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Christian Rätsch: Kulturgeschichte des Tabaks

Cover Christian Rätsch: Kulturgeschichte des Tabaks. Nachtschatten Verlag (Solothurn) 2003. 642 Seiten. ISBN 978-3-03-788107-1. 39,50 EUR, CH: 66,00 sFr.

Band 1: Kultur und Geschichte des Tabaks in der Neuen Welt. 2002, 363 Seiten, ISBN 3-907080-79-3. Band 2: Das Rauchkraut erobert die Alte Welt. 2003, weiter bis Seite 642, ISBN 3-907080-94-7.
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Der Autor

Der Autor Dr. phil. Christian Rätsch ist Altamerikanist und Ethnopharmakologe Er lebte drei Jahre bei den Lakandonen-Indianer in Südamerika und beschäftigt sich intensiv mit den Pflanzen der Naturvölker (Ethnobotanik), deren Gebrauch und den psychischen Wirkungen ( Ethnopharmakologie ). Sein Spezialgebiet ist der Schamanismus und die Erforschung der Schamanenpflanzen. Er hat zahlreiche Bücher darüber veröffentlicht. Besonders sei auf das umfangreiche und hervorragende Werk "Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen" ( 1988 ) hingewiesen. Der Autor bezeichnet sich zwar als Nichtraucher, aber er berichtet immer wieder von seinem Tabakrauchen.

Vorherige Veröffentlichungen zum Thema

In Deutschland sind wenige umfassende Bücher über den Tabak in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht worden. 1930 erschien eine Geschichte des Rauchens von E.C. Conte Corti: "Die trockene Trunkenheit" und 1957 eine Kulturgeschichte des Rauchens von G. Böse: "Im blauen Dunst". Deswegen ist eine umfassende Darstellung des Rauchens von Tabak sehr zu begrüßen, da Tabak in der Welt der am meisten konsumierte Suchtstoff ist. Für die Eindämmung des Rauchens aus gesundheitspolitischer Sicht ist es wesentlich, über den Genuss des Tabaks gut informiert zu sein.

Inhalt

Der 1. Band beschreibt die Kultur und Geschichte des Tabaks in der Neuen Welt. Sehr ausführlich wird über den Gebrauch des Tabaks bei den Indianer in Süd-, Mittel- und Nordamerika berichtet. Der Tabak ist für die Maya nicht nur ein Genussmittel, sondern ein heiliges Gewächs und eine magische Droge. Der Autor stellt schriftliche Zeugnisse aus der präkolonialen und postkolonialen Periode vor sowie seine eigenen Beobachtungen.

"In Südamerika ist Tabak die Schamanendroge Nummer eins. Es gibt praktisch kein indianisches Volk, keine Ethnie, keinen Stamm, die den Tabak nicht kennen und schätzen. Es gibt praktisch keinen Schamanen, Weisen, Wissenden oder Heiler, die den Tabak nicht benutzenÉ Tabak ist ein schamanisches Tonikum, Entheogen, eine halluzinatorische Droge, ein wahres Geschenk der Götter, eine Pflanze der Götter, ein ZauberkrautÉ"( S. 195 ). Der Tabak wurde dort auch für die Erzeugung von Rauschzuständen eingesetzt. Die psychopharmakologischen Wirkungen des Nikotins werden nicht besonders hervorgehoben, sondern nur nebenbei im Text erwähnt.

Ausführlich wird der gemeinsame Konsum von verschiedenen Rauschstoffen dargestellt. "Eine wahre ethnopharmakologische Polytoxikomanie" ( S. 241 ). Ebenso stellt er den Einsatz des Tabaks bei Krankheiten gut dar. Die Symptomatik einer Abhängigkeitsproblematik bei den Indianern beschreibt er nicht. Der Konsum von Tabak ist der Hauptpunkt, aber die anderen Stoffe werden auch ausführlich aufgeführt. Der Text ist gut lesbar, mit vielen Bildern und Tabellen, teilweise aber etwas weitschweifig. Ausführlich geht er aus botanischer Sicht auf die verschiedenen Pflanzen ein und erklärt auch viele indianische Wortbegriffe bzw. Namen.

Der zweite Band "Das Rauchkraut erobert die Alte Welt" beinhaltet aber nur den Tabakkonsum im Himalaya, Südostasien und Kambodscha. Der Autor beschreibt seine eigenen Erfahrungen und Befragungen in diesen Gebieten, teilweise wie eine Reisebeschreibung. Es ist eine unsystematische Aufzählung der dort von den Schamanen und der Bevölkerung gebrauchten zahlreichen Drogen. Der Tabak, der ja erst Ende des 15. Jahrhunderts in diese Gebiete kam, wird nur beiläufig aufgeführt. Es ist eine Übersicht über die in diesen Gebieten konsumierten psychoaktiven Drogen. Auf die psychoaktiven Wirkungen wird hier aber nur kurz eingegangen.

Der Teil III im 2. Band "Miscellanea nicotinae" ( S. 478 - 599 ) enthält zahlreiche ein-bis-zweiseitige Abhandlungen über die unterschiedlichsten Bereiche. Der Autor nennt ihn: einen Thesaurus, ein Referenzteil, ein Kompendium zum Nachschlagen. Überwiegend werden die Pflanzenmischungen, die mit dem Tabak zusammen überall in der Welt geraucht werden, aufgeführt. Ein Abschnitt über "Tabak und Alkohol" ist nur 11 Zeilen lang und enthält wenig konkrete Aussagen, obwohl der Alkohol zu allen Zeiten und bei allen Völker im Gebrauch war. Auch heutzutage ist der polytoxische Konsum beider Suchtstoffe bei Rauchern immer noch üblich. Unter anderem wird weiterhin besprochen:

  • Tabak als Jagdgift,
  • Die Tabakfahrten der fliegenden Hexen,
  • Tabak im Brennpunkt der Pharmakratie,
  • Nikotin im Gesetz,
  • Tabak auf Flughäfen.
  • Die Abschnitte sind ziemlich kurz, teilweise wenig aussagkräftig und ohne einen erkennbaren Zusammenhang. Es ist ein Sammelsurium von teils bekannten und teils unbekannten, interessanten und uninteressanten Fakten. Dieser Band enthält auch zahlreiche Abbildungen und 16 Seiten farbige Bilder.

    Die Bände enthalten ein ausführliches Literaturverzeichnis von insgesamt ca. 50 Seiten und ein ebenfalls ausführliches Schlagwortverzeichnis.

    Der 1. Band stellt den kulturgeschichtlichen Hintergrund des Tabakkonsums bei den Indianern, die den Tabak über Jahrhunderte kannten und erprobten, ausführlich und umfassend dar. Für die heutigen Nikotintherapeuten ist es eine gute Einführung in die Probleme des Tabakrauchens bzw. der Nikotinwirkungen. Der 2. Band enthält zahlreiche spezielle Themen. Der Leser wird sich nur für einzelne Themen interessieren und muss sich diese Themen heraussuchen. In den Bänden wird sehr oft von der Psychoaktivität der Drogenpflanzen geredet, wobei der Begriff unklar bleibt. Leider fehlt ein spezielles Kapitel über die Psychoaktivität des Tabaks.

    Kommentar

    Zu allen Zeiten nahmen die Menschen ihnen zur Verfügung stehende Drogen ein. Das ist keine Entdeckung der modernen Zeit. Der Autor stellt sehr deutlich die polytoxikomanische Natur der Menschen dar - von der Frühzeit bis zur heutigen Zeit. Die Menschen nehmen mehrere Drogen gleichzeitig ein, um die ihre Genuss-Lust-Gefühle zu steigern. Der Autor schliesst das Werk: "Der Tabak ist mehr als nur eine der botanischen Säulen menschlicher Kultur. Er ist die Rauchsäule, die die Welten verbindet. Er ist die Visionsschlange, die das Unsichtbare erfahrbar macht. Er ist ein unzertrennlicher Kulturbegleiter. Und deswegen ist er ein heiliges Gewächs" ( S. 600 ). Ähnliche Aussagen kann man auch von den modernen Rauchern hören. Diese euphorischen Worte sind natürlich nicht zutreffend, denn die menschliche Kultur hat sich ohne den Tabak entwickelt. Da aber ungefähr ein Drittel der Menschen raucht, wenn sie an den Tabak kommen können, ist das Nikotin als ein wesentlicher Faktor in der Regulierung des menschlichen Gefühlsleben zu sehen - wie der Alkohol und die anderen Drogen auch. Für die Frage, warum die Menschen Tabak rauchen, ist der erste Band über den - wohl Jahrtausende alten - Konsum in Amerika eine sehr interessante Lektüre.

    Fazit

    Das Werk ist als Basislektüre für alle Personen zu empfehlen, die sich mit dem Tabakkonsum beschäftigen und verstehen wollen, warum viele Menschen sich von dem Tabakkonsum bzw. dem Nikotingenuss nur sehr schwer lösen können.


    Rezension von
    Prof. Dr. med. Klaus-Dietrich Stumpfe
    Arzt für Psychiatrie
    Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehrgebiet: Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie


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    Zitiervorschlag
    Klaus-Dietrich Stumpfe. Rezension vom 15.02.2005 zu: Christian Rätsch: Kulturgeschichte des Tabaks. Nachtschatten Verlag (Solothurn) 2003. ISBN 978-3-03-788107-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2262.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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