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Bernadette Grießmair: Kinder(t)räume in der Kita

Cover Bernadette Grießmair: Kinder(t)räume in der Kita. Schritt für Schritt individuelle Raumkonzepte entwicklen. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. 96 Seiten. ISBN 978-3-589-15335-0. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 22,50 sFr.
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Thema

Raum, Raum, Raum – immer wieder der „Raum“ in der deutschsprachigen Elementarpädagogik. Und nun die „Kinder(t)räume“. Wovon träumen und was brauchen Kinder wirklich und zuallererst? Meine Antwort: Sie brauchen zuerst und in der Hauptsache richtig gute Erzieher(innen). Sämtliche Studien zur Evaluation der Wirkfaktoren von pädagogischen Institutionen sehen an oberster Stelle der Einfluß nehmenden Qualitätsfaktoren die pädagogischen Personen und deren (!) Qualität. Dann – und erst dann – folgen andere Faktoren – u.a. der Raum. Deshalb vorab die Frage: Wo bleiben die Bücher über Person und Persönlichkeit der Erzieherin und des Erziehers – also der pädagogischen Fachkräfte als Menschen?

Aufbau und Inhalt

Was beinhaltet nun der sog. „Kita-Ratgeber“ von Bernadette Grießmair aus dem Verlag Cornelsen?

Das 96seitige Heft mit 69 Fotos gliedert sich in sechs Kapitel mit etwa folgenden Inhalten:

  1. Auseinandersetzung des Teams mit der Raumfrage;
  2. Gestaltung der Räume;
  3. das Raumkonzept auf dem Prüfstand;
  4. Raumkonzept verankern;
  5. Raumgestaltung in sehr kleinen Einrichtungen;
  6. brennende Fragen: „Müssen wir noch Dekoration basteln?“ – „Was tun mit den ganzen Lernspielen“? – „Gibt es einen fixen Aufräumtag?“ – „Wie können Eltern sehen, was im Kindergarten passiert?“ -

Hinzu kommen Anhänge und „Arbeitshilfen“.

Diskussion

Ich stelle erneut die Frage: Brauchen wir wirklich so viele Bücher, Büchlein, Hefte, Schriften o.ä. über „den Raum“ und dessen Gestaltung? Ein „Werk“ nach dem anderen liefert, wie gesagt, der deutschsprachige Buchmarkt für den „Raum“ im Kindergarten. Nun – dieses Mal geht es um „Kinder(t)räume“ in der Kita. Es bleibt zu prüfen, ob das, was hier von der Autorin Bernadette Grießmair hervorgebracht wird, zu „Kinderträumen“ führt – oder ob man in Südtirol in ein paar Jahren fragen wird, was denn da wohl war.

Immerhin: Der sog. „offene Kindergarten“, bei dem die Gruppen allesamt aufgelöst sind und die Kinder überall sind, hat nun auch das Idyll des Kindergartensprengels Brixen/Südtirol erreicht – nachdem das „Schreckgespenst“, wie ich diese Form bereits 1992 in der Zeitschrift „Kindergarten heute“ nannte, seinen Ausgang von Norddeutschland nahm – übrigens nicht zu vergessen: aus einer reinen Notsituation heraus. Axel Wieland, mein damaliger Kontrahent, sagte: „Was wollten wir denn machen? Die Gruppen in den Kindergärten waren so voll gestopft, dass die Erzieherinnen nur noch alle Türen aufmachen konnten und die Kinder überall rumlaufen lassen konnten.“ Das war der Anfang vom sog. „offenen Kindergarten“, wobei dem Kind vorenthalten und genommen werden:

  1. Sein Gruppenraum mit seinem Platz, wo es sein „Schatzkästlein“ o.ä. hat;
  2. Seine Erzieherin (Kindergärtnerin) als feste Bezugsperson (Wegfall des pädagogischen Verhältnisses und der damit verbundenen Geborgenheit);
  3. Seine für es genau passenden regelmäßigen Bildungsangebote und Spielmaterialien;
  4. Seine engsten Freunde, auf die es sich jeden Morgen freut, z.B. in der Bau- oder Puppenecke;
  5. Usw.

Frau Direktorin Grießmair, Psychologin (also nicht Erziehungswissenschaftlerin), möchte in Südtirol das einführen, was sich in Deutschland nicht so einstellte, wie die Verfechter es sich vorgestellt hatten. Ein Beispiel von vielen: 1992 erlebte ich persönlich in einer Kommune in sechs Einrichtungen mit aufgelösten Gruppen das totale Chaos. Später kehrten sie reumütig zur Gruppenstruktur mit fest zugeordneter Erzieherin usw. zurück. Ich könnte reihenweise Kindergärten nennen, die Ähnliches versucht haben und dann sagten: Nein, das haben wir versucht und sind nun zurückgekehrt zum früheren Gruppensystem. Der „offene Kindergarten“, bei dem die Stammgruppen aufgelöst wurden, ist gescheitert. Zum Glück! Mit Kindern darf man nicht experimentieren. Will man das in Südtirol? Wollen das z.B. die Schulpraktiker, die ja die Kinder Übernehmen sollen, sowie deren verantwortliche Amtsträger? Können das die „Rahmenrichtlinien für den Kindergarten in Südtirol“ gewollt haben in dem Kapitel 33.2, S. 53 ff., wo es heißt „Die Öffnung der Spielräume und der Gruppen“. Ich kann die betreffenden Passagen nicht in dem von Grießmair verstandenen Sinne einer Einführung des total offenen Kindergartens und einer Auflösung und Abschaffung des traditionellen Kindergartens interpretieren. Wahrscheinlich haben die Autoren der Rahmenrichtlinien, in deren Auflistung B.Grießmair nicht genannt ist, das gemeint, was ich als „Ergänzende Lernorte“ mit gruppenübergreifenden Angeboten verstehe und vertrete (s.dazu meinen Lehrfilm „Ergänzende Lernorte. Die Alternative zum offenen Kindergarten“, Pais-Verlag, ISBN 9783 931992422)

Nun. Kann man denn von der „Kinterträume-Kita“ nicht doch etwas lernen? Was schreibt die Autorin?

Sie hat 38 Einrichtungen für Kinder von 2,5 bis 6 Jahre in der „Entwicklung, Umsetzung und Sicherung eines Raumkonzeptes zu begleiten und zu unterstützen.“ (S. 6). Und da scheint sie nun einfach mal so schnell den „offenen Kindergarten“ zu propagieren. Wer hat sie beauftragt?. Wer hat sie gerade dazu mit welcher Legitimation und mit welcher theoretischen Begründung beauftragt? Auf den 96 Seiten des Heftes, wovon 10 Seiten leere Formblätter sind, findet man dazu keine Auskünfte. Aber: Die Unterlagen fußen „allesamt auf Erfahrungen aus der Praxis“ (S. 6)

Mit der Tradition, die doch gerade Südtirol immer so heilig schien, geht Direktorin Grießmair nicht gerade freundlich um. So heißt es – als spräche das Lehramt ex cathedra –: „Ein geordneter und in gut überschaubare Spielzonen unterteilter Gruppenraum … mit Maltisch und …Puppenecke und Bauecke … kann … als überholt bezeichnet werden.“ Der darauf folgende Satz ist an – selbsternanntem – Lehramtsgebaren nicht mehr zu übertreffen: „Die Umwandlung von Gruppenräumen in Funktions- oder Schwerpunkträume ist … unbedingt notwendig.“ (S. 4)

Also wehe denjenigen Kindergärtnerinnen, die das anders sehen! Oder? Hier kann und muss ich als jemand mit jahrzehntelanger Erfahrung und fundierter Kenntnis der Elementarpädagogik in Theorie, Forschung und Praxis (!) – übrigens auch in Südtirol – nur warnen: Wo der offene Kindergarten per Diktat oktroyiert wurde, entstand eine verbiesterte Arbeitsatmosphäre sondergleichen. Erzieherinnen wollen ihre Kinder, ihren Raum, ihre Erziehungs- und Bildungsarbeit usw. Also alles das, was das Kind auch will und unbedingt braucht!

In aller Deutlichkeit und Unverfrorenheit wird von der Autorin eine Zerschlagung der Strukturen des traditionellen Kindergartens propagiert: Bewährte Spielsachen und Lernmaterialien, Malutensilien etc. raus aus den Gruppenräumen – alles in sog. Funktionsräume, die aus den Gruppenräumen entstanden sind. In den Funktionsräumen befindet sich je eine Kindergärtnerin, abwartend, bis die Kinder von sich her zu ihr kommen. Das ist der total offene Kindergarten, wie es unter allen erziehungswissenschaftlichen Gesichtspunkten von keinem einzigen seriösen Erziehungswissenschaftler befürwortet wird. Den Kindern wird das genommen, was sie zu allererst brauchen: Geborgenheit. Will man das und wer kann das verantworten?

Eine Anmerkung zur Sprache des Werkes von Bernadette Grießmair: Was Fehler und Fehlerhaftigkeit anbetrifft, haben Autorin und Verlag hier wirklich kein Meisterstück vorgelegt. Wo finden sich Fehler? Bei gründlicher Lektüre habe ich notiert: S. 4, 5, 6, 8, 9, 10, 13, 15 (3 Fehler) usw. Die Fehlerhaftigkeiten waren so zahlreich, dass ich sie weiter nicht mehr notiert habe. Man findet im gesamten Werk kaum eine fehlerfreie Seite. Kleine Frage an den Verlag: Hätten Sie so auch einen Lehrer- oder Schul-Ratgeber publiziert? Wahrscheinlich nicht. Auch ein „Kita-Ratgeber“ verdient mehr Sorgfalt. In etwa hochgerechnet kommt man auf an die 100 Fehler – verschiedenster Art.

Fazit

Dieses Werk empfehle ich nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Huppertz
Homepage www.wibeor-baden.de/huppertz/
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Zitiervorschlag
Norbert Huppertz. Rezension vom 03.01.2018 zu: Bernadette Grießmair: Kinder(t)räume in der Kita. Schritt für Schritt individuelle Raumkonzepte entwicklen. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. ISBN 978-3-589-15335-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22619.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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