socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lotte Habermann-Horstmeier: Public Health

Cover Lotte Habermann-Horstmeier: Public Health. Kompakte Einführung und Prüfungsvorbereitung für alle Studienfächer im Gesundheitsbereich. Hogrefe (Bern) 2017. 153 Seiten. ISBN 978-3-456-85706-0. 19,95 EUR, CH: 26,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Lotte Habermann-Horstmeier hat eine „Kompakte Einführung und Prüfungsvorbereitung für alle Studienfächer im Gesundheitsbereich“ mit dem Titel „Public Health“ vorgelegt und eröffnet damit eine neue Reihe unter dem Titel Kompaktreihe Gesundheitswissenschaften des Hogrefe Verlags.

Auf den ersten Blick umfasst das Werk wesentliche Aspekte der aktuellen Diskussion rund um Public Health. Dazu formuliert die Autorin Aufgaben und präsentiert Lösungsvorschläge. Das Buch ist mit 86 Seiten Inhalt und knapp 40 Seiten Lösungsvorschlägen kompakt und damit vom Umfang her als Prüfungsvorbereitung geeignet.

Autorin

Lotte Habermann-Horstmeier ist Neurophysiologin und Ernährungsmedizinerin, ebenso hat sie einen Masterabschluss in Public Health. Sie leitet das Villingen Institute of Public Health (BIPH) der Steinbeis Hochschule Berlin (SHB).

Entstehungshintergrund

Der Band ist der erste der neuen Kompaktreihe Gesundheitswissenschaften. Diese zielt sowohl auf die Einführung in die jeweilige Thematik als auch zur Wiederholung bzw. Prüfungsvorbereitung ab und richtet sich an einen breiten Adressatenkreis von Studierenden bis hin zu Beschäftigten in Betrieben, Einrichtungen und Behörden. Ihr Anliegen mit diesem Werk ist es, die im deutschsprachigen Raum immer noch eher unbekannte Bezeichnung Public Health transparenter zu machen und aufzuzeigen, welche Bedeutungen Fragestellungen für die Gesundheit haben.

Aufbau

Im ersten Kapitel stellt die Autorin Definitionen von Public Health vor, geht dann im 2. Kapitel der Frage nach der Bezeichnung des Lehrgebietes, Public Health oder Gesundheitswissenschaften, nach und beschäftigt sich mit der Multi- und Interdisziplinarität des Faches (Kap. 3). Im vierten Kapitel steht die Frage, was Public Health überhaupt ist, im Mittelpunkt bevor die Autorin in Kapitel 5 die unterschiedlichen Programme zum Schutz und zur Aufrechterhaltung Öffentlicher Gesundheit national und international – in dem Sinne angewandte Public Health, aufgreift. Das sechste Kapitel gewährt einen kurzen Blick auf die Methoden bevor Lotte Habermann-Horstmeier abschließend auf aktuelle Entwicklungen eingeht.

Daran schließen sich die Lösungsvorschläge zu den kapitelweise formulierten Aufgaben an. Der Anhang und Serviceteil beinhalten ein Glossar, Literaturhinweise sowie verschiedene Verzeichnisse (Links, Abkürzungen, Stichworte).

Zu Kapitel 1

Die Autorin startet mit der Definition von Public Health in Abgrenzung zur Medizin als die Beschäftigung „mit der Erhaltung und Förderung der Gesundheit ganzer Bevölkerungen oder Gruppen der Bevölkerung [.]“. In Abbildung 1-1 zeigt sie auf, welche Themenvielfalt sowie Disziplinen Public Health ausmachen. Public Health rekurriere in Deutschland auf die Sozialhygiene, deren Tradition durch die Zäsur des 2. Weltkrieges unterbrochen und die erst durch Neudefinition und -orientierung der Sozialmedizin wieder aufgegriffen wurde. Im Weiteren stellt Lotte Habermann-Horstmeier die Public Health-Definitionen von Winslow und der WHO vor. Im Gegensatz zu der weiter oben genannten Definition geht Winslow stärker darauf ein, dass Public Health Wissenschaft und Praxis zugleich ist und die WHO führt aus, dass es sich bei Public Health vor allen Dingen um Maßnahmen handelt, die „der Bevölkerung als Ganzes Bedingungen [.] bieten, die es ihr [erlauben], gesund zu sein“. Surveillance (Überwachung von Gesundheitsgefahren) und der Zugang zur Versorgung für alle Menschen inklusive Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention – oder wie Angela Brand und Sigrid Stöckel es 2002 formuliert haben „die öffentliche Sorge um die Gesundheit aller“ – zählen demnach zu den zentralen Aufgaben von Public Health. Die Autorin beschließt das erste Kapitel mit einer Aufzählung der unterschiedlichen Disziplinen, die (un)mittelbar mit Public Health verbunden sind.

Zu Kapitel 2

Im zweiten Kapitel widmet sich Lotte Habermann-Horstmeier zunächst den unterschiedlichen Bezeichnungen, die in Deutschland vor allen Dingen im universitären und Hochschulkontext verwendet werden: Public Health und Gesundheitswissenschaften. Sie stellt heraus, dass diese Begriffe nicht identisch sind, die Gesundheitswissenschaften beschäftigten sich vielmehr mit den verschiedenen Bedingungen von Gesundheit und Krankheit innerhalb der Gesellschaft. Hierbei betont sie die Bedeutung sozial- und geisteswissenschaftlicher Fächer.

Den zweiten Abschnitt widmet sie der angelsächsischen Tradition von Public Health und führt dazu aus, dass diese eng mit der sozialen Lage der arbeitenden Klasse Englands assoziiert sei. Die Arbeits- und Wohnbedingungen führten zu zahlreichen Erkrankungen wie Tuberkulose und Epidemien, wie etwa Choleraepidemien in London. Zusammengenommen führten diese Zustände zu dem Public Health Act von 1848, der sich auf Wasserleitungen und Kanalisationsanlagen bezog. Nunmehr wurden diese regelmäßigen Kontrollen unterzogen, ebenso wie die Straßen gereinigt, Schlachthöfe reglementiert und die Wasserversorgung sichergestellt wurden. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Schulgesundheitspflege und die Überprüfung der Hygiene in Schulen eingeführt sowie die Betreuung von jungen Müttern und Familien. Infolge der epidemiologischen Transition, der Abnahme von Infektionskrankheiten zugunsten von chronischen Erkrankungen, richteten sich Maßnahmen und Programme ab Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Vermeidung eben dieser Krankheiten. Lebensstilassoziierte und umweltbezogene Aspekte sowie Fragen der Arbeitssicherheit standen nun im Mittelpunkt.

Der dritte Abschnitt widmet sich der Entwicklung in Deutschland. Hier beginnt die Autorin mit der Darstellung der Entwicklung der Sozialhygiene, die zunächst in der Tradition der allgemeinen Hygiene stand. Die bahnbrechenden Erkenntnisse der Bakteriologie etwa durch Robert Koch führten dazu, dass sich die Medizin stärker mit den Erregern bestimmter Krankheiten auseinandersetzte. Max von Pettenkofer und Rudolf Virchow formulierten dies bereits Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts auch als soziale Frage der Medizin. Alfred Grotjahn war es schließlich, der damit begann, sich eingehender mit den Zusammenhängen von Gesundheit und Krankheit und der sozialen Umwelt zu beschäftigen. Lotte Habermann-Horstmeier führt aus, wie sich in diesem Kontext zunächst die Sozialmedizin als Grenzgängerin zwischen Medizin und Sozialwissenschaften etabliert hat. Verbunden mit den u.a. durch den Sozialhygieniker Adolf Gottstein definierten „Zukunftsaufgaben einer öffentlichen Gesundheitspflege“ entstanden Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge sowie Gesundheits- und Fürsorgeämter auf kommunaler Ebene. Gleichzeitig wurden von Gottstein auch Aspekte der Eugenik aufgegriffen.

Die Autorin beschreibt in diesem Zusammenhang, dass die Eugenik schon Ende des 19. Jahrhunderts u.a. im angelsächsischen Raum aber auch in der Schweiz und ebenso in Skandinavien ihren Niederschlag fand. Hier wurden unter anderem Gesetze zur Zwangssterilisation erlassen, mit dem Ziel einer positiven Eugenik, also der Vergrößerung positiv bewerteter Erbanlagen in der Bevölkerung bei gleichzeitiger Verringerung negativ bewerteter Erbanlagen. Auch andere, wie Winston Churchill oder Theodore Roosevelt waren Unterstützer dieser Lehre. Lotte Habermann-Horstmeier unterstreicht, dass die positive Haltung gegenüber der Eugenik in Deutschland zunächst weder ungewöhnlich noch politisch extremistisch motiviert war. Gleichwohl „wurde die Entwicklung hin zu einem einheitlichen Fachgebiet `Öffentliche Gesundheit´ [.] durch den Nationalsozialismus jäh gestoppt“ (S. 28). Das Gedankengut der Eugenik wurde in der Zeit des Nationalsozialismus pervertiert und diente der Durchsetzung einer ideologisch geprägten Erb- und Rassenhygiene.

Nach dem zweiten Weltkrieg stockte dementsprechend die Umsetzung der Öffentlichen Gesundheitsfürsorge in West und Ost. Anders als in anderen Ländern war die Frage Öffentlicher Gesundheit begrenzt auf regulierende und überwachende Funktionen, sämtlich mit dem Ziel der Krankheitsprävention. Die medizinische und pflegerische Versorgung wurde der gemeinsamen Selbstverwaltung, bestehend aus gesetzlichen Krankenversicherungen und Leistungserbringern, übertragen. Lotte Habermann-Horstmeier verweist darauf, dass selbst das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention (2015) weniger gesundheitsfördernd denn krankheitsprävenierend ausgerichtet ist. Die Autorin schließt das Kapitel mit einem kurzen Abriss über die Entwicklungen von Public Health oder Gesundheitswissenschaften in Deutschland seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Zu Kapitel 3

Das dritte Kapitel titelt Public Health als multidisziplinäres/interdisziplinäres Fach, wobei das erste Unterkapitel sich mit der Gegenüberstellung der beiden Begriffe befasst. Lotte Habermann-Horstmeier beschreibt dabei multidisziplinär als ein Nebeneinander mehrerer Disziplinen wohingegen interdisziplinär ihrer Sichtweise nach ein Miteinander der Disziplinen ist. In Tabelle 3-1 formuliert die Autorin 16 grundlegende Public-Health-Fragen. Diese bewegen sich in einem Spektrum von Saluto-/Pathogenese, Epidemiologie, sozialen und umweltbezogenen Determinanten, Versorgungsforschung, Maßnahmenplanung, -realisierung und Evaluation bis hin zu Gesundheitsökonomie und systemischen Aspekten.

Die Darstellung der Public-Health-Disziplinen mutet eine Zweiteilung an, einerseits die Kerndisziplinen andererseits diejenigen Disziplinen, die bei bestimmten Fragestellungen konsultiert werden sollen. Im Folgenden befasst sich die Autorin mit drei zentralen Disziplinen von Public Health: Epidemiologie, Sozialmedizin und Arbeitsmedizin.

  1. Die Epidemiologie ist die Lehre über die Verteilung von Krankheiten und die Determinanten dieser Verteilung in der Bevölkerung (vgl. Rothman 2002). Hierbei geht es neben der Darstellung der Verteilung mittels epidemiologischer Kennzahlen auch darum, Erkenntnisse zu möglichen sozialen, umweltbezogene, geografischen Ursachen zu gewinnen und damit Handlungsfelder für Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention in der Bevölkerung oder bei spezifischen Bevölkerungsgruppen aufzuzeigen.
  2. Neben der Epidemiologie ist die Sozialmedizin eine weitere Kerndisziplin von Public Health, die sich mit gesellschaftlichen Bedingungen, Wohn- und Arbeitsbedingungen sowie soziale Kontakte, der Organisation des Gesundheitswesens und der sozialen Sicherung befasst. Sie ist eng verbunden mit anderen Wissenschaften wie der Medizinischen Soziologie, der Arbeitsmedizin etc. In der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention spiegeln sich Interdisziplinarität und komplexe Fragestellungen der Sozialmedizin wider.
  3. Auch die Arbeitsmedizin betrachtet Lotte Habermann-Horstmeier als wesentliche Disziplin von Public Health, da Arbeit und ihre Bedingungen mit positiven wie negativen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden ist. Hierbei stehen Fragestellungen des Arbeitsschutzes sowie der Diagnostik arbeitsbedingter Gesundheitsschäden stärker im Fokus als psychosoziale Faktoren von Arbeit.

Zu Kapitel 4

Im vierten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit der Frage nach dem Gegenstand von Public Health. Dabei führt sie zunächst die von der WHO definierten Aufgaben an, dazu zählen

  • „Daten und Wissen zum Gesundheitszustand von Bevölkerungen zu gewinnen,
  • deren Gesundheitszustand zu überwachen,
  • in der Bevölkerung gesunde Verhaltensweisen zu fördern und
  • sicherzustellen, dass die Populationen gesund bleiben.“ (S. 43)

Im Weiteren erläutert Lotte Habermann-Horstmeier an den Praxisbeispielen Ebola- und Zika-Virus, warum es heute häufiger zu der Verwendung des Begriffs globale Öffentliche Gesundheit (global public health) kommt. Hierbei kommt zum Ausdruck, dass Krankheiten und Gesundheitsrisiken sich nicht an Ländergrenzen halten und aufgrund der Globalisierung auch ehemals primär lokal auftretende Krankheitshäufungen nun epidemische Ausmaße aufweisen können. Public Health wird zum Teil auch unterschieden in Old und New Public Health. Während erstere die gesundheitliche Versorgung von Problemgruppen und die Durchführung von präventiven Maßnahmen umfasst, sei New Public Health die Beschäftigung mit gesundheitspolitischen Maßnahmen, deren Ziel es sei, Gesundheitsdeterminanten positiv zu beeinflussen.

Zu Kapitel 5

Im fünften Kapitel werden Public-Health-Programme auf internationaler und nationaler Ebene thematisiert. Dazu zählen globale Impfprogramme sowie Programme, die Risikofaktoren für nicht übertragbare (noncommunicable diseases) Erkrankungen adressieren, z.B. Rauchen, Übergewicht und Adipositas. Unter dem Blickwinkel nationaler Programme geht Lotte Habermann-Horstmeier zunächst auf die nationalen Gesundheitsziele in Deutschland ein. Dabei erläutert sie kurz den Aktionszyklus von www.gesundheitsziele.de (Kooperationsverbund von 120 Organisationen sowie Bund und Ländern zur Erarbeitung von Gesundheitszielen).

Im nächsten Abschnitt wird die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie, exemplarisch anhand einer Kampagne, deren Arbeit vorgestellt. Schließlich erörtert die Autorin noch Programme der Schweiz und Österreich.

Zu Kapitel 6

Das sechste Kapitel befasst sich mit Public-Health-Methoden, als da seien Methoden der Biostatistik, Epidemiologie, Demografie, Sozialwissenschaften und Gesundheitsökonomie.

  • Bei den Methoden der Biostatistik führt Lotte Habermann-Horstmeier an, dass es unterschiedliche Formen von Daten gibt (quantitativ, kategorial) und diese nach dem Five-Number Summary (Min/Max, 25./75. Perzentil, Median) zusammengefasst werden können.
  • In dem Abschnitt Methoden der Epidemiologie findet Erwähnung, dass Häufigkeiten von Expositionen und Outcomes (gesundheitsrelevante Ereignisse) deskriptiv dargestellt werden können. Des Weiteren geht Lotte Habermann-Horstmeier darauf ein, dass im Rahmen der analytischen Epidemiologie unterschiedliche Werte wie das relative Risiko, die Risikorate, das Chancenverhältnis (Odds Ratio) oder das attributable Risiko berechnet werden können. Abschließend zählt sie die Kriterien nach Bradford Hill zur Bewertung eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs auf.
  • Zu den Methoden der Demografie führt die Autorin auf, welche relevanten Kennzahlen es gibt und demonstriert die Bedeutung derer anhand zweier Alterspyramiden von 1960 und 2012.
  • Im vierten Abschnitt widmet sich die Autorin den Methoden der Sozialwissenschaften. Als eine der zentralen Methoden führt sie den Einsatz von Fragebögen zur Gewinnung quantitativer Daten an. Dabei findet die Fragebogenkonstruktion ebenso wie verschiedene Interviewformen kurz Erwähnung. Daneben geht die Autorin noch auf qualitative Datenerhebungsverfahren ein.
  • Zu den gesundheitsökonomischen Methoden zählen die Kosten-Nutzen-Bewertungen. Lotte Habermann-Horstmeier stellt kurz dar, wie diese grafisch in Form einer Kosten-Effektivitäts-Fläche präsentiert werden können.

Zu Kapitel 7

Im siebten und letzten inhaltlichen Kapitel geht die Autorin aktuellen Entwicklungen im Bereich von Public Health nach. Die Situation in Deutschland beschreibt sie so: Die individualmedizinischen Maßnahmen der Krankheitsprävention haben sich nach dem zweiten Weltkrieg gegenüber bevölkerungsorientierten Ansätzen zur Aufrechterhaltung der Gesundheit durchgesetzt. Auch wenn der Public-Health-Gedanke seit den 80er Jahren wiederbelebt wird, stehen die vorhandenen Strukturen einer nachhaltigen Zuwendung zu gesundheitsförderlichen Ansätzen entgegen. Auch das Gesetz zur Stärkung von Gesundheitsförderung und Prävention ändert an dieser Sichtweise nicht viel. Verhaltensprävention steht deutlich im Vordergrund, Verhältnisprävention spielt hingegen nur eine geringe Rolle. Auch in der Schweiz ist eine Etablierung der Gesundheitsförderung aufgrund der föderativen Strukturen schwierig.

Ähnlich wie in Deutschland sind auch in der Schweiz schon verschiedene Ansätze eines Präventionsgesetzes gescheitert. In Österreich hingegen gibt es seit Ende des letzten Jahrtausends ein Gesundheitsförderungsgesetz, das zu zahlreichen durchaus nachhaltigen Aktivitäten in Österreich geführt hat. Zurzeit drehe sich die Diskussion darum, ob es eine genügend deutliche Differenzierung zwischen Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung in dem Gesetz gebe und mit welchen Herausforderungen in demografischer, epidemiologischer und gesellschaftlicher Hinsicht sich das Land konfrontiert sehe.

Insgesamt sieht Lotte Habermann-Horstmeier für die westlichen Industrienationen und in zunehmendem Maße auch in den Schwellenländern die Zunahme chronischer Erkrankungen und eine zunehmende soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen als aktuelle Herausforderungen an. Dabei zählt sie den demografischen Wandel, die epidemiologische Transition sowie die globale Krankheitslast als wichtige Aspekte auf. Die Autorin moniert zu wenig Forschungsvorhaben in Public Health, die sich mit der Frage der Nachhaltigkeit von Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention beschäftigen. Ein weiterer Punkt sei die Evidenzbasierung von Public Health. Schließlich widmet sie noch Public Health Genomics einen Absatz.

Am Ende führt sie stichwortartig weitere Punkte an wie E-Health, Fitness-Armbänder oder Kuschelrobben.

Diskussion

Das Buch richtet sich in erster Linie an Studierende bzw. soll der Einführung in das Thema Public Health sowie der Prüfungsvorbereitung dienen. Deshalb ist es für die erfahrene Leserin an manchen Stellen zu oberflächlich, was vor allen Dingen im Rahmen einer Einführung keine ernst zu nehmende Kritik darstellt.

Der Begriff der Öffentlichen Gesundheit wird leider erst spät im Buch eingeführt, obwohl er nicht nur die direkte Übersetzung von Public Health ist, sondern Menschen mit diesem Begriff oder dem der Bevölkerungsgesundheit gerade zu Beginn einer Auseinandersetzung mit Public Health evtl. mehr anfangen könnten. Die Kerndisziplinen von Public-Health sind sehr eng gefasst, viele Expert*innen der sicher nicht abschließenden Aufzählung weiterer Fachgebiete im dritten Kapitel verstehen ihre Arbeit sicher auch im Public-Health-Kontext.

Die Beschreibung von Old und New Public Health fällt recht kurz aus, das mag gleichfalls dem Ziel des Einführungscharakters geschuldet sein. Hier wäre eine detailliertere Darstellung nicht schädlich gewesen, da die Begriffe häufig verwendet, in der Tiefe aber den wenigsten bekannt sind. Daraus resultierte jahrelang eine Abwertung von Old Public Health, wobei diese nicht angemessen ist. Public Health wird sich immer auch mit Fragen der Hygiene, der Epidemiologie etc. befassen müssen. Hier eine Brücke zu schlagen in dem Sinn, dass es eine Frage der Aufgabewahrnehmung ist, wie Hygiene z.B. auch in Form von vernetztem Arbeiten umgesetzt werden kann (siehe die zahlreichen MRSA-/MRE-Netzwerke).

Inhaltlich nichtzutreffend ist die Übersetzung von Gesundheitsdeterminanten als Social Determinants of Health (Kasten Definition). Gesundheitsdeterminanten sind Determinants of Health, dazu zählen ohne Frage soziale Determinanten der Gesundheit. In dem Kapitel über nationale Programme werden sowohl der Gesundheitszieleprozess in Deutschland relativ kurz und unkritisch dargestellt als auch die BZgA. Hier fehlt vor allen Dingen die Aufgabenwahrnehmung in Rahmen des sogenannten Präventionsgesetzes und ggf. auch eine kritische Würdigung dessen, dass Mittel der Sozialversicherungsträger an eine nachgeordnete Bundesbehörde fließen.

Das sechste Kapitel über Public-Health-Methoden ist zurecht überschrieben mit „ein kurzer Überblick.“. Hier bestehen seitens der Rezensentin Zweifel, ob Leser*innen, die dieses Buch zur Einführung lesen, aber ebenso jene, die es zur Prüfungsvorbereitung nutzen möchten, von dem Beschriebenen profitieren.

Im Einzelnen: Bei den Methoden der Biostatistik findet sich eine Aufzählung von Schlagworten, die Unerfahrene nicht oder kaum einordnen können. Es wäre gut zu erwähnen, dass nichtnumerische Daten nur mit dem am häufigsten vorkommenden Wert/Merkmal, absoluten und relativen Zahlen dargestellt werden dürfen. Und es wäre besser darauf verzichten, den Standardfehler, das 95%-Vertrauensintervall und den p-Wert aufzuführen ohne eine nähere Beschreibung dieser Werte. Bei der Darstellung der epidemiologischen Methoden wäre es gut gewesen, darauf einzugehen, wie Prävalenz- und Inzidenzraten berechnet werden und dass sich sinnvolle Aussagen immer auf einen Nenner (Gesamtbevölkerung, mittlere Bevölkerung, spezifische Bevölkerungsgruppen) beziehen. Nicht umsonst wird die Epidemiologie auch als die Nennerwissenschaft bezeichnet. Mit Blick auf die analytische Epidemiologie wäre eine Erwähnung der unterschiedlichen Studientypen und der Stichproben gut gewesen, um deutlich zu machen, wann ein Relatives Risiko, ein Odds Ratio etc. berechnet werden können. Bradford Hill-Kriterien sollten ebenso erläutert werden, gerade diejenigen, die dieses Buch als Einführung lesen, werden z.B. die Konsistenz oder Kohärenz einer Beziehung nicht nachvollziehen können. Bei der Darstellung der demografischen Methoden ist eine nicht abschließende Aufzählung von relevanten Kennzahlen unzureichend, insbesondere mit Blick auf den demografischen Wandel wären Jugend-/Altersquotient sinnvoll.

Bei aller Berechtigung der kritischen Würdigung der aktuellen Situation in Deutschland im siebten Kapitel ist die Kritik, dass das Präventionsgesetz nicht Gesundheitsförderungsgesetz heißt insofern unberechtigt, als dass der vollständige Titel tatsächlich lautet: Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und Prävention, nur in der Kurzform wird es Präventionsgesetz genannt. Die inhaltliche Kritik an dem Gesetz äußert die Autorin zurecht.

Bei den aktuellen Herausforderungen fehlen aus Sicht der Rezensentin vor allem die Themen: Migration, Klimawandel, Big Data.

Fazit

Die Stärken dieses Buches liegen in der Herleitung von Public Health und der Darstellung der Entwicklung in angelsächsischen und deutschen Raum sowie der Kurzeinführung in die zentralen Disziplinen von Public Health, selbst wenn zu diskutieren wäre, ob es nicht auch weitere sein könnten. Die Beispiele, um zu verdeutlichen, womit sich Public Health auseinandersetzt, sind mit Ebola- und Zika-Virus gut gewählt, zumal sie die Dimension von globaler Öffentlicher Gesundheit deutlich machen. Kapitel 5 und 6 sind schwächer, sie sind sowohl zur Einführung als auch zur Prüfungsvorbereitung kaum geeignet. Gerade wenn es um Public-Health-Methoden geht, werden Leser*innen weitere Lektüre zu Rate ziehen müssen.

Jedes Kapitel endet mit einigen Fragen, die meist gut geeignet sind, das Gelesene Revue passieren zu lassen. Oftmals ist zur Beantwortung die Rezeption weiterer Artikel oder eine Internetrecherche notwendig. Bei den inhaltlich schwächeren Kapiteln wird auch die Beantwortung der Fragen schwierig werden. Allerdings bietet Lotte Habermann-Horstmeier Lösungsvorschläge zu den Aufgaben an. In dieser Kombination ließe sich das Buch auch im Unterricht verwenden. Das Glossar ist umfangreich, wer sich also die Mühe macht und jeden Begriff noch einmal nachschlägt, erhält an manchen Stellen des Buches ein tieferes Verständnis der Thematik.

Das Buch ist in weiten Teilen als Einführung in die Thematik verwendbar. Zur Prüfungsvorbereitung würde die Rezensentin das Hinzuziehen weiterer Werke empfehlen.

Literatur

  • Brand A, Stöckel S. Die öffentliche Sorge um die Gesundheit aller – ein sinnvoller Anspruch? In: Brand A et al. (Hrsg.): Individuelle Gesundheit versus Public Health. Münster: LIT Verlag. 2002: 11-28
  • Rothman K (2002) Epidemiology. Oxford: University Press.

Rezensentin
Dr. Dagmar Starke
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen Referentin für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung
Homepage www.akademie-oegw.de
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Dagmar Starke anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Dagmar Starke. Rezension vom 28.08.2017 zu: Lotte Habermann-Horstmeier: Public Health. Kompakte Einführung und Prüfungsvorbereitung für alle Studienfächer im Gesundheitsbereich. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85706-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22601.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!