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Andreas Hamburger, Wolfgang Mertens (Hrsg.): Supervision in der Praxis - ein Überblick

Cover Andreas Hamburger, Wolfgang Mertens (Hrsg.): Supervision in der Praxis - ein Überblick. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 232 Seiten. ISBN 978-3-17-029338-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Supervision als Beratungsformat bedarf im Kontext sozialer Arbeit keiner Erklärung und keiner Begründung mehr, sie ist ein selbstverständlicher Teil professioneller (Selbst-)Reflexion der eigenen Praxis. Selbst unter der Prämisse knapper Kostenkalkulation gehört Supervision zum Standard qualifizierter Arbeit in sozialen Handlungsfeldern und darüber hinaus: Mittlerweile hat sich Supervision sowohl in der Verwaltung als auch in Wirtschaftsunternehmen etabliert, vor allem als Leitungssupervision – wo es allerdings schwierig wird, Supervision von Coaching trennscharf zu unterscheiden.

Gerade die Begegnung der beiden Beratungsformate scheint immer wieder eine Selbstvergewisserung von Supervision zu provozieren:

  • Was ist das Ureigene, was das Alleinstellungsmerkmal von Supervision?
  • Was macht die besondere Tradition der Supervision z.B. im Unterschied zum Coaching aus?
  • Welche konzeptionellen Besonderheiten weist das Format Supervision auf?

Es ist vermutlich kein Zufall, dass der vorletzte Beitrag des Bandes sich mit den Standards der „Deutschen Gesellschaft für Supervision“ (DGSv) befasst – und dass diese Gesellschaft sich mittlerweile „Deutsche Gesellschaft für Supervision und Coaching“ nennt. Wenn die Formate nah zusammenrücken, werden präzise Beschreibungen umso wichtiger. Allerdings ist, wie der Band zeigt, das Feld, das es zu beschreiben gilt, weit: Konzepte gibt es in ebenso vielen Varianten wie Anwendungsbereiche.

Herausgeber

Andreas Hamburger ist seit 2009 Professor an der International Psychoanalytic University in Berlin. Er begleitet u.a. Forschungsprojekte zur Psychoanalytischen Fallsupervision in der stationären und ambulanten Jugendhilfe. Wolfgang Mertens ist emeritierter Professor der LMU München, bis 2011 lehrte er dort Klinische Psychologie.

Angaben zu den Autorinnen und Autoren der Beiträge folgen unten.

Aufbau

Nach der „Einleitung zum ersten Band“ aus der Feder der beiden Herausgeber folgen drei Teile:

  1. Konzepte und Schulen,
  2. Anwendungsfelder und
  3. Ausbildung zum Supervisor.

Zu Teil I: Konzepte und Schulen

Der erste Beitrag stammt von Mertens und Hamburger und ist überschrieben mit „Psychoanalytische Supervisionskonzepte“. Sowohl die Ausbildung von Psychoanalytiker/-innen als auch deren Berufstätigkeit wird, in verschiedenen Settings, von Supervision begleitet, die wiederum mit zentralen psychoanalytischen Konzepten arbeitet, wie z.B. dem Aufdecken unbewusster Prozesse, vor allem Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen.

Brigitte Schiffner ist die Autorin des zweiten Beitrags: „Systemische Supervisionskonzepte“. Sie ist Sozialpädagogin, Soziologin, Supervisorin, Systemische Therapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie ist Leiterin des Systemischen Instituts Kassel. (Ihr Buch „Einladung zu systemischen Supervision“ wurde hier besprochen unter www.socialnet.de/rezensionen/12136.php). Während der Ursprung psychoanalytischer Supervision in der Psychotherapie liegt, ist die Quelle systemischer Supervision die Familientherapie in ihren verschiedenen Ausprägungen.

Ebenfalls aus dem Kontext der therapeutischen Arbeit stammt das verhaltenstherapeutische Konzept der Supervision. Valerija Sipos und Ulrich Schweiger sind die Autor/-innen des Beitrags. Sipos arbeitet als leitende Psychologin im Zentrum für Integrative Psychologie in Lübeck, Schweiger ist dort als Prof. Dr.med. stellvertretender Klinikdirektor. Zur Tradition der Verhaltenstherapie gehört die Vermittlung von Problemlösetechniken, sowohl in der Beziehung Therapeut – Patient als auch in der Beziehung Supervisor – Supervisand.

Es folgen zwei grundsätzlichere Beiträge, zunächst der von Katharina Gröning: „Supervision – von der personenzentrierten Beziehungskunst zum sozialwissenschaftlich begründeten Format“. Gröning ist seit 1999 Professorin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld, wo sie auch den Masterstudiengang „Supervision und Beratung“ leitet. (Ihr Buch „Supervision“ wurde hier besprochen unter www.socialnet.de/rezensionen/14593.php) Nach einem kurzen Überblick über die historische Entwicklung und zentrale Konzepte der Supervision benennt sie drei theoretische Herausforderungen: zum einen das Thema „Supervision und Biographie“, die auf Veränderungen in (berufs-)biographischen Konzepten eingeht, zum anderen die klassische Fallsupervision, in der das traditionelle Balint-Konzept um gruppendynamische und organisationstheoretische Perspektiven erweitert werden muss, und zum dritten die Formulierung eines Verstehensbegriffes, der seine Eignung sowohl in der Theorie als auch in der praktischen Arbeit erweist.

Den ersten Teil beschließt der Beitrag „Supervision als gesellschaftliches Phänomen“ von Peter Heintel und Martina Ukowitz. Heintel ist emeritierter Professor für Philosophie und Gruppendynamik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Ukowitz arbeitet ebenfalls an der Alpen-Adria-Universität, wo sie die Sachgebiete Sozialphilosophie, Organisationsentwicklung und Wissenschaftstheorie vertritt. Supervision hat eine Bedeutung „für individuelle und kollektive ‚Selbstaufklärung‘ unserer Gesellschaft“. (S 71) Die Frage ist aber, wie das Format im Feld gesellschaftlicher Widersprüche und Polaritäten einen eigenen, unabhängigen Kurs finden und halten kann.

Zu Teil II: Anwendungsfelder

Der zweite Teil des Buches beschreibt die wichtigsten Felder, in denen Supervision klassisch zur Anwendung kommt, zunächst in der Sozialen Arbeit – dem Feld, dem das Beratungsformat schließlich entstammt.

Doris Knaier überschreibt ihren Beitrag mit „Supervision in der Sozialen Arbeit“. Sie ist Sozialpädagogin und arbeitet als Supervisorin in München. Sie beginnt ihren Beitrag mit einem kurzen historischen Abriss und greift dann einige zentrale konzeptionelle Aspekte und einige Praxisthemen von Supervision im sozialen Feld auf, um abschließend einen Ausblick zu geben auf Themen für die weitere Forschung.

Wolfgang Weigand, der emeritierte Professor für Supervision, Personal- und Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Bielefeld, schreibt zum Thema „Teamsupervision“, die vor allem durch das spezielle Setting definiert ist, darin aber die konzeptionelle Vielfalt von Supervision überhaupt spiegelt: Weigand nennt gruppendynamische, psychoanalytisch begründete und systemtheoretisch beeinflusste Teamsupervision.

Als „Supervision ohne SupervisorIn“ könnte man das Format „Intervision“ bezeichnen, zu dem Björn Salomonsson schreibt. Salomonsson ist Psychiater und Psychoanalytiker sowie Lehrender am Karolinska Institutet. Er bezieht psychoanalytische Gruppentheorien auf die Arbeit von Intervisionsgruppen und beschreibt den kollegialen Beratungsprozess.

Mathias Lohmer (Psychoanalytiker und Organisationsberater) und Corinna Wernz (Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytikerin und Supervisorin) beschreiben das Arbeitsfeld „Supervision in der Klinik“. In dem Beitrag kommen klassische Themen der Supervision überhaupt zur Sprache: interne vs. externe Supervision, Verhältnis Teamleitung und Supervisor, Spiegelphänomen der Patientendynamik in der Supervision, die Rolle des Supervisors, Methodik etc.

Andreas Hamburgers Beitrag ist überschrieben mit „Supervision in der Jugendhilfe“ – auch das ein klassisches Feld supervisorischer Arbeit, die hier mit besonderen Themen befasst ist: Qualitätssicherung zum einen, Kinderschutz, Trauma, Sexualität zum anderen. Eine Sitzungssequenz wird exemplarisch beschrieben.

Ein eher schwieriges Feld für Supervision beschreibt Beate West-Leuer, nämlich „Supervision in der Schule“. Die Autorin ist Psychologische Psychotherapeutin, Senior Coach und Supervisorin. Eine Grundthese ist die, dass „Schule als intrapsychisches Objekt“ bei LehrerInnen und SupervisorInnen unterschiedlich organisiert ist – einer der Gründe dafür, dass Supervision in der Schule sowohl aus der Sicht der LehrerInnen als auch aus der Sicht der SupervisorInnen als ineffektiv bewertet wird.

Den letzten Beitrag des zweiten Teils liefert Günther Bergmann unter der Überschrift: „Balintgruppen: Supervision in der Medizin“. Bergmann ist Arzt für Innere Medizin, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Vorsitzender der Deutschen Balint-Gesellschaft e.V. Die Unterschiede zwischen Balintgruppe und klassischer Gruppensituation werden beschrieben, ebenso aber auch die Ähnlichkeiten beider Formate. Die Balintgruppenarbeit ist in erster Linie im medizinischen Feld zuhause, historisch ist sie eine der wesentlichen Quellen für Supervision in anderen Arbeitsfeldern.

Zu Teil III: Ausbildung zum Supervisor

Brigitte Geißler-Piltz und Paul Fortmeier, die Vorsitzende und der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V., illustrieren die Standards zur Qualifizierung für SupervisorInnen und Coaches der DGSv. Mathias Lohmer beschreibt abschließend zentrale Themen im Zusammenhang einer Ausbildung in Organisationssupervision.

Literaturhinweise finden sich am Ende jedes Beitrages, ein Stichwort- und ein Personenverzeichnis beschließen den Band.

Diskussion

Eine Diskussion dieses Buches ist kaum möglich, jedenfalls nicht im Kontext dieser Rezension – nicht deshalb, weil es zu wenig, sondern weil es zu viel zu diskutieren gäbe. Bei jedem einzelnen Artikel könnte man beginnen zu diskutieren, weiterzuarbeiten, Querverbindungen zu anderen Artikeln zu ziehen und so weiter. Hier wird nicht das Feld detailliert beschrieben, eher wird es vermessen und durch Pfosten markiert. Die psychoanalytische Sicht herrscht vor, wer mit einem anderen Grundverständnis arbeitet, wird häufig „Ja aber“ sagen, das ist aber kein nützlicher Umgang mit diesem Buch. Dennoch bleibt manches nebeneinander stehen, was besser miteinander ins Gespräch gebracht werden sollte, weil es inkompatible Konzepte sind: Systemisches Arbeiten neben Psychoanalyse, Verhaltenstherapie neben Gruppendynamik etc. Natürlich trifft sich das alles – legitimerweise! – unter der Überschrift „Supervision“, aber auch in den Verbänden und Arbeitsfeldern bleiben die Milieus separiert, und wenn beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Supervision in ihrem Archiv blättert, wird sie auch auf Protokolle heftiger Grabenkämpfe stoßen. Die Kämpfe sind, scheint´s, beigelegt, die konzeptionellen Widersprüche sind gleichwohl geblieben. Von alledem ist in den Beiträgen allerdings nichts zu lesen – wohl aber in der Einleitung: „Dennoch existieren aufgrund der unterschiedlichen Methoden, Menschenbilder und Veränderungskonzepte zum Teil erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Aufgaben und Zielsetzungen von Supervision. Diese Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten aufzuzeigen, ist eine Absicht des vorliegenden Buches.“ (S. 12)

Für wen könnte der Band nützlich sein? Zum einen zum Beispiel für TeilnehmerInnen von Supervisions- und anderen Beratungsausbildungen. Denen können die Beiträge gute Orientierungen in unübersichtlicher Landschaft geben. Zum anderen für die Unterrichtenden: Ein wunderbar aufbereiteter Überblick über das Feld, in dem sich ausgebildete SupervisorInnen orientieren können sollten. Zum dritten für Praktiker, die das eigene Arbeitsfeld durch reflektieren und vertiefter verstehen möchten. Und letztlich ist es wohl auch eine Art Selbstvergewisserung des Faches.

Fazit

Der Band heißt im Untertitel „Supervision in der Praxis – ein Überblick“. Diesem Anspruch wird er gerecht, und wenn jemandem daran liegt, sich einen solchen Überblick zu verschaffen, wird er das Buch mit hohem Gewinn lesen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 15.02.2018 zu: Andreas Hamburger, Wolfgang Mertens (Hrsg.): Supervision in der Praxis - ein Überblick. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-029338-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22586.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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