung etc. werden vorgestellt und kritisch bewertet.

Die „Spezifische Pädagogik – oder Ansporn zu einer erneuerten Pädagogik“ steht im Mittelpunkt des siebenten Kapitels. Es wird versucht, ein Bildungsdispositiv für das Lernen junger Alter insbesondere zur Lernmotivation und – deren fähigkeiten zu skizzieren. Ziele dieses spezifischen Lernens seien – in die Zivilgesellschaft integriert zu bleiben, soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, physische und intellektuelle Fähigkeiten zu bewahren und in der verbleibenden Lebenszeit, gut leben zu können (S. 118).

Im letzten und damit achten Kapitel wird der Frage nachgegangen „Wie weiter? Folgerungen und Forderungen“. Die eigentliche Herausforderung sei die so genannten Stubenhocker zu mobilisieren, aber auch jene, in der Schule Ausgeschlossenen bzw. von ihr Enttäuschten.

Fazit

Es ist eine leicht zu verstehende Lektüre zu einer in der Schweiz und anderen Ländern vom Bildungssystem scheinbar ausgeschlossenen Gruppe, den jungen Alten. Sie seien wenig wahrgenommene Stützen des sozialen und politischen Lebens, die aber differenzierte Bildungsbedürfnisse aufwiesen, die es zu befriedigen gelte. Der Erkenntnisgewinn ist überschaubar, insbesondere weil Bildung meist Ländersache oder in der Schweiz der von Kantonen ist, die eigentlich nicht vergleichbar sind. Außerdem ist der Anspruch des letzten Kapitels wohl etwas zu hoch geschraubt, denn auch die „Babyboomer“, wie sie im Buch genannt werden, sind äußerst heterogen. Insofern werden Bildung wohl auch nach dem Ruhestand eher im Lernen geübte und erfahrene nachfragen.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 07.08.2017 zu: Roland J. Campiche, Afi Sika Kuzeawu: Die jungen Alten. Vom Bildungssystem vergessen. Seismo-Verlag (Zürich) 2017. ISBN 978-3-03777-159-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22566.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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