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Karin Cudak: Bildung für Newcomer

Cover Karin Cudak: Bildung für Newcomer. Wie Schule und Quartier mit Einwanderung aus Südosteuropa umgehen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. 533 Seiten. ISBN 978-3-658-14718-1. D: 69,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 72,00 sFr.
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Thema

Die Frage, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche vom Bildungssystem optimal aufgenommen werden, ob in speziellen Vorbereitungs- o.a. Klassen oder in anderen Strukturen wird immer wieder kontrovers diskutiert. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Einwanderung selbst kontrovers diskutiert wird. Als 2014 für die EU Mitglieder Rumänien und Bulgarien die volle Freizügigkeit realisiert wurde und neben vielen AkademikerInnen auch weniger qualifizierte Menschen migrierten, war die aus diesen Ländern wachsende Migration mediales und politisches Thema und wurde beispielsweise als „überforderndes Problem“ (11) bezeichnet. Karin Cudak diskutiert diese Zuwanderung aus der Perspektive des Bildungssystems am Beispiel des Ruhrgebiets und zeigt mit einem Vergleich des Großraums Leicester in England, dass es durchaus auch Alternativen zu der von ihr sehr kritisch gesehenen separaten Beschulung gibt. Schule stellt für Cudak einen Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse dar und segregierte Bildung für Neuankömmlinge entspricht in ihrer Analyse skandalisierenden und ethnisierenden Diskursen zur Zuwanderung aus Südosteuropa.

Entstehungshintergrund

Die Publikation stellt die Dissertation von Karin Cudak dar, die von der humanwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Köln angenommen wurde.

Autorin

Karin Cudak hat Sonderpädagogik studiert, war wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungskolleg der Universität Siegen zu Region und Innovation. Cudak war zurzeit der Promotion Zeit wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg in einem Projekt zur Lehrerbildung und aktuell arbeitet sie als Lehrerin.

Aufbau

Das sehr umfassende Buch (über 500 Seiten und über 30 Seiten Literatur) ist in acht Teile gegliedert.

  • Nach der Einleitung entwickelt Cudak im zweiten Kapitel ihre Forschungsfragen, stellt den Aufbau der Dissertation und die Methoden der Datenerhebung und Auswertung vor.
  • Die folgenden Kapitel stellen theoretische Grundlagen dar.
  • Im dritten Teil werden theoretische Grundannahmen zur Stadtgesellschaft generell entwickelt – dabei spielen Diversität bzw. Super-Diversität und Migration eine tragende Rolle.
  • Im vierten Teil geht es um den Umgang mit Diversität im Bildungsbereich und im fünften Teil um gesellschaftliche Konstruktionen der Einwanderung aus Südosteuropa. Dabei stellt die Soziogenese der Roma Minderheit einen zentralen Zugang dar. Stadtgesellschaft, Bildung und Konstruktion von Migrationen sind für den nun folgenden empirischen Teil relevant.
  • In Kapitel sechs und sieben werden die Forschungsergebnisse dargestellt, ausgewertet und diskutiert – sowohl für die Metropolregion Rhein Ruhr als auch für Leicester.
  • Ein abschließendes Fazit beschließt die Arbeit.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Als allgemeine Fragestellung formuliert Cudak das Interesse, „zu explorieren, wie sich Kommunen und Schulen heute auf Einwanderung einstellen“ (10). Ihr spezielles Interesse gilt aber der Frage „nach den spezifischen Faktoren, den subtilen Mechanismen und Prozessen, die sich diskursiv, institutionell und alltagspraktisch ereignen, und die schließlich dazu führen, dass die Einwanderung aus Südosteuropa innerhalb der Schule und des Quartiers ‚besondert‘ wird.“ (20/21). Die wichtigste theoretische Grundannahme ist die der Normalität von Mobilität und Migration, „… die weder neu, noch zufällig, noch punktuell, sondern ubiquitär und für die Gesellschaft sowie alle Teilbereiche und Organisationen gleichermaßen der Regelfall ist“ (23). Die Normalität von Migration gilt insbesondere für Stadtgesellschaften, die immer und nur durch Migration entstanden und gewachsen sind und ihre gesamte Entwicklungsdynamik aus den verschiedenen Wanderungsbewegungen bezogen haben. Gesellschaft wird hier insbesondere als Stadtgesellschaft verstanden, die sich immer schon durch Migration und aktuell vor allem durch Hypermobilität und Superdiversität auszeichnet. Dies gilt und galt besonders für die Metropolregion Rhein-Ruhr.

Aus der Feststellung der Normalität von Migration ergibt sich dann die Frage, wieso Zuwanderungsbewegungen immer wieder als Ausnahme betrachtet und als Problem gesehen werden beziehungsweise wie unterschiedlich Migrationsformate und Migrationsregimes politisch gemacht und diskursiv gestaltet werden. Dabei wird theoretisch auf die These der Soziogenese von Minderheiten (Bukow/Llaroya) zurückgegriffen. Karin Cudak zeichnet des Weiteren nach, wie sich die Problematisierung und und Skandalisierung bestimmter Migrationsformate auch in der Separierung bestimmter Stadtteile widerspiegelt und zur Konstruktion marginalisierter Stadtteile führt. Während in manchen Diskursen Migration mit Kreativität und Erneuerung verbunden wird, erscheint die von ihr untersuchte Migration dann als besondere „ Belastung“ ohnehin „problematischer“ Stadtteile. Im Bezug auf das Bildungssystem wird dann folgerichtig die separate Beschulung zu einem Element in der Konstruktion und Segregation von Minderheiten.

Das empirische Material, das auf dieser Folie analysiert wird, ist sehr reichhaltig und wurde in einem längeren Prozess erhoben. Es sind einerseits über 30 qualitative Interviews und Gespräche mit verschiedenen AkteurInnen in dem Feld: LehrerInnen, Schulleitungen, Fachkräfte im sozialen Bereich, QuartiersbewohnerInnen und nicht zuletzt die Zugewanderten selbst. Diese Gespräche, die sich über einen längeren Zeitraum erstreckten, wurden ergänzt durch teilnehmende Beobachtung und durch eine Dokumentenanalyse. Die Datenerhebung konzentriert sich auf das Ruhrgebiet (Metropolregion Rhein Ruhr) und dort auf sechs Schulen und deren Stadtteile. Die teilnehmende Beobachtung fand in den Quartieren, vor allem aber in den Auffangklassen der sechs untersuchten Schulen. Die Dokumentenanalyse bezog sich auch vor allem auf deren Konzepte und Programme. Das umfangreiche Material wurde umfassend dokumentiert und in mehreren Teilschritten analysiert. Dabei wurde zunächst der lokale Kontext in den Quartieren beschrieben und über ein mapping Verfahren der Status der verschiedenen Bildungsarenen (vor allem das Regelschulsystem und das Extraschulsystem) herausgearbeitet. Der Datenkorpus wurde in einem zweiten Schritt mit einem ethnographischen Verfahren Szenen orientiert analysiert und mit einem dritten Schritt mit der Methode der Grounded Theory über ein abgestuftes Codierverfahren ausgewertet, um die unterschiedlichen Bildungs- und Mobilitätsdiskurse herauszuarbeiten. Der gesamte Daternerhebungs- und Auswertungsprozess wurde von einem kritischen Reflexionsprozess begleitet.

Ein weiterer Fokus in der Datenerhebung und Auswertung lag auf dem Großraum Leicester, wobei dort nur ein kleiner Teil an Daten erhoben wurde, die her der Kontrastierung dienten und einen Vergleich ermöglichen. Zentrales Ergebnis dieses Vergleichs ist vor allem, dass es möglich ist, Bildung so zu organisieren, dass Newcomer von Anfang an integriert. und nicht abgesondert werden. Cudak zeigt, dass über ein Bündel aus schulischen und außerschulischen Maßnahmen spezifische Unterstützung geboten wird, um den Einstieg in das neue Bildungssystem je nach spezifischen Bedürfnissen und Ressourcen zu unterstützen.

Das zum Ruhrgebiet erhobene Material ist ausgesprochen vielfältig und hochinteressant, weil hier unterschiedliche Stereotypisierungsformen und Widersprüchlichkeiten verdeutlicht werden können. Cudak verfolgt nach, wie Stereotypisierung zu Separierung führt, womit wiederum Segregation legitimiert wird und aufgrund der so isolierten Problemkonstellationen als besonders herausfordernd, belastend usw. dargestellt werden kann. Dies arbeitet sie aus der Analyse der folgenden Kategorien heraus: Repräsentation der Newcomer, Legitimation der separaten Beschulung, Zusammensetzung und Fluktuation der Klassen, Übergänge ins Regelschulsystem, Qualifikation der Lehrkräfte sowie Umgang mit Mehrsprachigkeit. Cudak unterschiedet in ihrer Auswertung unterschiedliche, teilweise auch sehr positive, Profile des Umgangs mit Diversität des Quartiers und der Schule, die aber alle separierende und pejorative Konstruktionen der spezifischen Migration teilen.

Als alternative Konstruktionsweisen gelten die für die Region Leicester erarbeiteten Profile, die eher als diversitätsorientiert analysiert werden: Cudak zeigt, dass NewcomerInnen eher als BürgerInnen denn als Problem gesehen und in ihrer sozialen und schulischen Integration bedürfnisorientiert unterstützt und nicht als Problemgruppe separiert werden.

Diskussion und Fazit

Das von Cudak zusammengestellte Material ist hochinteressant und zeigt in sehr vielfältiger Weise, dass die Migrationsdiskurse von einer Annahme von Migration als Normalität sehr sehr weit entfernt sind und wie Migration als Problem und Bedrohung für das Bildungssystem gesehen wird – trotz oftmals erklärter positiver Bekenntnisse zu Diversität. Eine besondere Stärke der Arbeit liegt auch darin, dass sie Schule und Stadtteil verbindet und damit quartiersbezogene Bildungskulturen analysiert und Schule in ihrem gesellschaftlichen Kontext betrachtet.

Das Spannungsfeld zwischen der Frage nach einem allgemeinen Umgang mit Diversität im Bildungsbereich und der Konstruktion einer besonderen Diversität – nämlich südosteuropäische (aber eigentlich Roma) Zuwanderung zieht sich durch die ganze Arbeit, erhellt vieles, fördert widersprüchliche Diskurse zu Tage und stellt einige Selbstverständlichkeiten in Frage. Dies führt aber auch oft zu wenig überzeugenden Analysen des empirischen Materials, denn die Arbeit geht von ihren Hypothesen aus und oft ist nicht deutlich, ob die Auswertung theoretische Positionen einfach nur exemplifiziert oder diese theoretische Grundannahmen generiert. Nichtsdestotrotz zeigt die Arbeit sehr deutlich, wie Schule und Quartier in den ausgewählten Regionen oft entgegen formulierten Intentionen eine spezifische Einwanderung als ein besonderes Problem konstruieren und damit mediale und politische Diskurse reproduzieren, Aus diesen Gründen müsste diese Arbeit eigentlich von allen Bildungs- und Stadtteilakteuren gelesen und vor allem in die Lehrerbildung integriert werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 24.01.2019 zu: Karin Cudak: Bildung für Newcomer. Wie Schule und Quartier mit Einwanderung aus Südosteuropa umgehen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-14718-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22610.php, Datum des Zugriffs 19.03.2019.


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