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Olaf Geramanis: Mini-Handbuch Gruppendynamik

Cover Olaf Geramanis: Mini-Handbuch Gruppendynamik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 276 Seiten. ISBN 978-3-407-36641-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Ausgehend von der Erkenntnis, dass zunehmende Aufgabenkomplexität dazu führt, dass in Unternehmen vieles nur noch in einer Gruppe geleistet werden kann, will Geramanis das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe und die in diesem Spannungsfeld liegenden Chancen aufzeigen, Chancen, die – so Geramanis – nur genutzt werden können, wenn Gruppen ihr Potential freiwillig und ohne hierarchische Kontrolle entfalten können. Gedacht ist das Buch – so steht es im Vorwort – für in Organisationsentwicklung und Weiterbildungsaufgaben tätige Führungspersonen, Fachleute, die sich im Bildungsbereich spezialisieren wollen, freischaffende Trainer sowie Beratungspersonen im Bereich der betrieblichen Aus- und Weiterbildung. Diesen soll das Rüstzeug zum Diagnostizieren und adäquaten Reagieren vermittelt werden. Gelesen werden soll es außerdem – so der Autor – vor und nach der Teilnahme an einem gruppendynamischen Training.

Autor

Prof. Dr. Olaf Geramanis ist Diplompädagoge und als Dozent für angewandte Gruppendynamik und personenorientierte Beratung an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel tätig.

Aufbau

Nach Vorwort und Einleitung und vor einem Literaturverzeichnis finden sich drei große „Buchteile“ mit jeweils sieben bis acht Kapiteln:

  1. Das Individuum auf dem Weg in die Gruppe – das Prinzip Gruppendynamik
  2. Die Gruppe und ihre Gruppenprozesse
  3. Die Gruppe innerhalb der Organisation

Inhalt

Im Vorwort gibt es eine Definition von Gruppendynamik als der „Dynamik, die sich bei der Bildung, dem Fortbestand und dem Abschluss von Gruppen ergibt“, auch ohne genaueres Hinsehen eine Tautologie und somit inhaltsleer. Gruppendynamik wird „durch Autoritäten beeinflusst“ und „es kann ihnen gegenüber zum Widerstand kommen“. Sie ist allgegenwärtig: „Gruppendynamik ist wie das Wetter – es findet immer statt.“

Insbesondere bei Gruppen innerhalb von Organisationen gilt – so der Autor in der Einleitung -, dass deren Mitglieder sich freiwillig engagieren, wenn die „Kraft der Gruppe“ genutzt werden soll, und die Frage ist, was eine Führungskraft tun kann, wenn durch intensive Kooperation größtmöglicher Nutzen erzielt werden soll – schließlich kann sie Freiwilligkeit nicht erzwingen. Einen Ausweg aus diesem Paradoxon will Geramanis mit Hilfe des gruppendynamischen Ansatzes aufzeigen.

Den grundlegenden Wesenskern der Gruppendynamik beschreibt der Autor als das unauflösbare Spannungsfeld zwischen Individuum und Gruppe; diese Unvereinbarkeit macht die Kraft von Gruppen aus (1. Das Individuum auf dem Wege in die Gruppe …). Auf der Seite des Individuums steht seine prinzipielle Wahlfreiheit, die Offenheit für alternative Verhaltensweisen. Geramanis sieht diese Offenheit für experimentelles, spielerisches Verhalten erst bei Säugetieren. Auf der anderen Seite steht die soziale Organisation einer Gruppe, die die Autonomie ihrer Mitglieder einschränkt, die der Mensch als kooperatives Wesen braucht und sucht. Die so betonte Wechselseitigkeit von Individuum und Gruppe wird im weiteren Verlauf des Kapitels beschrieben: die Schutzfunktion der Gruppe, gruppale Restriktionsprozesse (Groupthink), weiter die Gruppe als Teil der Organisation und ihre Arbeitsfähigkeit. Das Konzept der Rolle wird als Bündel sozialer Erwartungen – Rechte, Pflichte, Erlaubnisse und Verbote des Rollenträgers – bestimmt. Eine Abgrenzung zu sozialen Normen (die ebenfalls Erwartungsbündel sind, ohne an Rollenträger gebunden zu sein), wird nicht vorgenommen, auch auf das Zusammenspiel von Rolle und Gegenrolle und die Unterscheidung von Rolle und Quasi-Rolle (als der „grauen Eminenz“) wird nicht eingegangen [1].

Im zweiten Teil des Buches (Die Gruppe und ihre Gruppenprozesse) geht es um Selbstorganisation, Reifung und Freiwilligkeit von bzw. in Gruppen. In sechs Kapiteln wird ein „Struktur-Prozess-Modell“ zur Betrachtung von Gruppen vorgestellt, der Beginn der Gruppendynamik in ihrer zeitlichen Bedingtheit behandelt, weiter die T-Gruppe, die Aktionsforschung Lewins, das Hier-und-Jetzt-Prinzip und die Bedeutung von Feedback.

Sicher kommt Lewin und seinen Schülern sowohl hinsichtlich der Gruppendynamik als auch der Aktionsforschung ein erheblicher Verdienst zu; ein Hinweis auf Moreno, der sowohl den Terminus „action research“ als auch den Begriff „group dynamics“ vor Lewin benutzte [2], und auf dessen Einfluss auf die Entwicklung der Gruppendynamik wäre angebracht.

Schließlich geht es um die Rolle und Bedeutung von gruppendynamischen Trainern und um die Frage, inwieweit T-Gruppen-Methoden in die Teamentwicklung integriert werden können. Da einziges Ziel der T-Gruppe Selbstdiagnose und Selbstorganisation ist, und dies – so Geramanis - nur schwer in fremdgesteuerte Kontexte passt, ist die Übertragbarkeit von T-Gruppen-Prozessen auf Teamentwicklung in Organisationen nur bedingt möglich. Trotz dieser Widersprüchlichkeit kann Selbstdiagnose – wiederum nach Geramanis - eine Methode der Teamentwicklung sein.

Zu Beginn des dritten Teiles (Die Gruppe innerhalb der Organisation) charakterisiert Geramanis „klassische“ Organisationen als durch Fremdsteuerung gekennzeichnet und lehnt sich dabei an die Theorie von Max Weber[3] an. Auch eine so organisierte Arbeitsgruppe könne reibungslos funktionieren, entbehre allerdings weitgehend Synergieeffekten. Bei Teamentwicklungsmaßnahmen könne sie allerdings im Hinblick auf individuelle und gruppale Ressourcen und Ziele sowohl unter- als auch überfordert werden. Die Förderung von Selbstorganisation soll dem Verlust von Arbeitsfähigkeit entgegenwirken oder ihrer Wiederherstellung in solchen Situationen dienen. In autokratisch oder autoritär geführten Gruppen spielt nach Geramanis Selbstorganisation keine Rolle, die Entscheidungsqualität hängt fast ausschließlich von der Führungskraft ab.

Für die Analyse des Kräftefeldes, also bspw. dem Zusammenspiel von Organisation und Gruppe, benennt Geramanis vier Kriterien: die formale (rational-sachlogische) Seite, die informale (menschliche) „Spielseite“, die nach außen gerichtete Fassadenseite und die Tabuseite (mit dem, was unsichtbar gehalten wird). Die Frage, wie eine Gruppe es in diesem Kräftefeld schafft, Handlungsalternativen zu prüfen und zu einer Entscheidung zu kommen, beantwortet Geramanis so: Im Sinne der Selbstorganisation wird sie zu einer reifen und damit arbeitsfähigen Gruppe. Den Weg dahin beschreibt er mit Hilfe eines Phasenmodells der T-Gruppe. Schließlich will er im letzten Kapitel die gegenseitigen Abhängigkeiten von Individuum, Gruppe und Organisation aufzeigen. Die „komplexe Antwort auf die Frage …, wie das Prinzip Gruppendynamik lautet, wie es funktioniert und wie funktional es innerhalb von Organisationen ist“, ist nach ihm: „Jenseits der organisationalen Rationalität beziehungsweise rationalen Organisation kann durch Gruppen mithilfe von Erfahrungswissen und Emotionalität ein anderer Zugang zu einer immer komplexer werdenden Welt ermöglicht werden“ (S. 270). Im Kern geht es bei einer „gruppendynamischen Haltung“ eines Trainers oder einer Führungskraft immer um Differenzierung mit Hilfe einer „forschenden Haltung“, um Reflexion im Sinne der Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und um Entscheidung, d.i. Vertrauen auf die Fähigkeit zur Selbstorganisation.

Diskussion und Fazit

Olaf Geramanis reduziert die (angewandte) Gruppendynamik auf die T-Gruppe. Andere gruppendynamische Verfahren, die in der aktuellen Organisationsentwicklung eine bedeutende Rolle spielen – wie z.B. Skill Training, Survey Feed Back, Themenzentrierte Interaktion oder das Human Relations Training des Tavistock Institutes –, werden ignoriert.

Ein Handbuch Gruppendynamik (auch ein mini …) ist dies nicht.


[1]  Vgl. Rechtien, W. (2013). Gruppenrollen, Quasi-Rollen. In M. A. Wirtz (Ed.), Lexikon der Psychologie – Dorsch (661-662). Bern: Verlag Hans Huber; sowie Rechtien, W. (2013). Gruppennorm. In M. A. Wirtz (Ed.), Lexikon der Psychologie – Dorsch (661). Bern: Verlag Hans Huber.

[2]  Moreno, J. L. (1937). Sociometry in relation to other social sciences. Sociometry, 8, 206-219; Moreno, J. L., & Jennings, H. H. (1938). The statistics of social configuration. Sociometry, 4, 342-374.

[3]  Weber, M. (1922). Grundriss der Sozialökonomie. 3. Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr.


Rezensent
Dr. Wolfgang Rechtien
Bis 2009 Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Kurt Lewin Institutes für Psychologie der FernUniversität sowie Ausbildungsleiter für Psychologische Psychotherapie.
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Zitiervorschlag
Wolfgang Rechtien. Rezension vom 01.06.2017 zu: Olaf Geramanis: Mini-Handbuch Gruppendynamik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-36641-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22602.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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