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Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten

Cover Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten. Eine Anleitung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 314 Seiten. ISBN 978-3-608-96096-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Dass Populisten in der Politik selbst in traditionell demokratischen Ländern mehrheitsfähig werden, hatte man vor dem Wahlsieg des US-Präsidenten eher für unwahrscheinlich gehalten. Seitdem nehmen die Versuche zu, sich nicht nur inhaltlich, sondern auch auf einer formalen Ebene mit dem Phänomen der Verführung durch Sprache genauer zu befassen. In Bezug auf die Logik von Argumenten fühlt sich auch die Philosophie aufgerufen, zur Analyse beizutragen.

Autor

Daniel-Pascal Zorn (geb. 1981) betreibt eine Website mit dem Titel „Die Kunst der Rechtfertigung“ und stellt sich dort vor als Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler mit der Spezialisierung: Theoriestrategien und Theoriearchitekturen und Analyse reflexiver Strukturen in Philosophie, Kultur- und Sozialwissenschaft. Er veröffentlichte in der Philosophie zur Sprach- und Reflexionsphilosophie, u.a. zu Michel Foucault, und zum Zusammenhang von Denken, Sprechen und Sinnverfestigung in Welt- und Selbstauslegung, in der Literaturwissenschaft zur fantastischen und reflexiven Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Dem Fachpublikum ist er durch seine Logik-Kolumne im Philosophie-Magazin „Hohe Luft“ bekannt.

Entstehungshintergrund

Daniel-Pascal Zorn knüpft an persönliche Erfahrungen und Irritationen an. Er habe zuerst auch nicht verstanden, warum er auf bestimmte Argumente keine Antwort hatte. Er kenne also den Prozess der – oft schmerzhaften – „Umwendung“. Das, was er daraus gelernt habe, biete er nun an als Angebot zum Erlernen einer neuen Perspektive. Es sei aber ein Angebot im Sinne der Didaktik, nicht im Sinne eines zum Konsum gedachten Produkts. Die praktische Umsetzung, wie sich Sachverhalte, Argumente und deren Geltung zueinander verhalten, findet sich daneben auf seiner eigenen Facebook-Seite, wo er aktuelle politische Äußerungen kommentiert, indem er sie logisch auseinandernimmt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer ausführlichen Einleitung in drei Teile:

  1. Populistisches Denken,
  2. totalitäres Denken und
  3. demokratisches Denken.

Danach folgen 25 Seiten mit Anmerkungen und Quellenbelegen sowie ein Glossar, das rund 20 fehlerhafte Argumentationsformen auflistet.

Zusammen mit dem Namens- und Sachregister wird der Leser in die Lage versetzt, kursorisch zu lesen. Da es sich nicht um eine wissenschaftliche systematische Vorgehensweise handelt und der Autor dem Leser bewusst keine Vorschriften machen will, erfüllt diese „Anleitung“ ihren Zweck gerade dann, wenn der Leser sich gezielt (nur) das sucht, das der Rückwendung auf das Sich-Verhalten zum eigenen Argument dient im Sinne einer selbstreflexiven Praxis.

Inhalt

Vier Kernstrategien macht Zorn als Grundpfeiler des populistischen Denkens aus:

  1. Die dogmatische Setzung, die die eigene Perspektive für alle anderen verabsolutiert,
  2. das so genannte falsche Dilemma, das in einer Entweder-Oder-Logik besteht, also: Entweder für oder gegen mich,
  3. den Exzess der Positionierung etwa in Form eines Freund-Feind-Schemas, das bis zum Überdruss wiederholt wird, und
  4. den Bestätigungsfehler oder auch den „Geisterfahrer-Fehlschluss“, einen Mechanismus, der die Verantwortungsverhältnisse auf den Kopf stellt nach dem Motto: „Selbst Schuld, wenn Du das Opfer bist, warum sieht er auch so bescheuert aus?“

Zorn möchte seine Leser und Leserinnen davon überzeugen, dass die Demokratie aus einer logischen Perspektive vernünftig ist und sich vernünftig rechtfertigen lässt. Die „Logik für Demokraten“ bietet Argumente, um demokratisches Denken zu stärken und diejenigen, die an der Demokratie zweifeln, zum Widerspruch herauszufordern. Erst das Verstehen dieses Widerspruchs schafft die Möglichkeit, ihn überzeugend zu widerlegen. Entsprechend gehen die Kapitel über das populistische und das totalitäre Denken nicht von vorurteilsbeladenen Unterstellungen aus, welche bei Zorn übrigens „Pappkameraden“ genannt werden. Das, was im alltäglichen Sprechen „populistisch“ oder „totalitär“ erscheint, soll als Argument ernst genommen und genau untersucht werden. Auch der skeptische oder sogar der gegnerische Leser soll probeweise die von diesem Buch vorgeschlagene Perspektive einnehmen, um dann selbst zu entscheiden, was er damit machen will.

Zorn vertritt eine deskriptive, also beschreibende Auffassung von Logik. Man benötigt als Leser keinen logischen Grundkurs, muss sich keine quasi mathematische Systematik aneignen. Zorns Logik beschreibt, in welchem Verhältnis in einer Rede Behauptungen und Begründungen gesetzt sind, ob es Gründe für Behauptungen gibt und ob diese genannt werden. Worauf stützen sich diese Gründe nun? Sind es Voraussetzungen, die in den verwendeten Begriffen liegen oder gibt es in der Rede mitformulierte Geltungsansprüche?

Zorn warnt seine Leser vor der Schwierigkeit, die die philosophische Perspektive beinhaltet. Philosophische Perspektiven hätten es an sich, dass sie ihre Gedanken kreuz und quer zu einem herrschenden Wissen oder Diskurs entwickeln. Die Gedankengänge versuchten sozusagen aktiv, ein ungewöhnliches Licht auf bereits bestehendes Wissen zu werfen und nicht etwa bestehendes Forschungswissens zu rekapitulieren. Ganz im Gegenteil würden Denkrahmen verschoben, die sich gewohnheitsmäßig verfestigt hätten. Zorn sieht sich in der Tradition von Sokrates, dem Lehrer Platons. Seine Fragen auf dem Marktplatz von Athen dienten nicht nur dem abstrakten Erkenntnisgewinn. Sie erschütterten das allzu selbstverständliche Wissen der Anwesenden.

Der Fokus liegt also nicht auf einem Regelwerk, das das Funktionieren von Demokratie sicherstellt. Daniel-Pascal Zorn beschreibt ausführlich das Funktionieren und Scheitern der Demokratie Athens. Es erscheint ihm geradezu als Gesetzmäßigkeit, dass Demokratien nach einer gewissen Zeit von Demagogen bedroht sind. Gegen diese will er aber nicht moralisch argumentieren, sondern logisch: „Tugendhaft und redlich argumentiert der, dessen Rede mit sich selbst übereinstimmt, sich also nicht widerspricht.“ So äußert sich Sokrates gegenüber den Sophisten, also den Redekünstlern. Rhetorische Tricks zur Durchsetzung eigener Absichten sind verpönt, wenn mit ihnen nicht das bessere Argument durchgesetzt wird.

Zwei Grenzen der Logik für Demokraten werden aufgezeigt. Erstens findet Logik ihre Grenze bei nackter Gewalt, zweitens neigen auch Demokratie und Freiheit „auf dem vermeintlichen Höhepunkt ihrer Durchsetzung“ dazu, verabsolutiert zu werden und in ihr Gegenteil umzuschlagen. Das Schlussmotto lautet daher: „Wo aber das Rettende ist, wächst die Gefahr auch.“

Diskussion

Philosophische Perspektiven entwickelten ihre Gedanken quer zum herrschenden Wissen oder Diskurs, das hatten wir eben schon genannt. Der herrschende Diskurs ist in Deutschland aktuell davon geprägt, Populismus und vor allem Rechtspopulismus zu etikettieren. Populismus wird dazu gerne personalisiert, dient oft der Diffamierung eines Gegenübers und beschränkt sich auf inhaltliche Fragen. Daniel-Pascal Zorn legt aber Wert darauf, nicht nur auf das „Was“ einer Rede zu achten, sondern auf das „Wie“ und auf ihre Voraussetzungen: Wie verhält sich der Argumentierende in seiner Rede zu seinem eigenen Argument: Ist dieses eine – als solche kenntlich gemachte? – Annahme oder eine – wirklich begründete? – Voraussetzung?

Demokratisches Handeln und Denken hat nur nachhaltige Bedeutung, wenn es immer wieder eingeübt wird. Zorn gibt dem Leser die „Denkwerkzeuge“ an die Hand, um sich den Gegnern und Feinden demokratischen Denkens entgegenzustellen. Das Buch führt den Leser in die argumentativen Auseinandersetzungen, vor die sich ein Demokrat immer wieder gestellt sieht. Er soll seine Irritationen bemerken und darauf klug reagieren. Dazu dienen die exemplarischen Analysen populistischer Argumentation und totalitärer Denkweisen. Dabei lädt der Autor gerade auch diejenigen zum Gespräch ein, die mit dem Konzept der Demokratie noch nichts oder nichts mehr anfangen können. Ob diese allerdings zu seinen Lesern zählen, erscheint dem Rezensent fraglich. Überhaupt werden die Leser enttäuscht, die eine wirkliche Anleitung im Sinne eines Rhetorikhandbuchs erwarten. Diesen Anspruch hat der Autor nicht. Der Autor schweift gerne ab in der Betrachtung verschiedener Szenarien. Wenn er dann zurück zum eigentlichen Thema findet, wiederholt er häufig schon Geschriebenes. Dieser Schreibstil ist vermutlich den Kolumnen geschuldet, aus denen das Buch entstanden ist.

Tobias Rapp schreibt im Literatur Spiegel enthusiastisch, das Buch sei wie ein Werkzeugkasten. Zorn nehme die alten Regeln der Logik, lege sie den Facebook-Freunden und -Feinden hin und sage: Macht was draus. Aber lasst euch nicht auf das Prinzip der „dogmatischen Setzung“ ein. Haltet euch an das Prinzip des „ausgeschlossenen Widerspruchs“. Meidet die Attacke auf die Person. Verlasst euch auf das Argument. Dem Rezensenten kommen große Zweifel, ob sich auch nur einer der Digital Natives auf das etwas sperrige Lesevergnügen einlassen wird.

Fazit

Der Philosoph Daniel-Pascal Zorn untersucht die innere Logik populistischen, totalitären und demokratischen Denkens und Argumentierens. Als Historiker zieht er Parallelen zum populistischen Denken in der Antike. Da Populismus in totalitärem Denken mündet, empfiehlt Zorn als Gedankenexperiment, die Welt von einer totalitären Position aus zu sehen. Er spürt dem Sinn dieses Denkens nach, in der dogmatischen Ordnung des steinzeitlichen Jägers, dann im dogmatischen Moralismus der Ackerbauern. Der Bogen wird weiter gespannt zu Filmepen der Jetztzeit: Herr der Ringe, Harry Potter, Star-Trek. Unter Verweis auf Nietzsche zeigt Zorn, wie totalitäres Denken dem Willen zur Allmacht folgt und im Nichts endet. Das positive Gegenbild stellt die Demokratie dar, in der verschiedene auch gegensätzliche Menschen in den Dialog treten. Habermas hat in seiner Theorie des kommunikativen Handelns eine ähnlich vernunftbasierte Gesellschaftsordnung als Ideal beschrieben. Interessanterweise favorisiert Zorn die repräsentative Demokratie und warnt vor den Widersprüchen einer radikal direkten Demokratie. Besonders kritisch sieht er den sogenannten Volkswillen, sofern dieser nicht durch eine gemeinsame pluralistische Gesprächssituation zur Konstituierung einer Verfassung mit Gewaltenteilung führt. Selbst dann bleibt aber im modernen Staat das sogenannte „Böckenförde-Diktum“ bestehen, benannt nach dem Staatsrechtler gleichen Namens: Der freiheitliche, säkularisierte Staat sei ein Wagnis, da er seine eigenen Voraussetzungen letztlich nicht garantieren könne.

Zorn möchte, dass Demokraten Gespräche mit Populisten führen, nicht um sie zu diffamieren, sondern um ihnen die Augen zu öffnen, vor allem aber auch um das eigene Denken und Argumentieren zu schärfen. Demokratisches Handeln und Denken muss täglich praktiziert werden, denn reflexive Freiheit verpflichtet. Das Wissen um die Begründbarkeit und die Fragilität unserer Freiheit muss im gemeinsamen Gespräch nachfolgenden Generationen vermittelt werden. Somit plädiert Zorn abschließend für eine der wichtigsten Aufgaben unseres Bildungssystems „Wenn wir unsere Demokratie gegen ihre Feinde verteidigen wollen, dann müssen wir das Wissen um die Möglichkeit dieser Begründung weitergeben.“ In diesem Sinn ist seinem Buch eine große Leserschaft zu wünschen.


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Hochschule Wismar, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Homepage www.antonhahne.de
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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 25.09.2017 zu: Daniel-Pascal Zorn: Logik für Demokraten. Eine Anleitung. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-96096-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22568.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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