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Volker Haase: Systemisches Aggressions­management

Cover Volker Haase: Systemisches Aggressionsmanagement. Professionalitätsentwicklung im Kontext von Weiterbildung, Habitus und Kompetenz. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. 413 Seiten. ISBN 978-3-8300-9305-3. D: 129,80 EUR, A: 133,50 EUR.
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Autor

Der Autor ist Diplom-Pädagoge, Erlebnispädagoge und Trainer für Systemisches Aggressionsmanagement (SAM). Er ist als Weiterbildner für pädagogische Fachkräfte tätig.

Thema

Absicht des Autors ist es zu klären, ob das Systemische Aggressionsmanagement (SAM) „in der Lage ist Effekte hinsichtlich der Entwicklung pädagogischer Professionalität im Kontext von Aggression und Gewalt zu erzielen“ (23) und einen Beitrag zur Professionalitätsentwicklung von Erzieherinnen und Erziehern zu leisten.

Der Verfasser will dabei der Frage nachgehen, was als „modifizierbare Struktur professionellen Handelns“ gelten kann und wie diese „konkret gefüllt“ (3) ist.

Entstehungshintergrund

Die starke Zufriedenheit der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer mit den Angeboten des Systemischen Aggressionsmanagement (SAM) und die in der Literatur beklagte Vernachlässigung der Evaluation neu eingeführter Konzepte in die Frühpädagogik bilden den Ausgangspunkt des Buches. Dieses ist die Veröffentlichung einer 2015 von der Universität Potsdam angenommenen Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Das 413 Seiten starke Werk umfasst, neben Einleitung, Literaturnachweis und Schlussbetrachtung, vier große Kapitel, die ihrerseits nochmals in Unterkapitel ausdifferenziert sind.

Die Großkapitel tragen folgende Überschriften (IX – XII):

  • „Professionelles Handeln von ErzieherInnen in Kitas“
  • „Kontext und Entwicklung von pädagogischer Professionalität in theoretischer Perspektive“
  • „Systemisches Aggressionsmanagement als Professionalitätsentwicklungsinstrument“
  • „Empirische Untersuchung“.

Im ersten Großkapitel beschäftigt sich der Autor weitgehend mit der Stichhaltigkeit und Relevanz seiner Themenstellung. Er schaut auf die professionellen Anforderungen an Erzieherinnen und Erzieher, fragt nach der Notwendigkeit einer Entwicklung von Professionalität und der Relevanz des Aggressionsthemas in Kitas. Deren sozialpädagogische Aufgabe ist es, „die Unterschiede zwischen tatsächlicher Aggression und Gewalt und ‚Als-ob-Handlungen‘ zu erkennen und angemessen zu bearbeiten, um Kinder in der ‚Kultivierung der Aggressionsimpulse‘ im Rahmen einer ‚Erziehung zur Konfliktfähigkeit‘ zu unterstützen.“ (15)

Er konstatiert eine „irrational“ erscheinende Fülle an Anforderungen (12) an diese Berufsgruppe und betont die Notwendigkeit gezielter Weiterbildungen.

Das zweite Kapitel dient der theoretischen Heranführung an das Anliegen der Arbeit. Neben der Klärung zentraler Begrifflichkeiten beschäftigt sich Volker Haase mit vier professionstheoretischen Ansätzen (merkmalstheoretischer, strukturtheoretischer, kompetenztheoretischer Ansatz und die interaktionistische Professionstheorie).

Er gelangt dabei zur Erkenntnis, dass Habitus neben „Kompetenz“ als eine „weitere … Kategorie in Fragen der Professionalitätsentwicklung“ (53) zu beachten ist.

Der Begriff Habitus wird auf „eine innere Struktur im Menschen, die in ihrem Ausdruck über das Handeln beobachtbar wird“ (78), bezogen und (berufliches) Lernen in Zusammenhang mit der „Entwicklung von Handlungsdispositionen innerhalb von Habitusstrukturen“ (79) verstanden.

In einem Stufenmodell unterscheidet er zwischen Gesamthabitus, professionellem Habitus, „KitaerzieherInnenhabitus“ und „Habitus aggredi“ (93).

Letztgenannter ist auf der untersten Stufe angesiedelt und „bildet den Kristallisationspunkt von Lernprozessen“ (97) in Bezug auf die berufliche Bearbeitung von Konflikten.

Mit Blick auf das Kompetenzkonstrukt konkretisiert der Verfasser die Habitusstruktur: Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten werden als „bewusste Bestandteile“ (die sich als „Handlungsmuster“ auch im Habitus aggredi wiederfinden lassen) gefasst, Dispositionen und Kompetenzen als „unbewusste Kategorien“ in der Habitusstruktur verortet (113).

Das SAM, so ist die Annahme des Autor, sei in der Lage, „Wissen, Fertig- und Fähigkeiten in Form einer Qualifikation“ (115), welche „reflektierbare bewusste Bestandteile des Habitus aggredi“ (113) sind und den „bewussten Kern professionellen Handelns“ (115) bilden, direkt anzusprechen.

Im dritten Teil stellt der Verfasser das Systemische Aggressionsmanagement (SAM) vor. Er beschreibt diesen Ansatz und versucht eine theoretische Einordnung vorzunehmen. Dabei weist er deutlich auf theoretische und systematische Schwächen hin (eklektizistische Konstruktion, Verwendung von z.T. inkompatiblen Theorieansätzen, keine schriftlich detaillierte Konzeptdarstellung).

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die s.g. Aggressionsacht, methodische Prinzipien und die Ressourcenorientierung im SAM.

Bei der Aggressionsacht handelt es sich um eine originelle Denkfigur des Begründers. Dieses Modell ermöglicht die Strukturierung aggressiven Verhaltens resp. aggressiver Emotionen und deren Unterscheidung in geachtete (konstruktive) und geächtete Formen. Das Modell geht davon aus, dass die Grundlage von Aggressionen und Gewalt Bedürfnisse sind und dass eine Hemmschwelle beide Qualitäten voneinander trennt.

Im vierten Teil steht die Darstellung der empirischen Untersuchung selbst im Mittelpunkt. Volker Haase folgt mit seiner Studie dem methodenoffenen Forschungsdesign von Fröhlich-Gildhoff (2008) (vgl. 259).

Die Untersuchung hat einen quantitativen und in eine qualitativen Teil. Anhand von Fragebögen, die quantitative und auch qualitative Fragen enthalten, will der Autor „Effekte des SAM im professionellen Handeln von KitaerzieherInnen an vier Messstandorten sowie über drei Messpunkte hinweg sichtbar“ (5) machen. Diese Befragung wird mit qualitativen Interviews induktiv ergänzt. Vorrangig sollen diese die „Konfiguration des Habitus aggredi“ (5) herausarbeiten.

Leider kann die quantitative Analyse der Daten eine Zielführung des SAM im Sinne der Hypothesen nicht bestätigen (vgl. 317). Auch die qualitative kann lediglich eine unzureichende Effektstärke feststellen (vgl. 369).

In einer Schlussbetrachtung weist der Verfasser auf Entwicklungsmöglichkeiten des SAM in theoretischer und praktischer Hinsicht hin. Hervorzuheben ist die „grobe Skizze einer im SAM enthaltenen Konflikttheorie“ (373), die sich an den Begriffen Bedürfnisse, Ressourcen, Konflikt, Ressourcenerweiterung, Bedürfnisbefriedigung kristallisiert.

Die Erkenntnis, dass Persönlichkeitsmerkmale „bei der Konzeptualisierung von Professionsvorstellungen … hinsichtlich der Konfliktbearbeitung mitgedacht“ (375) werden müssen, ist keine neue Erkenntnis, aber schwer umzusetzen.

Diskussion

Das SAM ist ein aus dem Praxisalltag des Therapeuten und Psychomotorikers Dirk Schöwe entwickelter Ansatz, der in wenigen Aufsätzen und einem Kursskript veröffentlicht ist. Volker Haase gelingt es, auf Lücken und Schwächen dieses Praxiskonzepts aufmerksam zu machen und theoretische Ergänzungen anzubieten.

Nicht ganz einverstanden bin ich damit, wie der Verfasser die Begriffe Kompetenz, Qualifikation, Fertig- und Fähigkeiten in dem Habitusmodell anordnet. Ebenfalls kann ich die (nur zu analytischen Zwecken zwar) vorgenommene Trennung zwischen bewussten und unbewussten Teilen der Habitusstruktur nicht wirklich begreifen.

Die Begriffe „unbewusst“ und „bewusst“ werden im Rahmen einer wissenschaftlichen Argumentation an entscheidender Stelle verwendet. Wie aber will der Autor diese verstanden wissen und in welchen theoretischen Kontext werden sie gestellt?

Warum Kompetenzen nun habituelle Subkategorien sein sollen (vgl. 100), ist mir ebenfalls nicht klar. Was meint der Autor denn nun genau, wenn er die „mit dem Kompetenzbegriff …assoziierten Kategorien ‚Wissen‘, ‚Fertig- und Fähigkeiten‘“ im Rahmen einer „theoretischen Triangulation als habitusassoziiert betrachtet“ (4)? Ebenso frage ich mich, warum Qualifikation, Wissen, Fertig- und Fähigkeiten nicht ebenfalls durch internale Werte, Normen und Regeln gesteuert sein sollten (vgl.104).

Volker Haase begründet den Aufbau seiner empirischen Studie stringent und diskutiert deren Ergebnisse mit wissenschaftlicher Haltung. Er weist darauf hin, dass sie die Kriterien der Repräsentativität, Validität und Reliabilität nicht in vollem Umfang erfüllen kann.

Der Gegenstand des SAM ist „das Management von Aggressionen zur Förderung individueller und sozialer Gesundheit.“ (123) Ich sehe den Begriff „Management“ in Zusammenhang mit diesem Verfahren als verfehlt an. Die zeitgenössische Begriffsverwendung ist eher technischer Art im Sinne einer Organisation von Aufgaben und Abläufen. Das, was ich in diesem Buch über SAM gelesen habe, lässt mich nicht annehmen, dass es sich hierbei um einen vorrangig technischen Ansatz handelt.

Ebenfalls möchte ich nicht versäumen darauf hinzuweisen, dass es meiner Meinung nach nicht angebracht ist, in Bezug auf Kinder von Gewalt zu sprechen. Auch finde ich den Gebrauch des Begriffes „Trotzphase“ (1) in einer wissenschaftlichen Publikation fehl am Platz.

Fazit

Das Buch argumentiert geschlossen und sorgfältig. Es berührt viele Aspekte und verschafft einen vertiefenden Einblick besonders in die Themenbereiche Habitus und Weiterbildung sowie Konzeptionierung und Ausgestaltung einer empirischen Studie.

Dieses Werk eignet sich gut für Wissenschaftler, Lehrende, Studierende und Praktiker, welche sich mit Fragen aggressiven Verhaltens von Kindern im Kontext beruflicher Weiterbildung beschäftigen und deren empirische Evaluation planen.

Das Angebot an Fort- und Weiterbildungen zum pädagogischen Umgang mit Aggression und Gewalt junger Menschen ist stattlich, die Konkurrenz der Anbieter stark ausgeprägt. Das vorliegende Buch wird Aufmerksamkeit auf diesen Ansatz lenken.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 04.07.2017 zu: Volker Haase: Systemisches Aggressionsmanagement. Professionalitätsentwicklung im Kontext von Weiterbildung, Habitus und Kompetenz. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-8300-9305-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22621.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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