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Alexander Betts, Paul Collier: Gestrandet (Flüchtlings­politik)

Cover Alexander Betts, Paul Collier: Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet - und was jetzt zu tun ist. Siedler Verlag (München) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-8275-0090-8. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 33,90 sFr.
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Thema

Die Lage der Welt begreifen heißt: Eins und Eins zusammenzählen zu können! In der sich immer interdependenter, entgrenzender und wohl auch ungerechter entwickelnden Welt halten sich Hilflosigkeit und Gewissheit die Waage; Hilflosigkeit ob der konfliktreichen und gewaltsamen Entwicklung hin zu immer mehr sozialer Ungerechtigkeit und des mehr und mehr auseinanderdriftenden humanen Existierens der Menschen in der (Einen?) Welt; und der scheinbaren, ego- und ethnozentrischen Positionen, die sich in Einstellungen wie: „Jeder ist sich selbst der Nächste!“ und „Ego first“ zeigen und inhumane, nationalistische, populistische und rassistische Entwicklungen schaffen. Im Diskurs darüber, wie Eingesessene und eher Saturierte darauf reagieren, dass sich derzeit weltweit mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht vor gewaltsamen Verfolgungen, Kriegen, Umwelt- und Hungerkatastrophen sind; die meisten davon im eigenen Land oder in Nachbarländern Schutz suchen, und viel weniger von ihnen die Last und Gefahr auf sich nehmen, um europäische Länder zu erreichen. Die Flüchtlinge treffen fast immer auf Mauern, Stacheldrahtzäune und Grenzposten; und sie setzen sich dem Risiko aus, dass die Zielländer das Menschenrecht auf Asyl allzu egoistisch und abweisend auslegen, und sie erst gar nicht in das Land kommen, oder von dort wieder abgeschoben werden. Nur in wenigen Fällen zeigt sich eine „Willkommenskultur“, die von dem Verantwortungsbewusstsein bestimmt wird, dass „Jedermann ( ) das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard… (hat)“, wie es in Artikel 25 der globalen Ethik, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 heißt (Paul Collier, Exodus. Warum wir Einwanderung neu regeln müssen, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/19667.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die „Flüchtlingskrise“ ist gemacht! Mit all den Auswirkungen für alle Beteiligten! Da ist die Rede von der „Politik des herzlosen Kopfes“, bei der eine Verschärfung der Abwehrmaßnahmen gegen Einwanderung im Vordergrund steht – und -einer „Politik des kopflosen Herzens“, bei der die individuellen und gesellschaftlichen Folgen nicht hinreichend berücksichtigt werden, und es zu Überforderungen, Irritationen und aggressiven Einstellungen gegen Fremde kommt. Im Diskurs um Einwanderungspolitik, Asylrecht und lokal- und global-humaner Verantwortung gibt es zahlreiche Berichte, Analysen und Prognosen, die kongenial, kooperativ oder konfrontativ Lösungsansätze anbieten (Jos Schnurer, „Schauen Sie nicht zu, sondern hin!“, www.sozial.de/schauen-sie-nicht-zu-sondern-hin.html ). Trotz der unterschiedlichen Interpretationen sind sich die meisten seriösen Positionen darin einig, dass die Menschen einen Perspektivenwechsel vollziehen müssen, soll eine humane Existenz der Menschheit gegenwarts- und zukunftsfähig sein: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). So wird die Flüchtlingspolitik zur lokalen und globalen Gesellschafts- und Kapitalismuskritik!

Diese Herausforderung nehmen die beiden Wissenschaftler von der Universität Oxford an: Der Ökonom und Armutsforscher Paul Collier (Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13125.php) und der Migrationsforscher Alexander Betts, beide in internationalen Friedens- und Menschenrechtseinrichtungen engagiert, wollen sich nicht mit den gängigen, rechtlichen und politischen Auffassungen über die Gleichsetzung von „Einwanderern“ und „Flüchtlingen“ zufrieden geben. Sie stoßen auch nicht in das Horn von denjenigen, die entweder mit altruistischen oder rechtsphilosophischen Begründungen eine neue Menschheitsverantwortung einfordern; vielmehr gehen sie mit der Frage „Warum funktioniert unser heutiges globales Flüchtlingssystem nicht?“ den Ursachen nach, warum das internationale Asyl- und Flüchtlingsrecht gescheitert ist: „Asyl (darf) nicht nur als ein humanitäres Problem ( ), sondern muss auch als ein Entwicklungsproblem verstanden werden“. Anerkennenswert und wohltuend, weil überzeugend, verstehen sich die beiden Wissenschaftler nicht als „Macher“, sondern als „Denker“, was bedeutet, dass ihre Analyse keine Rezeptologie, sondern eine Vision ist.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren gliedern ihr Buch in drei Teile.

  1. Im ersten Kapitel geht es um die Frage: „Wie kam es zu der Krise?“,
  2. im zweiten wird mit „Umdenken“ das weite Feld hin zum Perspektivenwechsel diskutiert;
  3. und im dritten Teil werden mit dem Versuch, eine „Neuauflage der Geschichte“ anzuregen, Fragen nach den Zusammenhängen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gestellt.

Die Aufforderungen, eine neue Weltordnung zustande zu bringen, bestimmen den internationalen Diskurs zur Lage der Welt, und sie lassen immer wieder die Frage aufkommen, wie sich die real existierende „Weltunordnung“ entwickelt hat und inhuman wirkt. Es sind sowohl nationale, als auch internationale Zustände, die sich als egoistische und ethnozentrierte „Selbstverständlichkeiten“ darstellen, wie auch als extremistische, fundamentalistische und terroristische Akte in Erscheinung treten. Die Auswirkungen und Maßnahmen gegen Machtmissbrauch, Gewalt und antidemokratische Strukturen, die Menschen zur Flucht zwingen, werden bis heute durch die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 geregelt; die dort formulierten Rechtsnormen jedoch entsprechen nicht mehr den heutigen Entwicklungen, und damit auch nicht den Definitionen: „Was ist ein Flüchtling?“. Denn die Grundlage der „force majeur“, der Gewalt vor Verfolgung, öffnet ganz unterschiedlichen Interpretationen Tür und Tor. Die Autoren schlagen deshalb vor, „Furcht vor ernsthaftem physischem Schaden“ zu verwenden, wenn es um die Anerkennung als Flüchtling geht. Die als historische Analyse und in konkreten Entwicklungen aufgewiesenen nationalen, europäischen und weltweiten Maßnahmen verdeutlichen die gewordenen und aktuellen Zustände der Flüchtlingskrise und rufen veritable Staats- und internationale Kooperationskrisen hervor, bis hin zu den gefährlichen Tendenzen von Auflösungserscheinungen und Konfrontationsformen in transnationalen Zusammenhängen. Mit den Metaphern von der Politik des „kopflosen Herzens“ und des „herzlosen Kopfes“ markieren Collier und Betts die aktuelle Situation, und sie verdeutlichen damit die Ausweglosigkeit für eine humane Lösung des Flüchtlingsproblems.

Wenn (politische und gesellschaftliche) Entwicklungen alternativlos erscheinen, kommt es darauf an, umzudenken! Und zwar nicht in die Richtung Ego und Ethno, sondern ethisch; der Verpflichtung und Verantwortung, Menschen in Not zu helfen. Die Überzeugung, dass eine andere, gerechtere (Eine) Welt möglich ist, wird den Menschen weder in die Gene noch in die Wiege gelegt, sondern sie muss sich als solidarische, humane Einstellung entwickeln, und zwar mit Kopf, Herz und Hand, also ganzheitlich und engagiert. Die abwehrende, eher als Fake News denn als ernsthaftes Argument einzuordnende Einstellung: „Wir können nicht alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen!“, wird leider deshalb faktisch und meinungsbildend, weil im Flüchtlings- und Einwanderungsdiskurs eine falsche Politik vorherrscht, nämlich ein „zweistufiges Flüchtlingssystem (als) Luxusmodell für die zehn Prozent, die es … in die reichen Länder schaffen, und ein Modell der Abhängigkeit und Armut für die 90 Prozent, die in den heimatnahen und deshalb konfliktnahen Asylländern bleiben“. Die Autoren plädieren deshalb für ein qualifiziertes Flüchtlings- und Migrationsrecht, bei dem „Flüchtlinge … nicht nur passive Objekte unseres Mitleids, sondern Akteure (sein können), die durch grausame Umstände in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt wurden“. Dass dies keine Illusion sein muss, sondern sich als eine tatsächliche Alternative für eine Hilfe zur Selbsthilfe entwickeln kann, vermitteln die Autoren in zahlreichen Beispielen in mehreren Ländern.

Positive Lösungsansätze, bei denen eine gelingende Integration und gleichzeitig der Erwerb von Kompetenzen für eine mögliche, zukünftige Teilnahme am ökonomischen und kulturellen Aufbau des Heimatlandes Ziele sind, bedürfen der individuellen und institutionellen, längerfristigen und nachhaltigen Förderung. Die Grundvoraussetzung jedoch, wie Flüchtlingen Schutz, Individualität und Autonomie ermöglicht werden kann, besteht in dem (bisher weitgehend fehlenden) Bewusstsein von der globalen Verantwortung, und damit auch der Lastenteilung. Weil aber die Welt nicht so ist, wie sie human wünschenswert wäre, kommt es darauf an, lokal und global daran mitzuarbeiten, dass sich die bisher praktizierten und gewohnten Auffassungen bei der Bewältigung der weltweiten Flüchtlingskrise ändern, „dass nämlich ein derartiges Regime ausschließlich Staaten betrifft, dass es multilateral sein und dass der Fokus allein auf humanitären Fragen liegen muss“. Das Plädoyer der Studie lautet deshalb: Praktische, operative Veränderungen vor Ort, anstelle der Aushandlung von abgehobenen, abstrakten Prinzipien.

Fazit

Kopf und Herz benutzen, um eine humane Alternative zum bisherigen (gescheiterten) System der nationalen und internationalen Flüchtlingspolitiken zu entwickeln, bedeutet vor allem, die Ursachenanalyse vor dem Reparaturbetrieb zu stellen und sich bewusst zu werden, dass, ähnlich der individuellen und interkulturellen Erkenntnis, dass der Fremde ich selbst bin, auch eine humanitäre und humanistische Lösung der Flüchtlingskrisen in der Welt etwas mit mir selbst zu tun hat. Damit dieses einfache wie gleichzeitig schwierige und anstrengende Bewusstsein gelingen kann, haben Paul Collier und Alexander Betts in ihrer Studie auf einen wichtigen Aspekt in besonderer Weise geachtet, nämlich die komplizierten und komplexen Zusammenhänge und Imponderabilien zur Frage der globalen Flüchtlingskrisen allgemeinverständlich, informativ und auch für die nichtfachliche Leserschaft nachvollziehbar, inspirierend und motivierend zu formulieren.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.04.2017 zu: Alexander Betts, Paul Collier: Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet - und was jetzt zu tun ist. Siedler Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-8275-0090-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22625.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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