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Heike Wadepohl, Katja Mackowiak u.a. (Hrsg.): Interaktions­gestaltung in Familie und Kindertages­betreuung

Cover Heike Wadepohl, Katja Mackowiak, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Dörte Weltzien (Hrsg.): Interaktionsgestaltung in Familie und Kindertagesbetreuung. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2017. 218 Seiten. ISBN 978-3-658-10275-3. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Herausgeber/-innen

  • Katja Mackowiak ist Professorin für Sonderpädagogische Psychologie an der Leibniz Universität Hannover.
  • Die Psychologin Heike Wadepohl ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin.
  • Dörte Weltzien lehrt und forscht an der EH Freiburg. Sie ist Professorin für Pädagogik der Kindheit.
  • Klaus-Fröhlich-Gildhoff ist dort Professor für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Autoren/-innen

Die am Buch beteiligten Autoren/-innen arbeiten an universitären Forschungseinrichtungen der Frühen Kindheit oder am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Schriftenreihe „Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln“ des Springer-Verlags erschienen. Damit hat das vorliegende Buch „Interaktionsgestaltung in Familie und Kindertagesbetreuung“ die Funktion, Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung für professionelles Handeln im deutschen Bildungs- und Erziehungssystem zusammenzutragen und verständlich zu machen. Im Zentrum dieses Buches steht die mütterliche und institutionelle Interaktion mit Kleinkindern. Das Buch, so die Herausgeber/-innen, stellt aktuelle Forschungsstudien vor und diskutiert das methodologische Vorgehen.

Das Classroom Assessment Scoring System und der Einsatz der Beobachtungsinstrumente Class Toddler (Version von 2012) und GInA (Weltzien 2014) werden miteinander verglichen. Ebenso wird eine videobasierte dokumentarische Interaktionsanalyse vorgestellt, die eigens für die Analyse von Interaktionen in Kitas erarbeitet wurde (Nentwig-Gesemann/ Nicolai 2015). Die Beiträge stellen die zentralen Forschungsergebnisse unterschiedlicher Studien vor. Im Eingangs- und Schlusskapitel werden die Schwierigkeiten benannt, Interaktionen empirisch zu erheben und das entwicklungsunterstützende Miteinander durch Interaktion wissenschaftlich redlich zu beurteilen. Häufig hat empirische Forschung das Ziel, Qualitätsaussagen zum Forschungsgegenstand zu treffen und Wirkfaktoren zu identifizieren, die dann als objektive Daten genutzt werden, um Rahmenbedingungen für Kindertageseinrichtungen festzuschreiben. Die Herausgeber/-innen und Autoren/-innen wollen dazu beitragen, „die bisher noch recht heterogene Forschungslandschaft zu bündeln“ (S. 213).

Aufbau

Die Texte des Buches beginnen mit einem kurzen Abstract und enden mit einer Literaturliste zum Forschungsgegenstand. Die Forschungsfrage und -Methoden werden benannt und beschrieben, sowie mögliche Schlussfolgerungen der Erkenntnisse dargestellt. Das Buch „Interaktionsgestaltung in Familie und Kindertagesbetreuung“ hat acht Kapitel.

Nach einem kurzen Vorwort der Herausgeber/-innen und einem Geleitwort durch Gisela Steins, Herausgeberin der Schriftenreihe, dem Autor/-innenverzeichnis und dem Inhaltsverzeichnis folgt Kapitel 1 als Einleitung mit dem Titel „Interaktionsgestaltung im familiären und frühpädagogischen Kontext“. Die Herausgeber/-innen Dörte Weltzien, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Katja Mackowiak und Heike Wadepohl diskutieren das Thema des Buches im Kontext allgemeiner forschungsrelevanter Fragestellungen und vor dem Hintergrund der Akademisierung des Elementarbereiches.

Kapitel 2 „Bedingungen sensitiver Mutter-Kind-Interaktionen“. Anja Linberg, Jan-David Freund und Daniel Mann vom Institut für Psychologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg erarbeiteten auf der Datenbasis des Nationalen Bildungspanels aus dem Jahr 2013 Merkmale einer sensitiven Mutter-Kind-Interaktion. Dazu zählen, das Wahrnehmen und die Interpretation kindlicher Bedürfnisse sowie die Promptheit und Angemessenheit des Handelns (Responsivität) durch die Bezugsperson (vgl. S. 29). Die Forschergruppe fertigte per Videoaufnahme halb-strukturierte Interaktionssituationen zwischen Müttern und sieben Monate alten Kindern an, die analysiert wurden. Sie untersuchten die Bedingungen für die mütterliche Fähigkeit der Feinfühligkeit und die aktive Beteiligung des Kindes an der Interaktion, die die Sensibilität der Mutter beeinflusst. Vermutung anderer Forscher/-innen konnten bestätigt werden: das Temperament des Kindes, das Alter der Mutter, die ökonomische Situation, das soziale Umfeld und Geschwisterkinder wirken auf das Wohlbefinden und die zeitliche Kapazität der Mütter ein.

Kapitel 3 „Interaktive Abstimmung in Essenssituationen – Videobasierte Dokumentarische Interaktionsanalyse in der Krippe“. Iris Nentwig-Gesemann und Katharina Nicolai untersuchten Essenssituationen in Krippen, um einerseits die genannte Methode zu prüfen und weiterzuentwickeln. Andererseits sollte die Interaktionsqualität dieser zentralen Entwicklungssituation erhellt werden. Beim Essen und Füttern von Kleinkindern kommt es häufig zu Konflikten und Missverständnissen. Die Essenssituation ist nicht nur kulturell, sondern auch normativ geprägt. Die videobasierte dokumentarische Interaktionsanalyse kann, so die Autorinnen dazu beitragen, „habitualisierte Alltagspraktiken forschend in den Blick zu nehmen und kritisch zu befragen“ (S. 54).

Kapitel 4 „Interaktionsqualität in der Betreuung 1-3-Jähriger – ein explorativ vergleichender Einsatz der Beobachtungsinstrumente GInA und Class Toddler“. Christina Brücklein, Rieke Hoffer und Janina Strohmer gingen an der EH Freiburg der Frage nach, wie die zwei Beobachtungsreflexionsinstrumente GInA (Gestaltung von Interaktionsgelegenheiten im Alltag) und Class Toddler (Assessment Scoring System, Toddler-Version 2012) vergleichbar sind. Beide Methoden zielen darauf ab, die Qualität von Fachkraft-Kind-Interaktionen speziell in der Bildung, Betreuung und Erziehung ein bis- dreijähriger Kinder zu erfassen (vgl. S. 84). Beide Instrumente, so die Studie, eignen sich, die Selbstreflexion von Fachkräften zu unterstützen und als wissenschaftliche Methode Interaktionen zu erhellen.

Kapitel 5 „Fachkraft-Kind-Interaktionen in der Krippe: Zusammenhänge mit der Fachkraft-Kind-Bindung“. Kerstin Bäuerlein, Jan Rösler und Wolfgang Schneider vom Institut für Psychologie an der Julius-Maximilians-Universität in München untersuchten das Bindungsverhalten von 43 Fachkräften aus 16 Krippengruppen anhand des Beobachtungsverfahrens Class Toddler. Mithilfe des Attachment-Q-Sort Verfahrens (Ahnert 2012) wurden 79 Kleinstkinder im Alter von 9-28 Monate nach dem Krippeneintritt erfasst. Die Forschergruppe versuchte typische und für die Bindung relevante Interaktionen im Krippenalltag zu identifizieren. Darüber hinaus wollten die Forscher/-innen prüfen, ob sich aus bestimmten Verhaltensweisen die Fachkraft-Kind-Bindung vorhersagen lässt (vgl. S. 121). Die Studie beschreibt Varianzen im Interaktionsverhalten von Fachkräften. Das Bindungsverhalten veränderte sich jedoch abhängig von der Situation und vom Alter des Kindes in der Gruppe. Ebenso entdeckten die Forscher/-innen Hinweise auf den Einfluss der Gruppengröße und den Bildungshintergrund der Fachkräfte (vgl. S. 116).

Kapitel 6 „Die Bedeutung von Fachwissen und Unterstützungsplanung im Bereich Sprache für gelingende Interaktionen in Kindertageseinrichtungen“ thematisiert den Zusammenhang von Fachwissen und didaktischen Kompetenzen. Claudia Wirts, Andreas Wildgruber und Monika Wertfein vom Staatsinstitut für Frühpädagogik in München beschäftigten sich mit sprachunterstützender Interaktion. Bereits 2008 hatte die BIKE-Studie (Bedingungsfaktoren für gelingende Interaktionen zwischen Erzieherinnen und Kindern) das Ziel, Bedingungen für die Interaktionsqualität zwischen Fachkraft und Kind (ern) zu beobachten und zu beschreiben. Jetzt wollte die Forschergruppe den Zusammenhang zwischen Fachwissen zur Sprachförderung und einer gezielten Anwendung im Kontext gelingender Fachkraft-Kind-Interaktionen empirisch nachweisen. Die Erkenntnisse der Studie sollten auch als Grundlage für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften genutzt werden. Des Weiteren heben die Verallgemeinerungen auch den künftigen Forschungsbedarf zu den Wirkzusammenhängen zwischen Wissen, Können und Handeln hervor (vgl. S 148).

Kapitel 7 „Die Gestaltung wertschätzender Interaktionen als eine Facette der Beziehungsqualität in der Kita“. Heike Wadepohl vom Institut für Sonderpädagogik an der Leibniz Universität Hannover untersuchte das sogenannte wertschätzende Verhalten. Es gilt als zentrales Merkmal der Beziehungsqualität. Um der Frage nachzugehen, wie wertschätzendes Verhalten gezeigt, erfasst und langfristig erhalten werden kann, nutzte sie Datenmaterial aus dem Forschungsprojekt PRIMEL (Professionalisierung von Fachkräften im Elementarbereich 2014). Dort wurde das wertschätzende Verhalten in Interaktionen als besondere Aufmerksamkeit, als emotionaler Ausdruck und als Ausbalancieren von Nähe und Distanz operationalisiert. Wadepohl gebrauchte die dort bereits erarbeiteten Items, um ein eigenes Rating für Wertschätzung zu erarbeiten. Sie entdeckte, dass eine wertschätzende Haltung als zentrale Handlungsmaxime von vielen Fachkräften als wirksam wahrgenommen wird, unabhängig vom Ausbildungsniveau (vgl. S. 191).

Kapitel 8 „Interaktionsgestaltung im Kontext Familie und Kita: Diskussion der Beiträge“. Zum Abschluss des Buches reflektieren Heike Wadepohl, Katja Mackowiak, Dörte Weltzien und Klaus Fröhlich-Gildhoff empirische Forschungsfragen. Die gängigste Erfassung von pädagogischer Qualität über Ratingskalen liefert zwar Hinweise auf Stärken und Schwächen der Interaktionsqualität, doch eine differenzierte Analyse zur konkreten Gestaltung der Interaktion erlauben diese Studienergebnisse meist nicht (vgl. S. 2001). Die empirische Forschung zu Interaktionen zwischen Kindern und wichtigen erwachsenen Bezugspersonen sowie deren positive Wirkung auf die Entwicklung des Kindes bleibt eine komplexe Aufgabe. In der Praxis erfordere, so die Herausgeber/-innen, die Interaktionsqualität eine Vielzahl an Kompetenzen, die unterschiedlich erworben werden.

Inhalt

Im Buch „Interaktionsgestaltung in Familie und Kindertagesbetreuung“ geht es um die empirische Erforschung der Gestaltung von Erwachsenen-Kind-Interaktionen, wie sie in Familien und Institutionen der Kindertagesbetreuung stattfinden. Bisher gab es vor allem Studien zur Bindungskompetenz. Neuere Untersuchungen beschäftigten sich mit der Essenssituation und alltäglichen Umgangsweisen mit Kleinkindern. Während Interaktionen in der entwicklungspsychologischen Forschung, vor allem in der Säuglingsforschung, eine lange Tradition haben, „steckt die früh-/kindheitspädagogische Forschung zu diesem Thema noch in den Anfängen“ (S. 2). Die Kindheitsforschung, so die Herausgeber/-innen, konzentriere sich in der Regel auf allgemeine soziologische Aussagen zum Aufwachsen von Kindern.

Impulse für empirische Forschung in der Pädagogik der Frühen Kindheit

In Deutschland sei die empirische Forschung durch große Stiftungen unterstützt worden. Die eingerichteten Studiengänge zur Pädagogik in der Frühen Kindheit haben die Anzahl an Forschungsstudien erhöht und ihre Relevanz unterstrichen. Im Bereich der frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung sei, so die Herausgeber/-innen, die Untersuchung der Interaktionsbeziehungen dennoch neu.
Nach dem anfänglichen Boom von fachdidaktischen Fragestellungen insbesondere zur Sprachförderung, erfolgte, so die Herausgeber/-innen, die Beforschung der Qualitäts- und Strukturfragen. Doch seit einiger Zeit seien Publikationen zu den Themen Interaktion und Inklusion häufiger zu finden (vgl. S. 5).

Der Ausbau von Krippen und der Betreuung unterdreijähriger Kinder in Kitas habe die empirische Interaktionsforschung inspiriert. Mittlerweile liegen auch erprobte Instrumente vor, die die Interaktionsqualität auf unterschiedlichem Niveau erfassen. Mikroanalysen seien durch die Videographie und die hermeneutisch-rekonstruktive dokumentarische Videoanalyse möglich (vgl. S. 7). In Forschung und Praxis gelten sensitive Eltern-Kind-Interaktionen seit den wegweisenden Studien der Bindungsforschung durch Bowlby und Ainthworth als Grundlage für positive Entwicklungsverläufe. Heute differenzieren die Forscher/-innen Interaktionen, die eine emotionale Unterstützung der Kinder fördern, solche, die für die Organisation des Kita-Alltags notwendig sind sowie Interaktionen, die Lern- und Bildungsprozesse anregen. Die Klärung der Begriffe Interaktion, Beziehung und Bindung ist natürlich notwendig.

Interaktion – Beziehung – Bindung

Seit den 1970er Jahren entwickelte sich im Kontext der Erziehungswissenschaften eine empirische Forschung, die disziplinübergreifend auch die Interaktion als eine Handlung und Kommunikation untersuchte. Im vorliegenden Buch werden Interaktionen als konkrete und unmittelbare Begegnungen zwischen Menschen definiert, die direkt beobachtbar sind. In diesem Buch gehen die Herausgeber/-innen davon aus, dass die Beziehung ein theoretisches Konstrukt ist. Beziehung, so die Herausgeber/-innen „entwickelt sich als Resultat einer Vielzahl von Interaktionen zwischen zwei Menschen“ (S. 9). Beziehungen erzeugen innere Bilder, aus denen Verhaltensmuster erwachsen können, die dann wiederum in Interaktionen einfließen. Eine Bindung entwickelt sich, so die Herausgerber/-innen, „auf der Basis verfestigter Beziehungserfahrungen“ (S. 9). Durch Zeit und gemeinsam geteilte Erfahrung entstehe, so die Herausgeber/-innen eine Bindung, die dem Kind Sicherheit gibt und sein Handeln motiviert. „Der Aufbau sicherer Bindungsbeziehungen gilt als zentrales und vorrangiges Ziel der pädagogischen Tätigkeit in außerfamilialen Betreuungssettings (dies bildet sich beispielsweise in Eingewöhnungskonzepten ab), und es wird mit ähnlichen Verfahren untersucht, ob diese Bindungssicherheit erreicht werden konnte (z.B. Ahnert et al. 2006)“ (S.11). Weil aus Interaktionen Beziehungen und Bindungen erwachsen, sollten diese Prozesse in der frühpädagogischen Forschung untersucht werden (vgl. ebd.).

Der Forschungsgegenstand

Bei der Interaktionsgestaltung handelt es sich um komplexe, subjektiv geprägte, kontextuell und situativ gefärbte und sich wechselseitig beeinflussende Prozesse, die Forscher/-innen vor große Herausforderungen stellen. Die Bindungsforschung bestärkte die Annahme, dass Feinfühligkeit bzw. Sensitivität, Responsivität und Wertschätzung entwicklungsförderliche Qualitäten besitzen, um den Beziehungsaufbau zu ermöglichen. Andere Interaktionen erfordern sozial-emotionale, sprachliche, kognitive und motivationale Kompetenzen und sie fördern diese Fähigkeiten bei Kindern. Die empirische wissenschaftlich fundierte Beobachtung der Voraussetzungen und ihre Wirkung sind jedoch schwer fassbar. Der Forschungsgegenstand ist gekennzeichnet als ein Prozess und deshalb ist eine Verständigung über das, was bei Interaktionen qualitativ bedeutsam ist, notwendig. Entwicklungsförderliche Beziehungen entwickeln sich langfristig auf der Grundlage von Interaktionsgeschichten oder Bindungen, die aber mit einer Beobachtung gar nicht erfasst werden können. Darüber hinaus ist die professionelle Interaktionsqualität auch vom Wissen und Können der Fachkräfte und ihrer Bereitschaft, sich situativ einzulassen, abhängig. Die Interaktionsqualität drückt sich auch in habitualisierten Handlungspraktiken aus, die schwer beeinflussbar und beobachtbar sind. Als Forschungsgegenstand kann die Interaktion also nicht losgelöst von historischen und soziokulturell geprägten Einflüssen betrachtet werden. Weil Interaktionen, Beziehungen und Bindungen Konstrukte sind, müssen die darin eingeschlossenen Orientierungen (Werte, Normen, Regeln und anthropologische Grundannahmen) reflektiert werden. Die Vorstellungen über gute Pädagogik, gelingende Interaktionen und den angemessenen Erziehungsstil und Erziehungsziele, vollziehen sich ebenfalls vor diesem Hintergrund. „Interaktionsqualität ist damit in den allgemeinen pädagogischen Diskurs einzuordnen und einer (selbst)kritischen Reflexion zugänglich zu machen“ (S. 14).

Das Forschungsziel

Empirische Forschung, die sich in den Dienst von Evidenz- und Wirkungsforschung stellt, hat nicht nur mit dem Legitimitätsproblem zu tun, sondern auch mit der Frage der Verwertbarkeit der Daten. Wann eine Interaktion entwicklungsförderlich ist, kann, wie gezeigt wurde, nicht standardisiert beobachtet und beurteilt werden. Wirkungen von Interaktionen lassen sich, so die Herausgeber/-innen kaum empirisch nachweisen und verallgemeinern, weshalb die Aussagen zur Struktur- und Prozessqualität von Kitas tatsächlich mithilfe von Ratings angemessen beurteilt werden kann. Ob eine Interaktion hilfreich war, zeigt sich erst viel später. So haben Kleinkinder in Kitas bereits Beziehungserfahrungen und Strategien entwickelt, die möglicherweise als unsichere Bindungsrepräsentation wirksam sind. Erwachsene reagieren auf Kinder und die Interaktion mag für Außenstehende merkwürdig und falsch wirken. Sie kann aber für das Kind gerade die richtige Passung bedeuten. Aussagen über gute Interaktionen sind vom Kontext abhängig.

Forschungsmethoden die zur Einschätzung der Interaktionsqualität herangezogen werden, beziehen sich in der Regel nicht auf das einzelne Kind, sondern auf die Gruppe von Kindern. Es soll ja die durchschnittliche Interaktionsqualität erfasst werden. Was die gelingende Interaktion in Erziehungs- Bildungs- und Betreuungssituationen konkret ausmacht, kann nicht eindeutig an den Verhaltensweisen abgelesen werden. Auch wenn es die Aufgabe von Fachkräften ist, einen emotionalen Zugang zu jedem Kind zu finden und mit ihnen in einen Dialog zu treten, muss offenbleiben, ob eine Interaktion in der Praxis als gelungen bezeichnet werden kann.

Die empirische Interaktionsforschung steht vor der Aufgabe, Methodenvielfalt und theoretische Überlegungen einzubeziehen, wenn sie ihre Erkenntnisse verallgemeinern will (vgl. S. 15). Die Herausgerber/-innen unterstreichen, dass es nicht die Interaktionsgestaltung gibt. Die Interaktion ist ein Konstrukt, das komplex ist und konkret von Kindern und Erwachsenen gestaltet wird (vgl. S. 203). Deshalb müssen aussagekräftige Schlussfolgerungen im Kontext der Definition, der Operationalisierung und der Rahmenbedingungen betrachtet werden und sollten von anderen Forschergruppen bestätigt werden können (vgl. 203). Eine enge Zusammenarbeit von empirisch forschenden Personen ist deshalb wichtig. Selbst auf die Gefahr hin, dass sich Forschungskatelle bilden.

Mithilfe empirischer Forschung kann gezeigt werden, dass Fachkräfte in mehrdeutigen, schlecht vorhersehbaren pädagogischen Alltagssituationen und im Kontext heterogener Gruppen interagieren müssen. In der Regel sind Fachkräfte in Kitas einem hohen Anspruch ausgesetzt. Sie sollen die Bildungsprozesse der Kinder wahrnehmen und ihre Interessen, Themen und Motive berücksichtigen. Gleichzeitig sollen sie kindliche Beeinträchtigungen zur Kenntnis nehmen (Behinderungen, Traumatisierungen oder verstörende Erlebnisse) und angemessen und prompt auf kindliche Bedürfnisse reagieren. Ihre Arbeitssituation ist nicht die Zweierbeziehung, sondern die Gruppe. Hier finden viele Interaktionen gleichzeitig statt, die sich auch jederzeit beeinflussen und widersprechen können (vgl. S. 204).

Diskussion

Das Buch wird dem eigenen Anspruch, die heterogene Forschungslandschaft zu bündeln und aktuelle Studien zur Interaktionsgestaltung vorzustellen, gerecht (vgl. S. 213). Die Herausgeber/-innen erwähnen auch, dass die empirische Untersuchung von Interaktionsbeziehungen im Elementarbereich ein neuer Forschungsgegenstand sei. Dem ist sicher zuzustimmen, weshalb die im Buch erwähnten Studien so hilfreich sind. Hier wird auch ein Thema der Pädagogik neu und vertiefend betrachtet. Das Thema Interaktionen wird verständlich bearbeitet und aus vielen Perspektiven heraus betrachtet. Die Studien bestätigen, dass viele Fachkräfte handlungsleitende Orientierungen haben. Sie folgen beispielsweise einem ko-konstruktiven Verständnis von Pädagogik, sie zeigen die Bereitschaft, Kongruenz zwischen den Akteuren herzustellen und eine gemeinsame Praxis täglich neu herzustellen.

Herausforderungen der Interaktionsforschung

Die Texte bringen auch die notwendige Wertschätzung zum Ausdruck, die Fachkräfte verdienen. Sie öffnen sich für empirische Forschung und werden ja bei ihrer Arbeit beobachtet und auch beurteilt. „Inzwischen gilt als belegt, dass Kleinkinder bei einer hohen pädagogischen Qualität langfristig von einem Krippenbesuch profitieren können“ (S. 116). Die Reziprozität von Interaktionen wird ebenfalls bestätigt und muss nun nicht immer wieder neu überprüft werden. Jetzt können auch vergleichende Erkenntnisse für das Forschungsgebiet der „Pädagogik der Frühen Kindheit“ erarbeitet werden (vgl. S. 213). Damit zeigt diese Forschung auch, dass Ergebnisse auf andere Forschungsprojekte übertragen werden können. Neue Kooperationen können entstehen. Die Interpretation bzw. Schlussfolgerung in Bezug auf die Verwendung der Daten wirft sicher Fragen auf. Schade finde ich, dass für die Fort- und Weiterbildung von Fachkräften vor allem Teamfortbildungen empfohlen werden (vgl. S. 210). Wenn der Wert, den die Fachkraft von Fortbildungen haben soll auch noch so begründet wird, dass die unmittelbare Effizienz wirksam werden müsse, dann ist die neoliberale Wirtschaftslogik tief im Bewusstsein der Forschung angekommen. Wenn nur das Teamcoaching im Blick ist und fraglich wird, ob die Fortbildung auch dann „erfolgreich“ sein kann, wenn sie eine Fachkraft anregt, etwas Bekanntes neu zu betrachten, dann wird deutlich, wie Forschung in die tägliche Anstrengung um Qualität verstrickt ist. Die Herausgerber/-innen zeigen auch Forschungsdesiderate zur Interaktionsgestaltung auf.

Weitere Themen für die Interaktionsforschung

Die Fachkraft-Eltern-Interaktion, die Interaktionen während der Schlaf- und Abholsituationen, der Umgang mit Frustrationen, wenn sich für Fachkräfte täglich neue Rahmenbedingungen ergeben, weil die Personalknappheit, das Arbeiten in multiprofessionellen Teams und aktuellen Herausforderungen z.B. durch die Flüchtlinge, neue Aufgaben hervorbringen. Forschungsethische Probleme, die mit der Verwendung der Daten einhergehen, und die mit dem allgegenwärtigen neoliberalen Wettbewerbsprinzip zu tun haben, müssen in der Disziplin diskutiert werden. Weil die Normativität der empirischen Forschung gerade beim Nachweis der Wirksamkeit so eklatant hervortritt, und diese Forschung ebenfalls von Theorien geprägt wird, die das Vorverständnis der Forscherinnen prägen, regt dieses Buch auch zu Diskussionen an. Innerhalb der Pädagogik der Frühen Kindheit könnten Diskurse über Standards der eigenen Forschungen geführt werden und so auch die psychologischen oder eher soziologischen Studien durch pädagogische Schwerpunkte ergänzt werden.

Der Anspruch an eine Kindheitspädagogik auf der Grundlage gezielter Beobachtungen muss aber mit dem notwendigen theoretischen Basiswissen verknüpft werden, das zu erwerben ebenfalls Zeit braucht. Eventuell müssen auch die Rahmenbedingungen an Hochschulen neu geprüft werden, denn Lehre, Forschung und Theoriebildung brauchen Zeit.

Fazit

Das Buch hat hohe Relevanz für die Lehre der Pädagogik der Frühen Kindheit und sollte in Bachelor- und Masterstudiengängen gelesen werden. Es macht darüber hinaus deutlich, dass aufwendige Forschungssettings nötig sind. Die Diskussionen der Forscher/-innen sind hilfreich, wenn die Ergebnisse verallgemeinert werden und die Schlussfolgerungen praxisrelevante Folgen haben. Es unterstreicht meiner Ansicht nach einmal mehr den notwendigen Zusammenhang von Theorie und Empirie.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 19.05.2017 zu: Heike Wadepohl, Katja Mackowiak, Klaus Fröhlich-Gildhoff, Dörte Weltzien (Hrsg.): Interaktionsgestaltung in Familie und Kindertagesbetreuung. Springer (Berlin, Heidelberg, New York, Hongkong, London, Mailand, Paris, Tokio, Wien) 2017. ISBN 978-3-658-10275-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22618.php, Datum des Zugriffs 23.06.2017.


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