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Andrea Platte, Franz Kasper Krönig: Inklusive Momente

Cover Andrea Platte, Franz Kasper Krönig: Inklusive Momente. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 112 Seiten. ISBN 978-3-407-62998-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der schmale Band versammelt Momentaufnahmen von bildungsbezogenen Prozessen, Settings und Ideen, die das inklusionsorientierte Nachdenken und praktische Handeln anstoßen sollen. Im Sinne eines „radikalen Inklusionsverständnisses“ anstößig sind die Bilder, Geschichten und Zitate, insofern sie Machtstrukturen, Exklusionspraxen und Normalisierungsstrategien im pädagogischen Alltag thematisieren und hinterfragen. Darüber sollen bestehende Strukturen, Haltungen und Handlungsorientierungen kritisier- und veränderbar werden.

Autorin und Autor

Andrea Platte ist Professorin für Bildungsdidaktik mit dem Schwerpunkt Didaktik der Elementarpädagogik an der Technischen Hochschule Köln. Im Bereich der Inklusionsforschung befasst Sie sich seit Jahren mit Fragen von Diversität und Differenz in Bildungsprozessen sowie der Qualitätsentwicklung von Bildungseinrichtungen.

Ihr Kollege Franz Kaspar Krönig ist Professor für Elementarpädagogik und Kulturelle Bildung an der Technischen Hochschule Köln. Zu seinem Schwerpunktinteresse gehört neben der Thematisierung von Fragen zum Verhältnis von (populärer) Musik und Kultur, eine system- und differenztheoretische Fundierung des pädagogischen Inklusionsverständnisses.

Entstehungshintergrund

In ihrer erläuternden Einleitung legen die beiden Autor*innen dar, dass es ihnen mit dem vorliegenden Band weder um die Präsentation von Best- oder Good-Practice-Beispielen für gelungene Inklusion geht – noch darum, Inklusion als bloße Vision zu ver(un)klären. Mithin steht nicht die Suche nach dem Richtigen im Falschen im Fokus, sondern das Momentum der konstruktiven Kritik: „Wir versprechen uns von der Zusammenstellung ‚inklusiver Momente‘, das ursprünglich radikale Anliegen des Begriffes ‚Inklusion‘ in konkreter Wirklichkeit und Wirksamkeit aufzuzeigen und in der Beschreibung dieser Momente konkrete Anhaltspunkte für einen pädagogischen und bildungspolitischen Prozess jenseits von bloßen Verlautbarungen und utopischen Träumereien zu finden“ (13).

Aufbau

Nach einem orientierenden konzeptionellen Teil zu Beginn, der die Fragen und Positionen der Autor*innen artikuliert, die die Lektüre begleiten sollen, besteht der Hauptteil des Bandes aus knapp und anschaulich skizzierten und teilweise kommentierten ‚inklusiven Momenten‘, die zum Suchen und Entdecken einladen.

Die Überschriften stellen jeweils eine Eigenart inklusiver Momente heraus, die in ihrer Gesamtheit ein widersprüchliches, widerspenstiges und herausforderndes Bild für inklusive Entwicklungen und Inklusionsorientierung zeichnen. Die inklusiven Momente sollen gleichermaßen neugierig machen, wie irritieren, anregen, aber auch provozieren. Sie widersetzen sich der Erwartbarkeit und Messbarkeit und öffnen und weiten den Blick.

Abschließend wird auf das unvollendete Projekt der inklusiven Gesellschaftsentwicklung hingewiesen und auf die Notwendigkeit, den kritischen Blick auf das Bestehende und dessen Teilhabebarrieren, Benachteiligungsmuster und Diskriminierungsrisiken zu wahren.

Ergänzt wird der Band durch ein Literaturverzeichnis, das neben den zitierten Quellen auch als Going Further Verwendung finden kann.

Inhalt

Inklusive Momente sind gut, unwissend, dekonstruieren, undiszipliniert, stärker, ohne Barrieren, autopoietisch, nicht perfekt, riskant, solidarisch, unverfremdbar, sie selbst, zündend, trotzig, geflügelt, unstet, unheimlich, verdreht, achtungsgebietend, schein-frei, nicht umsetzbar, cool, eigen-zeitlich, Augenblicke, unprofessionell, beides, schmerzhaft, nicht betroffen, nicht integrativ, nicht trendy, nicht careful, jerky, nicht zu Ende…

Diskussion

Es tut gut, auf ein Verständnis von Inklusion zu stoßen, das sich einmal nicht von den Grenzen der Umsetzbarkeit oder wahlweise von der naiven Euphorie einer als real-existent behaupteten alternativen Praxis leiten lässt. Stattdessen wird hier programmatisch nichts von der Radikalität des Inklusionsanspruchs preisgegeben und gleichzeitig auf Einspruch gegen vorherrschende Praxis und hegemoniales Denken nicht verzichtet.

Dass Inklusion im Kopf beginnt, wird vorausgesetzt, hat aber eben nicht die Sicherheit der richtigen (moralischen, fachlichen, professionellen) Haltung zur Grundlage, sondern die Bereitschaft zur Reflexion des eigenen Denkens. Inklusion beginnt im Kopf, nicht weil sie primär eine Frage der Haltung im Gegensatz zu einer von Ressourcen und strukturellen Voraussetzungen wäre, sondern weil der Wille zu politischen Veränderungen im Sinne von Inklusion kritisches Denken voraussetzt. So bringen die beiden Autorinnen das Kunststück fertig ‚inklusive Momente‘ in exklusiven Strukturen auszumachen, ohne in die Falle des vermeintlich Richtigen im Falschen zu tappen.

Vielleicht sind es kritische Momente, die inklusive Verhältnisse als Ahnung (und Erinnerung) eines guten Lebens aufblitzen lassen und das Unbehagen im Bestehenden nicht zum Verschwinden bringen. Ein Buch, so unpraktisch wie praxisrelevant.

Fazit

Eine Lektüre für alle diejenigen,

  • die schon immer wissen, was Inklusion ist, wie Inklusion geht – oder woran sie scheitert, scheitern muss oder scheitern soll;
  • die bereit sind, sich (wieder) verunsichern zu lassen, die das Wagnis eingehen, zu entdecken, dass Inklusionsorientierung mehr mit dem eigenen Denken und dessen Grenzen zu tun hat, als man glaubt;
  • die Gefahr laufen, zu übersehen, dass Inklusion im Sinne der UN-BRK ein unhintergehbares (gesellschafts)kritisches Momentum beinhaltet.

Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 14.07.2017 zu: Andrea Platte, Franz Kasper Krönig: Inklusive Momente. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-62998-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22617.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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