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Kathrin Haas: Wege aus der Langzeit­arbeitslosigkeit?

Cover Kathrin Haas: Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit? Grundfragen und Bewertung niedrigschwelliger Beschäftigungsangebote zur Förderung von Langzeitarbeitslosen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 64 Seiten. ISBN 978-3-8474-2035-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.

Reihe Thesispreis des Fachbereichs Sozialwesen der KatHO NRW, Abteilung Köln, Band 1.
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Autorin

Kathrin Haas ist Sozialpädagogin. Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um ihre BA-Arbeit.

Thema

Die Arbeit befasst sich mit der Bewertung von Beschäftigungsangeboten für Langzeitarbeitslose. Seit Ende der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts ist Massenarbeitslosigkeit in Deutschland eine dauerhaftes gesellschaftliches Merkmal. Die Ursache war ein wirtschaftlicher Strukturwandel, individuelle Ursachen (etwa „Vermittlungshemmnisse“) spielten kaum eine Rolle. Politisch reagiert darauf wurde mit der „Entberuflichung des Alters“ (Tews 1993) mit der Aufgabe der sinnvollen Gestaltung erwerbsarbeitsfreier Zeit (vgl. Klehm 2002), und Maßnahmen für jüngere Arbeitslose. Auch bestimmte Beschäftigungsangebote und Bildungsmaßnahmen für Arbeitslose sind seit langer Zeit umstritten. So bezeichneten bereits Allheit und Glaß (1986,297 ff.) einzelne Maßnahmen als „strukturellen Betrug“, die nur in eine „Surrogatkarriere“ einmünden würden. Durch die Agenda 2010 hat und die Politik des „aktivierenden Sozialstaates“ hat sich die Situation der Langzeitarbeitslosen noch einmal geändert.

Die Arbeit der Jobcenter wurde mit quantitativen und qualitativen Methoden erforscht (vgl. zum Beispiel Ludwig-Mayerhofer u.a. 2009, Baethge-Kinski u.a. 2006, Boehringer u.a. 2012) und evaluiert (vgl. z.B. Lange 2009). Mit der Methode des „beschäftigungsorientierten Fallmanagements“ (Göckler 2005) sollte in den Jobcentern gearbeitet werden. Auch einzelne Maßnahmen wurden untersucht und evaluiert (z.B. Müller, Oehme 2014, Müller 2016). Die Frage, inwieweit bestimmte Maßnahmen eine nachhaltige Verbesserung der Erwerbsbiographien von Langzeitarbeitslosen und prekär Beschäftigten bewirken, ist für die Sozialpädagogik auch von professionsethischer Bedeutung. An der Täuschung von Klientinnen und Klienten mitzuwirken, wäre problematisch.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung wird in Kapitel 2 der Arbeit zunächst der Begriff Langzeitarbeitslosigkeit nach dem SGB III behandelt. Auf die Kritik an dieser Engführung wird eingegangen. Die Definition mag vor dem Hintergrund der Politik der Agenda 2010 sinnvoll sein. Aber die psychische und soziale Problematiken der Betroffenen wird damit nicht angemessen erfasst. Die Probleme der Betroffenen sind nicht nachhaltig gelöst, wenn die Arbeitslosigkeit durch kurzfristige Beschäftigung für ein paar Monate unterbrochen wird. Nach der Evaluationsforschung (vgl. Heyer 2009) wird dies aber schon als Erfolg gefeiert. Eingegangen wird dann auf die subjektive Dimension von Langzeitarbeitslosigkeit. Die Autorin zeigt, dass es sich um eine sehr heterogene Personengruppe handelt. Erwähnen könnte man hier noch, dass die Stigmatisierung von Langzeitarbeitslosen auch zur Legitimation der Agenda 2010 genutzt wurde. Kurz eingegangen wird auf die soziale Bedeutung von Arbeit. Hier wäre Differenzierung zum Beispiel zwischen entfremdeter und nicht-entfremdeter Arbeit, nach körperlicher und psychischer Belastung oder Lohnhöhe noch sinnvoll. Danach wird auf die sozialstaatliche Dimension eingegangen, wobei die Autorin relativ dicht an der Ideologie des aktivierenden Sozialstaates nach dem SGB II und SGB II bleibt. Der aktivierende Sozialstaat, der individuelle Ursachen für soziale Probleme betont, ist eine Entwicklung während der Jahrtausendwende. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einem Abschnitt zu den Bedarfen der Langzeitarbeitslosen aus Sicht der Sozialarbeit. Eine etwas stärkere Differenzierung nach unterschiedlichen Zielgruppen wäre wünschenswert. Die Bedarfe junger alleinerziehenden Mütter ohne Berufsausbildung (vgl. Müller/Oehme 2014) unterscheiden sich zum Beispiel erheblich von den Bedarfen über 50jähriger schwerbehinderter Handwerker. Was für eine Zielgruppe nützlich sein mag, kann für eine andere kontraindiziert sein. Hingewiesen wird auf einen Anwaltschaft der Sozialarbeit für die Betroffenen. Dies steht häufig in einem Konflikt zu den Aufgaben der Anpassung und der sozialen Kontrolle abweichenden Verhaltens, zum Beispiel durch Jobcenter.

Mit Kapitel 3 folgt ein theoretisches Kapitel zur Beurteilung von Beschäftigungsangeboten. Die Autorin stützt sich dabei auf das Konzept der Lebensbewältigung nach Lothar Böhnisch und den Capability Aproach nach Martha Nussbaum. Aus beiden Ansätzen ergäbe sich ein ziemlich strenger Maßstab für die Bewertung von Maßnahmen. Gelungene Lebensbewältigung kann zu einem Teil von der Entwicklung der Fähigkeiten des Individuums abhängen, ist aber auch abhängig von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für einzelne gesellschaftliche Gruppen. Unter Umständen ließen sich die Ziele auch in einer Sub- und Gegenkultur umsetzen, was wohl nicht im Sinne des SGB II wäre. Auch ergibt sich die Frage, welche „Angebote“ überhaupt geeignet sind, ein „gutes gelingendes Leben“ zu fördern und ob der Sozialstaat überhaupt die Absicht hat dies zu tun und die dazu erforderlichen Mittel bereitstellt. Eingegangen wird in diesem Kapitel auch auf die „niederschwelligen Beschäftigungsangebote“ wobei auch auf die Widersprüchlichkeiten, die sich aus der Unfreiwilligkeit ergeben, hingewiesen wird. Der Begriff mag in der Arbeit mit Drogenabhängigen sinnvoll sein. Für die Arbeit mit Arbeitslosen ist er jedoch fragwürdig und kann leicht als Entschuldigung für vorprofessionelle Maßnahmen verwendet werden.

In Kapitel 4 werden drei „Angebote“ skizziert und nach Kriterien der Ansätze von Böhnisch und Nussbaum bewertet.

  1. Beim ersten Angebot handelt es sich um Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass die Arbeitsgelegenheiten nach dem Konzept von Böhnisch zwar eine Rekonstruktion des Alltags und eine gewisse Normalisierung ermögliche, aber eine subjektiv gesteigerte soziale Teilhabe nur bei freiwilliger Teilnahme zu erwarten sei. Soziale Anerkennung und Selbstwertgewinn seien mit dem Angebot weniger zu erwarten. Der Rezensent sieht das noch sehr viel kritischer. Bereits Jahoda u.a. (1978) haben in ihrer Studie zwar gezeigt, dass Langzeitarbeitslosigkeit sich negativ auf den Alltags auswirken kann, sie unterscheiden aber vier Haltungstypen und zwischen Männern und Frauen. Bereits die Zuweisung in eine Arbeitsgelegenheit kann mit einer stigmatisierenden Defizitzuschreibung verbunden sein, die sich nicht positiv auf das Selbstwertgefühl auswirken wird. Danach ist der Arbeitslose nicht fähig, seinen Alltag selber sinnvoll zu gestalten. Anders könnte es aussehen, wenn der Betroffene einen entsprechenden Leidensdruck hat und äußert. Auch beruht der Verlust des Selbstwertgefühl zum Teil auf der Individualisierung durch das SGB II („Vermittlungshemmnisse“) ohne Berücksichtigung wirtschaftlicher und sozialer Ursachen. Die Autorin diskutiert auch die Frage, inwieweit die Arbeitsgelegenheiten nach dem Ansatz von Nussbaum die Selbstverwirklichungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten verbessern können. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass dies allenfalls kurzfristig möglich sei und verweist auch auf den möglichen lock-in-Effekt. Die Förderung von Selbstverwirklichung würde auch wohl die Berücksichtigung und Biographie und Persönlichkeit erfordern.
  2. Dann skizziert und bewertet die Autorin zwei weitere Programme. Das Bundesprogramm „Chancen eröffnen – Teilhabe sichern“ war noch nicht erprobt und evaluiert, so dass eigentlich ein Konzept bewertet wird. Das andere Programm ist das ESF- Programm für Langzeitarbeitslose. Beide Programme werden von der Autorin unter den Kriterien der Ansätze von Böhnisch und Nussbaum positiver bewertet als die Arbeitsgelegenheiten. Sie verweist u.a. auf das Coaching, dass bei den Arbeitsgelegenheiten nicht vorgesehen ist. Es stellt sich jedoch die Frage, ob das ausreicht. Wer zum Beispiel keine oder keine verwertbare Berufsausbildung hat, benötigt vor allem eine berufliche Qualifizierung. Ein Problem des ESF- Programms kann auch der Verdrängungseffekt sein, wenn andere Arbeitende durch geförderte Arbeitende ersetzt werden.
  3. Abschließend wird die Idee eines zweiten, sozialen Arbeitsmarktes kritisch diskutiert. Die Autorin fürchtet u.a. einen lock-in – Effekt und dass sich Beschäftigte des zweiten Arbeitsmarktes auch als Bürger zweiter Klasse sehen könnten. Ein Problem der aktivierenden Sozialpolitik ist, dass sie von der Prämisse ausgeht, dass Vermittlungshemmnisse die Ursachen von Arbeitslosigkeit sind. Für den Rezensenten ist es dagegen plausibler, dass unter der Bedingung von Nicht-Vollbeschäftigung immer ein Teil der Beschäftigten vom Arbeitsmarkt exkludiert wird. Zu diesem Teil gehören dann häufiger die Schwächeren, u.a. das Précarité. Nachhaltige Einzelfallhilfe ist dennoch sinnvoll, auch wenn sie die Exklusion insgesamt nicht beseitigt. Dies kann auch Sozialarbeit für die Exkludierten sein, unabhängig von der Frage, ob eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelingen kann und unter welchen Voraussetzungen sie gelingen kann. In einigen Jugendwerkstätten geschieht dies zum Beispiel durch soziale Arbeit, wobei passgenaue und längere Maßnahmen wichtig sind (vgl. Müller, Oehme 2014).

Diskussion und Fazit

Es handelt sich um eine überdurchschnittlich gute Arbeit, die einige Anregungen für die Thematik gibt. Auch die Bewertung von Arbeitsfelder der Sozialarbeit ist wichtig, u.a. um festzustellen, was professionsethisch noch verantwortbar ist. Sozialpädagogische Arbeit ist nur gerechtfertigt, wenn sie auch indiziert ist. Es muss zumindest möglich erscheinen, dass dadurch der Klient auf dem Weg zur Lösung seines sozialen Problems weiterkommt (fragliche Indikation). Die Bewertung der Maßnahmen könnte nach Einschätzung des Rezensenten noch kritischer ausfallen.

Literatur

  • Alheit, Peter. Glaß, Christian. (1985) Beschädigtes Leben. Frankfurt am Main Campus
  • Beathge-Kinsky, Volker; Bartelheimer, Peter; Henke, Jutta; Land, Rainer; Willich, Andreas; Wolf, Andreas (2006): IAB-Projekt Nr. 823 Neue soziale Dienstleistungen nach SGB II (Konzeptstudie). Online verfügbar unter http://www.sofi.uni-goettingen.de/fileadmin/Peter_Bartelheimer/Material/Neue_Dienste/IAB_NDL_Berichtsband.pdf.
  • Böhringer, Daniela; Karl, Ute; Müller, Hermann; Schröer, Wolfgang; Wolff, Stephan (2012): Den Fall bearbeitbar halten. Gespräche in Jobcentern mit jungen Menschen. Opladen, Berlin, Toronto.
  • Göckler, Rainer (Hg.) (2005): Fachkonzept „Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II“. Abschlussfassung des Arbeitskreises.
  • Heyer, Gerd, (2009) Die wichtigsten Ergebnisse der 6c-Evaluation aus der Sicht des BMAS, in: Lange, Joachim (Hg.) SGB II. Die Lehren aus der Evaluationsforschung nach § 6c, Loccumer Protokolle 09/09, Rehburg-Loccum, S. 13 – 23
  • Jahoda, Marie, Lazarsfeld, Paul F., Zeisel, Hans (1978) Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt am Main: Suhrkamp
  • Klehm, Wolf-R (Hg.) (2002): Das ZWAR-Konzept. Moderation, Animation und existentielle Begegnung in der Gruppenarbeit mit „jungen Alten“. Münster: Lit-Verlag.
  • Ludwig-Mayerhofer, Wolfgang; Behrend, Olaf; Sondermann; Ariadne (2009): Auf der Suche nach der verlorenen Arbeit. Arbeitslose und Arbeitsvermittler im neuen Arbeitsmarktregime. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.
  • Lange, Joachim (Hg.) (2009) SGB II. Die Lehren aus der Evaluationsforschung nach § 6c, Loccumer Protokolle 09/09, Rehburg-Loccum
  • Müller, Hermann, Oehme, Andreas, (2014) Jugendwerkstätten mit Jugendhildfeorientierung. Bericht zur Evaluation der „Innovativen Maßnahmen“ von Jugendwerkstätten in Niedersachsen, unveröffentlichter Bericht für die Investitions- und Förderbank Niedersachsen (N-Bank)
  • Müller, Hermann (2016), Inklusive Jugendhilfe und Jugendberufshilfe, in: ders. Professionalisierung von Praxisfeldern der Sozialarbeit, Opladen: Verlag Barbara Budrich S 196 – 202
  • Tews, Hans Peter (1993) Neue und alte Aspekte des Strukturwandels des Alters, in: Naegele, Gerhard, Tews, H.P. Lebenslagen im Strukturwandel des Alters, Opladen, S. 15 – 42

Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 06.04.2017 zu: Kathrin Haas: Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit? Grundfragen und Bewertung niedrigschwelliger Beschäftigungsangebote zur Förderung von Langzeitarbeitslosen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2035-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22649.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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