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Ursula Henzinger: Bindung und Autonomie in der frühen Kindheit

Cover Ursula Henzinger: Bindung und Autonomie in der frühen Kindheit. Humanethologische Perspektiven für Bindungstheorie und klinische Praxis. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. 462 Seiten. ISBN 978-3-8379-2672-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Ursula Henzinger setzt sich in Ihrem Buch und in ihren Forschungen mit dem Wesen der frühen Mutter – Kind Interaktionen auseinander.

Aufbau

Die Autorin teilt das vorliegende Fachbuch in zwei thematische Teile.

  1. Im ersten Teil betrachtet sie das „Eltern-Kind-Verhalten“ aus der evolutionären Perspektive.
  2. Der zweite Teil beschreibt ihre Forschungen und Erkenntnisse orientiert an altersspezifischen Merkmalen des spontanen kindlichen Sozialverhaltens.

Die humanethologische Forschungsarbeit der Autorin zu dem spontanen Näh-Distanz-Verhalten in unserer Kultur, ist das Fundament des vorliegenden Werkes.

Zu Teil 1

Teil 1 betrachtet das Eltern-Kind -Verhalten aus evolutionärer Perspektive. Es werden zunächst die Forschungsmethoden der Humanethologie vorgestellt:

  1. Beobachten,
  2. Dokumentieren und
  3. Beschreiben.

Es wird zwischen teilnehmender Beobachtung und objektiver Beobachtung unterschieden.

Anschließend werden drei verschiede Vergleichsmöglichkeiten beleuchtet:

  1. Tier- Mensch Vergleich
  2. Kulturen Vergleich
  3. Vergleich von Literatur und Forschung

Anhand vieler Beispiele erläutert Frau Henzinger die Grundstrukturen wissenschaftlichen Arbeitens. Vorbehaltlose Beobachtung und wertfreie Beschreibung von Verhaltensmustern benötigen Ungestörtheit und Zeit.

Die Natur und Kultur der Eltern-Kind-Beziehung wird evolutionär und kulturgeschichtlich betrachtet. Mit Hilfe von Übersichtstafeln wird die Kulturgeschichte der Geburt, des Schlafens und des Stillens beginnend in der Zeit der Jäger-Sammler Völker (Altsteinzeit, ca. 2,6 Millionen Jahre) bis in unsere heutige Zeit dargestellt. Die Fürsorge der Eltern für ihre Kinder ist in den menschlichen Verhaltensmöglichkeiten verwurzelt. So ist es zum Beispiel sehr aufschlussreich, dass der Säugling in der Altsteinzeit tagsüber am Körper der Eltern und nachts mit ihnen am selben Schlafplatz geschlafen hat. Heute hingegen findet man häufig isoliertes und technisch überwachtes Schlafen.

Zu Teil 2

Teil 2 des Buches setzt sich mit dem frühkindlichen Interaktionsverhalten auseinander.

Die Bindungstheorie und ihre Erweiterung durch das Züricher Modell von Bischof werden ausführlich erläutert. Die Ergebnisse der Feldforschung von Frau Henzinger, zum spontanen Sozialverhalten werden mit dem Fokus auf die Nähe-Distanz-Regulierung altersabgestuft (ab Geburt, ab spätestens sechs bis neun Monaten, ab zwei Jahren, ab frühestens vier Jahren) dargestellt. Die Kenntnisse über die Entwicklungen und die Muster der Nähe-Distanz-Regulation helfen Fachleuten in der Praxis und geben Grundlagen für gezielte Unterstützungsmöglichkeiten.

Es folgt das Kapitel „Einüben von wohltuendem Verhalten“. Ein Säugling benötigt für sein Wohlbefinden von Anfang an ein aktives Umfeld, das ihm hilft sich als soziales Wesen weiterzuentwickeln. Körperkontakt und der Dialog mit Menschen, sowie dessen verlässliche Reaktionen geben dem Säugling Sicherheit und Geborgenheit, die er dringend für seine Weiterentwicklung benötigt.

Die Abschnitte Lernen durch Spiel und Lernen durch Herausforderung schließen die Ausführungen ab.

Diskussion

Die Autorin deckt mit ihrem wissenschaftlichen Werk ein breites Forschungsspektrum ab. Die Kernaussagen sind sehr gut verständlich und nachvollziehbar dargestellt. Die vielen Beispiele machen die Überlegungen und Erkenntnisse auch für Fachleute, die sich nicht überwiegend mit Säuglingen und Kleinkindern beschäftigen und für interessierte Eltern nachvollziehbar.

Es ist zu spüren, dass es eine Herzensangelegenheit von Frau Henzinger ist, Beziehungen und deren Entwicklung zu verstehen und zu unterstützen. Ihr Ansatz ist ein wissenschaftlicher. Gründlich recherchiert sie die Verhaltensweisen und beobachtet geduldig. Sie wertet nicht und gibt keine starren Handlungsanweisungen. Vieles erschließt sich dem Leser beim Betrachten der Beispiele.

Frau Henzinger verfügt über unendlich viel Praxiserfahrung und hat vier eigene Kinder. Sie stellt in ihren Verhaltensforschungen immer wieder die „Kraft der Mütterlichkeit“ in den Mittelpunkt und zwar nicht als überholtes politisches Modell, sondern als die ursprüngliche Fähigkeit des einfachen Da-Seins. Gerade durch diesen Achtsamen Umgang mit dem Kind wird dessen Eigensinn und Autonomie „beflügelt“. In allen Ausführungen ist zu spüren, dass die Autorin erlebt hat, was sie beschreibt. Es ist faszinierend zu lesen, wie kompetent und autonom Säuglinge sind und das die Bedingungen, die sie für ein gesundes Aufwachsen benötigen, evolutionärer begründbar sind.

Das Buch ist kein Elternratgeber, der sagt „tue dies oder tue das“. Es ist eine sachliche und mit Beispielen begründete Darlegung von Verhaltensmustern und Entwicklungsverläufen. Die Möglichkeiten der förderlichen Entwicklungsbegleitung sind großartig und naheliegend. Die Möglichkeit kindliche Autonomie durch zurückhaltende, aber präsente Beobachtung zu fördern, erscheint erstaunlich einfach. Dennoch ist es eine Aufgabe die höchste Aufmerksamkeit und Konzentration erfordert. Nahe beim Kind sein und es doch „frei“ lassen. Rückhalt anbieten aber nicht eingreifen. Eine Möglichkeit die Ursula Henzinger in vielen Babygruppen ausprobiert und erforscht hat. Ein sehr besonderes Buch das Wissenschaft zum Anfassen und Anwenden anbietet.

Das über 400 Seiten umfassende Buch ist hilfreich untergliedert, im Anhang findet sich ein umfangreiches Glossar, sowie ein Sach- und Personenregister. Es gibt abschnittsweise übersichtliche Zusammenfassungen die farblich hervorgehoben werden. Herrscht bei einigen Ausführungen Unsicherheit, wie alles zusammengehört, wird dies spätestens bei der jeweiligen Zusammenschau aufgelöst.

Fazit

Das vorliegende Fachbuch, Bindung und Autonomie in der frühen Kindheit, zeigt humanethologische Perspektiven auf, die unter anderem für die klinische und beratende Arbeit mit Familien nutzbar sind. Es werden das Eltern -Kind-Verhalten und das frühkindliche Interaktionsverhalten wissenschaftlich betrachtet.

Frau Henzinger gelingt es, ihre Forschungserkenntnisse auf einleuchtende und überzeugende Weise darzustellen. Sie selbst lebt eine große Nähe zur Praxis und lässt den Leser an vielen Stellen des Buches daran teilhaben. Die Forschungen und Erklärungen der ethologischen Entwicklung des heutigen Betreuungsverhaltens helfen beim Reflektieren der eigenen Handlungsmuster.


Rezensentin
Ulrike Ziemer
Dipl. Heilpädagogin (FH)
Homepage ziemer-celle.de/rikeswunderkiste
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Zitiervorschlag
Ulrike Ziemer. Rezension vom 19.07.2017 zu: Ursula Henzinger: Bindung und Autonomie in der frühen Kindheit. Humanethologische Perspektiven für Bindungstheorie und klinische Praxis. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2017. ISBN 978-3-8379-2672-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22637.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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