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Hanne Shah, Thomas Weber: Trauer und Trauma

Cover Hanne Shah, Thomas Weber: Trauer und Trauma. Die Hilflosigkeit der Betroffenen und der Helfer und warum es so schwer ist, die jeweils andere Seite zu verstehen. Asanger Verlag (Kröning) 2017. 3., neu ausgestattete Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-89334-612-7. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Im vorliegenden Fachbuch werden aus einer dialektischen Sichtweise die Perspektiven von Betroffenen von traumatischen Ereignissen wie auch von Helferinnen und Helfer, welche bei Katastrophen und Notfalleinsätzen Opfer begleiten und unterstützen, beleuchtet. Es soll sich in erster Linie an Fachleute und Ehrenamtliche richten, die Trauernde und Traumatisierte begleiten, wie z.B. PsychologInnen, TherapeutInnen oder NotfallseelsorgerInnen oder TheologInnen, aber auch an interessierte Angehörige.

Autorin und Autor

Hanne Shah ist Mitarbeiterin des Zentrums für Trauma und Konfliktmanagement (ZTK) Köln, Referentin für das Kultusministerium im Bereich Trauma und Krisen in Schulen und Hausfrau und Mutter. Als solche ist sie selbst eine Betroffene, welche im Jahr 2000 durch einen tödlichen Unfall während einer Klassenfahrt einen Sohn verloren hat und sich seither in der Beratung von trauernden und traumatisierten Familien engagiert und verschiedene Fachartikel und Broschüren publiziert hat.

Thomas Weber ist Diplom-Psychologe und Geschäftsführer des Zentrums für Trauma und Konfliktmanagement (ZTK) in Köln, das u.a. auf die psychosoziale Nachsorge nach grösseren Schadensereignissen und auf psychologische Fachbegutachtungen spezialisiert ist.

Entstehungshintergrund

Hanne Shah und Thomas Weber beraten und begleiten seit vielen Jahren Trauernde, Traumatisierte und auch professionelle Helferinnen und Helfer. Das vorliegende Fachbuch wird unterlegt mit zahlreichen persönlichen Erfahrungen, welche die beiden in Seminaren und Schulungen vermitteln und nun einem weiteren Kreis zugänglich machen wollen. Sie beleuchten aus der Sicht von Betroffenen und deren HelferInnen den Umgang mit Trauer, Verletzung und Hilflosigkeit und versuchen, neben dem Vermitteln von theoretischen Erkenntnissen die Lesenden auch zu sensibilisieren und Berührungsängste mit der Thematik abzubauen.

Aufbau, Vorwort und Einleitung

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:

  1. Der erste Teil mit dem Titel Die ersten Stunden und Tage (Seite 25 – 60) beleuchtet die erste Zeit nach einem Unglück aus der Sicht von HelferInnen, Familien und Freunden aber auch von Betroffenen selbst. Er geht besonders auf die Frage nach einer möglichen Organtransplantation bei einem plötzlichen Tod, auf den Umgang mit verletzenden Worten gegenüber Betroffenen sowie auf Nähe und Distanz und den letzten Abschied ein.
  2. Im zweiten Teil mit dem Titel Wochen, Monate und Jahre danach (Seite 63 – 147) geht es um zahlreiche grössere und auch kleinere Themen, welche dann aufscheinen, wenn für die meisten Menschen wieder der normale Alltag nach einem traumatischen Ereignis eingesetzt hat. Es sind dies die unterschiedlichen Reaktionen der Gesellschaft, der Trauernden selbst und auch der Helfenden wie z.B. erlebte und begangene Grenzüberschreitungen, den Wunsch nach Normalität, den Unterschied zwischen Trauer und Traurigkeit, Schuldgefühle und auch die Angst von Betroffenen, dass ihnen niemand glaubt. Zum Schluss formulieren die beiden AutorInnen, was sie sich in Bezug auf niederschwellige und dennoch qualifizierte Beratungsangebote für Menschen wünschen, die von Traumatisierungen betroffen sind. Das Literaturverzeichnis sowie Angaben zu den AutorInnen stehen am Ende des Buches.

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, in dem Rosmarie Barwinski den ungewöhnlichen Ansatz der AutorInnen würdigt, die Trennung zwischen einer Perspektive der HelferInnen und dem Erleben der Opfer, welche in Fachbüchern meist üblich ist, aufzuheben. Ermöglicht werde stattdessen eine dialektische Sichtweise, welche „beide Seiten“ zu Wort kommen lasse, ohne die Opferempathie und die notwendigen Abgrenzung auf Seiten der Helfenden zu vernachlässigen.

Vor der Einleitung, sozusagen als Einstimmung ins Thema, hören wir unter dem Titel Gedanken kurz den inneren Stimmen eines Psychologen und seines Gegenübers, einer betroffenen Mutter, zu und erfahren dabei von der beidseitige Unsicherheit am Beginn ihres Gesprächs.

In der Einleitung beschreiben die beiden AutorInnen, wie aus der langjährigen Zusammenarbeit in der Begleitung von Trauernden, Traumatisierten und Helfenden und der gemeinsamen Durchführung von Schulungen zum Thema die Idee des gemeinsamen Buches entstanden ist, das ihre langjährigen und reichhaltigen Praxiserfahrungen bündeln soll.

Zu Teil 1

Nach einer kurzen fachlichen Erläuterung der beiden Begriffe Trauma und Trauer beginnt Teil 1 mit der Überschrift „Das Unglück“.

Die professionellen HelferInnen, welche tagtäglich mit schlimmen Ereignissen wie Unfällen oder Gewalttaten konfrontiert sind, werden zuerst in den Blick genommen. Beschrieben wird das „Notprogramm“, das automatisch in ihrem Körper und ihrer Psyche einsetzt und so ein professionelles Handeln und Funktionieren in traumatischen Situationen überhaupt erst ermöglicht.

Anschliessend wird die Situation aus Sicht von Familieund Freunden und schliesslich auch von den Betroffenenselbst beleuchtet. Welche Emotionen, Fragen und Bedürfnisse brechen über sie herein, nachdem sie von einem schrecklichen, unfassbaren Ereignis erfahren haben? Wie reagieren sie darauf? Und welche schwierigen Fragen können sich allenfalls stellen, wie z.B. ob eine Organtransplantation in Frage kommt? Zudem wird beschrieben, wie unbedacht oftmals Grenzen von Trauernden durch verletzende Worte überschritten werden und wie gross ihnen gegenüber die Hilflosigkeit und Unsicherheit in Bezug auf Nähe und Distanz vielfach ist. Der letzte Abschied ist ein Plädoyer dafür, den Wunsch von Angehörigen, einen plötzlich Verstorbenen nochmals zu sehen (oder allenfalls auch gerade nicht) wenn immer möglich zu respektieren, damit ein wirkliches Begreifen des Todes entstehen kann.

Zu Teil 2

Teil 2 des Buches beschäftigt sich mit den mittel- und längerfristigen Reaktionen von Gesellschaft, Helfenden und Trauernden selbst und beschreibt in kürzeren und auch etwas längeren Sequenzen verschiedene Aspekte wie Beispiele von unpassenden und anmassenden Äusserungen, welche Betroffene oft zusätzlich belasten und kränken.

Da die meisten Menschen zwar den Zustand der Traurigkeit nicht aber der Trauer aus eigener Erfahrung kennen, wird der Unterschied verdeutlicht und um Verständnis dafür geworben, dass Trauern sehr viel Zeit braucht. Gut gemeinte Ratschläge aus dem sozialen Umfeld werden von Betroffenen oft als Grenzüberschreitungen erlebt und belasten sie zusätzlich. Das Kapitel „Wenn für die anderen das Leben normal weitergeht“ beleuchtet den langen Weg eines Trauerprozesses aus der Sicht der Gesellschaft, die mit ihrem Wunsch nach baldiger Rückkehr zur Normalität des Alltags häufig wenig Verständnis dafür aufzubringen vermag, dass Trauernde oft ihr Leben „wieder neu erlernen“ müssen und Einladungen oder andere Angebote manchmal auch harsch zurückweisen.

Die AutorInnen werben um Verständnis dafür, dass Trauerarbeit meist sehr viel Energie braucht. Manchmal wird jedoch auch Energie freisetzt, und für manche Betroffene kann der Gang an die Öffentlichkeit auch einen wichtigen Schritt aus der eigenen Hilflosigkeit darstellen, indem sie sich mitteilen können. Der Umgang mit Medien kann für Betroffene aber manchmal sehr belastend sein, und es ist wichtig, dass sie hier gut unterstützt und wenn nötig auch geschützt werden. Insgesamt wird deutlich, dass Trauerarbeit etwas sehr Individuelles ist, und es manchmal auch professionelle Hilfe braucht, um den Leidensdruck bewältigen zu können. Schuld und Schuldgefühle erschweren dabei die Verarbeitung von traumatischen Ereignissen, und auch Scham spielt bei vielen Trauerprozessen eine grosse Rolle. So erscheint manchen Betroffenen Krankheit oder Tod als logische Konsequenz für eigenes fehlerhaftes Verhalten, oder ihnen wird von aussen die Verantwortung dafür zugeschoben, was bei Fällen von Suizid besonders häufig vorkommt. Bei sogenannten ‚Man Made Traumata‘ sind der Vertrauensverlust und die Anerkennung des erlittenen Unrechts durch die Gesellschaft, z.B. in Form einer Verurteilung, ganz zentral für die Bewältigung der Tat.

Im Kapitel „Das glaubt Ihnen doch niemand“ wird zum Schluss noch auf die Angst vieler traumatisierter Menschen eingegangen, sich überhaupt jemandem anzuvertrauen, weil sie einerseits befürchten, dass ihre Erzählung angezweifelt wird und sie der Lüge bezichtigt werden könnten, oder andererseits, dass man sie als unheilbar geschädigt ansieht. Viele Betroffene schonen auch ihr Gegenüber und wollen ihm die schreckliche Wahrheit nicht zumuten. Hier betonen die AutorInnen, wie wichtig es im beraterischen oder therapeutischen Prozess für Betroffene ist, dass sich sie ernstgenommen fühlen und ihnen ihre Verletzung geglaubt wird. Mit dem Versuch, sich in die Situation eines Opfers hinein zu fühlen und ihr Leid zu verstehen, ändern Helfende zwar nichts an der Tatsache des schlimmen Ereignisses an sich, aber sie lindern für die Betroffenen das Gefühl der Einsamkeit und Isolation. Eine unterstützende Begleitung – ob durch Professionelle oder durch vertraute Menschen, ist für Betroffene sehr wertvoll und wichtig, sollte aber niemals das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe ausser Acht lassen, damit sie selbst Schritt für Schritt wieder die Kontrolle über ihr Leben übernehmen können.

Im letzten Kapitel „Was wir uns wünschen“ fassen die AutorInnen wesentliche Erkenntnisse des Buches nochmals zusammen und formulieren ein eigentliches Plädoyer für den Ausbau eines niederschwelligen qualifizierten Beratungsangebotes für betroffene Menschen und deren Angehörige, damit die langfristigen Folgen für die Betroffenen selbst, aber auch für die Gesellschaft z.B. in Form von hohen Kosten, nachhaltig eingedämmt werden können.

Diskussion

Das Buch greift wesentliche Aspekte rund um das Thema Trauer und Trauma auf und unterlegt diese an vielen Stellen mit zahlreichen Beispielen aus der eigenen Praxis der AutorInnen, aber auch aus den Medien oder teilweise der Literatur. Diese wirken zwar einerseits anschaulich und sind dadurch hilfreich für das Verständnis des zuvor theoretisch Erläuterten, wirken aber auch oft etwas willkürlich und ziellos aneinander gereiht, wodurch sie manchmal auch eher verwirren.

Die Zweiteilung in einen Schwerpunkt auf den ersten Stunden und Tagen nach dem Ereignis und einem zweiten, der die Wochen, Monate und sogar Jahre danach beleuchtet, ist fachlich gut nachvollziehbar. In der Feinstruktur ist der rote Faden hingegen oft nicht so ganz erkennbar, was es schwierig macht, beim Lesen jederzeit die Orientierung zu behalten. Verschiedene Themen werden eingestreut und manchmal nur ganz kurz beleuchtet, und nicht immer wird richtig klar, wozu ein Beispiel, wie jenes aus dem Vietnamkrieg auf den Seiten 124/125, dienen soll. Dies erschwert einerseits den Lesefluss, es ist aber andererseits auch möglich, gezielt einzelne Themen herauszugreifen, ohne das ganze Buch lesen zu müssen.

Dennoch stellt sich die Frage, ob das vorliegende Buch ein Fachbuch sein will, das sich an Professionelle richtet, oder ob es sich eher um eine praktische Unterstützung für Betroffene und ihre Angehörige handeln soll. Tatsache ist, dass immer wieder wichtige theoretische Inhalte eingestreut werden, wie die z.B. die Bedeutung von Schuldgefühlen zur Wiederherstellung der Handlungskontrolle oder die Beschreibung der Rechtslage für Organtransplantationen, was für Unkundige auf jeden Fall einen Wissenszuwachs ermöglicht.

Fazit

Das vorliegende Buch ist in einer einfachen und gut verständlichen Sprache geschrieben, mit vielen praktischen Beispielen unterlegt und vermittelt einige zentrale Wissensbestände zu den Themen Trauer und Trauma, Traumafolgen und einem besseren Umgang damit. Es kann durchaus einen niederschwelligen Beitrag zu der angestrebten Sensibilisierung und einem besseren Verständnis der Thematik leisten, weshalb es sich hauptsächlich für ehrenamtliche HelferInnen und Angehörigen eignet. Durch die Lektüre können sie sich besser in Betroffene und ihre Reaktionen einfühlen und damit mehr Sicherheit im Umgang mit ihnen gewinnen. Aber auch für Betroffene selbst kann es an vielen Stellen helfen, das eigene Erleben und zentrale Erfahrungen mit dem sozialen Umfeld und der Gesellschaft besser begreifen und einordnen zu können. Als Fachbuch für Professionelle scheint es hingegen durch sein etwas eklektisches und wenig systematisches Vorgehen und die fehlende inhaltliche Tiefe nur bedingt geeignet. Schade ist, dass in einem Buch mit dieser Thematik ausschliesslich männliche Formen verwendet werden, was den unzähligen weiblichen Gewaltopfern nicht gerecht werden kann.


Rezensentin
Prof. Gabriella Schmid
Soziologin lic phil. I, Dozentin FHS, Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen und Leiterin Institut für Gender& Diversity der Fachhochschule Ostschweiz (FHO)
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Zitiervorschlag
Gabriella Schmid. Rezension vom 04.07.2018 zu: Hanne Shah, Thomas Weber: Trauer und Trauma. Die Hilflosigkeit der Betroffenen und der Helfer und warum es so schwer ist, die jeweils andere Seite zu verstehen. Asanger Verlag (Kröning) 2017. 3., neu ausgestattete Auflage. ISBN 978-3-89334-612-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22587.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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