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Susanne Knappe, Samia Härtling: Diagnostik und Verhaltensanalyse

Cover Susanne Knappe, Samia Härtling: Diagnostik und Verhaltensanalyse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 184 Seiten. ISBN 978-3-621-28353-3.

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Thema

Einer fundierten psychologischen Diagnostik psychischer Störungen kommt in allen Phasen klinisch-therapeutischer Prozesse zentrale Bedeutung zu. Dies gilt unabhängig von der jeweiligen Therapieschulenzugehörigkeit. Beginnend mit dem Erstkontakt bis hin zum Abschluss einer Therapie und zur Katamnese werden diagnostische Informationen gesammelt, die systematisch zur Indikationsstellung und Therapieplanung, zum Prozessmonitoring und zur Beurteilung von Veränderungen im Erleben und Verhalten während und nach der Therapie genutzt werden können. Der vorliegende Band widmet sich dem Thema „psychologische Diagnostik“ aus einer verhaltenstherapeutisch orientierten Perspektive.

Autorinnen und Entstehungshintergrund

PD Dr. Susanne Knappe und Dr. Samia Härtling forschen bzw. forschten im Fach Klinische Psychologie an der Technischen Universität Dresden. Ihren Band verstehen sie als Leitfaden und Nachschlagewerk für die strukturierte und fachgerechte Durchführung diagnostischer Prozesse in der klinisch-psychologischen Praxis.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst sieben Kapitel sowie einen Anhang. Ergänzend können nach Eingabe eines im Buch abgedruckten Codes verschiedene Arbeitsmaterialien und Lehrvideos von den Webseiten des Verlags abgerufen werden.

Die ersten drei Kapitel widmen sich Grundlagen der Klinisch-psychologischen Diagnostik. Im einführenden Kapitel 1 („Klinische Diagnostik psychischer Störungen“)werden Ziele und Aufgaben sowie unterschiedliche Arten der klinisch-psychologischen Diagnostik (Status-, Verlaufs- und Prozessdiagnostik) vorgestellt, der Prozess der diagnostischen Entscheidungsfindung erläutert und typische Fehlerquellen im diagnostischen Prozess beschrieben. Weitere Unterkapitel thematisieren rechtliche und ethische Rahmenbedingungen diagnostischen Handelns.

Kapitel 2(„Methoden der Datenerhebung“) liefert eine Übersicht verschiedener Ansätze und Techniken der Datenerhebung. Beginnend mit dem Vorgehen bei der ersten Kontaktaufnahme werden zunächst weitere interaktive Methoden (freie Exploration und Anamnese sowie standardisierte und strukturierte diagnostische Interviews) erläutert. Es folgen Hinweise zum Einsatz von symptomübergreifenden Rating- bzw. Selbstbeurteilungsskalen und zur systematischen Erhebung und Dokumentation des psychopathologischen Befunds. Sehr knapp gehen die Autorinnen auf untersuchungsbegleitende begleitende Verhaltensbeobachtungen ein, ausführlicher auf symptomspezifische Skalen zu einzelnen Störungsbildern sowie auf Selbstbeobachtungen, Verhaltensproben und Verhaltenstests. Weitere Abschnitte befassen sich mit der somatische Differenzialdiagnose und Mehrebenendiagnostik auf biologischer, psychischer, sozialer und ökologischer Ebene. Abgerundet wird das Kapitel durch Empfehlungen zum Vorgehen bei der Kommunikation der Befunde an Patienten sowie der Dokumentation.

Während das vorherigen und die nachfolgenden Kapitel sich primär auf die Diagnostik bei Individuen beziehen, geht Kapitel 3 („Diagnostik in verschiedenen Settings“)auf Spezifika des diagnostischen Vorgehens bei Paaren, in Familien und in Gruppen ein. Vorgestellt werden Ziele, theoretische Grundlagen und Inhalte der Diagnostik sowie Methoden und spezifische Tests, die in der jeweiligen Zielgruppe zum Einsatz kommen können.

Die folgenden drei Kapitel erläutern das diagnostische Vorgehen bei der Fallkonzeption aus verhaltenstherapeutischer Perspektive. In Kapitel 4 („Fallkonzeption 1: Überblick“) werden die Elemente der Fallkonzeption (Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Diagnostik, Problemanalyse auf Makro- und Mikroebene, Therapieplanung, Festlegung von Therapiezielen und Prognose) aufgeführt. Besonders eingegangen wird auf die Auftrags- und Zielklärung sowie auf die damit verknüpfte Indikationsstellung und Kontraindikationen für eine Psychotherapie und auf die Aufklärung von Patienten über Diagnose, Ablauf der Behandlung und formale Rahmenbedingungen.

Als Heuristik für die Problemanalyse auf der Makroebene wird in Kapitel 5 („Fallkonzeption 2: Problemanalyse auf der Makroebene“) das Vulnerabilitäts-Stress-Modell bzw. biopsychosoziale Modell herangezogen und knapp erläutert.

Ausführlicher werden in Kapitel 6 („Fallkonzeption 3: Problemanalyse auf der Mikroebene“) zwei problemanalytische Modelle vorgestellt, die zum besseren Verständnis spezifischer Verhaltensweisen herangezogen werden können: das streng behavioristische SORKC-Modell von Kanfer und Kollegen sowie die breiter konzeptualisierte Problemanalyse nach Bartling.

Das abschließende Kapitel 7 beschäftigt sich mit der psychometrisch fundierten Beurteilung diagnostischer Daten. Unter der Überschrift „Diagnostische Parameter und die Güte diagnostischer Entscheidungen“ rekapituliert es die Konzepte Reliabilität, Validität, Spezifität und Sensitivität und erläutert Möglichkeiten der direkten und indirekten Veränderungsmessung einschließlich der Bestimmung kritischer Differenzen von Testwerten. Abschließend stellt es das Testbeurteilungssystem des Testkuratoriums der deutschen Psychologenverbände (TBS-TK) vor, das Standards für die Rezension psychologischer Tests vorgibt und damit die Beurteilung von Tests hinsichtlich ihrer allgemeinen Qualität und ihrer Eignung für spezifische Fragestellungen erleichtert.

Der Anhang enthält Prüfungsfragen zu den einzelnen Kapiteln sowie eine Sammlung von praxisrelevanten Arbeitsmaterialien, die allesamt auch als PDF-Dokumente zur Verfügung stehen. Hierzu gehören Musterschreiben und -formulare zur Patienteninformation und -aufklärung sowie zum Treffen von Vereinbarungen, z.B. über Ausfallhonorare bei kurzfristiger Terminabsage oder die Dokumentation von Patientendaten. Ein Arbeitsblatt zum Vulnerabilitäts-Stress-Modell kann genutzt werden, um die Ergebnisse des diagnostischen Prozesses zu visualisieren. Literatur- und Stichwortverzeichnis runden den Band ab.

Diskussion

Der anwendungsbezogen gestaltete Band gibt als Lehrbuch einen fundierten Überblick über das Thema „Psychologische Diagnostik bei psychischen Störungen“. Er enthält zahlreiche Fallbeispiele sowie Ratschläge und Reflexionen zu Themen, die in der therapeutischen Alltagspraxis hohe Relevanz besitzen, z.B. rechtliche Rahmenbedingungen, Besonderheiten der Kontaktaufnahme und -gestaltung per E-Mail oder Vorgehen bei der Patientenaufklärung.

Der Text ist angenehm lesbar, gut strukturiert und übersichtlich gestaltet. Grau schattierte Textpassagen werden etwa zur Hervorhebung besonders wichtiger Textteile oder zur Vertiefung bestimmter Aspekte eingesetzt und es finden sich viele nützliche Tabellen, z.B. mit Übersichten von Erhebungsinstrumenten.

Inhaltlich fällt auf, dass die Ausführungen themenspezifisch sehr unterschiedlich tiefgehend gestaltet sind, wobei die Gewichtung nicht immer nachvollziehbar ist. So finden sich z.B. sehr breite und detaillierte Ausführungen zur therapeutischen Kontaktgestaltung und zur Verwendung diagnostischer Klassifikationssysteme und standardisierter diagnostischer Verfahren. Dagegen wird das Vorgehen bei der verhaltenstherapeutischen Problemanalyse nur sehr knapp unter Rückgriff auf wenige selektierte Modelle dargestellt. Hier hätte der Band von einer differenzierteren Ausarbeitung profitiert. Auch was die statistische Beurteilung diagnostischer Daten und die psychometrische Qualität von Tests angeht, ist der Band sehr knapp gehalten. Dies stellt allerdings angesichts der hohen Anzahl einschlägiger qualitativ hochwertiger Lehrbücher zur Diagnostik und Testkonstruktion eine gute Entscheidung dar.

Zudem hätte in einem umfassenden Fallbeispiel aufgezeigt werden können, wie eng Diagnostik und Intervention im verhaltenstherapeutischen Behandlungsprozess miteinander verknüpft sind. Auf therapeutische Techniken sensu Interventionen, die über Diagnostik und allgemeine Kontaktgestaltung hinausgehen, wird jedoch lediglich in einer Übersichtstabelle von Kapitel 6 eingegangen. Angesichts dieser Schwerpunktsetzung erscheint der Untertitel des Bandes („Techniken der Verhaltenstherapie“) zu breit gefasst und weckt womöglich bei Leser/innen überhöhte Erwartungen.

Fazit

Der Band liefert eine anwendungsbezogene Übersicht des Vorgehens bei der verhaltenstherapeutisch orientierten Diagnostik psychischer Störungen. Er ergänzt damit allgemeine Lehrbücher zur Diagnostik und Testkonstruktion sowie zur Verhaltenstherapie und eignet sich sowohl für fortgeschrittene Psychologiestudierende als auch für (angehende) Verhaltenstherapeut/innen in der klinisch-psychologischen Praxis.

Summary

The volume provides an application-oriented overview of the assessment of mental disorders from the perspective of behavioral therapy. It supplements general textbooks on psychological assessment and test construction as well as on behavioral therapy. It is suitable for advanced psychology students as well as for (prospective) behavioral therapists in clinical settings.


Rezensentin
Dr. Anne-Kathrin Mayer
Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier
Homepage www.zpid.de/profile/team.php?person=mayer
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Zitiervorschlag
Anne-Kathrin Mayer. Rezension vom 21.11.2017 zu: Susanne Knappe, Samia Härtling: Diagnostik und Verhaltensanalyse. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28353-3. Mit E-Book-inside und Arbeitsmaterial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22573.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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