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Wolfgang Bergmann: Aggressives Verhalten bei Kita-Kindern

Cover Wolfgang Bergmann: Aggressives Verhalten bei Kita-Kindern. Die schnelle Hilfe! Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. 46 Seiten. ISBN 978-3-589-15323-7. D: 6,99 EUR, A: 7,20 EUR, CH: 8,70 sFr.
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Autor

Der Autor ist Paar- und Familienberater und Trainer für Fachkräfte in Bildungseinrichtungen.

Entstehungshintergrund

Persönliche Erfahrungen des Autors in eigener Kindheit und Familie, Beobachtungen in der Arbeit als Paar- und Familienberater, Coach und Trainer fließen in das Buch ein. Der Ansatz des Familientherapeuten Jesper Juul und die Marte Meo-Methode von Maria Aarts bilden seinen Hintergrund.

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein ist übersichtliche 46 Seiten stark und glänzt mit einem augen- und lesefreundlichen Schriftbild mit viel Luft zwischen den Zeilen.

Neben Vorwort, Schlussbetrachtung, Literatur- und Leseempfehlungen umfasst es drei Kapitel:

  1. „Gut zu wissen. Aggressionen als soziale Reaktion“
  2. „Die Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Umgang mit Aggressionen“
  3. „Ganz praktisch. Wie können Erwachsene auf aggressives Verhalten des Kindes reagieren?“ (3)

Im ersten Kapitel reflektiert Wolfgang Bergmann Aggressionen als soziale Verhaltensweisen. Er versteht in Anlehnung an eine Wikipedia-Definition Aggressionen als „biologisch fundiertes Verhaltensmuster“ (9) und wichtigen „Motor, um mit Mut auf Menschen zuzugehen, um Dinge anzugehen und Schwierigkeiten zu überwinden.“ (10) Er weist ausdrücklich darauf hin, dass hinter den Aggressionen eines Kindes immer Gefühle stehen, welche als „soziale Reaktionen“ (10) zu begreifen sind. Wichtig ist es, dass Erzieher und Eltern deren subjektiven Sinn verstehen und ernst nehmen sowie angemessen und verantwortungsvoll antworten.

Im zweiten Kapitel geht es um den pädagogisch angemessenen Umgang der Erwachsenen mit kindlichen Aggressionen. Der Autor weist dabei auf vier Werte (Gleichwürdigkeit, Integrität, Authentizität, Eigenverantwortung) hin, die er als „Fundament für Respekt und eine gelungene Beziehung zum Kind“ (16) begreift. Dabei betont er die besondere Verantwortung des Erwachsenen. Nach seinen Erfahrungen würde aggressives Verhalten von Kindern sich abmildern lassen oder gar verschwinden, „wenn Erwachsene sich auf die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes einlassen.“ (24)

Im dritten Kapitel verdeutlicht der Verfasser an Beispielen, wie Eltern und Erzieher „konkret reagieren und sprechen können, damit sich das Kind gesehen und wertvoll fühlt, wenn es sich mit seinen Gefühlen zeigt.“ (25) Er betont dabei die Bedeutung eines klaren und authentischen Verhaltens des Erwachsenen sowie seiner persönlichen Sprache. Auf dieser Grundlage kann sich das Kind ein klares Bild von dessen Persönlichkeit machen, was ihm „Halt und Orientierung“ (29) gibt. Der Respekt vor den Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen des Kindes ist dabei wichtig, auch das souveräne Verständnis des Erwachsenen dafür, dass ein Kind für seine Bedürfnisse und Wünsche kämpft und auch Zeit braucht, sich im Falle eines „Neins“ von diesen zu verabschieden. Da heutzutage viele Kinder immer längere Zeiten in Kitas verbringen, haben Berufserzieher eine besondere Bedeutung für deren Entwicklung. Ihr Umgang mit Konfliktsituationen ist dabei entscheidend. Der Autor bietet dafür sein „Modell der 5 Ws“ (38) und Checklisten zur pädagogischen Reflexion an.

In seiner Schlussbetrachtung appelliert Wolfgang Bergmann an Eltern und Erzieher, das Kind „entwicklungsorientiert und weniger defizitorientiert“ (46) zu sehen, ihm den Umgang mit Gefühlen und Aggressionen vorzuleben, sein Verhalten verstehend zu entschlüsseln und für eigene Fehler Verantwortung zu übernehmen.

Diskussion

Dem Anliegen des Werkes ist vorbehaltlos zuzustimmen. Dem Autor geht es im Wesentlichen darum, dass sich Eltern und Erzieher unaufgeregt und in konstruktiver Weise mit dem Thema Aggressionen bei „Kita-Kindern“ auseinandersetzen und dabei auch die eigenen Reaktionen mit einbeziehen.

Zu begrüßen ist es, dass der Autor seine Leserschaft motivieren will, die Botschaft, die hinter dem aggressiven Verhalten von „Kita-Kindern“ steht, zu erkennen und zu verstehen. Dabei gelingt es ihm, „Luft aus dem Thema“ zu nehmen, auf die Alltäglichkeit von Aggression sowie einige ihrer psychologischen Mechanismen und Funktionen hinzuweisen. Angesichts des bedauernswerten Umstandes, dass so manche Veröffentlichung zu diesem Themenkomplex auch von Gewalt spricht, ist dieses Anliegen sehr begrüßenswert.

Das Buch ist in einer leicht verständlichen Sprache und mit einfachen Gedankengängen ausgeführt. Das ist unbestreitbar ein Vorzug, aber auch Anlass zur Kritik. Zusammenhänge werden holzschnittartig dargelegt, eine wissenschaftlich differenzierende und mit unterschiedlichen Quellen gestützte Argumentation ist nicht auszumachen.

Sympathisch finde ich es übrigens, dass der Autor, wenn auch sehr verhalten, zeitgenössische gesellschaftliche Entwicklungen der Kindheit (institutionelle Betreuung unter Dreijähriger, das z.T. enorme zeitliche Ausmaß der Unterringung) in Zusammenhang mit dem Thema Aggression kritisch kommentiert.

Fazit

Das Buch lässt sich gut und auch rasend schnell lesen. Das ist, neben seinem Anliegen und seiner Pointierung, ein besonderer Vorteil dieses Werkes, gerade mit Blick auf den anstrengenden Berufsalltag von Erzieherinnen, Erziehern, sozialpädagogischen Assistentinnen und Assistenten in der sozialpädagogischen Kita-Arbeit und auch in Bezug auf pädagogische Laien. Besonders daher ist es meiner Einschätzung nach u.a. als inhaltlicher Ausgangspunkt für Dienst- und Fallbesprechungen und für die Elternarbeit in Kindertageseinrichtungen durchaus geeignet.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 12.07.2017 zu: Wolfgang Bergmann: Aggressives Verhalten bei Kita-Kindern. Die schnelle Hilfe! Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. ISBN 978-3-589-15323-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22607.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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