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Franz Wienand: Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien

Cover Franz Wienand: Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien. Grundlagen und Praxis - ein Handbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. 415 Seiten. ISBN 978-3-17-021007-3. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Thema

Das Handbuch „Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien“ von Franz Wienand widmet sich voll und ganz den diagnostischen Verfahren der Psychologie, die sich des Mechanismus der Projektion bedienen. Dies sind im Wesentlichen zeichnerische, verbal-thematische und spielbasierte Gestaltungsverfahren sowie Formdeuteverfahren. Das Buch gibt einen weitreichenden Überblick, stellt sämtliche projektive Verfahren dezidiert vor und beschäftigt sich dabei ebenso mit geeigneten Einsatzmöglichkeiten für diese Verfahren, wie mit der kritischen Perspektive der empirischen Psychologie.

Autor

Dr. med. Franz Wienand ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Diplom-Psychologe. Er ist Psychoanalytiker und hat abgeschlossene Ausbildungen in Gesprächspsychotherapie, Katathym Imaginativer Psychotherapie und psychoanalytisch-systemischer Therapie. Neben seiner Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychiater in niedergelassener Praxis ist er als Dozent und Supervisor in der Ausbildung von Psychotherapeuten tätig.

Weitere Autor*innen einzelner Unterkapitel sind Michael Günter, Gabriele Meyer-Enders und Monika Wienand.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buchs ist klar und stringent.

Nach einem Geleitwort von Gerd Lehmkuhl und einer Danksagung des Autors folgt die Einleitung zum Handbuch.

Die darauffolgenden neun Kapitel beschäftigen sich hauptsächlich mit je einer speziellen Gruppe projektiver projektiver Verfahren. Jedes Kapitel beginnt mit einer inhaltlichen Übersicht, einer eigenen Einführung in die Besonderheiten der Thematik und enthält zahlreiche Fallbeispiele und Illustrationen zu den verschiedenen Anwendungen.

Zunächst beschäftigt sich jedoch das zweite Kapitel mit der Theorie und der Problematik projektiver Verfahren. Der Schwerpunkt des Kapitels liegt dabei eindeutig auf einer Herausstellung der Nützlichkeit projektiver Diagnostik in Abgrenzung zu den mangelnden Gütekriterien dieser. Der Autor rückt den psychotherapeutischen Umgang mit projektiven Verfahren dabei in die Nähe qualitativ-heuristischer Methoden, wie sie die empirische Sozialforschung kennt. Es werden zudem psychodynamische und entwicklungspsychologische Grundlagen, wie der Begriff der Projektion, die Fähigkeit zur Symbolisierung, Bewusstsein und Unbewusstes angerissen.

Den Fokus des dritten Kapitels bilden die zeichnerischen Gestaltungsverfahren. In den ersten Abschnitten zu Baum-Zeichnungen, Menschzeichnungen, Familie-Zeichnungen werden mehrere Diagnostikverfahren in der entsprechenden Gruppe zusammengefasst. Weitere Abschnitte beschreiben den Sterne-Wellen-Test (SWT), den Wartegg-Zeichen-Test (WZT) und das Squigglespiel von Winnicott. Erwähnt werden zudem der Button-Test, das Projektive soziale Atom, das Beziehungsrad und der Problemkuchen.

Das vierte Kapitel versammelt sehr unterschiedliche Verfahren, welche allesamt als verbal-thematische Verfahren beschrieben werden können. Diesen Diagnostika ist gemein, dass mit bestimmtem Reizmaterial ein Thema vorgegeben wird, zu dem sich die Testperson in sprachlicher Form äußern soll. Zunächst werden in zwei unterschiedlichen Abschnitten sogenannte Wunschprobeverfahren und Satzergänzungstests zusammengefasst. Danach werden in einzelnen Unterkapiteln, die Düss-Fabeln, der Picture-Frustration-Test (PFT), der Schweinchen-Schwarzfuß-Test (SFT), der Thematische Apperzeptionstest (TAT), der Kinder-Apperzeptions-Test (CAT), der Schulangst-Test (SAT), der Geschichten-Erzähl-Test projektiv (GETp), der Apperzeptive Situationstest (AST) und zuletzt Märchentests vorgestellt.

Im fünften Kapitel geht es um einen essentiellen Bestandteil vieler Kindertherapien: das kindliche Spiel und die spielerischen Gestaltungsverfahren. Nach zusammengefassten Einlassungen zur Entwicklung des kindlichen Spiels und dessen diagnostischer Bedeutung in den verschiedenen therapeutischen Schulen beschreibt Gabriele Meyer-Enders, die Diagnostik in der Sandspieltherapie, den Scenotest und als neuentwickelte spielorientierte Verfahren, den Kinderwelttest (KWT) und den Plämokasten.

Das sechste Kapitel steht unter der Überschrift Formdeuteverfahren und ist allein dem Rorschach-Test und dessen Weiterentwicklungen (Comprehensive System, Holtzman Inkblot Technique und Würzburger Rorschach-Modifikation) vorbehalten.

Kapitel sieben stellt projektive Verfahren zusammen, die unter dem Titel Bindungsdiagnostik Aussagen zur sozial-emotional gefärbten Bindung zwischen Eltern und Kind bereithalten. Zunächst werden nochmals die bereits im dritten Kapitel aufgeführten Mensch- und Familienzeichnungen unter bindungstheoretischer Perspektive betrachtet, inwieweit diese verlässliche Hinweise auf die Bindungssicherheit des Kindes geben können. Als originäre bindungsdiagnostische Methoden werden sodann der Separation Anxiety Test (SAT), das Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung (GEV-B), der Bochumer Bindungstest und das Adult Attachment Projective (AAP), welches auch bereits im Jugendalter eingesetzt werden kann, vorgestellt. Der letzte Abschnitt beschreibt, wie Bindungsaspekte sich in imaginativen Methoden der Katathym Imaginativen Psychotherapie wiederspiegeln.

Das achte Kapitel fasst Verfahren zusammen, die als Familiendiagnostik beschrieben werden können. Wienand unterteilt diese in drei Arten: Nicht-projektive Verfahren, Semiprojektive Verfahren und Projektive Verfahren. Unter ersterem finden sich das Subjektive Familienbild (SFB) und der Familien-Identifikationstest. In der zweiten Kategorie werden der Family Relations Test (FRT) und der Familien- und Kindergarten-Interaktionstest (FIT-KIT) angeführt und danach im dritten Abschnitt der Familien-Beziehungs-Test (FBT) und das Familienbrett in seinen unterschiedlichen Ausprägungen (z.B. als Familiensystemtest) als rein projektive Methoden behandelt.

Die Perspektive des neunten Kapitels liegt auf projektiven Verfahren in der (familienrechtlichen) Begutachtung. Es werden hier von Michael Günter demnach nicht weitere projektive Verfahren vorgestellt, sondern die bereits beschriebenen Methoden, wie Scenotest, CAT, TAT oder FRT unter diesem Blickwinkel betrachtet.

Das letzte, zehnte Kapitel behandelt auf acht Seiten in einem Fallbeispiel von Eltern mit einem fast achtjährigen Jungen den psychodiagnostischen Prozess unter Zuhilfenahme verschiedener projektiver Tests im Detail.

Diskussion

Dieses Handbuch stellt eine beeindruckende Fleißarbeit dar. Es rückt mehr als 30 projektive Verfahren in den Mittelpunkt, beleuchtet deren historischen Entstehungskontext, deren theoretische Grundlagen, Indikation, Durchführung, Auswertung und Interpretation, deren Gütekriterien und kommentiert jedes abschließend in Kürze. Dazu braucht es nicht nur eine Menge fundiertes Wissen, sondern auch reichhaltige Erfahrung mit projektiven Methoden. Diese Erfahrung des Autors (und der Mitwirkenden) wird im Buch an allen Ecken und Enden deutlich.

Seit der aktualisierten Auflage von Cierpkas „Handbuch der Familiendiagnostik“ 2008 ist mir kein anderes Buch bekannt, dass mit solch einer Fülle von Informationen zu diesem Thema aufwartet. Im Vergleich mit diesem Buch, verfolgt das Handbuch „Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien“ von Wienand, neben einer anderen Schwerpunktsetzung, allerdings eine etwas detaillierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Verfahren und zieht gerade hieraus seinen Gewinn. Zeitweise ist dem Buch trotzdem anzumerken, dass der Autor sich in seiner langjährigen Praxis mit manchen diagnostischen Verfahren intensiver beschäftigt hat als mit anderen. So scheint in den Abschnitten, in denen es um imaginative Verfahren geht, ebenso wie bei den verbal-thematischen Verfahren, die besondere Expertise des Autors durch. Dies ist bei der Fülle der vorgestellten Methoden nur allzu natürlich und dennoch fallen andere Kapitel im Vergleich mit den eben genannten nicht ab. Zum einen greift der Autor, wie oben erwähnt, an ihm geeigneten Stellen auf andere Experten zurück, zum anderen recherchiert er sehr gründlich auch neuere Diagnostikformate.

Das Beispiel des Kapitels zur Bindungsdiagnostik mag dies illustrieren: Ein überwiegender Teil, der hier vorgestellten Verfahren sind erst in den letzten 20 Jahren in der klinischen Forschung entwickelt worden oder erst seit kurzem (wenn überhaupt) für deutschsprachige Praktiker publiziert. Dem Autor gelingt es in diesem Kapitel (beispielhaft für das gesamte Buch) nicht nur alle relevanten Informationen zusammenzutragen und die Verfahren plastisch darzustellen, sondern er eröffnet in zwei weiteren Abschnitten gegen Ende, wie andere projektive und imaginative Methoden genutzt werden können, um sich verschiedenen Aspekten von Bindung zu nähern („imaginative Bindungsdiagnostik“).

Es sollte vielleicht gesagt werden, dass dieses Handbuch zwar einen aktuellen Blick auf projektive Diagnostik wirft, die besprochenen Verfahren an sich jedoch meist über 50 Jahre alt sind und sich seither in vielen Fällen weder die Anwendungs- oder Auswertungsmethodik (zumindest in der publizierten Literatur), noch die Gütekriterien aktualisiert haben. Auch dies lässt der Autor nicht unerwähnt. Nicht nur er muss sich fragen, warum diese in der Praxis, aufgrund ihrer Ökonomie und ihres hohen Aufforderungscharakters, vielfach angewendeten Verfahren nur in wenigen Fällen beforscht oder gar weiterentwickelt werden.

Wer also bereits die meisten der oben aufgeführten Diagnostikverfahren kennt bzw. nutzt und die entsprechende Primärliteratur besitzt, kann sich fragen, mit welchem Gewinn er dieses Handbuch lesen wird. Alle anderen bekommen einen profunden, gut sortierten und sehr gut aufbereiteten Überblick, über die im deutschen Sprachraum verbreitetsten projektiven Verfahren, über einen psychoanalytischen Denkrahmen hinaus.

Fazit

Das Buch „Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien“ ist ein für Praktiker geschriebenes Überblickswerk, dass sich nicht scheut an einigen Punkten in die Tiefe zu gehen. Es enthält eine klare Strukturierung und kann schlaglichtartig quergelesen werden. Der Autor zeigt sich in thematisch passenden Einführungen, Fallbeispielen und Schlussbemerkungen als profunder Kenner, der von ihm dargestellten Verfahren und als erfahrener Diagnostiker und Kindertherapeut. Als eines der wenigen Werke zur projektiven Diagnostik überhaupt in den letzten Jahren, hat es an manchen Stellen Lehrbuchcharakter, ohne dass es behaupten würde, die Verfahren in Durchführung und vor allem Auswertung vollständig zugänglich zu machen.

Besonders hervorzuheben ist, dass es die Schwächen der projektiven Methoden nicht wegdiskutiert und dabei gleichzeitig immer wieder auf die Stärken dieser, nicht nur in der kinder- und jugendpsychiatrischen/ -psychotherapeutischen Praxis, sondern auch in etlichen Beratungsstellen eingesetzten, Verfahren verweist. Insofern kann das Handbuch allen Studierenden der (klinischen) Psychologie ans Herz gelegt werden, die ihre diagnostischen Kompetenzen in diesem Feld erweitern wollen. Ebenfalls gehört das Buch in die Hände eines jeden Kinderpsychotherapeuten in Ausbildung, ohne damit sagen zu wollen, dass selbst erfahrene Kolleg*innen hier nichts Wissenswertes finden werden.

Auch in sozial- und heilpädagogischen Einrichtungen sowie Beratungsstellen, die mit projektiver Diagnostik arbeiten, kann das Buch sowohl als Kompendium nachgelesen, sowie als Anregung aufgefasst werden, seinen angestammten Einsatz von projektiven Tests und Methoden auf den Prüfstand zu stellen und gegebenenfalls zu erweitern. In seinem Bereich hat das Buch das Zeug dazu, ein Standardwerk zu werden, auch da mir kein neueres Buch bekannt ist, das eine derart große Übersicht projektiver Verfahren zusammenfasst.


Rezensent
Dipl.-Sozialpäd. Mathias Berg
M.A., Mitarbeiter einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle, Doktorand an der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Mathias Berg. Rezension vom 20.06.2017 zu: Franz Wienand: Projektive Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien. Grundlagen und Praxis - ein Handbuch. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-021007-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22626.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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