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Oliver Winkler: Aufstiege und Abstiege im Bildungsverlauf

Cover Oliver Winkler: Aufstiege und Abstiege im Bildungsverlauf. Eine empirische Untersuchung zur Öffnung von Bildungswegen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 317 Seiten. ISBN 978-3-658-15725-8. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Wie aus dem Titel des Buches ersichtlich, geht es um Bildungsübergänge respektive Bildungsverläufe. In der Soziologie wird die Durchlässigkeit (oder eben Nicht-Durchlässigkeit) von Bildungssystemen mit Prozessen und Mechanismen von Öffnung und Schliessung beschrieben. Summarisch kann festgehalten werden, dass es im 20. Jahrhundert, insbesondere in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg und dem darauffolgenden wirtschaftlichen Aufschwung in den 1960er Jahren in allen europäischen Ländern zu einer grossen Bildungsexpansion kam. Das bedeutet, dass im Vergleich zu den vorhergehenden Generationen viel mehr Menschen einen Bildungsabschluss erreicht haben. Zudem wurden die Bildungsabschlüsse tendenziell immer höher. Immer mehr Menschen schliessen mit einem Schulabschluss ab, der ihnen den Zugang zu Bildungsgängen auf Tertiärniveau (Hochschulen) gewährt.

Dieses Buch befasst sich mit der Situation in Deutschland. Während sich – auch in der Nachfolge der PISA-Studien – doch relativ viele Arbeiten mit dem Übergang von obligatorischer Schulzeit in aufbauende Bildungsgänge befassen, widmet sich das vorliegende Buch einer spezifischen Gruppe von Schülerinnen und Schülern: nämlich jenen, welche das Gymnasium, also die auf Hochschulzugang vorbereitende Schulstufe, beginnen, dieses jedoch vorzeitig verlassen. Der Autor stellt fest, dass diese Abgängerinnen und Abgänger doch häufig das Abitur, sprich den Abschluss, später nachholen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch stellt die Dissertation Oliver Winklers „Aufstiege und Abstiege im Bildungsverlauf. Eine empirische Untersuchung zur Öffnung von Bildungswegen“ zur Erlangung des Doktorgrades (Dr. phil.) dar. Das Werk wurde der Philosophischen Fakultät I der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 2016 vorgelegt.

Aufbau

  1. Im ersten Kapitel wird die Aktualität des Themas der Durchlässigkeit von Bildungssystemen thematisiert.
  2. Das zweite Kapitel setzt sich mit der Struktur von Bildungsverläufen auseinander.
  3. Das dritte Kapitel befasst sich mit der sozialen Selektivität bei Bildungsübergängen und -verläufen.
  4. Im vierten Kapitel wird Öffnung im deutschen Bildungssystem unter die Lupe genommen.
  5. Kapitel 5 entwirft eine Typologie zur formalen Öffnung des Bildungssystems.
  6. Kapitel 6 beschreibt und analysiert vorzeitige Abgänge vom Gymnasium,
  7. Kapitel 7 das Nachholen des Abiturs.
  8. Das achte Kapitel untersucht nachträgliche Bildungssequenzen im Lebenslauf.
  9. Schliesslich präsentiert Kapitel 9 eine Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse und Erkenntnisse und zeigt den künftigen Forschungsbedarf auf.

Inhalt

Oliver Winkler untersucht den Einfluss der sozialen Herkunft auf den vorzeitigen Abgang aus dem Gymnasium und das spätere Nachholen des Abiturs. Ausserdem vergleicht er sich verändernde diesbezügliche Muster über die Zeit und zwischen verschiedenen Bundesländern. Ein wichtiges Thema, welches auch Steffen Hillmert in seiner Einleitung anspricht, ist die unterschiedliche Umsetzung der Bildungsreform in den verschiedenen Bundesländern. Diese betrifft im Wesentlichen den Zeitpunkt der Zuteilung der Schülerinnen und Schüler in verschiedene „Leistungsstufen“ und ist politisch begründet.

Während die Wissenschaft sich weitgehend darüber einig ist, dass eine frühe Selektion soziale Ungleichheit fördert und dementsprechend zu vermeiden wäre, erfolgt die Umsetzung der Selektion in den Bundesländern nach wie vor sehr unterschiedlich. Es ist zudem schwierig, genügend empirische Daten zu erhalten, um vergleichende Forschung zu betreiben. „Bildung ist in modernen Gesellschaften die zentrale Instanz der Verteilung von Lebenschancen.“, beginnt Steffen Hillmert sein Geleitwort. (S. 5).

Oliver Winkler erkennt bei der Analyse der vorzeitigen Abgänge aus dem Gymnasium ähnlich wie bei den schon besser erforschten Übergängen von der Grundschule in weiterführende Schulen schichtspezifische Ungleichheiten. Diese Ungleichheiten können mit Bourdieu eher mit Prozessen der Produktion und Reproduktion von strukturellen Bedingungen und individuellen Handlungsweisen gedeutet werden. Aber auch mit einem Rational-Choice-Ansatz lassen sich die Handlungsweisen der betroffenen jungen Menschen erklären.

Oliver Winkler stellt fest, dass eine erhöhte Durchlässigkeit der Schulsysteme zu einem leichten Abbau von Schichtungleichheiten, sprich zu etwas mehr sozialer Gleichheit führt. Wer später das Abitur, also den Abschluss, trotz vorzeitigem Abgang aus dem Gymnasium nachholt, wird von Oliver Winkler als „vorsichtiger Aufsteiger“ bezeichnet.

Diskussion

Wie erwähnt handelt es sich beim vorliegenden Buch von Oliver Winkler um seine Dissertation. Das Thema der vorzeitigen Abgänge aus dem Gymnasium und insbesondere die Untersuchung der nachholenden Schulabschlüsse ist sehr interessant. Methodisch ist das Werk von Oliver Winkler äusserst beeindruckend. Als Zielpublikum werden Dozierende und Studierende der Bildungspolitik und -planung genannt, sowie Lehrpersonen und Bildungspolitikerinnen und -politiker.

Die Schreibweise des Buches ist äusserst komplex, die Lektüre meines Erachtens anspruchsvoll. Sehr positiv hervorzuheben sind das äusserst sorgfältige Lektorat, die sehr gut nachvollziehbaren Datenanalysen und ihre Darstellung sowie die – wie immer im Springer-Verlag angebotenen – zusätzlich zur Verfügung gestellten Materialien.

Fazit

Als leichte Kost kann das Buch „Aufstiege und Abstiege im Bildungsverlauf“ weder von seinem Inhalt her noch von seiner Schreibweise her bezeichnet werden. Insbesondere für die – immerhin im Klappentext genannten – Zielpublika der Lehrpersonen und Bildungspolitikerinnen und -politiker wäre eine (zusätzliche) einfacher zugängliche Aufarbeitung der äusserst wertvollen und auch spannenden Erkenntnisse wünschbar.

Zu wünschen ist dem Autor und seinen Mitstreitenden die – vorsichtig angedeutete – Öffnung nicht nur des Bildungssystems, sondern auch der Datenverfügbarkeit aus den verschiedenen Bundesländern, welche solide Vergleiche der Auswirkungen verschiedener Umsetzungsformen der Bildungsreform ermöglicht.

Interessant ist zudem besonders die Erkenntnis des Buches, dass das Ermöglichen des Nachholens des Abiturs einen «Kompromiss» zwischen Öffnung im Bildungssystem und gleichzeitigem Festhalten an unterschiedlichen Leistungs- und Anforderungsprofilen und früher Selektion im Bildungssystem darstellt.


Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 21.02.2018 zu: Oliver Winkler: Aufstiege und Abstiege im Bildungsverlauf. Eine empirische Untersuchung zur Öffnung von Bildungswegen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-15725-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22608.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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