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Nina Kathrin Joyce-Finnern: Vielfalt aus Kinderperspektive

Cover Nina Kathrin Joyce-Finnern: Vielfalt aus Kinderperspektive. Verschiedenheit und Gleichheit im Kindergarten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 254 Seiten. ISBN 978-3-7815-2158-2. D: 42,00 EUR, A: 43,20 EUR.
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Autorin

Nina Kathrin Joyce-Finnern, Dipl.-Päd., war als wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Bremen und Paderborn in Forschungsprojekten zur inklusiven Bildung und Erziehung in der frühen Kindheit beschäftigt. Sie arbeitet als Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen in Bremen.

Thema

Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Frage: Wie konstruieren Kinder in der Kita soziale Differenz und Gleichheit und welche Bedeutung kommt dabei dem Konstrukt Behinderung zu?

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde von der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn als Dissertation angenommen.

Aufbau und Inhalt

Die ersten Kapitel der Arbeit stellen den theoretischen Bezugsrahmen der Arbeit dar, die inklusionspädagogische Forschung und die Kindheitsforschung, in denen zentrale Begriffe geklärt werden.

Anschließend erfolgt ein Überblick über den Stand der Forschung in für die Arbeit relevanten Teilaspekten, so der Entwicklungspsychologie (kognitive und soziale Entwicklung, Selbstkonzept, Perspektivenübernahme), der Integrationspädagogik und der Forschung zur Entwicklung von Vorurteilen und Einstellungen in der frühen Kindheit.

Im nächsten Kapitel stellt die Autorin die methodologischen Grundlagen ihres Forschungsprojektes dar, die Ethnografie und die Grounded Theory, und erläutert, wie diese beiden sinnvoll zusammengeführt wurden. Außerdem diskutiert sie die Herausforderungen, die durch die Generationendifferenz zwischen Forscherin und Kindern entstehen könnten. Die ethnographische Feldforschung erfolgte zwischen 2010 und 2013 in vier Gruppen einer integrativen Tageseinrichtung in drei Zyklen der Datenerhebung und der Datenanalyse.

Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse der Forschung dargestellt. Die Darstellung erfolgt jeweils mittels ausgewählter Protokollausschnitte und deren Interpretation. Die Praktiken zur Differenzkonstruktion der Kinder sind nicht losgelöst von den institutionellen Strukturen und den Praktiken der pädagogischen Fachkräfte zu sehen, deshalb werden zuerst die Kategorien der Erzieherinnen analysiert. Es zeigt sich als wichtiges Ordnungsprinzip die Unterscheidung von „groß“, „erwachsen“ und“ (Vor-)Schulkind“ von „klein“ und „babymäßig“. Den Großen wurden Fähigkeiten und Kompetenzen zugeschrieben, die sie von den Kleinen unterschieden, und sie hatten dafür mehr Aufgaben und Privilegien. Die Autorin versteht diese Privilegien, die sich am Erwachsensein orientieren, als Ausdruck der Diskriminierung. Zudem wurde das Tabu beobachtet, über Behinderung zu sprechen. Es werden auch die widersprüchlichen Erwartungen an den Kindergarten deutlich, einerseits orientiert an Bildungsplänen zur Schulvorbereitung zu dienen, andererseits soziale Teilhabe zu gewährleisten.

In den untersuchten Kindergartengruppen gab es für die Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf auch persönliche Assistenten. Diese Form der Unterstützung, etabliert im Erwachsenbereich zur Unterstützung der Selbstbestimmung, führt im Kindergarten zu Widersprüchlichkeit und Ambivalenz der Aufgabe. Es wird die Frage gestellt, ob die persönliche Assistenz dem Kind oder der Institution nützt. Sie bildet oft eine zusätzliche Barriere zur Inklusion und separiert das Kind.

Die Kinder ordneten ähnlich wie die Erwachsenen ebenfalls „groß – klein“, „Baby – Schulkind“. Dies diente der Statusfindung und der Abgrenzung und war oft abwertend, konnte aber auch differenzierter und flexibler in Rollenspielen beobachtet werden. Den Kindern mit Förderbedarf wurde oft „klein“ zugeschrieben, was wiederum bei diesen Kindern Widerstand hervorrief und sie vielfältige Strategien entwickelten, um der Bevormundung durch die Peers zu entgehen. Die Peer-Kontakte mit Kindern mit besonderem Förderbedarf waren oft asymmetrisch wie sonst mit jüngeren Kindern. Die Asymmetrie in der Teilhabe an Peer-Kultur konnte aufgehoben werden, z.B. aufgrund eines gleichen Gegenstands oder aufgrund exklusiven Wissens. Dort waren die Beiträge oft anschlussfähig.

Zum Abschluss der Arbeit formuliert die Autorin Leitlinien für eine gute Praxis.

Diskussion

Das Buch stellt eine interessante Forschungsarbeit vor. Joyce-Finnerns Ansatz der Beobachtung der Kinder im Gruppensetting erbrachte wertvolle Erkenntnisse.

Die Autorin greift das bio-psycho-soziale Behinderungsmodell der ICF und der UN-BRK auf und kennzeichnet Behinderung als Form menschlicher Normalität und als Resultat gesellschaftlichen Handelns. Sie formuliert für ihre Arbeit einen absoluten Inklusionsanspruch. So entschuldigt sie sich – trotz des inklusiven Anspruchs – für ihre kategoriale Herangehensweise und der Formulierung von Differenzdimensionen. Sie kritisiert die Entwicklungspsychologie als zu normorientiert, muss aber trotzdem deren Erkenntnisse heranziehen um z.B. notwendige Voraussetzung für Zuschreibungen (z.B. kognitive Entwicklung, Entwicklung des Selbstkonzeptes) zu berücksichtigen.

Nina Kathrin Joyce-Finnerns analysiert ihre genauen Beobachtungen sehr detailliert mit großer Feinfühligkeit. Sie bewertet (oder zerpflückt) oft jedes Wort, ein erhobener Zeigefinger ist spürbar.

Sie entwickelt gute Gedankenspiele, um Markierung zu verhindern und das Augenmerk nicht auf das Defizit zu lenken, zum Beispiel durch die Flexibilisierung und Vereinfachung von Ritualen. Konsequent zu Ende gedacht verbessern diese Vorgehensweisen eventuell die bemängelte Situation, verhindern sie aber auch nicht immer. In diesem Zusammenhang kritisiert die Autorin auch die separate Förderung der Kinder mit besonderem Förderbedarf.

Es wird deutlich herausgearbeitet, dass das Handeln der Pädagogen sich sowohl auf die Akzeptanz der Kinder mit Behinderung als auch auf die Teilhabe an Peer-Interaktionen auswirkt. Die Kinder mit Förderbedarf werden jedoch häufig als besonders hilfebedürftig, als die „Kleinen“ behandelt. Erfreulich kritisch ist die Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen einer persönlichen Assistenz der Kinder mit besonderem Förderbedarf, die eine deutliche Markierung des Kindes bedeutet.

Insgesamt wird durch die Analyse auch deutlich, welche großen Herausforderungen an die Kindertagesstätten gestellt werden, im Spannungsfeld zwischen Inklusion und Fitmachen der Kinder für die Schule auch noch dem einzelnen Kind gerecht zu werden.

Das Buch endet mit Leitlinien für eine gute Praxis. Diese können gut zur Reflexion in Teams verwendet werden.

Fazit

Das Buch stellt eine interessante Forschungsarbeit vor. Nach einer theoretischen Einführung (Inklusionspädagogik, Kindheitsforschung, Entwicklungspsychologie) und der Beschreibung der Forschungsmethode (Ethnographie, Grounded Theory) wird die Analyse von Beobachtungen in Kindertagesstätte dargestellt. Diese feinfühlige Analyse zeigt auf, wie Erwachsene und dem folgend die Kinder Differenzen (Alter, Status, Förderbedarf) konstruieren sowie deren Verhaltenswirksamkeit im Kindergartenalltag. Die Schlussfolgerungen, dargelegt in Leitlinien für die Praxis, sind sehr gut nachvollziehbar und können sinnvoll in die Teamdiskussion eingebracht werden.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 28.09.2017 zu: Nina Kathrin Joyce-Finnern: Vielfalt aus Kinderperspektive. Verschiedenheit und Gleichheit im Kindergarten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2158-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22634.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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