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Tanja Hoff, Ulrike Kuhn u.a. (Hrsg.): Sucht im Alter – Maßnahmen und Konzepte für die Pflege

Cover Tanja Hoff, Ulrike Kuhn, Silke Kuhn, Michael Isfort (Hrsg.): Sucht im Alter – Maßnahmen und Konzepte für die Pflege. Springer (Berlin) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-662-53213-3. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Sucht im Alter ist in Deutschland nach wie vor ein Tabuthema. Das Ausmaß wird häufig unterschätzt, das Konsumverhalten und die gesundheitlichen und sozialen Folgen werden bisweilen bagatellisiert. Seit einigen Jahren werden ambulante Pflegedienste und stationäre Pflegeeinrichtungen jedoch mit einer größeren Zahl älterer und pflegebedürftiger Menschen konfrontiert, die von Missbrauch oder Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Substanzen betroffen sind. Dabei geht es zum einen um älter gewordene und werdende Suchterkrankte, die zuvor von Einrichtungen der Suchthilfe versorgt wurden und im Alter zusätzlich pflegebedürftig werden, und zum anderen um Menschen, die erst im höheren Lebensalter Substanzkonsumstörungen entwickeln. Beide Gruppen sind auf unterschiedliche Art von Versorgungslücken betroffen. Die Versorgungspraxis ist häufig verunsichert und noch nicht ausreichend auf die Bedarfe der Betroffenen eingestellt.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband greift den steigenden Handlungsbedarf der Praxis auf und versteht sich als Informationsquelle für diejenigen, die Behandlungskonzepte für ältere Pflegebedürftige mit Suchtproblemen forschungsorientiert, strukturiert, praxisnah sowie zielgruppenadäquat gestalten wollen. Dazu haben die vier HerausgeberInnen mit Hintergrund in der Sucht-, Präventions- und Pflegeforschung Kolleginnen und Kollegen aus der Praxis gewinnen können, die Aufsätze mit jeweils unterschiedlichem Fokus im Hinblick auf unterschiedliche Versorgungssettings und Substanzmittel beigesteuert haben.

Der Sammelband beginnt mit einem einführenden ersten Kapitel (Tanja Hoff, Michael Isfort, Ulrike Kuhn, Silke Kuhn), in dem die HerausgeberInnen die Grundlagen von Suchtproblemen im Alter sowie altersspezifische Konsummuster der Substanzen Alkohol, Medikamente, Tabak und illegale Drogen kurz darstellen und die aktuelle Studienlage zu Suchtstörungen bei älteren Pflegebedürftigen in der ambulanten und stationären Altenpflege präsentieren.

Das zweite Kapitel widmet sich der Alkohol-, Nikotin- und Medikamentenabhängigkeit im Alter im Hinblick auf die Weiterentwicklung von Handlungsempfehlungen für Pflegesituationen in ambulanten, teilstationären und stationären Settings (Tanja Hoff, Michael Isfort, Silke Kuhn, Karsten Keller). Das Ziel einer stärker evidenzbasierten Pflege und strukturierten Versorgung erfordere es, das Thema Sucht im Alter in der Pflege grundlegend und konzeptionell zu entwickeln. Hierzu stellen die Autoren zwei verschiedene „Handlungsempfehlungen“ für den Umgang mit missbräuchlichem oder abhängigem Konsum legaler Substanzen bei Bewohnern bzw. Kunden von Pflegediensten gegenüber. Die sog. „Kölner Pflegehandlungsempfehlungen“ wurden im Projekt SANOPSA entwickelt („Sucht im Alter – Netz- und netzwerkbasierte Optimierung der ambulanten und stationären Pflege“, gefördert im Rahmen der Förderlinie SILQUA-FH des BMBF). Die sog. „Hamburger Handlungsempfehlungen“ sind Ergebnis der gemeinsamen Arbeit der Mitarbeitenden der Alten- und Suchthilfe in den acht vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekten im Schwerpunkt „Sucht im Alter -Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften in der Alten und Suchhilfe“.

Im dritten Kapitel widmet sich Rüdiger Holzbach der Medikamentenabhängigkeit im Alter und stellt Handlungsleitlinien zum pflegerischen Umgang vor. Besonders relevante Medikamente seien im Alter vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, aber auch Schmerzmittel. Da Langzeitanwender, insbesondere im Alter, die Kriterien der Abhängigkeit gemäß IOCD-10 häufig nicht erfüllen, sei es für Pflegekräfte wichtig, die Nebenwirkungen der Medikamente – beispielsweise mit Hilfe des vorgestellten 5-Phasen-Modells des Langzeitgebrauchs – zu erkennen. Weitere Aufgaben der Pflegekräfte lägen in der Begleitung des Entzugs und der schlafhygienischen Beratung der Betroffenen.

Thomas Hodel und Christel Hodel befassen sich im vierten Kapitel mit riskantem bis abhängigem Alkohol- und Medikamentengebrauch in der ambulanten Altenpflege. Im Rahmen des Projekts „SANOPSA“ wurde ein strukturiertes Konzept entwickelt, das aus einer systematischen Bedarfsermittlung der Pflegebedürftigen mit Hilfe von Screeningbögen, regelmäßig stattfindenden Fallbesprechungen und – im Bedarfsfall – dem Einsatz passender Interventionen besteht. Die Autoren schildern Fallbeispiele, Stolpersteine bei der Entwicklung und Umsetzung des Konzeptes sowie mögliche Gewinne für Kunden und Pflegeeinrichtungen.

In Kapitel 4 bis 7 werden (weitere) praxiserprobte Projekte und Initiativen in verschiedenen Settings präsentiert, die in den jeweiligen Bereichen von ihren Erfahrungen berichten und Stolpersteine herausarbeiten. Dabei werden vielfältige Vorlagen, Screeningbögen und standardisierte Ablaufpläne zum Umgang mit suchtkranken Pflegebedürftigen zur Verfügung gestellt.

  • Peter Schiffer fokussiert seinen Beitrag (Kapitel 5) auf die Herausforderungen der Versorgung älterer Abhängiger illegaler Drogen und stellt das Konzept einer Krankenwohnung in Köln vor.
  • Klaus Sander und Susanne Gössling (Kapitel 6) berichten über das Modellprojekt „Sucht im Alter“ in Essen, an dessen Anfang eine Befragung aller Senioreneinrichtungen und ambulanten Dienste in Essen stand, die die Basis für ein umfassendes Schulungskonzept und die Entwicklung von Konzepten für Einrichtungen war.
  • Auch das von Sabine Jacob und Falk Zimmermann vorgestellte Projekt „WATCH“ zielte auf die Schulung und Qualifizierung von Mitarbeitenden im Bereich der Sucht- und Altenhilfe (Kapitel 7). Es werden Ziele, Erwartungen und Adressaten sowie Inhalte und Schwerpunkte des entwickelten Curriculums vorgestellt.

Das letzte und mit knapp 60 Seiten umfangreichste Kapitel (Ulrike Kuhn, Tanja Hoff, Michael Isfort, Stefanie Monke, Karsten Keller) widmet sich ausführlich dem im Projekt SANOPSA entwickelten Pflegekonzept für die Betreuung von Konsumenten illegaler Drogen in der stationären Altenpflege.

Diskussion

Mit dieser Veröffentlichung wird der aktuelle Forschungsstand zum Thema Sucht im Alter in der Pflege kompetent dargestellt und es werden umfassende Erfahrungen und Ergebnisse aus zentralen praxisorientierten Modellprojekten präsentiert. Dabei handelt sich jedoch weniger um ein systematisch aufgebautes und übersichtlich strukturiertes Lehrbuch, als vielmehr um einen Reader, der unterschiedliche Projekte – mit unterschiedlichen Zielgruppen Abhängiger und in unterschiedlichen Settings der Pflege – vorstellt. Die einzelnen Beiträge sind, wie häufig in Sammelbänden, dabei nur wenig aufeinander abgestimmt. Dies hat zur Folge, dass sich manche Erkenntnisse und Empfehlungen doppeln. Ein Schlusskapitel oder Fazit, in dem wichtige Erkenntnisse aus den Einzelbeiträgen zusammengefasst und gemeinsam diskutiert und bewertet werden, fehlt.

Interessierte Praktiker erhalten dennoch vielfältige Anregungen und hilfreiche Handlungstipps für die Umsetzung suchtsensibler Pflegekonzepte. Optisch hervorgehobene Praxistipps und weitere Hinweise springen schnell ins Auge. Die zahlreichen, detaillierten, manchmal etwas überfrachteten Abbildungen und Übersichten stellen Modelle, Ablaufschemata, Behandlungspfade, Screeningbögen oder Inhaltsübersichten ausführlich dar. Eine Übertragung der gewonnenen Erkenntnisse auf die eigene Praxis wird somit erleichtert.

Fazit

Das Buch liefert wertvolle praxisorientierte Erkenntnisse zum Thema Sucht im Alter in der Pflege. Es trägt dazu bei, die Praxis für das Thema zu sensibilisieren und die Hilfesysteme im Sinne der Betroffenen konzeptuell weiterzuentwickeln. Interessierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ambulanten und stationären Altenpflege werden dabei unterstützt, Suchtprobleme zu erkennen und gezielte Interventionen einzuleiten. Die Umsetzung wird durch konkrete Handlungsempfehlungen und detaillierte Instrumente unterstützt.


Rezensentin
Prof. Dr. Claudia Kaiser
Professorin für Gerontologie, Fachbereich Sozialwesen, Hochschule Niederrhein – University of Applied Sciences
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Zitiervorschlag
Claudia Kaiser. Rezension vom 20.11.2017 zu: Tanja Hoff, Ulrike Kuhn, Silke Kuhn, Michael Isfort (Hrsg.): Sucht im Alter – Maßnahmen und Konzepte für die Pflege. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-53213-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22643.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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