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Utta Isop (Hrsg.): Gewalt im beruflichen Alltag

Cover Utta Isop (Hrsg.): Gewalt im beruflichen Alltag. Wie Hierarchien, Einschlüsse und Ausschlüsse wirken. Berichte von Intersektionen institutioneller Gewalt. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2017. 247 Seiten. ISBN 978-3-945959-09-1. 18,00 EUR.
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Herausgeberin

Die Herausgeberin ist Philosophin, Geschlechterforscherin und Aktivistin. Sie lehrt Philosophie und Geschlechterstudien an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Entstehungshintergrund

Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt bedroht ist, „wenn Menschen über Generationen hinweg, sich in bestimmten Betrieben, Institutionen, Klassen oder sozialen Feldern einschließen, ohne ihre sozialen Positionen wechseln zu können.“ (9/10)

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat 247 Seiten und beinhaltet neben der von der Herausgeberin verfassten Einleitung 19 Kapitel, die unterschiedlichen Themen gewidmet sind. Zu jedem finden wir bis zu drei Beiträge unterschiedlicher Autorschaft und Art vor (Essays, auch in literarischer Form, Erlebnisberichte und Interviews). Jedes Kapitel wird von Utta Isop mit einem einleitenden und einordnenden Vorwort bedacht.

Folgende Themen werden behandelt:

  • Institutionelle Gewalt ist global
  • Überwachen in Fabrik und Büro
  • Dominanz in Sex und Betrieb
  • Kränkungen im Handel
  • Wie wir uns konkurrenzieren
  • Freiheit in der Schule?
  • Wie sozial ist Soziale Arbeit?
  • Was im Betrieb nicht gesagt werden kann
  • Das nehmen wir uns!
  • Was macht die unlösbare Aufgabe der Inklusion mit Institutionen?
  • Wir verlängern Ihren Aufenthalt!
  • Sind Statusgruppen rational und funktional?
  • Geht es auch mit weniger Hierarchien und Zwang?
  • Beziehungsökonomie an der Universität
  • Zur Kündigung einer Transgender-Person
  • Verbünden wir uns miteinander
  • Hierarchien in einer der ältesten Institutionen der Welt
  • Um wen trauern wir und um wen nicht?
  • Hierarchien machen krank!

In ihrer Einleitung skizziert die Herausgeberin Ansatz und Hauptanliegen des Werkes. Utta Isop hinterfragt kritisch das herrschende Demokratieverständnis und stellt fest, dass in der zeitgenössischen politischen Diskussion das alltägliche Demokratieerleben in Familie, Betrieb und Freizeit kaum reflektiert wird. Sie bezweifelt, dass die gängige Praxis des Wählens „Gesellschaften auf lange Sicht demokratiefähig“ (11) macht.

Zentraler Ansatzpunkt ist eine Hierarchiekritik. Utta Isop unterscheidet zwischen (formeller) Hierarchie und – im Sinne eines Gegenbegriffes – Differenzen. Letztere heben die „Andersheit oder Eigenarten von Menschen und Menschengruppen“ hervor, „ohne diese in hierarchische Verhältnisse zueinander zu bringen.“ (13)

Mit Verweis auf sozialepidemiologische Studien betont die Herausgeberin, dass Hierarchien weder rational noch funktional, sondern vielmehr dysfunktional und irrational sind, weil sie Gesellschaften krank machen, den sozialen Zusammenhalt zerstören und die Produktivität gefährden.

Für gewaltförmige Vorgänge in Betrieben und Institutionen ist nicht nur die Akkumulation von Eigentum und Kapital als Herrschaftsform verantwortlich. Diese spielt immer mit anderen Herrschaftsformen und deren Hierarchiebildungen zusammen (z.B. Senioritätsprinzip, Beziehungsökonomie, Geschlecht).

Utta Isop fordert ein neues Demokratieverständnis, welches die „Dominanz starker Kollektivsubjekte im Alltag“ (12) relativieren will. Daher bedarf es in Betrieben, Institutionen und in der Gesamtgesellschaft gewisser Strukturen, die „Hierarchien als solche delegitimieren und abbauen, unabhängig davon, welche Herrschaftsform als Begründungsstruktur fungiert.“ (15) Ein „Ausbau der Organisierungsformen der Rotation, des Losens, des Abbaus von formellen Hierarchien in Betrieben und Institutionen“, sowie die „Einrichtung von Konfliktschlichtungsstellen“ und die bewusstere Organisation von Arbeitsteilung (15) kann hierzu beitragen. Unverzichtbare Grundlagen sind das bedingungslose Grundeinkommen sowie eine Steigerung gesellschaftlicher Kohärenz durch soziale Mobilität.

Die behandelten Themen betreffen ein breites inhaltliches Spektrum. So berichtet beispielsweise Emmanuel Mbolela in seinem Beitrag von sexueller Gewalt, der sich Frauen in der Demokratischen Republik Kongo für ihren Besuch einer Schule oder Universität unterwerfen müssen.

Ein anderer Beitrag beschäftigt sich mit Überwachungstechniken und Kontrollmechanismen am Beispiel betrieblicher Einschließungsmilieus und zeigt auf, wie dem Kapitalinteresse dienende Formen des Management mit gewachsenen institutionellen und betrieblichen Hierarchien zusammenstoßen und wie dynamische Instrumente neoliberal motivierter Kontrolle eingefahrene Rangordnungen unter Effizienzdruck bringen (Stefan Paulus).

Utta Isop wendet sich mit einem Aufsatz zu unterschiedlichen Formen des Begehrens als eigenständige Formen institutioneller Herrschaft in Institution und Betrieb zu (vgl. 63).

Bezugnehmend auf die gesellschaftlich hoch bewertete Mobilität reflektiert sie in einem weiteren Beitrag den Zusammenhang zwischen (erzwungener) sozialer Mobilität und Gewalt im Betrieb.

Filippo Smerilli ermöglicht anhand seines literarischen Beitrags ästhetisch eigenständig abgefasste Einblicke in universitätsinterne Hierarchien.

Zu dem Themenfeld Universität und Hochschule leisten auch die Aufsätze von Veronika Dyminska und Anja Lange sowie von Nono interessante Beiträge. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungsökonomie und die verwaschenen Grenzen zwischen ihren akzeptierten (Netzwerke, Lobbyismus) und illegitimen (Korruption) Formen sowie die „Quasi-Privatisierung“ einer öffentlichen Bildungseinrichtung. Dyminska und Lange weisen dabei auch auf Chancen hin, die entstehen können, wenn öffentlicher Druck auf ein starres und bestimmte Gruppen begünstigendes hierarchisches Hochschulsystem einwirkt, welches sich gern als modern und europäisch gerieren möchte.

Nono berichtet von einer universitären Gleichstellungseinrichtung, „die nach Außen hin für die Gleichstellung von verschiedenen Menschengruppen eintrat und tatsächlich … nichts anderes darstellte als einen Schutz- und Gestaltungsraum für die Privatinteressen der leitenden Angestellten.“ (187)

Der Aufsatz von Brigitte Buchhammer beschäftigt sich mit den Hierarchien in einer der ältesten Institutionen der Welt, der römisch-katholischen Kirche. Für Utta Isop stellt deren Hartnäckigkeit ein „wunderbares Beispiel für die Eigendynamiken von institutioneller Gewalt dar, die völlig unabhängig von etwa der Zielsetzung eines alle Menschen gleich liebenden Gottes ist.“ (207)

Diskussion

Das erkenntnisleitende Interesse der Veröffentlichung ist klar zu erkennen. Es ist in einer „Politik der Autonomie“ verortet, welche für die „Abschaffung von eindeutigen Identitätspolitiken“ (G. Perko 2005, zit. 8) eintritt. Darüber hinaus resultiert es aus der in den Gender Studies entwickelten Theorie der Intersektion oder der Interdependenzen von Herrschaftsformen.

Das Werk geht von einem weiten Gewaltbegriff aus, welcher weder hergeleitet noch begründet und gegenüber anderen Positionen diskutiert und reflektiert wird.

Die Herausgeberin fasst ihn wie folgt: „Unserem Verständnis nach beginnt Gewalt dort, wo Menschen und Menschengruppen sich selbst im Verhältnis zueinander aufwerten oder abwerten beziehungsweise im Verhältnis zueinander aufgewertet oder abgewertet werden.“ (13) Soziale Abwertungsprozesse schon als Gewalt zu begreifen, ist gewagt und missversteht kulturell tief verankerte Sozialdynamiken. Dass das Problem namenloser Bestattungen (Beitrag von Francis Seeck) der Gewaltproblematik zugeordnet wird, überdehnt den Gewaltbegriff unverhältnismäßig, was einer inflationären Entwertung gleich kommt.

Die Herausgeberin hebt in ihren Beiträgen unter Bezugnahme auf sozialepidemiologische Quellen hervor, dass Gesellschaften mit geringeren Hierarchien gesünder seien (z.B. 13, 139, 234 ff.). Eine Beschäftigung mit Ansatz, Methode und Reichweite derartiger Untersuchungen und eine Reflexion der Frage, wie valide empirische Aussagen über die Gesundheit von (komplexen) Gesellschaften sein können, wird nicht vorgenommen.

Besonders hinsichtlich der im Werk zwar nur stichwortartig angesprochenen Dimension der Praxis zeigt das Buch ebenfalls deutliche Schwächen. Ich vermisse die reflexive und auch selbstkritische Thematisierung der Frage, ob und wie Hierarchie ersetzende oder überwindende Auswahlverfahren, wie z.B. Los und Rotation, in komplexen Gesellschaften nachhaltig funktionsfähig sein können. Des Weiteren frage ich mich, wie es möglich ist, auf Dauer soziale Differenzierungen von Normierungsprozessen frei zu halten.

Ich hätte in dem Werk gern zumindest den Ansatz eine Überlegung dazu gefunden, was in aller Welt uns begründet annehmen lässt, dass sich soziale und gesellschaftliche Verhältnisse in diesem Sinne nachhaltig gestalten lassen. Sein demokratiepolitischer Impetus ist zwar sehr zu begrüßen. Leider aber steigt das Buch nicht wirklich in diese Diskussion ein.

Utta Isop ist zuzustimmen, wenn sie beherzt feststellt, dass die menschliche Lust in Bezug auf Prozesse des Hierarchisierens, Einschließens und Ausschließens eine bedeutende Rolle spielt (vgl. 75). Die Vorstellung jedoch, dass ein Coming-out einer solchen „Dominanz- und Mordlust“ und deren Regulierung über gesellschaftlich akzeptierte Konsensstrukturen eine kulturtechnische Befreiung der „für das gute Leben aller“ (75) zuständigen Institutionen von derartigen Lüsten bewirken könnte, ist zwar kreativ, mutet aber befremdlich an.

Für meinen Geschmack ist die Herausgeberin in diesem Buch zu mächtig vertreten, was angesichts der Inhalte ihrer Philosophie einen gewissen Beigeschmack hinterlässt. Utta Isop liefert den theoretischen Rahmen und ordnet mit ihren Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln die grobe Argumentationslinie, welche die anderen Autorinnen und Autoren mit ihren Beiträgen lediglich „illustrieren“.

Fazit

Die behandelten Themen des Buches sind vielfältig. Die Sichtweise auf das Thema Gewalt im Betrieb ist entschieden positioniert. Das mag ein Grund dafür sein, dass leider nicht alle Fragestellungen tief und differenziert genug behandelt werden. Ich denke, dass die Herausgeberin auch nicht beabsichtigt, eine wissenschaftliche Arbeit vorzulegen. In einem der Untertitel wird ja auch von „Berichten“ gesprochen. Die Breite des Themenspektrums ist aber auf jeden Fall informativ. Zudem gefällt mir, dass die einzelnen Beiträge unterschiedliche (ästhetische) Zugänge zum Gegenstandsbereich des Buches anbieten.

Leider wendet sich das Werk (gewollt oder ungewollt) vorrangig an Eingeweihte. Anderen bleibt ein tiefer gehendes Verständnis verwehrt, denn sein philosophischer und wissenschaftlicher Standort wird nicht näher expliziert und reflektiert. Eine Auseinandersetzung mit anders positionierten Ansätzen zum Themenfeld Hierarchie und Gewalt in Betrieben findet nicht statt.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 30.06.2017 zu: Utta Isop (Hrsg.): Gewalt im beruflichen Alltag. Wie Hierarchien, Einschlüsse und Ausschlüsse wirken. Berichte von Intersektionen institutioneller Gewalt. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2017. ISBN 978-3-945959-09-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22638.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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