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Hans-Jürgen Göppner: Damit "Hilfe" Hilfe sein kann

Cover Hans-Jürgen Göppner: Damit "Hilfe" Hilfe sein kann. Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 421 Seiten. ISBN 978-3-658-14360-2. D: 59,99 EUR, A: 61,67 EUR, CH: 62,00 sFr.
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Thema

Das Anliegen der Monographie von Hans-Jürgen Göppner ist es, die Sozialarbeitswissenschaft klar als eine Handlungswissenschaft zu deklarieren. Mittels einer äußerst ausführlichen Analyse wissenschaftlicher Fachliteratur, vor allem auch aus dem angloamerikanischen Raum, werden unterschiedliche Deutungen und Interpretationen einer Handlungswissenschaft untersucht und Konzepte und Ansätze einer Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft erarbeitet und kritisch miteinander verglichen.

Autor

Hans-Jürgen Göppner ist Professor i.R. der Fakultät für Soziale Arbeit (FH) der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt; er absolvierte den Diplomstudiengang Psychologie an der Universität Erlangen und promovierte 1974 zum Dr. phil. Nach seiner Ernennung zum Professor 1988 lehrte er bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Fakultät für Soziale Arbeit in Eichstätt. Göppner erlangte 1999 die Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit ist offensichtlich aus der Erkenntnis und dem Bedürfnis heraus entstanden, dass die Soziale Arbeit als Wissenschaft nur dann verdientermaßen Anerkennung findet und eine gewisse Anfälligkeit für Ideologisierung verliert, wenn sie sich eindeutig als Handlungswissenschaft zu präsentieren und durchzusetzen weiß. Göppners Impetus für die vorliegende Arbeit liegt wohl darin, deutlich zu machen, dass professionelle Soziale Arbeit ohne eine Zuordnung zur oder Deklaration als Handlungswissenschaft ihren Wissenschaftscharakter verliert und der internen wie auch externen Rechtfertigung anheimfällt.

Aufbau

Das umfangreiche Werk erfährt nach einem Vorwort und einer Erklärung notwendiger Abkürzungen eine detaillierte Aufgliederung von fünfzehn Kapiteln; diese wiederum sind mehr oder weniger stark untergliedert und schließen mit einem Literaturverzeichnis ab. Der Autor geht bei der Ausarbeitung systematisch vor, indem er mittels der einzelnen Kapitel vom Allgemeinen immer dezidierter zum Speziellen gelangt. So gelingt es ihm nach grundsätzlichen Erwägungen über die Befindlichkeiten einer Sozialarbeitswissenschaft immer stärker deren Charakteristikum als Handlungswissenschaft im Sinne eines 'richtigen' theoretischen Unterbaus herauszustellen.

Inhalt

„Für eine wissenschaftlich fundierte Sozialarbeit ist eine auf einen offenen Erkenntnisprozess angelegte Handlungswissenschaft nötig, die Gelingen und Scheitern in der Praxis aufnehmen kann und dabei durch kreative Zerstörung neue und sicherere (.) Lösungen hervorbringen kann.“ Mittels dieses sich auf dem Buchrücken befindenden Zitats wird das Anliegen des Autors ganz offensichtlich auf den Punkt gebracht. Die wissenschaftlichen Grundlagen für eine fundierte Sozialarbeit sollen aus einer Vielfalt von Theorien unterschiedlicher Disziplinen herausgefiltert werden und sodann die Soziale Arbeit klar als ausgewiesene Handlungswissenschaft deklarieren, um dadurch eine explizite „Hilfe“-Stellung für ein neues Verständnis von Sozialarbeitswissenschaft einnehmen zu können.

Für Göppner ist die Erkenntnis wichtig, dass bisherige Bemühungen um eine Etablierung der Sozialen Arbeit als Sozialarbeitswissenschaft – trotz aller Bemühungen von Protagonisten wie u.a. Engelke, Mühlum oder Staub-Bernasconi – als zumindest nicht ausreichend gelten können, da die Bedeutung des der Sozialen Arbeit qua Begrifflichkeit eigenen und originären Praxisbezugs in gewisser Weise eine direkte Bezugnahme zu einer eigenständigen Wissenschaftlichkeit zwar nicht direkt ausschließt, aber zumindest Anlass zu einer kritischen Betrachtung bietet. Somit konstatiert Göppner: „Die Kritik der unzureichenden Erörterung wissenschaftstheoretischer Fragen entzündet sich vor allem an der Konstitution von SAW als HW bzw. Praxiswissenschaft, die einen problematischen Zwitter schafft, der weder den Bedürfnissen der Wissenschaft noch denen der Praxis genügt“ (S. 99).

Der Autor zieht im ersten Kapitel daraus den das gesamte Werk bestimmenden Schluss: „Sarb benötigt eine SAW als HW, die sich systematisch mit allem auseinandersetzt, was zur Gewährleistung von Hilfe einzusetzen ist.“ (S. 11). „Hilfe“ soll und kann nur dann zur Hilfe werden, wenn sie nach Göppner auf Wissenschaft, nach seinem Verständnis als Handlungswissenschaft verstanden, abgestützt werden kann.

Davon ausgehend stellt sich der Autor eingangs in seinem zweiten Kapitel die Fragen, welche Theorie, welches Wissen und Können und schließlich welche Wissenschaft Sozialarbeit für die praktische Tätigkeit benötigt, um sodann im dritten Kapitel eine erste Annäherung an Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft vorzunehmen. Der Autor hält dabei zunächst den Handlungsbegriff zum einen aufgrund seiner Facettenvielfalt, zum anderen aber wegen des möglichen Nutzens, Schadens oder einer Folgenlosigkeit des Handelns noch offen.

Im nachfolgenden Kapitel sondiert Göppner, welche Kriterien der Wissenschaft für SAW in Frage kommen. Dabei tritt immer wieder die Erkenntnis auf, dass die Differenz zwischen Wissenschaft und Praxis keine Beachtung findet, was letztlich zu der Ansicht des Autors führt, dass man Wissenschaft nicht von der Praxis abhängig machen dürfe (vgl. S. 97), jedoch dann auf Schwierigkeiten stößt, wenn man SAW als Handlungswissenschaft begreift. Folgerichtig schließt der Autor daraus, dass man sich der Frage stellen müsse, ob sich damit das Ende des 'traditionellen' Wissenschaftsbegriffs und der Wissenschaftstheorie ergeben würde (vgl. Kap. 5)? Der Autor greift diesbezüglich u.a. auf die Arbeiten von H. Rombach, K. Fischer, H. Walach zurück und untersucht nachfolgend, inwieweit Handlungswissenschaft auf philosophisch-anthropologischer Grundlage als Alternative verstanden werden kann (vgl. Kap. 6). Dabei wird eine 'innere' Grundhaltung durchaus anerkannt, der SAW auch eine philosophische Handlungstheorie zugeschrieben, die sich aber der Frage nach der Wirkung des Handelns nicht verschließen dürfe (vgl. S. 123).

In den Kapiteln 7 und 8 geht der Autor zunächst davon aus, dass es nach wie vor in der praktischen Sozialarbeit mehrheitlich Vorbehalte gegen die Notwendigkeit eines Theoriebezugs gibt, da der jeweilige individuelle Stil der Fachkräfte vorherrsche. Göppner hält jedoch an der Herstellung eines Theoriebezugs fest, nennt die Möglichkeit, diesen als wissenschaftliche Begründungen zu verstehen, oder aber – was seine eigentliche Absicht ist – die SAW als Handlungswissenschaft zu erkennen und letztlich durchzusetzen. Dazu dient ihm die Auseinandersetzung sowohl mit professionstheoretischen Ansätzen genauso wie mit dem Forschungsverständnis von Sozialer Arbeit, ehe er die SAW sowohl als Praxiswissenschaft wie auch als Angewandte Wissenschaft ins Spiel bringt, zugleich hinterfragend, warum die Deklaration der Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft bisher nicht gelungen ist, wenngleich er sie auf dem Weg dorthin unter Bezugnahme auf Prämissen und Konstruktionselemente befindlich sieht. Zu letzteren zählt er beispielsweise eine wechselseitige Intransparenz von Wissenschaft und Praxis, eine Transdisziplinarität, oder Handlungswissenschaft als translationale Wissenschaft und als Formalobjekt. Es sind sodann diese Konstruktionselemente einer vom Autor definierten Handlungswissenschaft, denen sich die Kapitel 9 bis 12 dezidiert widmen. Dabei wird von Göppner abschließend nochmals deutlich gemacht, worin er den Unterschied zwischen einer 'Praxiswissenschaft' und einer Handlungswissenschaft zu erkennen glaubt: Ersterer werde nur „eine beiläufige Rolle zugebilligt“, was sie zu einer Angewandten Wissenschaft mache, bei der vorher abgeschlossene Erkenntnisprozesse in die Praxis eingeschleust würden, während bei Letzterer aufgrund des auf erkenntnistheoretischer Basis gewonnenen Formalobjekts „Modelle für die Formatierung fachlichen Handelns entwickelt [werden], durch die wahrscheinlich sichergestellt ist, dass im Namen von 'Hilfe' kein Schaden angerichtet wird, sondern eine Zustandsverbesserung erreicht wird“ (S. 363).

Nach Göppner gewinnt die SAW als Formalobjekt ihr eigenes Profil als Handlungswissenschaft im Sinne einer Wissenschaft neuen Typs. Er postuliert, dass sie sich als Handlungswissenschaft nicht mehr als „an die spezialistischen Basis-Disziplinen gebundene angewandte Wissenschaft versteht, sondern erst durch Erkennen der Kumulativität, der methodischen Durchgängigkeit und durch die Feinregulierung der Handlungsentscheidungen … eine zuverlässige(re) Orientierung für die Selbstprogrammierung des Handelns der Akteure sein kann“ (S. 364). Damit unternimmt es der Autor der Profession Soziale Arbeit ihr Identitätsproblem zu entschärfen und ihr quasi trotz einer scheinbaren Konturlosigkeit, Allzuständigkeit und Vielfalt der Tätigkeiten eine neue Identität als Handlungswissenschaft zu vermitteln. In den beiden abschließenden Kapiteln werden seitens des Autors Bedenken hinsichtlich der richtigen Art von Wissenschaftstheorie hinterfragt, wie schließlich auch Wege zu einer Interdependenz- und Wirkfaktoren-Forschung für eine Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft Erörterung finden. Dabei werden Forschungsbeispiele, wie etwa u.a. aus den Bereichen 'Arbeitslosigkeit und Gesundheit', 'Sterblichkeit und soziale Vernetzung' oder aber 'Kommunale Organisation von Präventionsprogrammen für Kinder und Jugendliche' genannt und näher beleuchtet.

Diskussion

Das Kernanliegen Göppners liegt eindeutig in dem Bemühen der beinahe schon 'ewigen' Diskussion über das Selbstverständnis von Sozialer Arbeit bzw. deren konkretem Stellenwert im Konzert der Wissenschaftsdisziplinen eine neue und klare Ausrichtung zu verleihen. Dabei erkennt der Autor durchaus, dass der eigentliche Schwachpunkt einer Verwissenschaftlichung von Sozialer Arbeit zum einen in der Diskrepanz zwischen einem wissenschaftlich-theoretischen Anspruch im Vergleich zu anderen Wissenschaften und zum anderen in einem Auseinanderklaffen von einer berufspolitisch bedingten und eindeutigen Praxisorientierung im Gegensatz zu einer wissenschaftstheoretischen Unterfütterung des sozialen Handelns liegt.

Jeder, der im Gesamtrahmen sozialarbeiterischen Handelns tätig war und ist und sich somit mit den für das Gesamtarbeitsfeld notwendigen sogenannten Bezugswissenschaften nicht nur obligatorisch und mehr oder weniger oberflächlich auseinanderzusetzen hat bzw. hatte, wird einerseits deren Bedeutung durchaus erkannt, andrerseits aber auch unter dem Fehlen einer eigenständigen, die Soziale Arbeit umfassend definierenden und charakterisierenden Wissenschaft leiden bzw. gelitten haben.

Insofern bietet Göppner den Ausweg aus diesem Dilemma, indem es ihm mit seinem umfangreichen Werk durchaus überzeugend gelingt, die bisher eher indifferente Sozialarbeitswissenschaft nunmehr als Handlungswissenschaft zu deklarieren.

Fazit

Der Arbeit von Hans-Jürgen Göppner hat das Zeug dazu, endlich – nach all den bisherigen wenig erfolgreichen und kaum überzeugenden Bemühungen von bestimmten Protagonisten, die der Sozialen Arbeit eine stärkere Verwissenschaftlichung unter Loslösung von den sogenannten Bezugswissenschaften zu verleihen suchten – zu einem klaren und plausiblen Wissenschaftscharakter und -verständnis zu verhelfen. Soziales Handeln auf der Basis einer Praxis wie auch Theorie vereinenden Handlungswissenschaft schärft ihr Profil, stärkt ihr Position als fundierte Profession und verleiht jenen Selbstwert, den es in einer keinesfalls unter einem Mangel an Sozialproblematiken leidenden Gesellschaft verdient.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 05.10.2017 zu: Hans-Jürgen Göppner: Damit "Hilfe" Hilfe sein kann. Sozialarbeitswissenschaft als Handlungswissenschaft. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14360-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22594.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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