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Tim Hagemann (Hrsg.): Gestaltung des Sozial- und Gesundheitswesens (...) Digitalisierung (...)

Cover Tim Hagemann (Hrsg.): Gestaltung des Sozial- und Gesundheitswesens im Zeitalter von Digitalisierung und technischer Assistenz. Veröffentlichung zum zehnjährigen Bestehen der FH der Diakonie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 542 Seiten. ISBN 978-3-8487-3656-0. D: 119,00 EUR, A: 122,40 EUR.
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Autor

Tim Hagemann bringt in diesem Sammelband zahlreiche Wissenschaftler zusammen, die sich sowohl inhaltlich mit der Digitalisierung und der Arbeit 4.0 Auseinandersetzung als auch mit der FH der Diakonie in Bielefeld verbunden sind..

Entstehungshintergrund und Thema

Anlässlich des 10jährigen Bestehens der FH der Diakonie diskutieren verschiedenen Wissenschaftler in ihren Beiträgen die Auswirkungen der Digitalisierung auf die diversen Bereiche des Sozial- und Gesundheitswesens in Deutschland.

Aufbau und Einleitung

Der Sammelband ist in fünf Themenbereiche unterteilt:

  1. (Sozial-)Raum und Zeit.
  2. Technik und Gesundheit.
  3. Beratung und Therapie.
  4. Qualifikation und Bildung.
  5. Management und Innovation.

Im einleitenden Beitrag widmet sich Hagemann der Digitalisierung und technische(n) Assistenz im Sozial- und Gesundheitswesen. Er richtet den Blick auf die Diskrepanz zwischen Entwicklungstempo technischer Neuerungen sowie der verzögerten Akzeptanz dieser in sozialen sowie pflegerischen Berufsfeldern. Gleichzeitig thematisiert er die Gefahren verstärkter Technisierung. Auf die Herausforderung des technischen Fortschritts für die Gesellschaft wird exemplarisch anhand der Pflege eingegangen. Im Fazit bleibt der Auftrag, diese Entwicklung im Sinne des Sozialen mitzugestalten.

Zu: (Sozial-)Raum und Zeit

In seinem Beitrag Hybride Sozialräume durch digitale Netzwerkstrukturen im Stadtquartier diskutiert J. Meine den Dualismus von Virtualität und Realität. Wobei die Entstehende digitaler Netzwerkstrukturen die Möglichkeiten in den Stadtquartieren erweitern. Doch, so das Fazit, die sich entwickelnden Prozesse benötigen Begleitforschung.

A. Wolf stellt die Frage: Soziale Teilhabe für benachteiligte Menschen im Internet – Kann man im Internet wohnen? Der Autor setzt sich kritisch mit der Idee auseinander mit Hilfe des Internets (dem „Raum der Ströme“) reale, bezahlbare Wohnmöglichkeiten („Raum der Orte“) zu finden.

Die kompetente Internetnutzung befindet sich im Focus bei A. Koval. Ressourcenorientiertes professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit im Internetzeitalter basiert sowohl auf Handlungstheorien wie dem Empowerment und stützt sich gleichfalls auf ganz bestimmte Methoden. Koval stellt fest, dass die Orientierung an betriebswirtschaftlichen Konzepten den Blick auf Ressourcen versperrt. Insgesamt ist die Internetnutzung in der Sozialen Arbeit angekommen, ressourcenorientiert kann sie jedoch nur bei entsprechender Medienkompetenz genutzt werden.

Der Inklusion im digitalen Zeitalter… widmet sich A. Quack. Beispielhaft wird an vier unterschiedlichen technologischen Innovationen, u.a. dem Cochlea Implantat, das hohe inklusive Potenzial dieser illustriert. Die abschließenden Thesen verdeutlichen die Ambivalenz unterschiedlicher.

Eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen der Globalisierung der Zeitvorstellungen auf die konkrete Arbeitswelt, z.Bsp. in der Pflege, findet sich bei A. Herrmann in „Time 4.0:The Making-of…“. Angelehnt an Foucault wird auch Zeitnormierung als Machtinstrument interpretiert. Zeitvorstellungen, incl. Beschleunigung, sowie eine allumfassende Computerisierung finden sich sowohl im Privatleben als auch im Berufsalltag.

R. Brandhorst leitet ihren Beitrag zur Überbrückung von Distanz durch Kommunikationstechnologien… mit zwei Beispielen zu Familiennetzwerken (über Ländergrenzen hinweg) ein. Migration und Transnationalität werden unter den Aspekten von Sozialraum und Altern betrachtet. Die sich daraus ergebenden Konsequenzen für die Soziale Arbeit sowie die Pflege werden anschaulich dargestellt.

F. Dieckbreder unternimmt den Versuch über Sozialraum und Virtualität zu schreiben. Die Verbindung von Raum und Sozialem gelingt dem Autor auf vielfältige Weise. Neben dem Blick auf die Reproduktivität des sozialen Raumes wird auch das Konzept von Smart City kritisch hinterfragt.

T. Zippert setzt einen neuen Schwerpunkt und stellt die Frage: „Was ändert die zunehmende Digitalisierung und Virtualisierung an einem christlichen Verständnis des Sozialen?“ Dabei erfahren die LerserInnen u.a. von der engen Verbindung der Kirche mit der Virtualität.

Zu: Technik und Gesundheit

Die Technisierung der professionellen Pflege… wird durch A. Meißner diskutiert. Im Fazit heißt es, dass „die Technikentwicklung an die Logik des praktischen Handelns“ (S. 168) angepasst werden muss!

Versorgungsaspekte und technische Assistenz werden, nach einer theoretischen Einführung, am Beispiel der psychiatrischen Versorgung erläutert. Dabei erläutert A. Nienaber Chancen und Grenzen der Nutzung technischer Assistenzsysteme näher.

S. Friedhof legt die Partizipative Entwicklung technischer Assistenzsysteme… dar. Der Focus leigt auf dem Projektes „KogniHome“ sowie der Beteiligung der potentiellen Nutzer in diesem. Eine kritische Würdigung der IT im Rahmen von Pflege verfasste D. Tacke.

Chancen und Risiken computergestützter Pflegediagnostik werden deutlich in den Rahmenbedingungen (Zeit), den Grundkompetenzen für Diagnostik sowie dem ganzheitlichen Blick auf die zu Pflegenden.

Anschließend werden Smartphone-Assistenzsysteme in der Alten- und Eingliederungshilfe… thematisiert.

S. Vaudt stellt das methodische Vorgehen sowie wesentliche Erkenntnisse aus einem Forschungsprojekt der FH Bielefeld mit der Diakonie vor. A. Fesenfeld/ S. Riebandt sensibilisieren in ihrem Beitrag, „Ich manage zwei Leben“ – die Belastungssituation pflegender Angehöriger von Menschen mit einer Aphasie…, für die täglichen Belastungen von Angehörigen. In diesem Zusammenhang wird das Potenzial der Teletherapie für Menschen mit einer Aphasie und deren Angehörigen hervorgehoben.

Inwieweit die Entwicklung eines alltagstauglichen Computers [am Beispiel einer Seniorendienstplattform – Ein Forschungsprojekt aus der Retrospektive] über die Vision hinausgeht, diskutiert St. Maniak. Im Fazit ist festzuhalten, dass Mensch und Computer sich aufeinander zu bewegen.

Und wie diese Verbindung zwischen Mensch und Computergestützter Pflege aussehen könnte, phantasiert H. Brandhorst in seinem Beitrag „Mein liebster Pflegeroboter oder Altenpflege 4.0 – eine Glosse“.

Zu: Beratung und Therapie

Der dritte Teil beginnt mit einem Plädoyer Für mehr Transparenz in der gesundheitspolitischen Entscheidungsfindung. Der Prozess der Evidenzbasierten Entscheidungsfindung wird durch H. Bertelsmann beschrieben und exemplarisch an einer Impfentscheidung erläutert.

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gesundheitstracking im Rahmen von Stepped-Care und Low-Intensity Cognitive Behavioral Therapy (LI-CBT) entwickeln P. Wabnitz und J. Rixe. Die vorgestellten Ansätze stellen insgesamt eine effiziente Ergänzung zu traditionellen Behandlungsansätzen in der psychosozialen Versorgung dar.

Die Potenziale für die Patientenautonomie durch e/m Health liegen insbesondere bei chronischer Krankheit in der Selbstmanagementförderung. Gleichzeitig verweist H. -T. Steffen auf die Notwendigkeit einer politischen, wissenschaftlichen sowie versorgungspraktischen Einbindung von e/m Health.

Die Systemische Beratung im Kontext von Community Mental Health und Digitalisierung stellen H. Kiessl und E. Herwig-Stenzel in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Konkret wird gezeigt, wie Digitalisierung die Kommunikation verändert und welche Folgen sich daraus für die Beratung ergeben.

Chancen und Risiken technischer Entwicklungen für das Empowerment durch technische Assistenz und online-Coaching erörtert B. Heide. Im Fazit sieht er in beiden Angeboten ein großes Potenzial für verstärkte Partizipation. M. Löhr/ D. Sauter sowie M. Schulz gehen ethischen Fragen der Suizidprävention nach.

Soziale Netzwerke, Blogs und Foren – Möglichkeiten und Grenzen einer internetgestützten Suizidprävention… thematisiert die neuen Möglichkeiten für das professionelle Helfersystem.

Zu: Qualifikation und Bildung

Digitale Lehr- und Lernangebote stellen einen weiteren Meilenstein in der Entwicklung dar. Hochschule 4.0 – Studienkonzepte im digitalen Wandel…, so M. Kriegel, benötigen jedoch auch spezielle Rahmenbedingunegn.

M. Sauer fragt: Weiterbildung to go – Ist die Weiterbildung im Sozial- und Gesundheitswesen auf die Digitalisierung des Lernens vorbereitet? Was es noch braucht, sind zusätzliches Personal sowie kooperative Institutionen.

Es schließt sich die Diskussion um die Frage: Digitale Ungleichheit – in der Hochschule? an. J. Lojewski/ M. Schäfer gehen nach einer theoretischen Einführung in die digitale Ungleichheit auf aktuelle Befunde ein und fordern letztendlich weiterführende Analysen.

Einen Diskurs zum E-Learning i.w.S. steht im Focus des Beitrages von S. Wieschowski. „Gamificationsansätze in der beruflichen Weiterbildung…“

Wie konkret das Blended-Learning-Konzept an Hochschulen umgesetzt werden könnte, zeigt M. Heinitz in „It`s not the technology, stupid – Zur Gestaltung von Online-Kursen“.

Zu: Management und Innovation

J. Martens hinterfragt die Nutzung digitaler Medien für die Jobsuche. „Always connected“ – Personalgewinnung und Candidate Experience im Zeitalter der Digitalisierung erhöht vor allem den Gestaltungsspielraum von Jobsuchenden.

P. Weber konzentriert sich auf die Kommunikation und Beratung im Zeitalter der Generation Y im arbeitsweltbezogenen Kontext.

Inwieweit Digitalisierung einer Ökonomie im Sinne von A. Smith förderlich ist, stellt R. Noelle dar. Controlling und Transparenz – Corporate Governance: Führung von Sozial- und Gesundheitsunternehmen in einer digitalen Weltvermittelt v.a. das darin liegende Potenzial.

Abschließend wird nach den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit der Mitarbeitenden gefragt. Die „Richtung“ der Folgen wird maßgeblich, so T. Hagemann, durch die erlebte Sinnhaftigkeit der Digitalisierung mitbestimmt.

Diskussion und Fazit

Auch wenn die Autoren mit ihren Beiträgen die FH der Diakonie mit diesem Sammelband zum zehnjährigen Geburtstag ein Geschenk machen, ist es doch viel mehr. Es ist ein hochkarätiges Fachbuch, welches in seinen wissenschaftlichen Betrachtungen sowie Argumentationen auf bisher kaum beachtete Aspekte eingeht. U.a. regen die Beiträge zur Auseinandersetzung mit der Frage an, ob unter den Bedingungen von „Arbeit 4.0“ noch von „sozial“ gesprochen werden kann. Auch fällt immer wieder der kritische Blick der WissenschaftlerInnen auf die Verwendung der vielfältigen Daten. Auch erweitert die Unterteilung der Buchbeiträge in verschiedene Arbeitsfelder den Blick der RezipientInnen auch auf potentielle Bereiche, in denen üblicherweise die Face-to-Face Arbeit Vorrang besitzt. Und eben diese thematische Varianz macht diesen Sammelband für eine breite Leserschaft, von Studierenden über Pflegekräfte bis hin zu PersonalleiterInnen, interessant. Und weil das Maß an Vorkenntnissen je nach Artikel unterschiedlich ist, stellt das Lesen der verschiedenen Beiträge mitunter eine größere Herausforderung dar. Zusammenfassend ist festzustellen, dass das angeleitete Nachdenken und die Folgediskussionen zu den jeweiligen Artikeln einfach nur Spaß machen!

Dieser Sammelband bündelt in sich die Fülle der Diskussionen um die Digitalisierung im Sozial- und Gesundheitswesen. Die vielseitige „Betrachtung“ der unterschiedlichen Aspekte digitaler Entwicklungen sind das Alleinstellungsmerkmal dieses Fachbuches. Eine Positionierung pro bzw. contra Digitalisierung im Sozialbereich i.w.S. liefert dieser Band nicht, dafür allerhand Argumente und wissenschaftliche Belege um sich als LeserIn selbst eine wissensbasierte Meinung zu bilden. Der Sammelband überzeugt mit wissenschaftlichem Tiefgang, Erfahrungen sowie persönlichen Gedanken. Auch deshalb ist dieser Sammelband ein MUSS!

Discussion and Summary

Although it is the intention of the authors to make a present to the University of Applied Sciences of the Diakonie for their 10th anniversary, this collective volume represents much more. It is a high-quality reference book which reacts in its scientific reflections and argumentation to yet barely noticed aspects. Among others the articles encourage to discuss the question whether and if under the circumstances of "Work 4.0" it is still possible to use the term ‘social‘. It is also apparent that the scientists always take a critical look onto the use of the diverse data. The segmentation of chapters in to different fields of work enables the recipients to broaden their view onto potential fields where usually the face-to-face work has priority. This thematic variety is what makes this collective volume interesting to students, caregivers and staff executives alike. As some articles require a certain previous knowledge reading might be a little challenging. In summary it can be stated that the guided reflection and the following discussions of the particular articles are great to read.

This collective volume pools an abundance of discussions around the digitalization within the social- and health sector. The varied view on various aspects of digital development acts as a unique characteristic for this reference book. A positioning pro or con digitalization within the social sector in a broader sense is not offered but a range of arguments and scientific evidence which enable the reader to conceive a knowledge-based opinion. This volume convinces with scientific thoughtfulness, experience as well as personal thoughts which speaks for its perusal.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. Barbara Wedler
Homepage www.sa.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-bar ...
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Zitiervorschlag
Barbara Wedler. Rezension vom 04.12.2017 zu: Tim Hagemann (Hrsg.): Gestaltung des Sozial- und Gesundheitswesens im Zeitalter von Digitalisierung und technischer Assistenz. Veröffentlichung zum zehnjährigen Bestehen der FH der Diakonie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-3656-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22596.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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