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Silke Julia Jakob (Hrsg.): Engagierte Jugendliche in der Gesellschaft

Cover Silke Julia Jakob (Hrsg.): Engagierte Jugendliche in der Gesellschaft. Bürgerschaft und Engagement in einer globalisierten Welt. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 233 Seiten. ISBN 978-3-8474-0763-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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Thema

Der von Silke Jakob 2017 im Verlag Barbara Budrich herausgegebene Sammelband „Engagierte Jugendliche in der Gesellschaft. Bürgerschaft und Engagement in einer globalisierten Welt“ befasst sich mit Verknüpfungen zwischen Konzepten von Jugend und Kindheit, dem Engagement von Jugendlichen und Kindern sowie der Idee einer Bürger*innenschaft in einer globalen Welt, die Jugendliche und Kinder nicht nur inkludiert, sondern sie als Subjekte ihres Handelns begreift.

Die Beiträge fügen sich fachlich in den Diskurs der aktuellen Engagement- / Zivilgesellschaftsforschung ein und spannen den Bogen zu neuen Ansätzen der Jugend- und Kindheitsforschung.

HerausgeberIn

Die Herausgeberin ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaften der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Jakob ist Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung. In ihrer Promotion beschäftigt sie sich mit dem Thema „Kinder für Kinderrechte – Biographiestudien von kinderrechtlich engagierten Kindern und Jugendlichen.“

Entstehungshintergrund

Der Sammelband basiert im Wesentlichen auf der wissenschaftlichen Tagung „Bürgerschaft von Jugendlichen in einer globalisierten Welt“, die 2015 an der Justus-Liebig-Universität stattgefunden hat. Mit der Tagung wurde das Ziel verfolgt, das Engagement von Kindern und Jugendlichen und deren damit einhergehende Positionierung in Gesellschaften kritisch zu reflektieren und zu analysieren.

Aufbau

Der Band besteht neben der programmatischen Einleitung der Herausgeberin aus drei fachlich gleichgewichteten Teilen.

Auf der Verlagsseite gibt es einen Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Kapitel I

In der Einleitung (Kapitel I) thematisiert die Herausgeberin das Konzept der Bürger*innenschaft als Kategorie und theoretischen Bezugsrahmen für den Diskurs um die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Sie verweist darauf, dass die ideengeschichtliche Begrenzung des Konzeptes auf männliche, nichtbehinderte Erwachsene überwunden werden müsse, um es analytisch nutzbar zu machen. „Kinder und Jugendliche als eine Randgruppe vieler Gesellschaften, vor allem hinsichtlich ihres Status als Rechtspersonen und beteiligte oder mündige Bürger*innen, sollen hier als Akteur*innen in ihren eigenen Belangen im Fokus (…) stehen“ (Jakob, 2017/13).

Zu Kapitel II

Kapitel II widmet sich dem Thema „Globalisierte Welt(en) und Jugend“.

Bernd Overwien stellt Bezüge zwischen Globalen Lernen, Global Citzienship Education und den Denkansätzen des Beutelsbacher Konsenses her. Der „Globale Blick“ sei zur Lösung sozialer, umweltpolitischer und ökonomischer Probleme unverzichtbar, damit gewinne Globales Lernen, so Overwien, an Bedeutung auch vor dem Hintergrund, dass Jugendliche sich selbstbestimmt mit globalen Fragen auseinandersetzen wollen. Diesen thematischen und perspektivischen Öffnungen muss demzufolge auch in Ansätzen des Lernens Rechnung getragen werden.

Hervorzuheben in diesem Kapitel ist der Beitrag von Josefine Scherling, die sich mit dem Thema Kinderrechte im Kontext von Global Citizenship befasst. Die Arbeit der Kinderrechtskommission zitierend stellt sie fest: Partizipation ist der, wie der Ausschuss für die Rechte des Kindes feststellt, „starting point for an intense exchange between children and adults on the development of politics, programmes and measures in all relevant contexts of children’s lives“ (2017/44). Scherling entwickelt in ihrem Beitrag sehr strukturiert Thesen („Statements“), die geeignet sind, die Diskussion um die Rechte von Jugendlichen und Kindern als Bürger*innen weiter voranzutreiben.

Einen methodisch interessanten Zugang wählt Benjamin Bunk, der anhand des Films „L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr“ (Clapisch 2002) Erfahrungen des jungen Protagonisten Xavier im Ausland beispielhaft verknüpft mit bildungstheoretischen Überlegungen.

Zu Kapitel III

In Kapitel III „Eigeninitiativ: internationale Beispiele“ findet eine wichtige, die theoretische Debatte fachlich bereichernde Perspektiverweiterung statt:

In insgesamt fünf nationalen und internationalen praktischen Beispielen des Engagements von Kindern und Jugendlichen zeigen die Autorinnen und Autoren, dass und wie Kinder und Jugendliche von ihren sehr unterschiedlichen Lebenswelten ausgehend aktiv gestaltend auf Gesellschaften einwirken und somit selbstbestimmt eingreifen. Sie definieren durch ihre Aktivitäten ihre eigene Agenda.

Die Themen seien hier nur stichwortartig genannt:

  • Manfred Liebel analysiert Kinderrechtsbewegungen im Globalen Süden;
  • Sabine Hattinger-Allende befasst sich mit dem Thema Kinder und Jugendliche als aktiver Teil sozialer Bewegungen;
  • Christophe Lerch thematisiert das Engagement von Flüchtlingen für Flüchtlinge;
  • Heike Dierckx / Fatima El Amin vergleichen zwei Kinderrechtsbewegungen in Afrika und Lateinamerika;
  • Stefan Hoffmann schließlich berichtet über Bedingungen und Möglichkeiten der Partizipation von Jugendlichen in Burundi und ordnet diese theoretisch ein.

Gerade weil in den Beiträgen zum Teil deutlich wird, dass die Selbstwirksamkeit durch bestehende politische Strukturen und ökonomische Begrenzungen erschwert wird, sind alle Aktivitäten ein starkes Indiz für das Recht auf die voraussetzungslose Anerkennung der Bürger*innenschaft von Kindern und Jugendlichen.

Zu Kapitel IV

Im letzten Kapitel „Pädagogische Bezüge“, schließt sich der Argumentationskreis. Silke Jakob reflektiert in ihrem Beitrag „Engagement als Bürger*innenschaft“ inwiefern sich aus den vorangegangenen theoretischen Überlegungen und den empirischen Erkenntnissen Anforderungen zur Weiterentwicklung der fachlichen Debatten ergeben.

Versorgungs-, Schutz- und Partizipationsrechte sind es demzufolge, die in ihrem Dreiklang die Bürger*innenschaft von Kindern und Jugendliche erst ausmachen.

Die Analyse zeige jedoch, dass neben den Versorgungs- und Schutzrechten die Partizipationsrechte als zentrales Element eigenständiger Rechtspersönlichkeiten für Kinder und Jugendliche noch immer fehlen. Jakob entwirft vor diesem Hintergrund eine Agenda zukünftiger Forschungsfragen.

Den Anschluss zur Engagementforschung stellen Kerstin Dietzel und Judith Zadek her, indem sie sich anhand von Fallbeispielen mit Zugängen zum Engagement befassen.

Abschließend thematisieren Amina Fraij und Natalie Fischer „Vertrauen“ im Zusammenhang mit dem Engagement von Jugendlichen, wobei sie kritisch darlegen, dass die empirischen Daten derzeit keine validen Aussagen zulassen und weitere Forschungen erforderlich sind.

Diskussion

Die Zivilgesellschafts- und die Engagementforschung leisten seit vielen Jahr(zehnt)en einen entscheidenden Beitrag zur Weiterentwicklung von Demokratie und Demokratietheorie. Nicht immer jedoch gelingt es, Kinder- und Jugendliche als selbstbestimmte Akteurinnen und Akteure von dieser Disziplin ausgehend systematisch in den Blick zu nehmen und sprechen zu lassen. Zwar befasst sich die Kinder- und Jugendforschung selbst seit jeher mit den Formen jugendlicher Partizipation, häufig jedoch unter der Maxime, dass Kinder- und Jugendliche an bestehende demokratische Werte und partizipative Strukturen „herangeführt“ oder gar „herangebildet“ oder „befähigt“ werden müssten. Inwieweit Kinder- und Jugendliche selbst an der demokratischen Formung teilhaben, konstitutive und reflektierende Bestandteile der gesellschaftlichen Prozesse sind, steht kaum im Fokus der Debatte. Der Band schließt diese Lücke, indem nicht nur additiv die Disziplinen nebeneinander betrachtet werden, sondern es hervorragend gelingt, mit dem Konzept der Bürger*innenschaft, Ansätze der Verknüpfung zu erarbeiten.

Das „Herzstück“ des Bandes sind die konkreten nationalen und internationalen Beispiele, die einmal mehr den oft nur partiellen Blick auf den Alltag von Jugendlichen und Kindern auch bei internationalen Rechtssetzungen und in der Bildungsforschung offenlegen. Diese Setzungen zu hinterfragen erscheint mehr als notwendig, wenn die konkreten Beispiele, die der Band analysiert, ernst genommen werden.

Es gelingt den Autorinnen und Autoren in unterschiedlicher Weise, sich in Bezug zu der anspruchsvollen theoretischen Rahmung zu setzen – alle Beiträge sind jedoch ein Gewinn und öffnen den Blick für weiterführende fachliche Ansätze.

Fazit

Im vorliegenden Band knüpfen die Autorinnen und Autoren an unterschiedliche Diskurse sozialwissenschaftlicher Forschung an. Sie verbinden Zivilgesellschafts- und Engagementforschung mit Konzepten der Jugend- und Bildungsforschung. Ebenso gewinnbringend wie die anspruchsvolle theoretische Rahmung sind die sowohl für Fachpublikum als auch für andere Interessierte spannenden Beispiele der Partizipation von Jugendlichen und Kindern.

Damit gelingt den Autorinnen und Autoren sowohl eine Paradigmenerweiterung als auch eine wissenschaftliche Präzisierung des Konzeptes der Bürger*innenschaft. Es ist das Verdienst der Herausgeberin, Silke Jakob, diese Verknüpfung in ihrer Einleitung zu konsolidieren. Sie begründet damit einen wissenschaftlichen Ansatz, der in jedem Fall in die politischen und fachlichen Debatten zur Demokratieentwicklung einfließen sollte. Die Herausgeberin bewertet die Tagung lediglich als „Auftakt“, gearbeitet werde an der Initiierung eines wissenschaftlichen Netzwerkes, um das Tagungsthema „Bürgerschaft von Jugendlichen in einer globalisierten Welt“ weiter zu diskutieren. Auf diesen Diskurs können wir gespannt sein.


Rezensentin
Dr. Susanne Diemer
Politologin, Stuttgart
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Zitiervorschlag
Susanne Diemer. Rezension vom 02.08.2018 zu: Silke Julia Jakob (Hrsg.): Engagierte Jugendliche in der Gesellschaft. Bürgerschaft und Engagement in einer globalisierten Welt. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0763-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22588.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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