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Susanne Schäfer-Walkmann, Franziska Traub (Hrsg.): Evolution durch Vernetzung

Cover Susanne Schäfer-Walkmann, Franziska Traub (Hrsg.): Evolution durch Vernetzung. Beiträge zur interdisziplinären Versorgungsforschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 195 Seiten. ISBN 978-3-658-14808-9. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Thema

An diesem Buch wirken zahlreiche Autorinnen zur Thematik von Versorgungsnetzwerken in Gesundheit und Pflege mit. Es umfasst 195 Seiten inkl. Angaben zu den beitragenden Autorinnen und Autoren.

Die einzelnen Kapitel sind thematisch sehr vielfältig. Sie reichen von Demenznetzwerken, Typenbildungen von versorgenden Angehörigen hin zu ambulant betreuten Wohngemeinschaften, sozialraum-/inklusionsorientierten Projekten und Bürgerbeteiligungen. Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass sie überwiegend Versorgungsnetzwerke für demenziell erkrankte Menschen oder andere vulnerable Bevölkerungsgruppen thematisieren.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort zum Buch erläutern die beiden Herausgeberinnen, dass durch Netzwerke Akteure kooperieren und aus diesem Grunde Evolution geschieht. Sie begründen diese Hypothese damit, dass in einem stark fragmentierten und segmentierten Gesundheitssystem Vernetzung durch strukturelle Koppelung verschiedener Akteure aus den Sektoren Markt, Staat, Dritter Sektor und Informeller Sektor entsteht. Die Netzwerke bilden zunehmend eigene Strukturen und Organisationen aus. Die begleitende Versorgungsforschung in der Implementation dient nach Ansicht der Herausgeberinnen dazu, diese evolutionären Veränderungen zu erkennen und zu analysieren.

Im anschließenden Beitrag von Paul-Stefan Ross wird die Versorgung älterer Menschen als eine komplexe Herausforderung betrachtet, die aus diesem Grunde spezifische Organisationsformen (Versorgungsnetzwerke) erfordert. Er analysiert diverse Governancetheorien für die im Buch dargestellten Versorgungnetzwerke und entwickelt am Ende seines Artikels handlungsleitende Perspektiven für entsprechende Netzwerke in gesundheitlicher und pflegerischer Versorgung.

Die Autorinnen Susanne Schäfer-Walkmann, Franziska Traub und Alessa Peitz stellen erste Ergebnisse eines Demenznetzwerkes in Deutschland vor. Sie gehen auf durchgeführte Netzwerkanalysen im Projekt DemNet-D-Projekt ein. Sie wendeten qualitative wie quantitative Methoden an, um Einflüsse auf Erfolg und Überlebensfähigkeit von Demenznetzwerken zu untersuchen. Sie entwickeln aus den Ergebnissen analytische Netzwerktypen und referieren deren Kernaufgaben.

Das Thema der Autorin Liane Schirrra-Weirich und des Autors Henrik Wiegelmann fokussiert die Typenbildung als Beitrag zur Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz und ihren versorgenden Angehörigen. Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine Zusammenfassung von Ergebnissen aus einer Tandem-Studie im Rahmen des Modellprojektes „DemenzNetz StädteRegion Aachen.“ Die Ergebnisse dieser Studie ermöglichen die Charakterisierung von unterschiedlichen Typen versorgender Angehörige, die unterschiedliche Bedarfe in der Unterstützung und in Leistungen aufweisen:

  1. Gruppe „Junge, chancenreiche Gruppe mit traditionalistischem Versorgungskonzept“,
  2. Typus „Sandwich-Versorgende mit familiaristischem Versorgungskonzept“ und
  3. Typus „Riskant versorgende Gleichaltrige“.

Karin Wolf-Ostermann, Annika Schmidt und Johannes Gräske stellen Entwicklungen und Perspektiven von ambulant betreuten Wohngruppen dar. Es werden Ergebnisse zur Frage skizziert, ob Menschen in ambulanten betreuten Wohngemeinschaften besser betreut werden als in stationären Einrichtungen. Aufgrund diverser empirischer Ergebnisse kann diese Frage nicht eindeutig bejahend beantwortet werden. Insgesamt liegen nur wenige Daten über ambulante betreute Wohnformen vor. Von dem Autorenteam werden ambulante betreute Wohnformen als einen Baustein neben vielen anderen Versorgungsangeboten betrachtet, für deren Erfolg die Koordination von Leistungen in einem wohnortnahen Bereich erforderlich sind.

Es schließt sich ein Beitrag zur Versorgung von Menschen mit Demenz in der Häuslichkeit an. Das Autorenteam Jochen René Thyrian, Adina Dreier, Tilly Eichler und Wolfgang Hoffmann stellen Ergebnisse zur Definition, Operationalisierung und Evaluierung eines Dementia Care Managements vor. Es werden die relevanten Bestandteile und die Voraussetzungen für die Durchführung eines Dementia Care Managements vorgestellt. Des Weiteren wurde im Rahmen dieser Studie ein computerunterstütztes Interventionsmanagement-System entwickelt und angewendet. Die Interventionsmodule, die im Rahmen des Dementia Care Managements angewendet wurden, basieren auf den Analysen des Interventionsmanagements. Bisherige Ergebnisse dieses Projektes zeigen, dass die beteiligen Hausärzte dieses System stark unterstützen.

Demenz bei Menschen mit Lernschwierigkeiten – Ergebnisse eines Forschungsprojektes und Herausforderungen für die Versorgungsgestaltung“ werden von Klaus Grunwald, Christina Kuhn und Thomas Meyer beschrieben. Sie fassen am Ende ihres Beitrages zusammen, dass dieses Thema aus zwei Perspektiven angegangen werden kann. Auf der einen Seite gibt es die heil-, sonder- und behindertenpädagogischen und auf der anderen Seite die pflegewissenschaftlichen Aspekte zu berücksichtigen. Eine interdisziplinäre Verbindung bedarf ihrer Meinung nach einer Verortung auf diversen Ebenen.

In einem weiteren Beitrag kommen Karin Wolf-Ostermann, Katja Dierich, Annika Schmidt und Johannes Gräske noch einmal zu Wort. In diesem diskutieren sie Strategien und Empfehlungen zur Versorgungsforschung zu vernetzten Strukturen von Menschen mit Demenz auf der Grundlage von Praxiserfahrungen. Demnach tragen zum Erfolg von Versorgungsforschungsprojekten mit vulnerablen Bevölkerungsgruppen wie an Demenz erkrankte Personen bei, wenn im Vorfeld schwierige Fragen der Rekrutierung und Dissemination von Ergebnissen gemeinsam mit der Praxis angegangen werden. Es muss jedoch gewährleistet werden, dass keine zusätzlichen Belastungen für die Beteiligten aus der Praxis entstehen und ein Mehrwert für die Betroffenen aus der Teilnahme an der Studie resultiert.

Sandra Verhülsdonk und Barbara Höft stellen sich dem Thema der Inklusion durch interdisziplinäre Netzwerkarbeit im Quartier. Sie legen dafür exemplarisch eine interdisziplinäre Netzwerkarbeit am Beispiel des Demenznetzwerkes Düsseldorf zugrunde. Sie plädieren dafür, Netzwerke als Schlüssel dafür zu betrachten, den Herausforderungen in der Versorgung von Menschen mit Demenz zu betrachten und Synergieeffekte bzgl. Fachkompetenzen, Räumlichkeiten und Verwaltungsaufgaben zu nutzen.

Annette Plankensteiner stellt im vorletzten Beitrag ein Modellprojekt mit dem Titel „Wir daheim in Graben – ein Inklusions- und Sozialraumprojekt“ vor. Die Fragestellung dieses Projektes war, wie unterschiedliche inklusions- und sozialraumorientierte Hilfearrangements als flankierendes bzw. ergänzendes Angebot zu sozialstaatlichen und professionell erbrachten Leistungen gestaltet werden können. Eine relevante Erkenntnis dieses Projektes ist, dass Unterstützungsleistungen nonkategorial organisiert, entspezialisiert und sozialräumlich ausgerichtet sein müssen. Es geht um eine situative Eröffnung von Teilhabechancen in einer Gemeinde, um unkonventionelle Lösungen niederschwellig zu erreichen. Eine Erfahrung dieses Projektes zeigt, dass die Bürgerinnen und Bürger der am Projekt teilnehmenden Gemeinde die Inklusion oder Gewährung von Hilfe nicht zweckfrei betrachten. Sie fordern einen Nachweis der Notwendigkeit von Hilfe. Diese Forderung konterkariert nach Ansicht der Autorin die subjektiven Teilhabewünschen von den die Leistung inanspruchnehmenden Personen.

Der letzte Beitrag widmet sich der Bürgerbeteiligung und Versorgungsgestaltung im Alter. Es wird aus einem Projekt mit dem Titel „Gut und aktiv älter werden in Schorndorf“ berichtet. Es handelt sich dabei um ein Projekt, in denen Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde über sozialraumorientierte Beteiligungsprozesse an der Entwicklung der weiteren Maßnahmen zum Thema „Gut und aktiv älter werden in Schorndorf“ teilhaben. Es wurden diverse Themengebiete und Ideenworkshops entwickelt, die für die Bürgerinnen und Bürger relevant sind. Der Autor schlussfolgert, dass die Bürgerbeteiligung eine geeignete Methode zur Versorgungsgestaltung im Alter darstellt.

Fazit

Dieses Buch umfasst zahlreiche Beiträge zu laufenden oder bereits abgeschlossenen Forschungsprojekten zu Themen von Versorgungsnetzwerken für vulnerable Bevölkerungsgruppen.

Die These der Herausgeberinnen, dass durch Versorgungsnetzwerke Evolution entsteht, kann für die Dauer der jeweiligen beschriebenen Forschungs- und/oder Praxisprojekte bestätigt werden. Die Ergebnisse in den Beiträgen deuten auf einen Beleg dieser Hypothese. Gleichwohl bleibt die Frage, ob diese Veränderungen auf Dauer Bestand haben, wenn Politik, Markt und die einzelnen Sektoren die Ergebnisse der Forschungsprojekte nicht aufnehmen. Eine strukturelle und organisatorische Verankerung von Veränderungen nimmt in aller Regel einen längeren Zeitraum in Anspruch als die Dauer eines Forschungsprojektes. Der Theorie-Praxis-Transfer wird auch in diesen sehr praxisnahmen Forschungsprojekten eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Es ist in Frage zu stellen, ob die Wirkungen der Projekte hinsichtlich evolutionärer Entwicklung in der Tat so nachhaltig sind, dass sie dauerhafte Veränderungen in den Angeboten, Gemeinden und anderen Räumen erzeugen.
Gleichwohl können aus diesem Buch sehr interessante Hinweise entnommen werden, wie, aus welchen Gründen und unter welchen Voraussetzungen Versorgungsnetzwerke implementiert werden können und welche Determinanten für eine erfolgreiche Umsetzung erforderlich sind.

Eine sinnvolle Erweiterung auf der Grundlage der Erkenntnisse dieses Buches wäre eine übergreifende Betrachtung und Analyse aller erfolgversprechenden, relevanten Netzwerkfaktoren im Sinne einer metaanalytischen Untersuchung, um diese Ergebnisse für weitere zukünftige Netzwerkarbeiten zur Verfügung zu stellen.


Rezensentin
Prof. Dr. rer.medic. Martina Hasseler
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/pws/hasseler/index.html
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Zitiervorschlag
Martina Hasseler. Rezension vom 13.11.2017 zu: Susanne Schäfer-Walkmann, Franziska Traub (Hrsg.): Evolution durch Vernetzung. Beiträge zur interdisziplinären Versorgungsforschung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14808-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22595.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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