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Margrit Stamm: Goldene Hände

Cover Margrit Stamm: Goldene Hände. Praktische Intelligenz als Chance für die Berufsbildung. h.e.p.-verlag (Bern) 2017. 146 Seiten. ISBN 978-3-0355-0427-9. 28,00 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Praktische Intelligenz (in) der Berufsausbildung

Die Berufsausbildung steht an zwei Fronten: Einerseits steht sie als beruflicher Bildungsweg mit der akademischen Bildung in Konkurrenz – diese Rivalität greift die Autorin auch bewusst auf, indem sie als Gegenpart der praktischen Intelligenz die akademische Intelligenz einführt. Andererseits wird die Berufsausbildung als solche kritisiert im Versagen von Akteuren oder in strukturellen Mängel der vielfältigen Ausbildungspraxis. Unter Berufsausbildung wird – gerade in Deutschland – zudem meistens nur die duale (betriebliche) Berufsausbildung nach Berufsbildungsgesetz (BBiG) bzw. Handwerksordnung (HwO) verstanden; die (vollzeit)schulischen Ausbildungsgänge der Gesundheit/Erziehung/Pflege bleiben häufig außen vor, ebenso wie die Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen nach § 66 BBiG. Auch die Autorin fokussiert ihre Argumente auf die Lehre mit Lehrvertrag (in Deutschland: Ausbildungsvertrag).

Autorin

Die Autorin war Lehrstuhlinhaberin am Departement für Erziehungswissenschaften der Uni Fribourg (Schweiz) und ist Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education, Bern.

Entstehungshintergrund

Die Literaturliste belegt die umfangreichen Arbeiten der Autorin im Feld der beruflichen Bildung. Interessant ist, dass die erste Veröffentlichung der „goldenen Hände“ (2007) noch im Zusammenhang mit „Klugen Köpfen“ stand. Diese scheinen nun durch die „praktische Intelligenz“ ersetzt worden zu sein.

Aufbau

Die Autorin bearbeitet zwei große Themenbereiche in ihrer Veröffentlichung:

  1. Die Herausforderungen, denen sich das Schweizer Berufsbildungssystem gegenüber sieht;
  2. Talent und praktische Intelligenz als Ergebnis der Beruflichen Bildung.

Die „Herausforderungen“ werden mit viel bildungspolitischem Engagement beschrieben und Lösungen für verschiedene Teilbereiche der beruflichen Bildung vorgestellt. Margrit Stamm übernimmt in ihrer Argumentation dabei die vielfach erhobene Forderung „Weg von der Defizitbeschreibung hin zur Kompetenzorientierung/-anerkennung“. Die Beschreibung der „goldenen Hände“ als Symbol für das entwickelte Talent am Ende der beruflichen Bildung (Expertenstadium) bleibt hingegen beschreibend und wird mit Verweis auf andere Veröffentlichungen der Autorin behandelt.

Inhalte

Die Inhalte beschreiben zum einen ausgewählte Probleme und Herausforderungen der Berufsbildung in der Schweiz:

  • Ansprache und Gewinnung von fehlendem Lehr-Nachwuchs,
  • Einbindung der Eltern, Elternarbeit,
  • Lehrvertragslösungen,
  • Fehlende Attraktivität der Berufsbildung/Lehre u.a.m.

Ferner referiert die Autorin aus einigen ihrer Forschungsarbeiten:

  • Migranten als gesellschaftliche Aufsteiger (MIRAGE), Migranten mit Potenzial, Begabte Minoritäten, Erfolgreiche Migranten
  • Begabung und Leistungsexzellenz in der Berufsbildung, u.a.m.

Die Beschreibung und Definition der „praktischen Intelligenz“ bzw. der goldenen Hände leistet die Autorin vor allem in der Gegenüberstellung zur „akademischen Intelligenz“, wobei letztere als kognitive Leistungsfähigkeit oder intellektuelles Verstehen gekennzeichnet wird (vgl. S. 103). Erstere hingen wird definiert als Kompetenz „Probleme in alltäglichen Situation (zu) bewältigen, gute Lösungen zu finden und diese in der Praxis umzusetzen“. Ein weiteres Beispiel der Konturierung und Unterscheidung der beiden Intelligenz-Arten lautet: Die „Fähigkeit, sich an neue und veränderte Umstände und Umgebungen anzupassen“. – Es bleibt Ihnen überlassen, eine Zuordnung vorzunehmen; die Einordnung der Autorin finden Sie in dieser Fußnote [1].

Die Beschreibung der praktischen Intelligenz sowohl in ihren Erscheinungsformen wie auch in den Möglichkeiten ihres Erwerbs bzw. der Vermittlung in der Berufs(aus)bildung ist ein weiterer Stoff, den Margrit Stamm bearbeitet. Dies geschieht in verstreuten Hinweisen im Text, wo sie Begabung, Talent und Könnerschaft thematisiert. In dem zugehörigen Kapitel (Kap. 5) wird in Bildern und Biographien versucht, das Besondere dieser Intelligenz herauszuarbeiten insb. in Abgrenzung zur akademischen Bildung incl. deren Vorfeld, den schulischen Leistungsindizes. Nach Margrit Stamm hängt „die praktische Intelligenz … in erster Linie vom erworbenen ‚stillen Wissen‘ ab“ (S. 105). Dieses Stille Wissen, auch als professionelle Intuition beschrieben (mit Verweis auf Gerd Gigerenzer), zeichnet den Experten aus. Nicht das erlernte Wissen, sondern die vielen eingeübten Erfahrungen bilden die Basis der praktischen Intelligenz: Experten erfassen mit ihrem Kennerblick schnell und ganzheitlich eine Situation, erkennen ein bekanntes Muster und handeln intuitiv und ohne explizite Planung (S. 109 f.).

Diskussion

Mit der Gestalt der „praktischen Intelligenz“ greift Stamm auf eine Form der Aneignung beruflichen Könnens zurück, wie es u.a. auch Jürgen Zabeck in seiner „Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie“ einer Zeit im Vorfeld der Schriftlichkeit zuordnet: Lehrlinge haben sich ihr handwerkliches Können durch Nachahmen angeeignet oder durch (oft heimliches) Abgucken. Zudem wurde die Weitergabe des Wissens oft mit religiösen Ritualen verknüpft. (Zabeck, S. 31 ff.) Diese Form der handwerklichen Aneignung wurde spätestens durch die Begründer der „klassischen deutschen Berufsbildungstheorie“ in ihre heute anerkannte und praktizierte Form der bewussten beruflichen Erziehung überführt. (S. 483 ff.)

Nicht nur die Beschreibung und Sichtbarmachung der praktischen Intelligenz bleiben vage, auch die Aneignung derselben im Sinne von Lehr-/Lern-Schritten oder Bildungsmaßnahmen wird leider nicht vorgestellt. Allein der Appell, Talente zu fördern, vor allem in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund, gibt keinen Anhaltspunkt für eine konkrete Förderpraxis:

  • Wie werden die schlafenden Talente bei jungen Menschen gefunden?
  • Welche Berufe, welche Betriebe, welche Ausbilder sind geeignet, um die Talente zu schmieden?

Falls diese Fragen beantwortet wären, bliebe weiter zu klären:

  • Wie kann die fachliche Talentvermittlung didaktisch organisiert werden?
  • Wie verträgt sich die praktische Intelligenz mit den Inhalten und Erwartungen der Berufsschule und der schulischen Prüfungen?
  • Ist die praktische Intelligenz auch zukunftsfest für die raschen Entwicklungen der modernen Arbeitswelt?

Fazit

Diese Veröffentlichung von Stamm soll den „Transfer von Forschungsergebnissen … in die Praxis“ unterstützen unter Zuhilfenahme von sozialpolitischen Empfehlungen. Zudem will die Autorin einen Gesamtüberblick über ihre Forschungsschwerpunkte geben (Vorwort). Geprägt ist das Buch daher vor allem durch bildungspolitische Vorschläge und Empfehlungen, wie die Berufsbildung (in der Schweiz) den Herausforderungen insb. durch die akademische Konkurrenz begegnen soll.

Die „goldenen Hände“ aus dem Titel kommen leider zu kurz und die Chancen der praktischen Intelligenz werden – aufgrund der vagen Darstellung in Verbindung mit vielen Verweisen auf andere Literatur – nicht sichtbar. Eine berufspädagogisch spannende Idee wird leider nicht konkret zu Ende formuliert.

{Das Beispiel ordnet Stamm der „praktischen Intelligenz“ zu. (S. 103)}

Literatur

  • Gigerenzer, G.: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. Goldmann 2008.
  • Zabeck, J.: Geschichte der Berufserziehung und ihrer Theorie. Paderborn 2009.

[1] Das Beispiel ordnet Stamm der „praktischen Intelligenz“ zu. (S. 103)


Rezensent
Dr. Friedel Schier
Bundesinstitut für Berufsbildung, Sozialpädagoge, Wirtschaftspädagoge
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Zitiervorschlag
Friedel Schier. Rezension vom 08.05.2017 zu: Margrit Stamm: Goldene Hände. Praktische Intelligenz als Chance für die Berufsbildung. h.e.p.-verlag (Bern) 2017. ISBN 978-3-0355-0427-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22614.php, Datum des Zugriffs 09.12.2019.


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