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Reinhold Miller: Pädagogische Beziehungs­gestaltung

Cover Reinhold Miller: Pädagogische Beziehungsgestaltung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 120 Seiten. ISBN 978-3-407-63016-2. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Pädagogik befasst sich mit dem Prozess der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen. Das Ziel von pädagogischen Fachpersonen ist die professionelle Begleitung während diesem Prozess des Aufbaus von Kompetenzen bei der Hauptzielgruppe. Diese Kompetenzen sollen letztlich eine möglichst gelingende Teilhabe in der Gesellschaft ermöglichen. Die Zieldimensionen der Erziehungs- und Bildungsbestrebungen orientieren sich an den normativen Rahmenbedingungen des jeweiligen Gesellschaftssystems. Pädagogische Fachpersonen spielen als Begleitpersonen – neben den Adressaten des pädagogischen Einwirkens – die zweite Hauptrolle im Prozess von Erziehung und Bildung. Die Impulse und Interventionen der Fachpersonen sollen demnach das Ziel verfolgen, Gelingensbedingungen für die Erreichung der oben genannten Ziele zu schaffen. Mit einer systemökologischen Entwicklungsidee im Hintergrund können die Bildungsprozesse, die im Zusammentreffen der Hauptzielgruppe mit den pädagogischen Fachkräften entstehen, in die drei Faktoren Aktivitäten, Rollen und Beziehung unterschieden werden. Das zentrale mikrosystemische Moment ist die gemeinsame Aktivität, die in Verbindung mit den im pädagogischen Kontext zu erwartenden Rollen und Rollenerwartungen zwangsläufig zu der Beziehung zwischen den beteiligten Personen führt. Die Beziehung ist zwar nicht das Primärziel von Pädagogik, ihre Qualität ist aber mitentscheidend dafür, wie gut Bildungs- und Erziehungsprozesse gelingen. Die Beziehung ist letztlich das Werkzeug der pädagogischen Fachkräfte. Gleichzeitig ist die Beziehung das komplexeste Konstrukt aller der drei Faktoren. Sie ist nicht ohne weiteres aufzuschlüsseln und bewusst zu gestalten. Aus diesem Grund reklamiert die Pädagogik für sich den Stand einer Profession. Reinhold Miller bietet mit der vorliegenden Publikation eine praxisorientierte Hilfe für die Bearbeitung des Phänomens Beziehung im pädagogischen Kontext an.

Autor

Reinhold Miller ist Diplompädagoge und als Beziehungsdidaktiker, Lehrerfortbilder, Schulberater, Kommunikationstrainer und Coach tätig. Er ist Verfasser einer Reihe von Publikationen, die sich an pädagogische Fachkräfte richten. Mit seinem Werk setzt er praxisorientierte Akzente für die Gestaltung des pädagogischen Alltags. Der Verfasser kennt den Schulalltag aus eigener Erfahrung und aus der Sicht der Ausbildung von Lehrpersonen.

Aufbau

Mit der Publikation bezweckt Reinhold Miller einen praxisorientierten und handlungsanleitenden Beitrag an die Gestaltung der in der Praxis der pädagogischen Arbeit vielseitig auftretenden Beziehungsformen. Pädagogische Fachpersonen werden mit den Inhalten der Publikation sehr konkret für den Prozess des verstehenden Zugangs zu zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in der pädagogischen Praxis angeregt.

Die Publikation umfasst 60 Methodenkarten, sowie ein übersichtliches Manual, mit dem inhaltlich und methodisch in die praktische Anwendung der Karten eingeführt wird. Die Moderationskarten sind sich farblich und inhaltlich in sieben Themenfelder aufgeteilt:

  1. Vertrauen und Offenheit
  2. Kommunikation
  3. Konflikte
  4. Gefühle
  5. Achtsamkeit
  6. Kooperation
  7. Herausforderungen

Auf der Vorderseite jeder Karte wird mit einem prägnanten Begriff ein Aspekt des ausgewählten Themenfeldes benannt. Auf der Rückseite der Karten ist – passend zum Thema auf der Vorderseite – je ein Impuls in der Form einer Aussage oder einer Frage aufgeführt. Die Impulse sollen gemäss dem Verfasser zum „Nach-, Weiter- oder Umdenken“ anregen.

Inhalt

Im beigelegten Manual wird nach einer kurzen Einleitung darüber, welchen Zweck das Instrument verfolgt, in die methodische Anwendung der Karten eingeführt. Gemäss diesen Ausführungen sollen mit der angebotenen Methode Beziehungen differenzierter betrachtet und Zusammenhänge erschlossen werden können. Mit den neuen Erkenntnissen soll die reflektierte Beziehung bewusster gestaltet werden können. Nutzende der Methode sollen einem neuen Blick auf das bearbeitete Phänomen erhalten und mit Ideen aus dem Prozess gehen, wie die betrachtete Beziehung anders behandelt werden kann. Das Kartenset eignet sich sowohl für Einzelarbeiten, gemäss dem Verfasser aber auch – und vor allem – für Gruppenarbeiten.

Anwendern und Anwenderinnen der Methodenkarten wird als Einstieg empfohlen, alle Karten mit der zu bearbeitenden Beziehungskonstellation im Hinterkopf auszubreiten. Anschliessend sollen die Karten strukturiert werden. Dafür empfiehlt der Verfasser unterschiedliche Herangehensweisen. Karten, die von den Nutzenden als erhellend für die Erklärung des untersuchten Beziehungsphänomens erachtet werden, bilden anschliessend die Grundlage für die individuelle Reflexion oder die Auseinandersetzung zum Phänomen in der Gruppe. Als Übergang zu möglichen Interventionen dienen im Anschluss die Impulse auf der Rückseite der ausgewählten Karten. Sie sollen zum Weiterdenken anregen und bei der De- und Rekonstruktion von bestehenden Beziehungskonstellationen unterstützen.

Der Verfasser bietet zu jedem Themenfeld eine kurze Definition an, mit welcher Anwender und Anwenderinnen der Methode inhaltlich in die Grundannahmen zu jedem Themenfeld eingeführt werden. Dabei handelt es sich beispielsweise um Grundsätze zu Sender-Empfänger-Phänomenen, um den Umgang mit Andersdenkenden, um die Rolle von Emotionen bezüglich unseres Handelns in sozialen Kontexten, um den Mehrwert beim Eingehen von Kooperationen oder um den Umgang mit Stress und Herausforderungen. Die Ausführungen beschreiben sowohl Haltungen und Verhaltensweisen, die zu gelingenden Interaktionen führen, aber auch Stolpersteine.

Diskussion

Das angenehm klare und frische Manual führt ohne Umschweife in die Anwendung der Methodenkarten ein. Anwender und Anwenderinnen sind damit ohne eine vertiefende Lektüre schnell in der Lage, die Methode zur Anwendung zu bringen. Die überschaubare Einführung in die beziehungsspezifischen Themenfelder erlaubt es auch Nutzerinnen und Nutzern unter einem hohen Handlungsdruck und mit knappen Zeitressourcen, sich den Zugang zum Grundverständnis des Verfassers zu den relevanten Beziehungsaspekten zu erschliessen. Aufgrund dieser Ausgangslage kann darauf geschlossen werden, dass der Verfasser mit der Publikation mehr den unkomplizierten Einsatz in der alltäglichen pädagogischen Praxis in den Blick nimmt und weniger das vertiefte theoriegeleitete Analysieren von Beziehungsmustern. Dementsprechend und folgelogisch ist die theoretische Unterfütterung der Inhalte zwar spürbar, aber nicht explizit ausgewiesen. Mit diesem Vorgehen nimmt der Verfasser die praxistaugliche Übersetzung eines komplexen Themenfeldes vor. Die angebotene Methode versteht sich nicht als Anweisung für die strukturierte Entwicklung von pädagogischen Interventionen. Vielmehr bietet sie eine strukturierte Einstiegshilfe an, um verfestigte Beziehungskonstruktionen durch pädagogische Fachpersonen in einem neuen Licht zu betrachten und mit den neu erzeugten Bildern zu neuen Zugriffsoptionen zu kommen.

Die Publikation richtet sich zwar an pädagogische Fachkräfte, trotzdem ist deren nützlicher Einsatz auch in anderen Feldern naheliegend. Beispielsweise für Teamentwicklungs-Prozesse oder in der sozialpädagogischen Arbeit.

Fazit

Reinhold Miller bietet mit der Publikation eine Methode an, mit deren Hilfe pädagogische Fachpersonen Beziehungsphänomene in ihrer Praxis reflektieren können. Aufgrund der Reflexion kommen sie Lage, die untersuchte Beziehung reflektierter zu betrachten und allenfalls Interventionen für deren Neugestaltung zu entwickeln. Die Publikation enthält Methodenkarten. Deren Anwendung wird mit einem einfach verständlichen Manual eingeführt. Fachpersonen sind nach kurzer Zeit in der Lage, professionelle Beziehungen alleine oder in Gruppen zu bearbeiten.


Rezensent
Matthias Widmer
MA FH in Sozialer Arbeit, Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Homepage www.fhnw.ch/de/personen/matthias-widmer
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Zitiervorschlag
Matthias Widmer. Rezension vom 25.09.2017 zu: Reinhold Miller: Pädagogische Beziehungsgestaltung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-63016-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22620.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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