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Angelika A. Schlarb: Therapeutische Geschichten in der KVT mit Kindern

Cover Angelika A. Schlarb: Therapeutische Geschichten in der KVT mit Kindern. 60 Metaphern für das Grundschulalter : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 260 Seiten. ISBN 978-3-621-28309-0.
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Thema und Entstehungshintergrund

Auch in der Erwachsenen-Psychotherapie wird zunehmend mit Metaphern gearbeitet, dieses erfolgte bislang vornehmlich in hypnotherapeutisch und systemisch orientierten Ansätzen oder der ACT (vgl. Lotz, 2016). Insbesondere in der Arbeit mit Kindern kann die therapeutische Vorgehensweise mittels der Nutzung von Metaphern jedoch besonders eindrücklich und kreativ vermittelt werden. Da es hierzu bislang für die (kognitive) Verhaltenstherapie im Kindesalter noch keinerlei Fachliteratur gab, entschloss sich die Autorin, diese Lücke zu schließen.

Autorin

Prof. Dr. Angelika A. Schlarb (Dipl.-Psych.) ist Kinder- und Jugendlichentherapeutin mit Schwerpunkt auf KVT. Sie arbeitet als Professorin an der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft/Abteilung Psychologie, in der Arbeitseinheit für klinische Psychologie und Psychotherapie des Kindes – und Jugendalters der Universität Bielefeld. Zwei weitere von ihr verfasste Bücher wurden bereits hier rezensiert.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin unterteilt ihr Buch in zwei Abschnitte.

Im ersten Teil, betitelt mit „Kognitive Verhaltenstherapie bei Grundschulkindern“, beschreibt sie nicht wirklich die KVT im Grundschulalter. Dies erfolgt vielmehr in ihrem Buch „Einführung in die KVT mit Kindern und Jugendlichen“ aus 2011 und wird vertieft im „Praxisbuch KVT mit Kindern und Jugendlichen“ (2012). Hier erläutert sie vielmehr die Grundvoraussetzungen für die Arbeit mit Metaphern in der Therapie mit Grundschulkindern (kognitive und körperliche Sprachentwicklung), beschreibt dann die Methode der kognitiven Umstrukturierung mittels Metaphern im Allgemeinen und spezifisch mit Kindern. Auch wenn es hierzu bislang Primärliteratur für den Erwachsenenbereich gäbe, so sei sie insbesondere „gerade für Kinder optimal“ geeignet (S. 20). Durch Metaphern könnten zu erlernte Strategien deutlich besser gemerkt und auch abgerufen werden. Metaphern seien in unterschiedlichsten therapeutischen Kontexten nutzbar:

  • zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung
  • in spezifischen therapeutischen Situationen (z.B. vor einer Expositionsübung)
  • zur Reflexion in der Therapie
  • zum therapeutischen Prozess (Beginn, Fortschritt, Ende)
  • als Lernstrategie
  • zum Modelllernen (Coping Modelle)

Im weiteren Verlauf beschreibt die Autorin allgemeine Prinzipien der Metaphernkonstruktion, insbesondere im Hinblick auf die Arbeit mit Kindern, um psychotherapeutisch tätige Personen zu befähigen, eigene Metaphern zu erstellen. Folgende Aspekte seien hierbei zu beachten:

  1. Die Symptomatik des Patienten (Situationen, Kognitionen, Emotion und Verhaltensmuster)
  2. Das Therapeutenverständnis (Berücksichtigung von Alter, Entwicklungsstand, Interessen und Ressourcen und soziokulturellen Kontext)
  3. Konstruktion der Metapher (Lösungsstruktur zum Überwinden von Krisen initiieren)
  4. Veränderung (unterstützen, Transfermöglichkeiten und Handlungsperspektiven)

Konkret wird eine Hauptfigur geschaffen, mit der sich das Kind gut identifizieren kann. Die Geschichte soll die individuelle Symptomatik widerspiegeln, um dann in der Handlung Ressourcen des Kindes zu eröffnen. Die Metapher führt dann eine Krise oder Irritation ein, die jeweils überwunden wird, um dann im Abschluss das Gelernte zusammenzufassen und einen Ausblick auf die Zukunft zu ermöglichen.

Im weiteren Verlauf des Kapitels beschreibt die Autorin die Nutzung von Metaphern im Rahmen von bereits publizierten Therapieprogrammen und verweist hierbei auf folgende Werke:

  • Attentioner (Jacobs & Petermann, 2013) & Mini-Attentioner (Schlarb et al., 2015)
  • Kinderschlaftherapieprogramm KiSS (Schlarb, 2013)
  • Kopfschmerztherapieprogramm von A. A. Schlarb (in Vorbereitung)
  • Bauchschmerztraining Sonne im Bauch, SiB (Gulewitsch et al., 2012)

Abschließend nimmt sie Stellung zur Evaluation und im Hinblick auf bisherige empirische Belege bezüglich der Wirksamkeit von Metaphern. So seien einerseits „in diversen Studien die Wirksamkeit der Einbindung von therapeutischen Geschichten in altersentsprechenden Programmen dargelegt“ worden, andererseits „liegen zur spezifischen Wirksamkeit einzelner therapeutischer Geschichten im Kindes- und Jugendalter keine klinisch-experimentellen Studien vor“ (S. 29). Konkret bedeutet dies, dass in bereits erfolgreich evaluierten Therapieprogrammen (s.o.) mit Metaphern gearbeitet wird, jedoch die spezifische Wirkung der Metaphern nicht bewiesen ist. Zudem gäbe es bereits erste Publikationen zur vielversprechenden Nutzung von Metaphern bei speziellen Störungsbildern, z.B. Depression (Levitt et al., 2000) und traumaassoziierte Störungen (Priebe & Dreyer, 2014). Insgesamt müsse „die Expertise und Forschungslandschaft für Kinderpsychotherapie noch erweitert werden“, wobei die klinische Erfahrung bereits zeige, dass die Verwendung von Metaphern im Kindesalter sehr sinnvoll sei (S. 30).

Im zweiten und umfangreichsten Teil des Buches beschreibt die Autorin dann allgemeine und störungsspezifische Metaphern. Hierbei werden jeweils beispielhafte Geschichten zu folgenden Themen, zum Teil auch von befreundeten Autorinnen, geliefert:

  • Metaphern zum therapeutischen Prozess (übergeordnete Metaphern & Symptomunspezifische Metaphern)
  • Aufmerksamkeitsstörungen
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Angststörungen
  • Zwangsstörungen
  • Depression
  • Enuresis
  • Essstörungen
  • Belastungsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Schmerzstörungen

In jedem dieser Kapitel wird zunächst auf ein bis zwei Seiten das Störungsbild hinsichtlich Symptomatik, Prävalenz und typischen Kognitionen kurz skizziert, um dann mehrere beispielhafte Geschichten (insgesamt 60), die mit Metaphern arbeiten, zu liefern.

Das gesamte Buch steht ebenfalls mittels Code als E-Book auf der Homepage des Verlages zum Herunterladen zur Verfügung.

Diskussion

Wer psychotherapeutisch mit Kindern arbeitet, lernt schnell, dass diese mit den in der (kognitiven) Verhaltenstherapie weitverbreiteten Methoden wie beispielsweise Paper- Pencil-Verfahren (in diversen Manualen publiziert, z.B. von Petermann & Petermann, 2013) oder klassischen Formen der eher verbal vermittelten kognitiven Umstrukturierung nicht gut zu erreichen sind. Hilfreich sind motivierende spieltherapeutische und erlebensbasierte Ansätze, wie auch von Gudrun Görlitz eindrücklich beschrieben (2004). Angelika Schlarb veröffentlicht ein Buch, das beide Ansätze – das erlebensbasierte Vorgehen und die evidenzbasierte kognitive Verhaltenstherapie des Kindes- und Jugendalters – zusammenbringen will. Um es adäquat einzuordnen, empfiehlt sich durchaus, die bereits oben beschriebenen Standardwerke der Autorin ebenfalls zu lesen. Laut Klappentext sei das Buch „für die tägliche Praxis des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“ geschrieben worden. Hier lässt es sich hervorragend einsetzen und liefert neben den kurzweiligen Geschichten insbesondere gute Anregungen, um individualisierte Geschichten und Metaphern für die eigenen kleinen Patienten und Patientinnen zu erstellen. Ein derartiges Vorgehen ist sicher auch im Sinne der Autorin. Darüber hinaus kann es meines Erachtens jedoch auch erfolgreiche Anwendung bereits im präklinischen Setting erfahren: So wüsste ich nicht, warum es nicht beispielsweise auch im pädagogischen Kontext, beispielsweise durch Lehrkräfte die Schülern den Weg in die Psychotherapie bahnen möchten, helfen könnte. In diesem Fall könnten die Geschichten sicher nicht eins zu eins übernommen werden; zudem sollte die betreffende Person über zumindest ein gewisses Maß an Verständnis für den (verhaltens-) therapeutischen Prozess verfügen. Hierzu äußert sich die Autorin jedoch nicht, sodass eventuell auch mit potenziell unerwünschten Nebenwirkungen zu rechnen wäre. Eventuell könnte diesbezüglich eher ein weiteres Buch für diese Zielgruppe geschrieben werden.

Fazit

Im vorliegenden Buch beschreibt die Autorin prägnant die Vorgehensweise der Erstellung und Nutzung von therapeutischen Geschichten und Metaphern in der Kinder- und Jugendlichenverhaltenstherapie. Zudem liefert sie 60 anschauliche Geschichten zu unterschiedlichsten Störungsbildern, die so in der Therapie genutzt werden können oder als Anregung zur Erstellung eigener Geschichten dienen. Sie erfindet hiermit keine neue Therapieform, sondern erweitert mit dieser Publikation das therapeutische Repertoire um eine Methodik, bei der sich lohnt, diese in Zukunft wissenschaftlich konkreter zu untersuchen.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 21.07.2017 zu: Angelika A. Schlarb: Therapeutische Geschichten in der KVT mit Kindern. 60 Metaphern für das Grundschulalter : mit E-Book inside. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28309-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22571.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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