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Birgit Lütje-Klose, Mai-Anh Boger u.a. (Hrsg.): Menschenrechtliche, sozialtheoretische und professionsbezogene Perspektiven

Cover Birgit Lütje-Klose, Mai-Anh Boger, Benedikt Hopmann, Phillip Neumann (Hrsg.): Menschenrechtliche, sozialtheoretische und professionsbezogene Perspektiven. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 279 Seiten. ISBN 978-3-7815-2159-9. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Band I der Veröffentlichung zur Bedeutung von Inklusion in der Leistungsgesellschaft befasst sich mit menschenrechtlichen, sozialtheoretischen und professionsbezogenen Perspektiven. Es geht dabei um die theoretischen und praktischen Bedingungen der Möglichkeit inklusionsorientierten Handelns innerhalb primär leistungsbezogener gesellschaftlicher Verhältnisse.

Herausgeber*innen

Die vier Herausgeber*innen arbeiten in der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Bielefeld. Birgit Lütje-Klose ist Professorin für Sonderpädagogik mit dem Schwerpunkt Heterogenität, Mai-Anh Boger, Benedikt Hopmann und Phillip Neumann wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, die 2016 gemeinsam mit weiteren Kolleg*innen die 30 Jahrestagung der deutschsprachigen Integrations- bzw. Inklusionsforscher*innen (IFO) an der Universität Bielefeld organisiert haben.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band bildet Teil I einer Dokumentation von Beiträgen, die für die 30. Jahrestagung der Integrations- bzw. Inklusionsforscher*innen (IFO) vom 17. bis 20. Februar 2016 mit dem Titel „Leistung inklusive? Inklusion in der Leistungsgesellschaft“ an der Universität Bielefeld entstanden sind. Die seit 1987 alljährlich im deutschsprachigen Raum stattfindende Tagung begleitet und prägt seither die theoretischen Debatten um (schulische) Integration, die Entwicklung der Inklusionsforschung sowie die seit Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) im Namen inklusiver Bemühungen erfolgten (bildungs)politischen Ansätze zu ihrer Umsetzung.

Diese Genese der Tagungsausrichtung aufgreifend, stellten sich die Organisator*innen anlässlich des 30jährigen Jubiläums einem dezidiert politischen Thema: „Wie kann Inklusion, die die Anerkennung aller Mitglieder der Gesellschaft als gleichwertig voraussetzt, in einer Gesellschaft verwirklicht werden, die auf der meritokratischen Ideologie und somit vordergründig auf dem Leistungsprinzip fußt und dadurch Mitglieder der Gesellschaft je nachdem, in welchem Maße ihre Leistungen anerkannt werden, privilegiert oder (mehr oder weniger) exkludiert?“ (6)

Aufbau

Der vorliegende erste Band der Dokumentation fragt nach theoretischen Zusammenhängen zwischen Inklusion und Leistungsgesellschaft, nach dem Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung von Vielfalt und Leistung sowie nach den Konzeptionen von Bildung, in denen sich die gesellschaftlichen Antworten niederschlagen.

Inhalt

Der vorliegende Band I gliedert sich in vier Teile, die gesellschaftstheoretisch fundierte kritische Perspektiven mit der Gestaltungsmacht positiver Momente inklusionsorientierten Handelns versuchen zu verbinden.

Teil I befasst sich unter der Überschrift „Politische Entwürfe“, wie, wo und wodurch die Forderungen der UN-BRK in einem kapitalistischen System wirkmächtig werden können. Dabei werden besonders die rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die unterschiedlichen Akteure im Diskurs fokussiert. Zu Beginn geht Michael Wrase aus juristischer Sicht der Frage nach, vor welche Herausforderungen sich die (Schul)Bildungspolitik angesichts der menschenrechtlichen Fundierung der UN-BRK gestellt sieht. Andreas Zick befasst sich auf empirischer Grundlage mit der Macht des Vorurteils im Zusammenhang mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Den Bogen zu neoliberalen Rhetoriken und realen Entwicklungen schlagen die Beiträge von Ines Boban und Andreas Hinz sowie David Jahr. Dabei rückt insbesondere die Frage in den Raum, wem und zu welchen Zwecken Diversität nützt und gegebenenfalls über selektive Anerkennungsprozesse interessengeleitet instrumentalisiert wird. Nach alternativen inklusionsorientierten Leistungsbegriffen suchen die Beiträge von Jana Zehle, Florian Sander und Walther Dreher.

Teil II fokussiert eine Vielzahl unterschiedlicher im Inklusionsdiskurs zu verfolgender Theoriezugänge. „Diskursanalytische Verfahren in der Nachfolge Foucaults, insbesondere normalismus-kritische Ansätze (Ulrike Schildmann); Intersektionalitäts- und interdependenztheoretische Zugänge, insbesondere solche, die sich auf die neueren arbeiten zu Ableismus aus den Disability Studies beziehen (Nadine Dziabel); Gerechtigkeits- und anerkennungstheoretische Zugänge: Vom Capabilities Approach als philosophische Grundlage der Menschenrechtskonzeptionen über Honneth bis hin zum Fraser-Streit (Manfed Böge, Robert Schneider); Systemtheoretische Überlegungen, die eine gesellschaftskritische Perspektive auf Exklusionen in inklusiven Systemen werfen (Martina Kaack); Anschlüsse an Kritische Theorie und Kritische Erziehungswissenschaft und andere post-/neo-marxistische Zugänge (Sven Bärmig, Malin Butschkau).“ (12f) Deutlich wird dabei, dass Heterogenität und Diskriminierung nicht auf die Dimension Behinderung zu reduzieren ist, sondern auf Erklärungsmodelle verweisen muss, die das komplexe Zusammenwirken von Diversitäten und Herrschaftsverhältnissen nicht ausblenden.

Konkrete pädagogische Settings und Aspekte der Partizipationen stehen in Teil III im Mittelpunkt. Der institutionsbezogene Blick auf Übergänge (vgl. die Beiträge von Helen Knauf, Katrin Velten, Irmtraud Schnell, Christina Huf, Magdalena Hartmann und Michael Lichtblau) und eine professionsbezogene Thematisierung von Multiprofessionalität werden in einer Reihe von Beiträgen mit empirischem Bezug und unter Berücksichtigung von Good Practice diskutiert. Wie sich das professionelle Selbstverständnis der an Inklusionsprozessen beteiligten Akteur*innen verändert, sowohl bezogen auf Rollenerwartungen als auch Eigentheorien, beleuchten die Beiträge von Barbara Koch, Bettina Bretländer, Bastian Kornau und Stephan Ullrich.

Der den Teilband abschließende Abschnitt IV thematisiert die Lehrer*innenbildung generell. Die Beiträge beschränken sich dabei auf den Aspekt der Ausbildung – weitere Aspekte dezidiert schulischer Inklusion bleiben dem zweiten Band der Tagungsdokumentation vorbehalten: „Wie können Lehrkräfte als zentrale Akteur*innen für professionelles Handeln in einem widersprüchlichen System ausgebildet werden?“ (Jörg Mußmann, Ewald Feyerer, Brigitte Kottmann, Svenja Jaster) Welche Antinomien produziert die Lehrer*innenbildung (Marcel Veber, David Rott) vor dem Hintergrund normalistischer Vorstellungen (René Schroeder) selbst? Und wie ist es um die Hochschule als ausbildende Institution mit Fokus auf Inklusion bestellt (Saskia Erbring, Bettina Lindmeier, Dorothee Meyer, Alice Junge)?

Diskussion

Ein Tagungsband der IFO-Tagung versammelt traditionell eine mehr oder weniger große Bandbreite an unterschiedlichen theoretischen Positionen und fokussierenden Forschungsbefunden, zusammen mit einer Fülle an Praxiserfahrungen. Damit liefert er nolens volens eine Momentaufnahme des Stands des Inklusionsdiskurses im deutschsprachigen Raum, ohne diesen als Ganzes repräsentieren zu können. Über das Moment der bunten Vielfalt hinaus ist es immer wieder spannend zu analysieren, wie sich dieses Bild über die Zeit verändert, bzw. welche Bemühungen erkennbar sind, den wissenschaftlichen Diskurs zu gestalten. Hier sind zumindest zwei Strategien der Tagungsausrichtung hervorzuheben, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Zum einen ist dies der Versuch, die nach wie vor sinnvolle und notwendige Debatte um die Organisation von Schule stärker politisch wie theoretisch zu kontextualisieren und so deutlich werden zu lassen, dass Inklusion im Allgemeinen und die Umsetzung der UN-BRK nicht isoliert als Herausforderung für Bildungspolitik und Schule begriffen werden kann. Gleichwohl ist der schulpädagogische Bias der Tagung insgesamt kaum zu leugnen, wenngleich gedankliche Ansätze, auch den pädagogischen und praktischen Auftrag, Inklusionsorientierung zu leben und als gesamtgesellschaftlichen Beitrag zu begreifen (eine Perspektive, die Auswirkungen auf die Möglichkeiten und Grenzen einer „anderen“ Praxis hat) durchaus zu erkennen sind.

Zum anderen steht da der Inklusionsforschung ein notwendiger kritischer (und selbstkritischer) Reflexionsanspruch ins Stammbuch geschrieben. Die Anwendung der UN-BRK in einer nicht inklusiven (Leistungs)Gesellschaft erscheint unhintergehbar mit einem kritischen Anspruch verbunden, will man sich nicht mit rhetorischen oder kosmetischen Integrationsoptimierungen begnügen, die dann den Einbezug „aller“ zu einem Einbezug der sich als nützlich Erweisenden werden lassen. Inklusion in diesem Sinne steht in einem Spannungsverhältnis (nicht im Widerspruch) zu Leistung und verlangt nach einer machtkritischen Reflexion des herrschenden Leistungsbegriffs. Diese Auseinandersetzung zu vermeiden und die daraus entstehenden Dilemmata in der eigenen wissenschaftlichen oder auch handlungspraktischen Praxis zu verdrängen – das hat die Tagung doch deutlich erschwert. Sich auf die Spuren eines in diesem Sinne kritischen inklusionstheoretischen Denkens zu begeben, dazu lädt der vorliegende Band ein.

Fazit

Der zweigeteilte Tagungstitel versucht einem Spagat, zu dem sich die Tagungsausrichtung gezwungen sah und der die Bandbreite der Beiträge auch eindrucksvoll repräsentiert, gerecht zu werden: Es sollten zum einen die Widersprüche und Ambivalenzen hinsichtlich der Denkbarkeit von Inklusion in der Leistungsgesellschaft, wie wir sie kennen und erleben, zur Sprache gebracht, zugleich aber auch kritischen und widerständigen Ansätzen in Theorie, Forschung und Praxis ein Stück weit Geltung verschafft und Stimme verliehen werden. Es ist zweifellos verdienstvoll, dass es den Herausgeber*innen und Tagungsorganisator*innen gelungen ist, bei aller Heterogenität der Beiträge rote Fäden gesellschaftstheoretischer Reflexion sichtbar werden zu lassen und dadurch sich dem selbst gestellten Anspruch, die Tagung zu re-politisieren, ein gutes Stück weit angenähert zu haben.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 13.12.2017 zu: Birgit Lütje-Klose, Mai-Anh Boger, Benedikt Hopmann, Phillip Neumann (Hrsg.): Menschenrechtliche, sozialtheoretische und professionsbezogene Perspektiven. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2159-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22635.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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